Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Low | Jungle | Paul Weller

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Dena, Bob Moses, Low, Sleaford Mods, Paul Weller, Jungle, Knife Knights, Aphex Twin, Lyla Foy, The Goon Sax und Brandon Coleman. 

Von: Thomas Mehringer

Stand: 13.09.2018

Cover: Low - Double Negative | Bild: Sub Pop (Cargo Records)

Dena – If It’s Written

Das ist aber DENA, eine Berlinerin mit ungarischen Wurzeln. Auf ihrem zweiten Album hat sie diesmal alles alleine produziert und sich eine Handvoll Gäste dazugeholt. Darunter: King Of Convenience Erlend Øye. “Speculations” ist der Hit des Albums. Der Rest macht “If It’s Written” zu einer netten kleinen Spätsommerplatte. (6,5 von 10 Punkten)

Jungle – For Ever

Jungle sind zwei Produzenten aus London, Tom McFarland und Josh Loyd-Watson, die eigentlich mit Laptops arbeiten - und am Ende steht doch eine Acht-Mann-Gruppe auf der Bühne. Wenn man so will: doppelte Arbeit. Weil man für Platte und Live-Auftritte zwei verschiedene Prozesse durchläuft. Vielleicht hat es deswegen vier Jahre gedauert, bis das Duo Jungle wieder da ist. Jetzt erscheint ihr zweites Album “For Ever” - und es macht vieles genauso richtig wie das Debüt. Es zieht wieder die Discokugel hoch, wirft längst vergessene Disco-Grooves an, die wir beispielsweise noch von der Gap-Band kennen. Der Unterschied: Jungle zieht’s von London thematisch ins Discoland USA, von Kalifornien bis New York. Auch das Studio 54 wird erwähnt. Männer im Discorausch soll und kann man nicht bremsen. (7,5 von 10 Punkten)

Bob Moses – Battle Lines

Mit “Tearing Me Up” hatten Bob Moses einen großen Hit, dem sie auf ihrem zweiten Album “Battle Lines” nacheifern. Fast jeder Song ist ähnlich aufgebaut wie der Hit, es gibt ein paar schöne Melodien, ein paar unauffällige Beats, da mal ein Gitarrensolo. Mein erster Kontakt mit Bob Moses war das Bobby Bland-Cover “I Ain’t Gonna Be The First To Cry”. Das war schön minimal produziert, nur ein Bass, ein Beat - so haben mir Bob Moses am besten gefallen. Die Zeiten sind leider vorbei. (6 von 10 Punkten)

Sleaford Mods – Sleaford Mods EP         

Wenn man genau hinsieht, dann entdeckt man bei den Sleaford Mods, die gleichen Beweggründe, die in Chemnitz den Mob auf die Straße bringen: Menschen fühlen sich machtlos, der Staat ist für sie ein politisches Monster, und es herrscht Frustration und die pure Wut. Auch Gewalt-Fantasien spielen eine Rolle. Der Unterschied ist aber: Jason Williamson packt das alles in seine Texte - und nicht in seine Fäuste. So auch auf einer neuen 5-Track-EP, die jetzt erscheint. Noch ein Unterschied ist: die Sleaford Mods werden nicht von Rechten gehört oder vereinnahmt, sondern eher vom linken Spektrum für ihren Realismus gefeiert. (7 von 10 Punkten)

Knife Knights – 1 Time Mirage

Ich kann meinen Kommentar zu den Knife Knights kurz halten: Ishmael Butler von den Shabazz Palaces hat ein neues Projekt, zusammen mit dem langjährigen Kumpel, Künstler und Rapper Erik Blood aus Seattle - und es ist großartig. Elf fiebrige Träume findet man auf “1 Time Mirage”, der Bass bringt regelmäßig den eigenen Herzschlag durcheinander, auf Unwohlsein folgt Katharsis. Die Messersmutjes Knife Knights stehen den Shabazz Palaces in nicht viel nach. (8 von 10 Punkten)

Aphex Twin – Collapse EP

Schocken als wäre es 1998. Richard David James meldet sich als Aphex Twin mit einer neuen EP zurück. Und was Ende der 90er mega-innovativ und radikal war, klingt heute ein wenig abgestanden - auch wenn die Aphex Twin-Produktionen überhaupt nichts an Intensität und Niveau verloren haben. Er macht einfach nur über 20 Jahre das Gleiche. Das kann man gut finden - oder am Ende doch ein wenig enttäuschend. Spaß macht immer noch das Dechiffrieren der Songtitel, die wieder“MT1 t29r2” heißen, was meistens bedeutet, dass James mit entsprechenden Programmen und Synthies produziert hat. (7,5 von 10 Punkten)

Low – Double Negative

Für dieses Album wurden Kopfhörer erfunden: Low sind zurück mit einer außergewöhnlichen Platte. Und sie verdankt ihren Sound dem Produzenten, der schon das letzte Bon-Iver-Album produziert hat, B. J. Burton. Mit ihm haben sie schon beim letzten Album “Ones And Sixes” zusammengearbeitet, jetzt hebt Ihn das Low-Ehepaar Alan und Mimi aber besonders hervor. Er tut nämlich das, was er auch bei Bon Iver am besten kann: er verfremdet, fragmentiert, er löst Strukturen auf und setzt sie anders wieder zusammen. Aber alles immer so, dass man den Slowcore von Low immer noch erkennt. Witzig ist, dass das Label Sub Pop diese Platte wohl mehr als Nebenprodukt sieht, so wird sie gar nicht wirklich beworben und promotet. “Double Negative” ist vielleicht keine Platte fürs Radio, richtig, sie ist eine Platte fürs Leben. Sollte man dieses Jahr unbedingt gehört haben - einmal davon mit Kopfhörern. (9 von 10 Punkten)

Lyla Foy – Bigger Brighter

Wenn wir uns das große Spektrum an jungen Songwriterinnen, die wir gerade haben, als kleines Universum vorstellen, dann wohnt Lyla Foy auf dem Planeten, wo am liebsten die kleinen, weirden Pop-Songs gehört werden. Ich taufe den Planeten “Melancholia” Und auf dem Pop-Planeten “Melancholia” ist Lyla Foy der Superstar. Ihre Songs auf ihrem zweiten Album “Bigger Brighter” sind intim, schön atmosphärisch, schlagen aber immer ein paar Haken, bevor die Melodie zu harmonisch wird. (7 von 10 Punkten)

The Goon Sax – We’re Not Talking

Bei dem Trio The Goon Sax aus Brisbane, Australien spielt der Sohn des Wahl-Oberpfälzers und Go-Betweens Robert Forster mit: Louis Forster. Und das hört man. Aus dieser juvenilen Schulband reift langsam eine Band heran, die den Sound der Go-Betweens nochmal weiterdreht - mit opulenten Bläsern und Streichern. Auch wenn das Erbe verpflichtet, The Goon Sax machen immer mehr ihr eigenes Ding und das hört sich auf ihrem Zweitling “We’re not talking” recht ordentlich an. (6,5 von 10 Punkten)

Paul Weller – True Meanings

Ich habe es vor ein paar Wochen an dieser Stelle schon geschrieben: Glückliche Menschen machen oft okaye Platten, die man aber schnell wieder vergisst. Geht man nach dem Ausgeglichenheitslevel von Paul Weller hat man sein 14. Soloalbum in der nächsten Stunde schon wieder vergessen. Der Modfather gibt auf “True Meanings” den großen Romantiker, der befriedet in Vergangenheit und Zukunft schaut. Höhepunkte sind dabei ein Song, den Conor O’Brien für ihn geschrieben hat, “The Soul Searches”, und ein rührender Song über David Bowie. Sonst erinnert das Album sehr an das 25 Jahre alte, naturalistische Soloalbum “Wild Wood”. Opulenter und solider Folk-Pop vom Modfather. (7,5 von 10 Punkten)

Brandon Coleman – Resistance

Brandon Coleman trägt den Nachnamen der Jazz-Legende Ornette Coleman, ist aber nicht mit ihm verwandt. Nur im Geiste. Denn Ornette Coleman ist Pionier des Free Jazz, Brandon des Free Funk. Er spielt als Professor Boogie in der Band von Kamasi Washington und hat auch schon für Flying Lotus gespielt. Logisch, dass das Album “Resistance” auch auf dem Lotus-Label “Brainfeeder” erscheint. Ein ambitioniertes Werk, das die Brücke von Funkadelic über Dr. Dre hin zu modernem Autotune-Hip-Hop schlagen soll. Das gelingt nicht immer. Denn vieles ist versiert gespielt, kommt aber über weite Strecken recht monoton daher. Nur ein Track sucht wirklich seinesgleichen: “Giant Feelings”.  (6,5 von 10 Punkten)