Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Get Well Soon | Jorja Smith | Flasher

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Flasher, Snail Mail, Jonathan Bree, Gruff Rhys, Get Well Soon, Angelique Kidjo, Lykke Li, Jorja Smith, Lily Allen, Serpentwithfeet und Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 07.06.2018

Cover: Flasher - Constant Image | Bild: Domino Records

Flasher – Constant Image

Flasher bewegen uns hier im Punk-Pop oder wie man früher so schön sagte: im Power-Pop. Die besten Momente auf dem Debüt von “Flasher” sind die, in denen der Refrain so richtig schön eingängig wird - auch wenn vorher fünfmal falsch abgebogen wurde. Tolles Debüt dieses Trios. Um schlechten Wortsport zu machen: Flasher flashen. (7,5 von 10 Punkten)

Snail Mail – Lush

pitchfork nennt den Sound von Snail Mail “Teenage Indie Rock”, der Fader sagt dazu “Suburban Slowcore” - und beide haben Recht: Lindsay Jordan, die hinter Snail Mail (der Schneckenpost) steckt, ist 18, hat gerade ihren Highschool-Abschluss gemacht, kommt aus einem Vorort von Baltimore und schreibt die wehmütigsten und darum auch besten Coming-Of-Age-Songs der Saison. Wobei ich Snail Mail ja am stärksten finde, wenn Lindsay Jordan aus sich raus geht, wie auch schon auf ihrer Debüt-EP gehört. Der Slowcore deutet  nur an, dass noch viel mehr in Snail Mail steckt. (6,5 von 10 Punkten)

Jonathan Bree – Sleepwalking

Jonathan Bree kommt aus Neuseeland und hat die spannendste Bariton-Stimme, die ich seit langem gehört habe. Auf seinem dritten Album “Sleepwalking” tut er alles andere als schlafwandeln, er zielt ziemlich versiert auf Vorbilder wie Lee Hazlewood und Nancy Sinatra, mischt noch leise Elektronik und Stimmen wie die von der tollen Sängerin Princess Chelsea mit dazu. Raus kommt ein Album, das klingt, als würde Stephin Merritt von den Magnetic Fields Lee Hazlewood-Songs singen. Neben Marlon Williams der Crooner-Newcomer der Stunde. (7 von 10 Punkten)

Gruff Rhys – Babelsberg

Gruff Rhys kennen wir aus den 90ern als Frontmann der Super Furry Animals, später hat der vielleicht größte walisische Popstar ein paar veritable Soloalben gemacht, jetzt kommt sein fünftes. Und es ist eine Orchester-Pop-Platte geworden: Vorbild, auch hier: Lee Hazlewood. Zusammen mit dem BBC National Orchestra Of Wales hat er dann das Album “Babelsberg” eingespielt, dass sich tatsächlich auf das brandenburgische Babelsberg bezieht. Ein Ort, der schon in den Geschichtsbüchern über den Dreißigjährigen Krieg auftaucht. Ein Ort, der eine Geschichte hat, weil verschiedenste Interessen ihn immer wieder verändert haben und der heute in erster Linie für die Heimat des größten deutschen Filmstudios bekannt ist. Mit “Babelsberg” will Gruff Rhys eine Parabel auf die heutige, verrückt gewordene Welt liefern - das gelingt ihm auch, weil er vor allem eines bleibt: optimistisch. (6,5 von 10 Punkten)

Get Well Soon – The Horror

Konstantin Gropper mag es, wenn böse Träume ihn heimsuchen, denn er macht dann Songs daraus. Mit Get Well Soon legt er jetzt sein Alptraum-Album vor, es heißt schlicht “The Horror”. Und weil Konstantin Gropper schon immer ein Freund von Widersprüchen war, klingt “The Horror” sehr warm und umarmend mit seinen orchestralen Arrangements. Vorbild ganz klar: Frank Sinatra. Allerdings orientiert sich Get Well Soon auch am Hitchcock-Komponisten Bernard Hermann. Für mich ist dies die beste Platte, die Get Well Soon je gemacht hat. Wollte die letzte Platte “Love” noch in Richtung David Bowie und Pop, wird hier die Einzigartigkeit von Konstantin Gropper so richtig hörbar. (8,5 von 10 Punkten)

Angelique Kidjo – Remain In Light

Als junge Frau kam Angelique Kidjo vom afrikanischen Benin nach Paris, um Jazz zu studieren. Dort hörte sie das erste Mal “Once In A Lifetime” von den Talking Heads, und für sie war klar: Das hat nichts mit Rock ‘n’ Roll zu tun, das ist afrikanische Musik. Jetzt, eine ganze Weltmusik-Karriere später, will Kidjo den Beweis antreten und covert das komplette Talking-Heads-Album “Remain In Light” und zwar so, wie es Fela Kuti wohl getan hätte. Wir hören feinsten Afrobeat und man fragt sich tatsächlich: Welches Album war jetzt zuerst da? Und eines ist auch sicher: David Byrne gefällt das.  (7 von 10 Punkten)

Lykke Li – So Sad So Sexy

Ihr Song “I Follow Rivers” von Lykke Li läuft heute noch in Fußball-Stadien, ihr letztes Album ist vier Jahre her, jetzt ist die Schwedin zurück, mit dem Album “So Sad So Sexy”. Das letzte Album hieß noch ganz unschuldig “I Never Learn”. Die neuen Songs heißen jetzt: “Sex Money Feelings Die” oder “Bad Woman”. Und genau hier liegt das Problem: Ich nehm Lykke Li das neue Zwei-Nächte-am-Stück-durchgemacht-Image nicht ab. Dazu kommt, dass ihr Sound jetzt wie von der Stange klingt. Das liegt an den insgesamt neun mitproduzierenden Gästen, namhaften Leuten wie Rostam oder Skrillex, die Lykke Li aber überhaupt nichts mehr Eigenständiges lassen. Das ist sehr schade, denn sie war mal sehr einzigartig - jetzt klingt sie wie all die anderen.  (5,5 von 10 Punkten)

Jorja Smith – Lost And Found

Jorja Smith aus den West Midlands in England hat mit 16 beim Babysitten davon geträumt, dass sie mal ein großer Star wird. Ums kurz zu machen: Das steht unmittelbar bevor. Jorja hat 2016 ein großartiges Mixtape veröffentlicht, danach hat sie sich Zeit gelassen, bis ihr Debüt endlich morgen erscheint. Sie war aber nicht untätig, hat in der Zwischenzeit mit Drake, Kali Uchis oder Stormzy gearbeitet und das hat sich gelohnt: Jorja Smith textet ähnlich biografisch und straight ins Gesicht wie Amy Winehouse, manchmal klingt sie auch wie die große Amy, sie kommt aber eigentlich vom Hip-Hop und Grime, sampelt Dizzee Rascal-Beats oder auch Melodien, die sie mit 16 beim Babysitten gesungen hat. “Lost & Found” ist für mich eines der besten R&B-Alben des Jahres, charts-tauglich und doch kredibel. (8 von 10 Punkten)

Lily Allen – No Shame

Lily Allen gehört zu der seltenen Sorte von kommerziell erfolgreichen Popstars, die ihr Innerstes in ihre Songs packt, dabei glaubwürdig und auch noch erfolgreich bleibt. So auch auf ihrem neuen Album “No Shame”. Wie der Name schon sagt, schämt sie sich nicht, wenn sie davon erzählt, wie unglücklich sie in ihrer Ehe war und sich schließlich getrennt hat. Und nein, das ist nicht die übliche “It feels wrong, I’m gone”-Lyrik, sondern man fühlt sich, als wäre man Lilys beste Freundin und erfährt alles aus erster Hand. Immersiv, aber ehrlich - nur manchmal ein wenig zu cheesy. (6,5 von 10 Punkten)

Serpentwithfeet - Soil

Hier haben wir es mit einem ehemaligen Chorknaben aus Baltimore zu tun, der später Gesangsperformance in Philadelphia studiert hat. Josiah Wise lebt jetzt in New York und nennt sich Serpentwithfeet, also Schlange mit Füßen. Auch ein schönes Bild für seine Songs auf seinem Debüt, er nimmt die Musiktheorien aus seinem Studium, das ist die Schlange und baut ihnen Füße zum Laufen dran, das sind die verschiedenen Produzenten mit denen er auf seinem Debüt zusammengearbeitet hat: HipHop-Experte Clams Casino oder auch Adele Produzent Paul Epworth. Serpenwithfeet wollte kein kohärentes Debüt aufnehmen, sondern mit jedem Song tief in Gospel, Soul, HipHop eintauchen. Das ist oft verkopft, sehr fordernd, aber nie langweilig. (7 von 10 Punkten)

Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad – The Midnight Hour

Beatbastler Adrian Younge und dem A Tribe Called Quest-Gründungsmitglied Ali Shaheed Muhammad waren sie auch schon für den Soundtrack von Luke Cage verantwortlich, der Marvel-Netflix-Serie, die sich mit der Hip-Hop-Kultur beschäftigt hat. Jetzt kommt ein gemeinsames Album mit vielen Gästen, darunter Celoo Green oder Bilal. Aber am stärksten sind für mich die Instrumental-Tracks auf “Midnight Hour”.  (6,5 von 10 Punkten)