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Neuerscheinungen der Woche Johnny Marr | Melody's Echo Chamber | Leon Vynehall

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Johnny Marr, Leon Vynehall, Melody's Echo Chamber, Stuart A. Staples, Belp, Markus Guentner, A Boogie Wit Da Hoodie, Arthur Buck, Olivia Chaney, Wilko Johnson, Mourn und Onyx Collective.

Von: Ralf Summer

Stand: 14.06.2018

Cover des Albums "Call the Comet" von Johnny Marr
| Bild: Rykodisc

Leon Vynehall – Nothing is still

Ein multimediales Projekt zum Debüt des britischen Elektronik-Eleganzlers. Der aus Brighton stammende Produzent hat dabei die Geschichte seiner Großeltern vertont: die gibt es sowohl als Platte, als Film (von Alex Takasc, der schon für Alt-J und The xx drehte) und als Erzählung (ein Freund half ihm beim Schreiben des Buchs). Als er mit seiner Nan/Oma zusammensaß und ein Polaroid ihrer Auswanderung in den 60ern von UK nach USA sah, entstand die Idee zum Album. Und so reisen Nan und Pop mit Dampfer über den Atlantik. Sieben Tage dauerte die Überfahrt nach Brooklyn. Leon wollte, dass dieser Teil seiner Familiengeschichte nicht verloren geht. Musikalisch geht er weg vom Deep House/Electronica-Sound seiner Maxis und EP. Beeinflusst von Oneohtrix Point Never und Steve Reich, arbeitete er u.a. mit einem Streichorchester. Stellenweise – wie bei den Singles "Envelopes Chapter VI" und "Movements Chapter III" – ganz großes Kino – ohne Worte. Am 21.6. spielt er mit Band in Berlin. Und in den USA tourt er mit Jon Hopkins. (8,5 von 10 Punkten)

Melody’s Echo Chamber - Bon Voyage

Melody Prochet ist der Kopf von Melody's Echo Chamber. 2012 erschien das Debüt – nun nach über fünf Jahren (und einem schweren Unfall) folgt der Zweitling der französischen Sängerin und ihrem Projekt. Entstanden ist "Bon Voyage" zum Teil in einem Wald in Schweden mit Musikern der Bands Dungen und The Amazing. Das Ergebnis: verschwurbelter Psychedelik-Indie-Pop, der z.T. symphonisch angelegt ist – und was für Fans von Charlotte Gainsbourg und Stereolab sein dürfte. Und der letzte Track "Shirim" hat leichte Daft Punk-Funkyness. Unspektakulär, aber schwer sympathisch. Mit sieben Liedern nur etwas kurz. Dafür nehmen die längeren Stücke ("Cross My Heart", "Quand Les Larmes...", "Visions Of Someone...") überraschende Wendungen – wie Landpartien mit dem Rad durch unbekannte Gegenden. Mal blitzen Flöten auf, ein andermal flirren Folk-Gitarren – eine Platte zwischen Opulenz und Minimalismus. (8,0 von 10 Punkten)

Stuart A. Staples - Arrythmia

Man kennt seine sonore Stimme von den Tindersticks. Stuart Staples legt mit "A New Real" sein 2. Solo-Album vor – nach 13 Jahren Pause wieder mal eine Platte ohne Band. Mit dem Motto: Lieder, die an fremde Plätze geführt werden – und führen. Der Opener "A New Real" handelt von der Suche nach französischen Freunden nach den Anschlägen von Paris 2015. Musikalisch überrascht uns der Songwriter mit elektronisch-experimentellen Sounds. Es soll Stuarts Version von Disco sein. Ist aber eher Krautrock-Loop-Pop. Danach wirds dezent-dunkel – leicht Richtung ruhige Talk Talk. Neben drei normalen Songs fällt das Schlussstück auf: "Music For A Year In Small Paintings". Dauer des Instrumentals: 30 Minuten! Es ist eine Art Soundtrack zu 365 Gemälden von Suzanne Osborne, einem Bilder-Jahreszyklus seiner Frau. Eine Freundin des Paars, die Filmemacherin Claire Denis, verwendete Lied und Bilder für ihren Film "Un Beau Soleil Interieur". Die LP-Version gibt's als 300er-Sammlerauflage als Holzblockdruck – handsigniert von Stuart. Alles in allem eine erstaunliche, nahezu neutönernd-avantgardistische Veranstaltung. (7,5 von 10 Punkten)

Johnny Marr - Call the Comet

Johnny Marr war neben Morrissey der Songwriter der legendären Smiths. Während sich der Sänger von Englands wohl einflussreichster 80er-Indie-Band politisch immer mehr ins rechte Abseits bewegt und ihm viele den Rücken kehren, gilt Gitarrist Johnny Marr als gerngesehener Gast: Er spielte nach dem Ende der Smiths vor 30 Jahren u.a. mit New Order, Modest Mouse, The The, The Pretenders oder The Cribs. Auch Hollywood schätzt den Musiker aus Manchester: mit Hans Zimmer und Pharrell Williams den Soundtrack zu "The Amazing Spider-Man" geschrieben. "Call The Comet" heißt sein viertes Solo-Album. Klingt überraschend oft nach den wave-ig–dunklen 80ern ("My Eternal"), einmal vom Gesang nach Morrissey ("Hi Hello") – ansonsten solide (nach Indie-Pop), so wie Marr lebt: vegan, ohne Alkohol, ohne Nikotin, viel Sport. (7,5 von 10 Punkten)

Mourn - Sopressa Familia

Zwei Mädels, zwei Jungs – das Indie-Rock-Quartett aus Barcelona mit seinem dritten Album. Bisher waren sie eher niedlich ("Your Brain Is Made Of Candy"), nun klingen sie rauer, rumpliger. Geschult sind Mourn an Bands wie Sleater-Kinney, Sebadoh oder PJ Harvey. Nach Hinds ein weiterer Name aus der katalanischen Stadt, den man sich als Indie-Fan merken sollte. Auch wenn sie auf dem neuen Album gegen die Touristen aus aller Welt schimpfen – höre "Barcelona City Tour". Kaum vorstellbar, dass solche jungen, coolen Leute gegen Besucher schimpfen. Aber verständlich. Vielleicht auch ein Lied für Leid-geplagte Touri-Städte wie Amsterdam, Berlin oder Rothenburg ob der Tauber. (7,5 von 10 Punkten)

Onyx Collective - Lower East Suite Part 3

Er spielte bei David Byrnes letztem Album mit und war Teil der Live-Band von Ibeyi: Saxophonist Isaiah Barr legt nun mit seiner Ex-Straßen-Jazz-Truppe das Debüt vor. Das New Yorker Quartett hat sich u.a. Roy Nathanson als Gast-Saxophonisten für vier Tracks eingeladen. Er spielt z.B. auf der Single "2 AM at Veselka" – das von Unterhaltungen nach Mitternacht in ebenjenem ukrainischen Restaurant im East Village / NYC handelt. Das Onyx Collective lädt auch Pop-Leute ein, mitzuspielen: U.a. waren schon Nick Hakim, Princess Nokia oder Dev Hynes von Blood Orange dabei. Das Album ist dissonanter, weniger frei fließend ausgefallen als die Maxis – ein Grund könnte die Kündigung ihres Proberaums sein. "Als ich die Songs schrieb, dachte ich an Konzepte wie Vertreibung und Gentrifizierung", so Barr. "Die Platte entsteht aus der Herausforderung heraus, einfach in New York zu sein. Am Ende eines der Lieder hört man noch eine Sirene von der Straße. Weil wir nicht in einem professionellen Studio waren, ist es keine kontrollierte Umgebung. Wir sind schließlich immer noch in New York.Das Artwork steuerte ein bekannter Fan der Truppe bei: der US-Künstler Julian Schnabel. Ein Anhänger ist auch Jazz-Shooting Star Kamasi Washington, der das OC in UK als Support dabei hatte. (7 von 10 Punkten)

Belp - Hippopotamus

Belp ist Sebastian Schnitzenbaumer – Aktivist, Musiker und Chef von Schamoni/Jahmoni Records. Aufgewachsen ist der Münchner auf den Seychellen, deren Musik er auf Cassetten sammelt. Und Bands wie Pollyester, Das Weiße Pferd oder Leroy veröffentlicht. Sebastian hat Klavier gelernt, er organisierte Parties und spielte dabei als Jazz-Pianist. Als DJ gilt er als Kenner von UK Bass. Und zwischen all diesen Polen liegt sein Belp-Projekt: elektronisch-experimentell, geschult am Dub, z.T. an Dancehall angelehnt ("Off Ending"), mit Clubsound spielend ""Traveling Thru Galaxies"), Broken Beats benutzend, Synthies ausprobiernd, dem Jazz verpflichtet. Ein einzigartiger Höhepunkt ist "By Beauteous Softness" – ein Acapella aus dem 17. Jahrhundert von Komponist Henry Purcell – gesungen von Alexander Schneider. Ein abstrakter Cocktail (durch die) der Jahrhunderte! (7 von 10 Punkten)

Arthur Buck - Arthur Buck

Ein neues Duo, das nach den 80ern und 90ern klingt. Neu? Klar, klingen diese beiden Routiniers nach 80er und 90er. Peter Buck, Gitarrist von R.E.M. und Songwriter Arthur Joseph veröffentlichen ihr erstes Album. Er spielte oft Support Act für R.E.M. Eigentlich wollte Joseph Buck eigene Songs vorspielen, doch dann stimmte der ein und Joseph legte seine Gitarre für den Routinier beiseite: "es war magisch, die Songs kamen einfach herausgesprudelt". Weitere Lieder entstanden in Mexiko. Und wurden dann Freund in Peter Bucks Haus vorgespielt. "Das Schöne war, so zu arbeiten, das es nichts Besonderes sein musst, frei von Erwartungen", sagt Buck. Das hört man. Lediglich "I Am The Moment" ragt heraus. Und danach beginnt man Michael Stipe zu vermissen. (6,5 von 10 Punkten)

Olivia Chaney - Shelter

Die englische Folk-Musikerin ist so etwas wie eine Spätberufene: mit Mitte 30 veröffentlicht sie erst ihre zweiten Platte. Geboren in Florenz / Italien, hörte sie Fairport Convention und Bob Dylan – die Platten-Sammlung ihres Vaters. An der Royal Academy of Music in London belegte sie einen Jazz-Kurs, lernte Harmonium und spielte mit Größen wie Robert Plant, Alasdair Roberts oder The Decemberists. Die BBC nominierte sie für den Folk Award, sie bekam einen Major-Deal und ihr Debüt landete in den Besten-Listen von Magazinen. Nach einer Grammy-Nominierung nun ihr Zweitling "Shelter". Olivia Chaney klingt fast zu schön, ihr entrückte Enya-Haftigkeit mildert den Hörgenuss. (6 von 10 Punkten)

Wilko Johnson - Blow your Mind

Was für ein Leben: nach 30 Jahren wieder ein Solo-Album vom Musiker von Dr. Feelgood – der bekanntesten Band des britischen Pubrock-Genres von Mitte der 70er. Joe Strummer von The Clash kaufte seine Telecaster-Gitarre, nachdem er Wilko spielen sah. Für die Stranglers waren Dr Feelgood die Brücke zwischen den 70ern und Punk. Er spielte mit Johnny Thunders und Ian Dury & The Blockheads – bekannt für "Sex & Drugs & Rock'n'Roll". In den Nullern drehte Julien Temple den preisgekrönten Film "Oil City Confidential" über ihn (er wird als "The Greatest Living Englishman" dargestellt), danach war er in vier Folgen von "Game Of Thrones" als der stumme Henker Ser Ilyn Payne zu sehen. Dem Tod sprang er selbst von der Schippe – er überwand Bauchspeicheldrüsenkrebs – und spielte mit Roger Daltrey (The Who) ein Album ein. Nach seiner Autobiografie liegt nun sein Solo-Comeback vor. Aber wie sollte es nach all den Jahren klingen. Wie Pubrock von damals. Leicht abgestanden. (5,5 von 10 Punkten)

A Boogie Wit Da Hoodie - International Artist

Bürgerlich heisst er Artist Julius Dubose. Als Artist nennt sich der New Yorker A Boogie Wit Da Hoodie und macht Rap. Seine Mitschüler riefen ihn "Boogie" – nach einer Figur aus dem Film "Paid In Full". Dank seiner Kapuzenpullis entstand dann der Künstlername "A Boogie Wit Da Hoodie". 2015 gründete er sein Label Highbridge, veröffentlichte ein Mixtape, war Support-Act von Drake, landete in der Rap-Bestenliste beim Rolling Stone, 2017 dann das Debüt – inklusive dem Hit "Drowning feat Kodak Black" (255 Mio Plays allein bei Spotify). Der Name des neuen Albums "The International Artist" sagt es: nun will es der 22-Jährige auch außerhalb er USA wissen. Wenn man den Vorabsong "Way Too Fly" hört, spürt man es: mit dieser Afro-Pop-Autotune-Dance-Nummer sollten die Charts überall für ihn offen sein. (Keine Wertung, da nur ein Song vorab hörbar)