Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Mac Miller | Helena Hauff | Andreas Dorau und Gereon Klug

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Mac Miller, Andreas Dorau und Gereon Klug, Helena Hauff, James (UK), JFDR (Island), Gabe Gurnsey (Factory Floor), Paul Frick (Brandt Brauer Frick), Dorian Concept (Wien), Michael Nau & The Mighty Thread (USA), Swans und Santigold.

Von: Ralf Summer

Stand: 02.08.2018

Cover: Helena Hauff - Qualm | Bild: Ninja Tune

CHANNEL TRES – Channel Tres EP

Hip-House nannte man diesen Sound nach den Jungle Brothers und ihrem 1988er-Hit „I´ll House You“: Raps über gerade House-Beats - statt über die gewohnten Breakbeats aus dem HipHop. Channel Tres ist ein Rapper aus Compton, der über Club-Beats rappt und singt. Besonders gelungen ist die kickende Single „Controller“. „Jet Black“ lebt von seiner smoothen Bariton-Stimme: klingt, als ob der soulige Barry White als MC auferstanden wäre. Das sollte der nächste Hit für den Afro-Amerikaner werden. Channel Tres ist ein weiterer Künster auf dem L.A.-Label Godmode – die es wissen wollen und Talente wie Yaeji und Shamir unter Vertrag haben (es wird von einem ex-Pitchfork-Journalist geleitet). (8,5 von 10 Punkten)

MAC MILLER – Swimming

Mac Miller hat eine heftige Zeit hinter sich: erst der Terror-Anschlag auf das Konzert seiner Freundin Ariana Grande (Manchester 2017), dann die Trennung der Beiden und schließlich Fahrerflucht nach einem Auto-Unfall unter Drogen. „Swimming“ heißt das neue Album des weißen US-Rappers – das Label beschreibt es als ein „Zurückschwimmen an die musikalische Oberfläche“ - beeinflusst vom Funk & Soul der 70er. Und von Gästen wie Snoop Dogg, Syd (The Internet) bis Thundercat. Der 26jährige Nummer-1-Musiker, der bürgerlich Malcolm James McCormick heisst und in Kalifornien lebt, erlaubt sich auf seinem elften Album aber keine stilistischen Fehler. Die Beats kommen von seinem Best Beat Buddy Cardo. Der Groove von „Programs“ stammt vom schwäbischen Brüderpaar CuBeatz, die den Trap-Teppich für ihn ausrollen. „Buttons“ kommt mit jazzy Loops daher. Die Nummer 1 der US-Album-Charts wartet wieder für ihn. Mellow Gold Hop. Selten, dass Charts-Material so ok ist. (8,4 von 10 Punkten)

MICHAEL NAU  – Michael Nau & The Mighty Thread

Folk, Indie-Pop und Slacker-Sound – das ist der Mix von Michael Nau. Der Songwriter wohnt im kleinsten, aber politisch grünsten Bundesstaat der USA, in Vermont. Er macht erst seit 2015 Platten, aber seitdem veröffentlicht er fleissig ein Werk nach dem Anderen. Das neue Album heisst „Michael Nau & The Mighty Thread“, weil Nau es nicht allein, sondern mit Freunden aufgenommen hat – schön verteilt in der Wohnung eines Mitmusikers: Bass und Schlagzeug spielten im Schlafzimmer, Gitarre im Bad und Naus Gesang und Klavier ertönten aus der Küche, neben ihm der Vibraphonist. Der „Sound of Nau“ ist geblieben: dieser sanft fliessende und und zeitlos wirkende Veranda-Gitarren-Pop - zwischen Real Estate (heute) und The Church (früher). Ab und tauchen nun auch Mac DeMarco- oder Lou Reed-Anleihen auf. Michael Nau spielt im September in Hamburg beim Reeperbahn Festival und in Berlin. Good Mood. (8,3 von 10 Punkten)

TONY MOLINA – Kill The Lights

Unser Regensburger Kollege Säm Wagner hat das Album entdeckt und sofort in der Zündfunk Neigungsgruppe auf Facebook gepostet – mit den Worten: „mein Album des Jahres 2018 - dauert nur 15 Minuten“. „Kill The Lights“ von Tony Molina hat aber zehn Lieder. In der Kürze liegt die Würze - „Micro Pop“ nennen das die US-Blogs. Das vierte Album des US-amerikanischen Songwriters erinnert mich an die Lemonheads und Säm Wagner an Guided By Voices. Das Werk erscheint nicht auf dem Cassetten-Label ´650 Tapes´ des Kaliforniers aus San Fran, sondern auf Slumberland (The Spook School, Joanna Gruesome). Und auch nur auf LP/CD. Für MC ist die Platte wohl zu „groß“. (8,2 von 10 Punkten)

DORIAN CONCEPT – The Nature Of Imitation

„Das Wesen der Nachahmung“ – der Österreicher Dorian Concept und seine Vision von elektronischem Free-Jazz. Wenn man so will. Denn er wäre nicht auf dem seit langen Jahren einflussreichen Pop-Label Ninja Tune in London, stünde er nicht auch der Clubmusik nahe. So hat der Wiener auch schon mit Flying Lotus, Thundercat oder The Cinematic Orchestra gearbeitet. Sein Digital-Funk dreht schwindlig machende Pirouetten und hat etwas von einem unberechenbaren ADHS-Pop. Tracks wie „Dishwater“ kommen dagegen aufgeräumt und mit digitalem Soul daher. Und das hymnische „J Buyers“ sollte sich ins Radio quietschen. Das dritte Album von Oliver Thomas Johnson lässt einen wieder mal dankbar dafür sein, dass man die verpeilte und verschwurbelte Pop-Gegenwart miterleben darf. Wenn man nur weit weg vom Mainstream geht. (8,1 von 10 Punkten)

HELENA HAUFF - Qualm

„Qualm“ heißt das dritte Album der DJ-Produzentin aus Hamburg. Im Deutschen: der Rauch, im Englischen existiert das Wort auch – meint aber „Bedenken, Skrupel“ - besonders im Bezug auf das eigene Verhalten. So kam rohes, Acid-gestähltes Material raus, das nicht nochmal nachgeschliffen wurde - wie sie sagt: „Ich wollte etwas Mächtiges schaffen, ohne zu viele Instrumente und Schichten zu benutzen.“ Fans und Presse schätzen die ex-Pudel-Club-Auflegerin: ihr BBC Essential Mix wurde zum Mix des Jahres 2017 gewählt, sie erhielt eine Residency im Radio-Sender. Die Musik ist gut unterschiedlich und die Titel gut gewählt: „Entropy Created You And Me“ ist abstrakter Electronica-Sound, „Cyborg“ ein stampfender Clubtrack, „The Smell Of Suds And Steel“ erinnert an 90er-Techno, „Primordial Sludge“ ist düster-dystopisch gehalten, „Panegyric“ ist melancholischer Tech-House, „btdr-revisited“ ist eine Art minimale EBM (Electronic Body Music), trockene Beats, zischelnde HiHats – eine Rauchbombe von Track: „Qualm“. Für ihren klassischen Techno-Sound vergebe ich (8 von 10 Punkten)

SWANS – Soundtracks For The Blind + Die Tür Ist Zu EP (Re-Issue)

Es war das letzte Album der New Yorker Noise-Rock-Band vor der Pause zwischen 1997-2010. Und eine Platte, die sich mit der Erblindung von Michael Giras Vater beschäftigt. Auf „How They Suffer“ beschreibt er seine Krankheit. „Soundtracks For The Blind“ von 1996 ist das längste und wohl unterschiedlichste Werk der Swans – und gilt unter Experten heute als Meisterwerk des Post-Rock. Gira sagte zum 10. Album seiner Band, dass es von Brian Eno beeinflusst war – und dessen Liebe für nicht-musikalische Quellen. Der Reissue kommt als Doppel-CD bzw 4-fach-LP – mit Bonus, versteht sich: der „Die Tür Ist Zu“ EP. Michael Gira versucht sich da zum Teil mit deutschen Texten. Wer die Swans kennt, der weiss: diese Band kann sowohl infernalischen Krach als auch elegischen Noise. Und kommt dabei wie rituell anmutende Musik daher. Eine Band, die wie Religion klingt. (7,9 von 10 Punkten)

JFDR –  White Sun Live – Part One EP

Sie hat in verschiedenen isländischen Formationen gespielt wie Samaris, Pascal Pinon oder Gangly. Sängerin Jofridur Akadottir kürzt aus ihrem Vornamen Jofridur die Vokale – es bleibt JFDR. „White Sun Live – Part One“ heisst die neue EP von ihr – nach dem Solo-Debüt vom letzten Jahr. Die EP wird veröffentlicht vom Berliner Label Morr, die für ihre Pop-Verbindung nach Island bekannt sind. JFDR hat dieses typisch nordische Momentum: die elegisch-melancholische Stimmung. Unterstützt wird Jofridurs Stimme dabei von Streichern, Piano und minimaler Elektronik. Björk hat JFDR schon mehrfach gepriesen. Der Track „Orange“ ist himmlisch entrückt. (7,8 Punkte von 10)

SANTIGOLD - I Don't Want: The Goldfire Sessions

Zehn Jahre nach ihrem Indie-Hit „L.E.S. Artistes“: Santigold legt ein Dancehall-Mixtape vor. Die Tour mit dem neuen Album im Vorprogramm von Lauryn Hill ist die erste musikalische Aktivität, nachdem sie vor vier Monaten Zwillinge geboren hat. Die Platte entstand parallel zur Schwangerschaft. Der Titeltrack „Gold Fire“ war gerade fertig, dann kamen die Kids – es ist ein Stück gegen politische Apathie – und für den Kampf für die Dinge, die es wert sind. „Coo Coo Coo“ richtet sich gegen Macho-Sprüche auf der Strasse. „Crashing Your Party“ handelt davon, dass der Feminismus die Zukunft ist. Die Lyrics kamen schnell – im Studio. Inzwischen lebt die New Yorkerin in L.A. Geholfen hat ihr Dre-Skull vom Mixpak Label. Mit Dancehall wendet sie sich dem Land zu, in dem sie zwischen 10 und 16 jedes Jahr war: Jamaika. Von dort hat sie ihre Liebe für Bob Marley, Burning Spear oder Black Uhuru. „50 Cent“ handelt vom Mixtape-Kaufen – mit Tapes voller Reggae. Einige Lieder waren auch liegen geblieben: „Valley Of The Dolls“ hatte sie von Diplo bekommen, „A Perfect Life“ stammt noch von Produzent Ricky Blaze. Die ex-Afro-American Studies-Studentin betrachtet es als ihre Sommerplatte. (7,7 Punkte von 10)

PAUL FRICK – Second Yard Botanicals

Manche Stücke atmen den Funk von Mouse On Mars, andere Tracks („3000 Euro“) haben den Swing von Matthew Herbert, wieder andere sind einfach fröhliche Klangforschung – man höre nur „Bankhaus August Lenz“ mit seinen kristallklar aufgenommenen Instrumental-Spielereien um Klavier, Gitarre und Schlagwerke. Dazu kommen Field Recordings, die Frick hinzu mischt – und das Ganze noch mit seiner Vorliebe für HipHop bzw  für Techno garniert. Denn Paul Frick ist Teil von Brandt Brauer Frick, dem international gut gebuchten Akustik-Techno-Projekt aus Berlin, das sowohl Oper als auch Coachella können. „Second Yard Botanicals“ heisst das erste Solo-Album des Meisterschülers für Komposition an der Universität der Künste Berlin. Macht den Kopf und die Ohren weit auf. (7,6 Punkte von 10)

GABE GURNSEY – Physical

Fans kennen den Briten als Teil des Londoner Duos Factory Floor – und ihren elektronisch-hypnotischen Club-Sound. Nun geht Gabe Gurnsey solo. Und neue musikalische Wege: er bleibt zwar beat-orientiert, aber öffnet sich neuen Sub-Genres: Punk Funk, Leftfield Disco und Dark Synthie Pop. Er wollte mehr mit Songwriting arbeiten und experimentelleren Strukturen arbeiten. Und eine Konzeptplatte aufnehmen: die 14 Songs (mit Lyrics) erzählen den Verlauf einer Nacht - „Physical“ beginnt am Abend und endet morgens: sich fertig machen, in die Stadt fahren, auf dem Dancefloor tanzen und wie man im Hellen nach Hause kommt. Und die Geschichte von Gabe Gurnsey ist tanzbar. Factory Floor werden weitermachen. Diese Nacht fordert keine Opfer. (7,5 Punkte von 10)

ANDREAS DORAU & GEREON KLUG – Koenig Der Moewen

Nächste Woche hat in Hamburg ein Musical Premiere, aber kein Musical im klassischen Sinne, sondern ein Neues über einen Plattenhändler. Die beiden Komponisten nennen es auch lieber musikalische Dramödie. Andreas Dorau und Gereon Klug lehnen es vom Titel an ein bekanntes, verhasstes Musical an – sie nennen ihres: „Koenig Der Moewen“. Es läuft ab 9. August beim International Sommerfestival auf Kampnagel. Und handelt von Gentrifizierung und Identitätssuche. Dorau weiss als Musiker und Ex-Plattenfirmenmitarbeiter wovon er schreibt, ebenso Gereon Klug, Verfasser des stets vorbildlich-humorvollen Newsletter der „Hanseplatte“ - auch einem Plattenladen in Hamburg. Klar, dass man da was über einen Plattenhändler schreiben kann. Bei ihnen heisst er Hans, der vom Vinyl-Verkaufen kaum leben kann, dann kommen noch die bärtigen Gentrifizierer und ein faustischer Deal von der Stadt Hamburg, der alles für Hans verändert... Dorau und Klug haben sich für ihr Musical/Dramödie Freunde ins Studio geholt: von Die Liga Der Gewöhnlichen Gentleman bis Das Bierbeben. Ob diese Platte Plattenhändler reich macht? (7,4 Punkte von 10)

JAMES – Living In extra ordinary Times

Keine Bewertung, da nur vier Lieder vorhörbar.