Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Groeni | Frankie Cosmos | Chris Carter

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche stellt die neuen Alben u.a. folgender Künstler vor: Groeni, The Garden, The Voidz, Frankie Cosmos, Her, Amen Dunes, Henry Green, Moon Gangs und Sons of Kemet.

Von: Roderich Fabian

Stand: 29.03.2018

Albumcover: Frankie Cosmos | Bild: Factory92

Micah P. Hinson - At the British Broadcasting Corporation

Der vom Schicksal und Drogen arg gebeutelte Amerikaner, bringt einige seiner besten Songs aus den letzten 14 Jahren auf diesem Album noch einmal in subtilen Akustik-Versionen heraus. Wer Fan ist, wird zugreifen, für alle anderen reichen die Studio-Alben. (6 Punkte von 10)

Betty LaVette- Things have changed

Die 72jährige Soulsängerin ist - wie ja einige aus diesem Genre - erst im neuen Jahrtausend durchgestartet. Sie hat im Weißen Haus für Barrack Obama gesungen und jetzt ein Album voller Bob-Dylan-Songs aufgenommen. Eine sehr solide Sache, manchmal verwandelt sie die Folksongs in echten Old-Time-Soul. Auf zwei Tracks spielt sogar Keith Richards mit. Songs aus Dylans christlicher Phase sind bei der Gospel-geschulten Betty LaVette fast besser aufgehoben. (6,5 Punkte von 10)

Ben Harper & Charlie Musselwhite - „No Mercy in this Land“

Der solide, immer ein bisschen unspektakuläre Ben Harper (48) hat ein zweites Album mit dem weißen Blues-Harmonica-Spieler Charlie Musselwhite (72) aufgenommen. Der Titel prangert auf bewährte Weise an. Auch hier gilt: Solide Wertarbeit, garantiert ohne Überraschungen. Harper hat alle Songs geschrieben. (5,9 Punkte von 10)

The Garden - „Mirror might steal your Charm“

Wyatt & Fletcher Shears aus Kalifornien sind Zwillingsbrüder und nennen sich als Band „The Garden“ - ein Wunder, dass der Name noch frei war. Die Shears-Brüder sind Mitte 20, sehen gut aus und haben schon als Models gearbeitet - ein kalifornischer Traum, also. Dies ist ihr drittes Album. Sie sind beeinflusst von intelligentem Punk-Rock à  la Minutemen, aber auch Frank Zappas Over-the-top-Arrangements lassen grüßen. Irgendwie mag ich diese Old-School-Hipness, die die Brüder hier an den Tag legen. (7 Punkte von 10)

The Voidz - „Virtue“

Die Strokes gibt es angeblich immer noch, auch wenn die Solo-Alben der einzelnen Mitglieder nur so sprießen. Jetzt ist mal wieder Sänger Julian Casablancas dran, der sich nun als Teil der Voidz sieht, denn auf dem Cover steht nur noch „The Voidz“. Das zweite Album der Band ist ein wildes Sammelsurium diverser Stile, manches hier ist durchgeknallter Lärm, anderes klingt wie mutierte Strokes. Diese Achterbahnfahrt von einem Album endet in einem Song, der vom Pathos her an John Lennon erinnert und den passenden Titel hat: „Pointlessness“, Sinnlosigkeit. (5 Punkte von 10)

Frankie Cosmos - „Vessel“

In der New Yorker Hipster-Abteilung ist auch die Band Frankie Cosmos zuhause. Frontfrau ist Greta Kline, Tochter von Hollywoodstar Kevin Kline. Frankie Cosmos sind Freunde des kurzen Songs. Da bin ich immer sofort dabei, Rock and Roll ist unter zwei Minuten oft am Zwingendsten. Ihr zweites Album bringt 18 Songs in 33 Minuten. Vieles klingt vertraut nach Punk-Pop der 80er, aber auch nach Kimya Dawsons extrovertierten Miniaturen. Hat man also alles schon mal gehört, ist aber sehr sympathisch. (6 Punkte von 10)

Amen Dunes - „Freedom“

Amen Dunes sind eine Band mit dem Sänger Damon McMahon. Sie sind gut vernetzt in der Ami-Indie-Szene (von Anthony bis Beach House), Dies ist ihr bereits viertes Album. Der Sänger hat in China gelebt und Ethio-Pop gecovert, er lebt also den modernen Traum. Seine verwaschenen Songs erinnern an alles Mögliche, sind jedenfalls sehr cool. Ich fürchte nur: Niemand wird sie je auf der Straße pfeifen wie die Hits seiner Vorbilder. (6.9 Punkte von 10)

Henry Green - „Shift“

Henry Green aus Bristol ist erst  22 und so etwas wie ein moderner Self-Made-Man. Bekannt wurde er durch ein persönlich hochgeladenes MGMT-Cover. Sein Debutalbum wurde aufgenommen in Berlin, wo Henry wohl auch lebt. Und er ist die Verkörperung der Auflösung von Gender-Grenzen. Manchmal klingt er nach Sadé, manchmal nach James Blake, alles hier ist sweet und alles ein bisschen ähnlich, aber schön. (7,1 Punkte von 10)

Her - „Her“

Schwelgerischen Electro-Pop bietet dieses französische Duo. Aber „Her“ beherrschen auf subtile Weise auch den verhaltenen Funk, der Green verschlossen bleibt. Dem Duo aus Rennes wäre wahrscheinlich eine goldene Zukunft beschieden gewesen. Aber am 13. August vergangenen Jahres starb Her-Sänger Simon Carpentier im Alter von nur 27 Jahren an Krebs. Also wird das Debutalbum wohl das Vermächtnis der Beiden bleiben. Das ist wirklich traurig, denn die Songs waren tatsächlich vielversprechend. (7,5 Punkte von 10)

GROENI - „Nihx“

Gesund und munter wirken die Musiker, die dieses Electro-Pop-Trio ausmachen. Sie kommen aus Wellington in Neuseeland, und das hat den Vorteil, dass sie von anglo-amerikanischen Vorbildern nur indirekt beeinflusst sind. Sie machen State-of-the-Art-Musik, sehr individuell, manchmal pathetisch, voller überraschender Brüche - NIHX is meine Lieblingsplatte in dieser Woche - eine unbedingte Empfehlung. (8,5 Punkte von 10)

Chris Carter - “Chemistry Lessons Volume One”

Ein Pionier der elektronischen Musik: Er war mal ein Viertel von Throbbing Gristle und später mit Cosey Fanni Tutti auch die Hälfte des Duos Chis and Cosey. Das heißt: Chris Carter ist in den dunklen Sphären des Bewusstseins unterwegs, auch auf seinem neuen Solo-Album. Gelegentlich überraschen hier auch ätherische Vocal-Einlagen. Aber der Mann misstraut dem Wahren und Schönen - und das konnte ich schon zu Throbbing-Gristle-Zeiten immer bestens nachvollziehen. Wie immer kompromisslos und nicht altersmild, obwohl er inzwischen 65 ist. (6,8)

Moon Gangs - „Earth Loop“

Der Brite William Young nennt sich für seine instrumentalen Solo-Exkursionen Moon Gangs. Young ist Keyboarder der Band Beak, die nach dem Ende von Portishead von Geoff Barrow gegründet wurde. Und ähnlich wie Chris Carter gibt er überhaupt nichts auf kommerzielle Aspekte. Dennoch erscheint Moon Gangs ein bisschen hoffnungsvoller in die Welt hinein zu blicken, mit analogen Synthies à la John Carpenter.  (5,5 Punkte von 10)

SONS OF KEMET - „Your Queen is a Reptile“

Dies ist eine Londoner Brass Band. Das Album erscheint auf Impulse Records, also dem Label von John Coltrane, ist aber eher heiter im Abgang. Hier wird Elisabeth II. durch afro-amerikanische Heldinnen ersetzt. Die Tracks hier heißen “My Queen is Angela Davis” oder auch  “My Queen is Nanny of the Maroons”. Das war eine Anführerin des Sklavenaufstands im Jamaika im 18. Jahrhunderts. Und so blasen die Sons of Kemet zur jazzigen Revolution. (4,5 Punkte von 10)