Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Tony Allen und Jeff Mills | Marissa Nadler | Jlin

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Joe Strummer, Tony Allen & Jeff Mills, Mudhoney, Marissa Nadler, Cypress Hill, Nile Rodgers & CHIC, Roosevelt, Alt-J, Exploded View, Funny van Dannen, Jlin und SPAIN.

Von: Matthias Hacker

Stand: 27.09.2018

Cover: Tony Allen & Jeff Mills - Tomorrow Comes The Harvest | Bild: Universal Music Division Decca Records France

Tony Allen & Jeff Mills – Tomorrow Comes The Harvest

Zwei ganz große Rhythmus-Pioniere haben ihre Genres kombiniert. Ein sehr spannendes Projekt. Tony Allen – der Vater des Afrobeat - hat noch nie Berührungsängste zu anderen Genres gehabt. Nach seiner Zeit mit Fela Kuti hat er mit Damon Albarn von Blur oder Moritz von Oswald zusammen Musik gemacht. Jetzt also mit Jeff Mills – dem Mann, der in Detroit Techno in den 80ern mit erfunden hat. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt vor zwei Jahren in einem Pariser Jazzclub und führte jetzt zu „Tomorrow Comes The Harvest“. Es ist toll, wie sich das analoge hypnotische Schlagzeugspiel von Tony Allen und die digitalen Samples und Beats von Jeff Mills zueinander verhalten. Jeff Mills beschreibt es so, dass die Beiden durch ihre Instrumente miteinander kommuniziert hätten. Das ist nicht nur so dahingesagt – dieses Frage-Antwort- Spiel kann man wirklich hören. (8 von 10 Punkten)

Joe Strummer - Joe Strummer 001

Joe Strummer kennt man als Sänger von The Clash, eine der ganz großen charismatischen Punk-Ikonen. Die neue Compilation „Joe Strummer 001“ möchte uns aber einen anderen Joe Strummer zeigen. Nach seinem frühem Tod 2002 wurde entdeckt, dass er ein akribischer Archivar seiner eigenen Arbeit war, mit Scheunen voller Schriften und Kassetten, die er in seinem Garten aufbewahrt hat. Es gibt über 20.000 Stücke im Joe Strummer-Archiv. Daraus diese Compilation mit vier Cds zu extrahieren, war sicher nicht die leichteste Aufgabe, aber der Mühe wert. Sie enthält alte Aufnahmen seiner Bands The 101ers und The Mescaleros, die letzten Aufnahmen, die es überhaupt von ihm gibt, Soundtrack-Arbeiten, Demos bekannter Hits wie London is Burning und sie bietet gänzlich unbekannte unveröffentlichte Songs. Beim Hören erkennt man erst wieder die Vielseitigkeit von Strummer. Da ist mal Rockabilly, mal Rocksteady und immer auch mal Elektronisches zu hören. Er war einer, der nicht stehen geblieben ist – nur viel zu früh gestorben. (7 von 10 Punkten)

Mudhoney – Digital Garbage

Ihr zehntes Album ist wieder voll mit schrägem und bitter bösem Humor. Frontmann Mark Am bezieht sich zum Beispiel in „Please, Mr Gunman“ auf einen Amoklauf in einer Kirche in den USA. Er greift die verblödete Aussage eines Fernsehsenders auf. Der Moderator kommentierte: „We´d rather die in the Church“. Wenn man vom Amokläufer erschossen wird, dann doch am liebsten in der Kirche. Das greift er mit Bosheit und Zynismus auf. Er sagt „Mein Sinn für Humor ist dunkel, aber das sind ja auch dunkle Zeiten". Wenn man die Mudhoney Texte über Amokläufe, Rassismus und Co. aufmerksam anhört, müsste man eigentlich weinen, wenn sie nicht gleichzeitig so irritierend komisch wären. Mit Digital Garbage macht er sich zum Beispiel auch über unsere überzogene Selbstinszenierung in Sozialen Netzwerken lustig. Er selber findet es nicht zum Lachen. Dieser Galgenhumor bringt die Absurdität der aktuellen Welt oft auf den Punkt. (7 von 10 Punkten)

Marissa Nadler – For My Crimes

Auch das neue Album der Folksängerin Marissa Nadler ist keine Wohlfühl-Oase. „For My Crimes“ ist düster, traurig, fragil, aber fasst einen eben auch sehr an. Es wird fast ausschließlich von den Mollakkorden ihrer Gitarre und der enttäuschten Stimme getragen. Nur hin und wieder hören wir ein Cello, ein Saxophon oder prominenten Backgroundgesang. Nadler hat nämlich ihre Freundinnen Angel Olsen und Sharon Van Etten eingeladen mitzusingen. Dieses Album ist ein Genuss, auch wenn es keine Freude bereitet. Im Titelsong verarbeitet sie ausnahmsweise nicht ihre letzte Trennung wie in vielen anderen Songs, sondern sie singt aus der Sicht eines verurteilten Straftäters, der in der Todeszelle auf sein Ende wartet. Dieser lässt sein Leben nochmal Revue passieren. Sein letzter Wille: Please don´t remember me. Bitte erinnert euch nicht an mich. Diese Hoffnungslosigkeit und Tristesse durchzieht das ganze Album. (8,5 von 10 Punkten)

Cypress Hill – Elephants On Acid

2010 kam das letzte Album der Westcoast-Rapper Cypress Hill raus. Damals war eine Sache bedeutend anders. DJ Smuggs – der Mann hinterm Cypress-Hill-Sound war nicht dabei. Jetzt ist er wieder da. Der Anstoß zur neuen Platte kam auch von ihm. Die Geschichte des Comebacks beginnt mit einem seiner Träume. Darin landete er wie Alice Im Wunderland in einer Art Parallelwelt. Ein Track heißt Through The Rabbit Hole. Er hat diese Träume vertont, sie an seine Cypress-Hill-Compadres geschickt und sie gebeten, dazu zu rappen. Es ist ein psychedelischer Trip geworden, und sie haben jede Menge halluzinogenen Proviant mit dabei. Das Album heißt schon Elephants on Acid. Die Tracks heißen LSD und handeln von Smoking Ganja. Es erklingen Sitars, Latinorhythmen, Jazztrompeten, RnB- Sängerinnen, TripHop und abgespacte SciFi Orgeln a la Pink Floyd. Am Ende befinden wir uns sogar in einer surrealen Kirmesathmosphäre mit Drehleier. Ein anspruchsvoller Mix, den sie aber mit vielen cineastischen Interludes auflockern. Der typische näselnde Rapstyle von B-Real und die toughen Lines sind geblieben. Push Em in the Ground. (7 von 10 Punkten)

Nile Rodgers & CHIC – It´s about time

Nach 25 Jahren ist Disco-Gitarrist Nile Rodgers mit seiner Band CHIC zurück, auch wenn davon nicht mehr viel übrig ist. Die originale Rhythmusabteilung mit Bassist und Schlagzeuger ist nämlich schon gestorben. Zweimal hat Nile Rodgers es schon geschafft, Disco im Mainstream zu etablieren. In den 70ern mit Chic, und in den Nullerjahren war er maßgeblich am Discorevival beteiligt, als er mit Daft Punk deren Überhit Get Lucky produziert hat. Seitdem ist Disco wieder da. Ob bei Robin Thicke, Katy Perry, Justin Timberlake oder den Parcels. Die Texte der neuen Platte sind purer Hedonismus....Ständig schreit uns jemand entgegen: Party Party, Boogie All Night, Dance Dance, Make The Music Loud, Move to the Groove. Naja, Discotexte waren ja nie wirklich originell. Musikalisch ist die erste Hälfte ein reines Mainstream-Disco-Popfeuerwerk – mit jungen Hochkarätern wie Mura Masa, Vic Mensa und NAO. Später folgen dann Lady Gaga und Elton John am Mikrophon. Die reinste Charts-Großproduktion. Auf dem Albumcover gibt es eine eindeutige Referenz an ihr großes Album „CHIC“. Wie 1977 ist auf dem Cover wieder ein schwarzes und ein weißes Frauenmodel abgebildet. (4 von 10 Punkten)

Roosevelt – Young Romance

Der junge Kölner Produzent Roosevelt wird mittlerweile weltweit gehört und gefeiert. Auf seinem zweiten Album spürt er dem 70er-Jahre-Diskogroove nach und benutzt viele 80er Synthie-Sounds. Allerdings spielt er sich auch mal mit experimentellerem Psych-Pop. Thematisch dreht sich das Album - wie der Titel schon eindeutig sagt - um „Junge Romanzen“ und Liebeleien. Das spiegelt sich auch in den vor Sehnsucht und Herzschmerz triefenden Gesangs-Melodien wieder. Für meinen Geschmack ist das zu viel Kitsch. Musikalisch enttäuscht er seine Fans allerdings sicher nicht. Es ist sehr smoother Disco-Indiepop. (5 von 10 Punkten)

Alt-J – Reduxer

Aus dem Original des dritten Alt-J Albums Relaxer wird das Remix-Album Reduxer. Die Briten haben dafür vor allem mit HipHop Künstlern gearbeitet. Natürlich kriegen alt-j mit ihrem Ruf auch die namhaftesten Rapper in der Szene: LittleSimz, Gold Link, Twin Shadow, Pusha T und auch der deutsche Rapper Kontra K sind mit dabei. Vorab habe ich nur die Hälfte der Tracks hören dürfen, aber die haben mir gefallen. Nicht nur die Rapparts der Gäste, sondern vor allem auch die Remix-Verisonen. Das ist wirklich eine neue Note im alt-j-Soundkosmos. (7,5 von 10 Punkten)

Exploded View – Obey

Exploded View ist das musikalische Projekt der Waliserin Annika Henderson. Sie lebt mittlerweile in Berlin. Das Aggressive, das schon im Albumtitel anklingt, hören wir auch in der dystopisch-düsteren Musik. Annika war früher Politikjournalistin und hat auf dem Vorgänger die Frage gestellt, wie wir mit den politischen Umwälzungen der letzten Jahre umgehen sollen. Auf Obey entfernt sie sich von der Realität und beschäftigt sich weniger mit Faktischem und mehr mit Gefühlen und Träumen. Das aber hellt die Stimmung nicht auf, denn Obey klingt nach Weltungergang. (7 von 10 Punkten)

Funny Van Dannen – Alles gut motherfucker

Funny Van Dannen ist mein Lieblingspunk im Liedermacher-Kostüm. Ich liebe seine Stimme, seinen lakonischen Gesang, seine Haltung, seinen Quatsch. Er verpackt immer noch seine Gesellschaftskritik in Klamauk und macht immer wieder noch richtigen Blödsinn. Diese Platte verleitet zum federleichten Durchhören, zum Kopfnicken genauso wie zum Kopfschütteln. Er kritisiert Religionen, wettert gegen Fremdenhass, gegen Egoisten, gegen Maskulinisten, gegen die Mainstream-Latelife-Crisis im Yogastudio. Immer mit Wortwitz und klarer Sprache. Es gibt zwar weniger Gaga-Funny, also auch weniger Gassenhauer. Aber er hat sie noch im Repertoire wie im Song Halbnacketer Mann. Da hört man sie dann auch wieder – seine unverkrampfte Albernheit, die beim genauen Hinhören in der Message auch sehr tiefgründig ist. (8 von 10 Punkten)

Jlin – Autobiograophy (Music for Wayne McGregor`s Autobiography

Die Chicagoer Footwork Produzentin JLIN hat 2017 mit Black Origami das Album des Jahres der Nachtmix und Zündfunk-DJs gestellt. Morgen erscheint nicht direkt ein Nachfolger, aber ein neues Album. Es ist ein Soundtrack für den preisgekrönten britischen Choreographen Wayne McGregor. Autobiography heißt die Platte. JLIN mischt jetzt viel mehr athmosphärische Klangteppiche zwischen ihre üblichen Footworkbässe und Beats. Aber die intensiven, arythmishen Footwork-Beats sind nach wie vor da. Beim ersten Hören wundert man sich vielleicht, dass diese Patterns als Tanzsoundtrack funktionieren. Aber sieht man sich die Videos zur Performance „Autobiography“ an, dann sieht man, dass es passt. Das Album erscheint auf Planet Mu – neben Hyperdub das Label, das sich um Footwork in Europa besonders verdient gemacht hat. (8 von 10 Punkten)

SPAIN – Mandala Brush

Bandchef Josh Haden wechselt gewöhnliche Indiesongs und psychedelische Weltmusik-Jams ab. Letztere sind deutlich interessanter. Diese dauern dann schon mal zwischen 8 und 15 Minuten. Es ist ein sehr spirituelles Album geworden, mit vielen Einflüssen aus der asiatischen und arabischen Kultur, aber auch viele Jazzeinflüsse klingen an. Zum Instrumentarium gehören Saxophon, Sitars und arabischen Langflöten. Er hat es komplett live aufgenommen. „Mandala Brush“ soll eine Momentaufnahme sein, sagt er, wie auch das Zeichnen eines Mandalas nie abgeschlossen ist. (6 von 10 Punkten)