Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Gorillaz | John Coltrane | Let's eat Grandma

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Drake, Florence & the Machine, Jaye Jayle, Jim James, Let's eat Grandma, Jazzanova, Milk Carton Kids, John Coltrane und den Gorillaz.

Von: Angie Portmann

Stand: 28.06.2018

Cover: Gorillaz -The Now Now | Bild: Parlophone Label Group (Warner)

Gorillaz – The Now Now

Da sind sie wieder: Damon Albarn und Jamie Hewlett, meine Lieblings-Comic-Helden, laut Guinness-Buch der Rekorde der „weltweit erfolgreichste virtuelle Act“. 20 Jahre ist es mittlerweile her, dass sich die beiden die Gorillaz ausgedacht haben, dieses fiktive, vierköpfige Bandprojekt. Damals in der gemeinsamen WG in London,  als sie nach stundenlangem MTV-Glotzen die Pop- und Rock-Stereotypen satt hatten und das Ganze auf die Spitze treiben wollten. Etliche Alben sind seitdem erschienen, zwischenzeitlich war die ursprünglich brillante Idee zum bunten, glattpolierten Feature-Jahrmarkt verkommen. Die Alben waren gespickt mit prominenten Gästen, zerfielen aber zusehends in ihre Einzelteile.
Das jüngste Gorillaz-Album ist da anders, selbst George Benson und Snoop Dogg stören nicht den wunderbaren Flow dieser Platte. Und das ist das grandiose an „The Now Now“ – ein durch und durch digitaler Act entwickelt hier eine analoge Wärme, eine Intimität, aber auch eine Coolness, einen funky Groove, der sich durch das ganze Album zieht. In dem eben gehörten Song „Hollywood“ z.B. schaukeln wir entspannt den Sunset Boulevard hinunter während die Herren Snoop Dogg und Jamie Principle den Mythos Hollywood zerlegen. Und die Stimmung bleibt mellow und blue. Damon Albarn croont wie zu seinen besten Blurzeiten. Zwischendurch  betreten wir kurz einen Club, in dem Italo-Disco und House laufen und schon geht’s wieder raus auf die regennasse Straße. Back on the track, sie sind wieder da, vermutlich nicht mit ihrem kommerziell erfolgreichsten Album, aber von mir bekommen sie für „The Now Now“ satte 8,5 Punkte. (8,5 von 10 Punkten)

Let’s eat Grandma  - I’m all ears

War ihr Debüt noch wunderbar verspulter Psych-Pop ist das zweite Album von Let’s eat Grandma vor allem in der ersten Hälfte ein sehr cooles, selbstbewusstes, dancelastiges Elektro-Pop-Album. Erst gegen Ende gönnen sich die beiden Britinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth den ein oder anderen ausufernden Psych-Rock-Ausreißer („Cool and collected“) bzw. wagen auch eine Piano-Ballade („Ava“). In „Hot Pink“ widmen sich die beiden dem gerade omnipräsenten Gender-Thema ohne ansonsten auf die klassischen Teenager-Themen des Debüts zu verzichten. Mitproduziert hat hier übrigens auch die faszinierende Artpop-Produzentin Sophie, die gerade AdW im Zündfunk war. Wir hören quasi einen Mix aus Lorde und Sophie, aus hocheingängigem Pop und ambitioniertem Soundexperiment. Zwar fehlt „I’m all ears“ größtenteils die Naivität, die Unschuld des Vorgängers, den die beiden Freundinnen ja mit erst 17 aufgenommen haben, aber dafür klingen sie jetzt fordernder, bestimmter, mehr state of the art. (7,5 von 10 Punkten)

Jim James – Uniform distortion

„Uniform distortion“ nennt sich die dritte Solo-Platte von Jim James - womit schon ein wichtiger Aspekt des Albums angesprochen wäre: distortion. Im Gegensatz zum extrem souligen Vorgänger-Album „Eternally even“  widmet sich Jim James (ansonsten auch Frontmann der Indie-Folk-Psychedelic-Rock-Band My Morning Jacket) hier exzessiv dem Rock’n’Roll. Mit verzerrten Gitarren und einer Menge Wut im Bauch. Auf Donald Trump, auf die nach unserer Aufmerksamkeit schreienden, sozialen Medien, auf sich selbst. Das Cover von „Uniform distortion“ ist eine Fotoarbeit des preisgekrönten Fotografen Duane Michals „The Illuminated Man“. Es zeigt eine Person, deren Kopf strahlt wie ein explodierender Himmelskörper. Jim James hat dieses Foto tief berührt, schreibt er in den Linernotes. Offensichtlich hat auch er oft das Gefühl, sein Kopf ist kurz davor zu platzen. Vollgestopft mit Unmengen an Informationen, verzerrten Informationen. Was bleibt ist eine tiefe Sehnsucht nach Wahrheit, so Jim James, der sich auf der Suche danach in die Wüste zurückgezogen hat, alte Bücher liest und darin nach neuen Ideen sucht. So wie er hier auch mit seinem Vintage-Sound die alten Helden feiert, Neil Young, 90er Jahre Indie-Rock oder auch Glam, und daraus ein zeitloses, aber trotzdem auch sehr aktuelles Album gemacht hat. (7,7 von 10 Punkten)

Jaye Jayle – No trail and other unholy paths

Wir bleiben im mittleren Westen der USA, in Kentucky. Von dort kommt nicht nur Jim James, sondern auch Jayle Jayce.  Mit Musik, die nachts an einem einsamen Platz (Autobahn, Wald, Bett) besonders gut kommt. Denn Jaye Jayle machen einen Mix aus dunklem, düsteren Noise- bzw. Gothic-Rock und staubiger Americana. Mit schweren, schleppenden Beats, krautrockigen Elementen, flirrenden Gitarren und einem Frontmann, der es stimmlich fast mit einem Mark Lanegan aufnehmen kann. Sänger Evan Patterson (auch Frontmann der Young Widows) beschwört auf dem zweiten Album von Jaye Jayle, auf „No Trail and other unholy Paths” ein unheimlich-bedrohliches Szenario, das Twin Peaks-Qualitäten hat und auch dafür als Soundtrack herhalten könnte. Dazu passt die himmlisch-entrückte Stimme von Emma Ruth Rundle im Background perfekt. (7 von 10 Punkten)

 Jazzanova – The pool

„The Pool“ - treffender Titel für ein Album, in dem sich tatsächlich so einiges tummelt. Da wären z.B. unzählige Featuregäste, von David Lemaitre, über Jamie Cullum bis zu Ben Westbeech. Aber auch genretechnisch geht’s bei Jazzanova wie immer bunt zu. Funk, Soul, Jazz, Dub, Pop, Big Beats und Electro...nach zehn Jahren Albumpause zieht das Berliner Kollektiv wieder alle verfügbaren Register. Samples und analoge Instrumente gehen fließend ineinander über. Das mag dem Nu-Jazz-Freund und seinem obersten Guru Gilles Peterson die Glückstränen in die Augen treiben, mein Favorit ist „The pool“ nicht. (6,5 von 10 Punkten)

David Bowie – Welcome to the blackout – live

Wir machen eine kleine Zeitreise ins Jahr 1978. David Bowie steht in London, Earls Court, auf der Bühne und gerade entlädt sich ein unglaubliches Soundgewitter über der Menge. “The thin white duke” spielt “Station to station”. Wir hören Kokain-bedingten Größenwahn und gleichzeitig die absolute Isolation. Aufgenommen hat diese faszinierenden Momente Tony Visconti. “Welcome to the Blackout” wurde dann auch bereits 1979 von David Bowie und David Richards abgemischt, aber erst jetzt, 2018, veröffentlicht. Zuerst zum Record Store Day als limitiertes 3fach Vinyl, jetzt auch regulär als CD/DL. Mit einer Menge Hits und Klassikern wie “Heroes”, “Sound and vision”, “Ziggy Stardust” und “Rebel Rebel”, aber vor allem auch mit einer großartigen Performance von Seiten der Band und Bowie. Denn die beiden Termine in London am 30. Juni und 1. Juli waren die letzten in Europa, dafür hat sich Bowie mächtig ins Zeug gelegt. Im Vergleich zu “Stage”, einem Live-Album, das ebenfalls auf der ISOLAR II-Tour aufgenommen und bereits 1978 veröffentlicht worden war und von dem es mittlerweile auch unzählige Re-Releases gibt, ist “Welcome to the blackout” etwas umfangreicher (“Sound and vision” und “Rebel Rebel” fehlen auf “Stage”). Und: Sound und Performance klingen präsenter, intensiver als auf dem “Stage”-Album … für Bowie-Fans und –Sammler also durchaus eine Empfehlung, allerdings eine ausgesprochen teure. (7 von 10 Punkten)

Milk Carton Kids - All the Things that I did and all the Things that I didn’t do

Wer es schon immer bedauert hat, dass sich Simon and Garfunkel getrennt haben, für den gibt es jetzt The Milk Carton Kids und ihr neues Album „All the Things that I did and all the Things that I didn’t do”. The Milk Carton Kids, das sind Joey Ryan und Kenneth Pattengale, zwei Folkmusiker, deren Stimmen perfekt miteinander harmonieren. „All the Things that I did and all the Things that I didn’t do” ist das   erste Album, das sie zusammen mit einer ganzen Band aufgenommen haben. Trotzdem ist die Platte ein angenehm reduziertes, streckenweise ja sogar sehr anrührendes Stück Musik. (7,3 von 10 Punkten)

John Coltrane – Both Directions at once

Der Zeitpunkt ist marketingtechnisch perfekt gewählt. Gerade eben ist Kamasi Washingtons jüngstes Jazz-Wunderwerk erschienen und die Popgemeinde liegt ihm wieder zu Füßen. Das ist umso erstaunlicher, da Washington den Jazz teilweise  sehr traditionell denkt, sich eher an John Coltrane orientiert als an zeitgenössischen Pop-Maßstäben. Im Zuge dieser allgemeinen Jazz-Euphorie hat der Musikexpress gerade eben die 50 besten Jazz-Platten aller Zeiten gekürt. Nummer 1: John Coltranes „A love supreme“. Und genau in diesem Moment erscheint, deus ex machina, ein völlig neues Studio-Album von John Coltrane: „Both Directions at once“. Unglaublich. 1963, also vor 55 Jahren aufgenommen, zusammen mit den Musikern, mit denen Coltrane auch „A love supreme“ eingespielt hat, also mit McCoy Tyner, Jimmy Garrison & Elvin Jones. Dann in einer Schublade verschwunden und vergessen. Vier Jahre später starb der legendäre Jazz-Saxophonist an Leberkrebs, John Coltrane wurde nur 40 Jahre alt. Jetzt sind ja posthum erscheinende Platten großer Musiker keine Seltenheit, vor allem mit Bootlegs und Best ofs wird da gern noch Geld verdient, aber auch Raritäten und B-Seiten-Compilations sind sehr beliebt. Das Erstaunliche an diesem Album ist jedoch, das hier tatsächlich Coltrane-Originale vertreten sind, die vorher noch nie zu hören waren.  Der Saxophonist Sonny Rollins meinte zu dieser Entdeckung: „Das ist so, als fände man einen neuen Raum in einer der großen Pyramiden“.  Sprich: für ambitionierte Jazz- und vor allem John Coltrane-Fans ist dieses „Lost-Album“ definitiv ein Fest. (8 von 10 Punkten)