Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Julia Holter | Soap & Skin | Georgia Anne Muldrow

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Thome Yorke, Laura Gibson, Micah P. Hinson, Unknown Mortal Orchestra, Julia Holter, Soap & Skin und u. a. Georgia Anne Muldrow.

Von: Angie Portmann

Stand: 25.10.2018

Georgia Anne Muldrow
| Bild: Rob Seher

Ty Segall – Fudge Sandwich

Der Mann will es wirklich wissen. Ty Segall, kalifornischer Garagen-Rocker und Workaholic veröffentlicht morgen sein drittes Album in diesem Jahr. In den vergangenen zehn Jahren hat Segall damit 13 offizielle Solo-Alben rausgehauen, die zahlreichen Split-, Live und Kooperationsalben nicht mitgerechnet. Ebenso wenig die Alben, die unter anderen Pseudonymen (The Traditional Fools, Epsilons, Fuzz usw.) erschienen sind. „Fudge Sandwich“ ist ein Coveralbum, auf dem Segall seinen Lieblingssongs von John Lennon über Amon Düül II bis zur Spencer Davis Group huldigt. War z.B. „Low rider“ von der Psychedelic Funk-Band War schon 1975  ultracool, gibt es den Song hier in einer noch cooleren Version. Vom extrovertierten Fuzz-Monster bis zur sleazy 60’s Ballade, Glam-, Hard- und Punkrock - das Rock-Chamäleon Ty Segall schüttelt alles mit links aus dem Ärmel. Laut Plattenfirma hat der 31jährige dieses Album „just for fun“ aufgenommen. Und genau zu diesem Zwecke sollte man „Fudge Sandwich“ auch hören: „just for fun.“

PS: wenn man genau ist, hat Ty Segall vergangene Woche sogar Album Nummer 4 in Umlauf gebracht. So gingen im Rahmen einer seiner Kunstausstellungen mit dem Titel „Orange Rainbow“ 55 Kopien einer Kassette mit gleichem Namen über die Ladentheke. Und das Jahr ist noch nicht zu Ende... (8 von 10 Punkten)

Julia Holter – Aviary

Wenn die Kalifornierin Julia Holter demnächst auf Tour geht, spielt sie nicht nur in München in den Kammerspielen, sondern auch in Hamburg in der Elbphilharmonie. Vermutlich der optimale Platz für einen orchestralen Dream Pop-Trip wie diesen. Denn Holter zieht auf „Aviary“ sämtliche Register zwischen E- UND U-Musik. Nach einem eher dissonanten Eröffnungsstück direkt aus dem Orchestergraben, finden wir uns kurz darauf in einer Kirche wieder, lauschen Orgel und Julia Holters engelsgleicher Stimme ... feste Songstrukturen? Fehlanzeige. Spätestens wenn dann in „Voce Simul“ eine Harfe erklingt, denkt man an Joanna Newsom und ihre letzte Platte „Divers“. Auch hier die totale instrumentale Opulenz, eine barocke Weirdness, die Björk alt aussehen lässt. Popmusik, die so eigentümlich ist, dass sie klingt, als wär sie nicht von dieser Welt. Das gilt auch für Julia Holter und ihre Klang gewordene „Vogel-Voliere“. „Aviary“ ist ein gigantisches Labyrinth, in dem die unterschiedlichsten Instrumente, Synthie-Sounds und Sätze unvermutet auftauchen, ähnlich wie Erinnerungen, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Wie in einem Kaleidoskop findet allerdings alles nach einem geheimen, unergründlichen Plan immer wieder zueinander. So ist eine avantgardistische Pop-Symphonie entstanden, die in diesem Herbst ihresgleichen sucht. Pompös, aber weder prätentiös noch größenwahnsinnig. Stattdessen wundersam magisch und absolut outstanding. (8 von 10 Punkten)

Thom Yorke – Suspiria

Im Zuge der Kino-Remake-Lawine, die 2018 immer weiter an Fahrt aufgenommen hat, gibt es jetzt auch eine Neuauflage des Horrorklassikers „Suspiria“, im Original von Dario Argento. Der Soundtrack dazu stammt von Radiohead-Frontmann Thom Yorke. Der Plot bleibt auch im neuen Film von Luca Guadagnino in etwa der Gleiche: eine US-Amerikanerin kommt nach Deutschland, um dort an einer berühmten Ballettschule zu studieren. Diese wird jedoch von Hexen geführt. Statt in Freiburg spielt die Handlung allerdings im Berlin des Kalten Krieges. Die Reaktionen auf den Film waren bisher eher gemischt, am Soundtrack kann das aber nicht gelegen haben. Für Filmmusik ist ja eigentlich Radiohead-Kollege Johnny Greenwood zuständig, aber Thom Yorke hat offensichtlich auch ein Händchen dafür. Schon die Vorab-Single „Suspirium“ war großes Grusel-Kino. Ein einfaches, immer wiederkehrendes Klavier-Motiv, der melancholisch-klagende Gesang Yorkes und einsame Folk-Flöten, schon läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Im Laufe des Albums kommen dann noch so einige obligatorische, stets nur angedeutete „Field Recordings“ dazu, sprich Stöhnen, Schritte usw. ... Und wie die italienische Progrockband Goblin, von der 1977 der Original-Soundtrack kam, kehrt auch Yorke immer wieder zu einem Motiv zurück, das Repetitive als Horror-Faszinosum Nummer 1. Dazu kommt dann noch psychedelisch-paranoide Electronica und das London Contemporary Orchestra, das mit Streichern, Bläsern und entrückten Choral-Stimmen für ein klassisches Horror-Ambiente sorgt. Die erste Filmmusik aus dem Hause Yorke, am Schlagzeug sitzt auch noch Sohn Noah, wird sicher nicht die letzte bleiben. (7,5 von 10 Punkten)

Soap & Skin  - From Gas to Solid/You are my friend

Anja Plaschg ist seit zehn Jahren Soap & Skin. Im Mittelpunkt ihres neuen Albums „From Gas to Solid/You are my friend“: das Klavier, mit dem Plaschg berühmt wurde. Drum herum: elektronische Akzente, Streicher, Bläser und da vor allem ein Flügelhorn, in dessen Sound sich die Österreicherin nach eigener Aussage besonders verliebt hat. Und auch auf Album Nummer 3 kommt uns Anja Plaschg mit ihrer Stimme wieder sehr nah. Die Ruhe und Tiefe, die ihre Songs durchziehen, wirken dabei regelrecht meditativ bis hypnotisch. Zwar ist die Atmosphäre des Albums eher düster und karg. Verglichen mit den Vorgängern ist „From Gas to solid“, wie der Titel schon andeutet, aber eine kraftvolle, ja fast optimistische Platte. So wie sich in der Chemie ein Stoff vom gasförmigen Aggregatszustand in einen festen verwandelt, hat sich auch Anja Plaschg von einem ätherischen, sehr feinstofflichen, allzu verletzlichen Wunderkind in eine Musikerin verwandelt, die bereit ist, sich ihren Ängsten zu stellen. Dazu beigetragen hat sicher auch die Geburt ihrer Tochter Frida, die auf dem Song „Heal“ auch mit dem Satz „I have no fear“ zu hören ist. Angst und Selbstzweifel waren schon immer ein großes Thema bei Soap & Skin. Sei es auf der Bühne oder im Studio. Ihre Tochter scheint hier so einiges aufzulösen... (7,7 von 10 Punkten)

Georgia Anne Muldrow – Overload

Wir switchen von Wien nach Las Vegas, dort lebt die 35jährige Georgia Anne Muldrow. Ihr 16. Album „Overload“ ist ihr erstes auf Brainfeeder, der Labelheimat von Seelenverwandten wie Flying Lotus, Thundercat und Kamasi Washinton. Wie bei Soap & Skin geht es auch bei Muldrow um Transformation, Veränderung, Befreiung ... und um die Liebe bzw. Selbstliebe. Zu ihr gehört in einem schwarzen Amerika im Jahr 2018 aber auch die Selbstverteidigung, so Muldrow. So findet sich auf „Overload“, neben zahlreichen wunderbar psychedelischen, jazzy Soulstatements, auch ein Song wie „Blam“. Ebenfalls extrem soulful, aber gleichzeitig auch ausgesprochen drastisch. Ein Aufruf zur Gewalt gegen die weiße Vorherrschaft, notfalls auch mit Waffen. Produziert wurde „Overload“ äußerst prominent von Flying Lotus, Aloe Blacc und Dudley Perkins, Muldrows Duettpartner und Lebensgefährten. Mittlerweile zählen ja so große Namen wie Mos Def, Erykah Badu oder Dev Hynes aka Blood Orange zu den Bewunderern der hochtalentierten Muldrow – mit „Overload“ werden vermutlich noch etliche hinzukommen. (8,3 von 10 Punkten)

Laura Gibson – Goners

„Goners“ heißt das neue Album von Laura Gibson aus Oregon, die als Jugendliche Hochsprung-Meisterin ihres Staates war. Heute lebt Gibson in New York und veröffentlicht mit „Goners“ schon ihr fünftes Folk-Album. Wie der Titel schon vermuten lässt, ist auch dieses Album keine Gude Laune Pladde. Im Gegenteil: es geht um Tote, respektive ihren früh verstorbenen Vater, aber auch um Verlorene. All jene hoffnungslosen Fälle, die in der Liebe untergehen, sich völlig darin verlieren. Gibson besingt sie mit ihrer warmen, weichen Stimme, Dave Depper von Death Cab for Cutie spielt dazu Gitarre, Nate Query von den Decemberists Bass und schon klingt ihre Trauer mehr als tröstlich, wenn nicht sogar manchmal hoffnungsvoll beschwingt. (7 von 10 Punkten)

Micah P. Hinson & the Musicians of the Apocalypse  - When I shoot at you with arrows, I will shoot to destroy you

„When I shoot at you with arrows, I will shoot to destroy you“, so der Titel des neuen Albums von Micah P. Hinson & the Musicians of the Apocalypse aus Texas. Nach den Holy Strangers im vergangenen Jahr jetzt also die Musiker der Apokalypse. Hinson hat offensichtlich ein Faible fürs Sakrale. Die Musiker der Apokalypse hat Hinson nach eigenen Angaben in der Kathedrale von Santiago di Compostela in Spanien entdeckt, dem Sehnsuchtsort aller Jakobs-Weg-Pilgerer. Und so blicken wir wieder fasziniert in die weihrauchumnebelten Abgründe dieser gebeutelten Singer/Songwriter-Seele. Beobachten gebannt, wie sie sich in ruhiger Verzweiflung dahinschleppt. Und dazu diese Stimme, rau und erhaben wie ein 73jähriger Country-Veteran – und nicht wie ein 37jähriger mit Rückenproblemen. Aber der Mann hat auch schon einiges hinter sich. Von der Schmerzmittelabhängigkeit über einen Gefängnisaufenthalt bis zum Tourunfall, nach dem er beide Arme nicht mehr bewegen konnte. Nicht zu vergessen die Rückenverletzung, nachdem ihm ein Freund zu stark auf den Rücken geklopft hatte. Wenn also einer weiß, wie sich die Apokalypse anfühlt, dann Micah P. Hinson - dass sie auch ausgesprochen gut, ja fast zärtlich klingt, wissen wir spätestens jetzt. (7 von 10 Punkten)

Oh Pep! - I wasn’t only thinking about you…

Oh Pep!, das sind die beiden Freundinnen Olivia Hally, Oh, und Pepita Emmerichs, Pep. Kennengelernt haben die beiden sich in Melbourne auf der Kunsthochschule. Mit “I wasn’t only thinking about you …” erinnert mich das Duo an den Indie-Pop der 90er, an Bands wie die Cardigans. Gnadenlos melodieverliebt, mit cleveren Coming of Age-Texten und Hooks, die schnell zu unerbittlichen  Ohrwürmern werden können. (6,5 von 10 Punkten)

Wargirl – Wargirl

Wargirl, das ist ein kalifornisches Musikerkollektiv um den Produzenten Matt Wignall. Wignall liebt altes Studioequipment, hat auch schon einiges davon angesammelt und damit Bands wie die Cold War Kids oder Mando Diao produziert. Jetzt kommt er uns  mit einer eigenen sechsköpfigen Band und bastelt mit ihr an seinem ganz eigenen Soundentwurf. Inspiriert vom Afrobeat eines Fela Kuti, den frühen Santana-Platten, den 70’s Psych Funk-Großmeistern War plus Reggae, Disco, Garagenrock, Postpunk usw... Bunt ist das neue Cool! (7,7 von 10 Punkten)

Unknown Mortal Orchestra – IC-01 Hanoi

„Sex & food“, das letzte Album von Ruban Nielson alias Unknown Mortal Orchestra, war im April noch Album der Woche im Zündfunk und schon gibt es einen Nachfolger: „IC-01 Hanoi“. Kein weiteres Rockalbum wie „Sex & food“, sondern ein psychedelisches Instrumentalalbum. Nielson liebt Experimente, er spielt gern mit Genres, diesmal vor allem mit Krautrock und Jazz. „IC-01 Hanoi“ ist während der Aufnahmen zu „Sex & Food“ in Hanoi entstanden, mit dabei war der vietnamesische Musiker Minh Nguyen, sein Bruder Kody und sein Vater Chris am Saxophon. Was im ersten Moment nach Resteverwertung klingt, entwickelt nach einer Weile eine ernsthafte Sogwirkung. Das Unknown Mortal Orchestra im Miles Davis-Fieber... (7,5 von 10 Punkten)