Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Isolation Berlin | Low Anthem | Erdmöbel

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche: Mit dabei sind unter anderem S. Carey, Psychic Markers, Grant-Lee Philips, Imarhan, Screaming Females, Hexadic III Compilation, Isolation Berlin, Low Anthem, Erdmöbel und Black Milk.

Von: Angie Portmann

Stand: 22.02.2018

Cover: The Low Anthem - The Salt Doll Went To Measure The Depth Of The Sea | Bild: Joyful Noise (Cargo Records)

Grant-Lee Philips – Widdershins

Grant-Lee Philips ist ein großer Country-Fan. Merle Haggard war, wie er selbst sagt, der Auslöser dafür, dass er überhaupt angefangen hat, Gitarre zu spielen. Und wo lebt es sich als potentielle Country-Legende am besten? In Nashville natürlich. Nach 30 Jahren Los Angeles, mit seiner wunderbaren Band Grant Lee Buffalo und später als Solokünstler, hat sich Philips vor vier Jahren zum Umzug nach Nashville entschlossen. Dort ist jetzt auch „Widdershins“ entstanden, das neue Album von Grant-Lee Philips. Völlig oldschool hat Philips die Songs live im Studio mitgeschnitten. Folk, Americana, Southern-Rock - für Philips & Co. alles kein Problem. Melodieselig torkelt der erfahrene Songschreiber Philips durch seine Vergangenheit und wieder zurück ins Jahr 2018. Beklagt z.B. die Wildnis, in der wir immer noch bzw. gerade wieder leben und lässt dazu die Wölfe heulen. Es geht um Ausgrenzung und Ablehnung von Flüchtlingen, um Kinderarbeit und eine allzu gewaltbereite, waffenverliebte Gesellschaft. Philips wirft sich allem Übel dieser Welt entgegen und tut das mit soviel Humor und klassischem Songwriter-Geschick, das man ihm für seine Mission nur alles Gute wünschen möchte. (7,5 von 10 Punkten)

Isolation Berlin – Vergifte Dich

Das Szenario ist mehr als düster: Angst, Depression, Wahnsinn - doch am Horizont flimmert vage ein toxischer Hoffnungsschimmer. Sänger Tobias Bamborschke propagiert in „Vergifte dich“ den Rausch als Allheilmittel. Nietzsche lesend rät er uns zur Flucht in den Nihilsmus, zum exzessiven Hedonismus.

Nach ihrem umwerfenden Debüt „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ und der Songsammlung  „Berliner Schule/Prototyp“ jetzt also „Vergifte dich“. Ein Album, so tieftraurig wie wütend, voller Pathos und Verzweiflung. Rio Reiser hätte Sänger und Texter Tobias Bamborschke vermutlich sofort adoptiert und als seinen offiziellen Erben eingesetzt. Mit Ian Curtis von Joy Division als Paten. Denn „Vergifte dich“ kann Postpunk genauso wie die von tiefster Depression  gebeutelte Ballade. Kann aufgeregte Strobo-Wave-Pop-Hymnen („Kicks“) genauso wie eiskalte Miniaturen für den Großstadtmelancholiker („Vergeben heißt nicht vergessen“). Bamborschke, der zuletzt auch noch einen Gedichtband mit dem herrlichen Titel „Mir platzt gleich der Kotzkragen“ veröffentlich hat, leidet nach eigener Aussage an Depressionen: „Wenn ich eins hasse dann ist es mein Leben“, so Bamborschke. Und wenn ich mich von etwas vergiften lassen möchte, dann von Isolation Berlin. (8,5 von 10 Punkten)

The Low Anthem - The Salt Doll Went To Measure The Depth Of The Sea

The Low Anthem aus Providence, Rhode Island, waren vor einigen Jahren fester Bestandteil der in Amerika sehr lebendigen Folk-Szene. In ihrer Hochzeit waren sie mit Mumford and Sons auf Tour und veröffentlichten beim Major Nonesuch.

Aber 2012 kehrten sie dem Folk-Revival den Rücken, angeblich aus Angst zu Tour-Robotern zu mutieren. Zurück in ihrer Heimatstadt bauten sie dort ein altes Vaudeville-Theater um und begannen mit neuen Sounds und Instrumenten zu experimentieren. Allerdings nur für kurze Zeit. Ein schwerer Autounfall beendete diese Phase abrupt. The Low Anthem mussten sich neu erfinden. Das Ergebnis:„The Salt Doll Went To Measure The Depth Of The Sea”, ein sehr ruhiges, gelassenes Album. Mit sanften elektronischen Einsprengseln und einem zarten, filigranen  Gesang. Perfekt um zu versuchen an einem verschneiten Sonntag im Februar die Zeit anzuhalten. Mit hypnotischen Slowmotion-Songs, die auf Albumlänge allerdings auch irgendwann fast etwas zu entspannt, zu gleichförmig daherkommen. (7 von 10 Punkten)

S. Carey – Hundred Acres

Ähnlich zurückgenommen und angenehm unaufgeregt wie The Low Anthem agiert auch S. Carey, der Drummer von Bon Iver. Auf seinem dritten Album „Hundred Acres“ hören wir ausgefeilte Arrangements und sanfte Harmonien. Statt elektronischer Experimente setzt S. Carey aus Wisconsin auf zarte Streicher und Keyboards. Überhaupt geht es auf dieser Platte um Reduktion, nicht nur musikalisch, sondern auch textlich. S. Carey träumt von einer besseren, einer einfacheren Welt, „All we need is a hundred acres and some room to breathe“. Auch wenn sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt, der utopistische Eskapismus von S. Carey ist zwar unrealistisch, aber in seiner Konsequenz nicht unsympathisch - ein sehr episches Album für alle Freunde des schwedischen Singer/Songwriters José Gonzales. (8 von 10 Punkten)

Psychic Markers - Hardly strangers

Die Psychic Markers aus London machen, wie der Name schon vermuten lässt, psychedelischen Pop, repetitiv und düster. Drei Jahre sind seit ihrem Debüt „Scrapbook No.1“ vergangen. Eine Woche davon haben die fünf Bandmitglieder in einem Studio in Devon verbracht, um Album Nummer 2 aufzunehmen. „Hardly strangers“ pendelt zwischen Krautrock, Doo-Wop, Spoken Word-Einschüben und gepflegter Monotonie. Athmosphärisch und krautrockig verspult. Herausstechend der  Titeltrack „Hardly strangers“, der sich Zeit nimmt für einen kleinen psychedelischen Trip. Mehr davon hätten das ansonsten schon recht tolle Album vielleicht noch einen Ticken toller gemacht. (7,5 von 10 Punkten)

Imarhan  - Temet

Von England geht’s jetzt nach Tamanrasset in Südalgerien, zu Imarhan, die seit ihrem Debüt 2016 als „The new wave of Tuareg Music“ gehypt werden.

Wie andere nordafrikanische Bands (Tinariwen, Terakraft) auch machen Imarhan offiziell Desert-Blues-Rock. Aber eigentlich können sie viel mehr als das. Neben den großartig groovenden Gitarren und dem traditionellen Tuareg-Einfluss hören wir hier auch Disco- und Funk. „Temet“ wurde in Paris aufgenommen, u.a. mit Eyadou ag Leche von Tinariwen. Eyadou ag Leche ist der Cousin von Sadam, dem Frontmann von Imarhan. Er hat die Band von Anfang an begleitet und für sie Stücke geschrieben. Damit gewinnt der Albumtitel „Temet“, was soviel bedeutet wie Verbindung oder Verbundenheit, noch mal ganz neues Gewicht. Dazu Frontmann Sadam: "Wir hoffen, das Imarhan dazu beiträgt, wichtige Werte an die nächste Generation weiterzugeben. Vor allem den Wert der Liebe und der Freundschaft. Solange jemand an deiner Seite ist, der deine Freundschaft sucht, hast du alles, was du im Leben brauchst." Imarhan waren übrigens mittlerweile nicht nur mit der Verwandtschaft auf Tour, sondern haben mit ihrem faszinierenden Wüstenblues auch schon das Publikum von Kurt Vile beglückt. (7,5 von 10 Punkten)

Screaming Females – All at once

Vor sechs Jahren standen die Screaming Females noch bei Steve Albini im Studio und spielten ihr bis dato bestes Punk-Album ein. Der Nachfolger sollte dann aber schon ein Rockalbum werden. Rock mit drei Ausrufezeichen. Laut und kompromisslos – sogar inklusive dem ein oder anderen Gitarrensolo. Soweit, so abgeschmackt, möchte man meinen. Aber nein, das Trio um die fabelhafte Sängerin und Gitarristin Marissa Paternoster spielt weiterhin in einer Klasse für sich. Das gilt auch für das mittlerweile siebte Album der Band aus New Jersey, für „All at once“. Ihre tollen Melodien und ausgefallenen Songkonstrukte, ihre Energie und Dringlichkeit erinnern an Bands wie die großartigen At the Drive-In. Produziert hat „All at once“ Matt Bayles - fame of Mastodon. Und für den Song „Soft Domination“ wurde ein zusätzlicher Drummer angeheuert, und zwar Brendan Canty von Fugazi. All das macht aus den Screaming females auch 2018 keine breitbeinige, aber eine durchaus relevante Rockband. (8 von 10 Punkten)

Black Milk – Fever

Mit „Fever“ widmet sich der Conscious-Rapper Black Milk aus Detroit u.a. den sozialen Medien und dem Fieber, dass sie in unserer Gesellschaft verbreiten. Er meditiert über realness, fake profiles, passion und posing, aber auch Polizeigewalt und verlorene Freundschaften. Und dabei klingt er immer extrem tiefenentspannt, die Beats geschmeidig, Keyboard und Gitarre jazzy verspielt und die Samples dezent, aber effektiv gesetzt. Kein Wunder, dass Black Milk nach dem Tod der HipHop-Produzenten-Legende J. Dilla 2006 schon als sein Nachfolger gehandelt wurde. Für sein jüngstes Werk hat er sich, nach eigener Aussage, u.a. von der genialen Little Simz und, Achtung, den Psychedelic Rockern Tame Impala inspirieren lassen. (7,5 von 10 Punkten)

Hexadic III – Compilation

Hexadic, so nennt Ben Chasny von Six Organs of Admittance sein selbst entworfenes Kompositionssystem. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden die Gitarren hier mit Hilfe von mathematischen Schablonen bzw. Algorithmen entwickelt, egal ob akustisch oder verzerrt, bekommen sie dadurch einen kryptischen Unterton. Für Hexadic III hat Ben Chasny jetzt nicht mehr selbst zur Gitarre gegriffen, sondern sein System von Kollegen aus dem New Weird America-Kosmos umsetzen lassen. Den Anfang macht das sehr sphärische Moon Duo, gefolgt von dem Gitarristen Tashi Dorjj aus Bhutan. Hexadic III–Höhepunkt ist das sehr ruhige, aber ähnlich wie bei Bohren und der Club of Gore mit einer gewissen Sogwirkung ausgestattete „Solastalgia“. Free-Jazz-artiger Slow-Motion-Doom, gespielt von Stephen O’Malley von den Suuuns, Tim Wyskida & Marc Urselli. (6,5 von 10 Punkten)