Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Elvis Costello | John Grant | Kurt Vile

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Selling, St. Vincent, Daniel Brandt, Hans Söllner, Jaakko Einar Kalevi, Caoilfhionn Rose, Kurt Vile, Aby Vulliamy, Nino aus Wien, Elvis Costello & the Imposters, Jerry Paper und John Grant.

Von: Matthias Hacker

Stand: 11.10.2018

Cover: Kurt Vile - Bottle It In | Bild: Matador/Beggars

Selling – No Reflection

Hinter diesem neuen Duo Selling verstecken sich zwei bekannte Produzenten und auch langjährige Freunde.  Gold Panda und Jas Shaw von Simian Mobile Disco haben schön mehrmals miteinander gearbeitet. Jetzt gießen sie ihre persönliche und musikalische Freundschaft in ein gemeinsames Projekt. Beim Hören der Platte hat der Einfluss Gold Pandas mit sanften meditativen Electronica-Klänge ein übergewicht, die Tracks sind keine Partyhits. Das Album gibt es nun digital, klassisch auf Platte oder CD wird diese Platte erst Mitte Dezember erscheinen. (7,5 von 10 Punkten)

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Selling - 'No Reflection' (Official Audio) | Bild: City Slang (via YouTube)

Selling - 'No Reflection' (Official Audio)

Jerry Paper – Like A Baby

Jerry Paper ist das bisher erfolgreichste Alias von Lucas Nathan. Früher hat er Noise gemacht, jetzt liefert der kalifornische Hornbrillenträger und Bedroom-Producer wieder eigenwilligen Sound, der klingt wie wenn Van Dyke Parks und Erobique sich am Synthiepop-Drumkit spielen. Dazu kommen cheesy und abgespacte Effekte, Querflöten und Slapbässe. Aber es klingt immer ein Hauch von kalifornischer Westküsten-Romantik wie bei den Beach Boys durch. Die Platte zu hören, kann sich allerdings ziehen. Es fehlt die musikalische Abwechslung. (6,5 von 10 Punkten)

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Jerry Paper - Like a Baby (Full Album) | Bild: Dansin (via YouTube)

Jerry Paper - Like a Baby (Full Album)

St. Vincent – Masseducation

Vor etwa genau einem Jahr haben wir im im Nachtmix die Platte Masseduction von St. Vincent groß gefeiert. Fast genau ein Jahr später veröffentlicht sie das Album nochmal – in einer reduzierten Piano-Version namens „Masseducation“. Aus der Massenverführung wird die Massenerziehung. Mal fegt sie jazzig über den Flügel hinweg wie in der Neuinterpretation von Sugarboy. Mal greift sie ganz sanft in die Tasten wie bei den Hits New York oder Los Ageles. Durch die minimale Instrumentierung merkt man auch erst mal wieder, wie gut St. Vincent singen kann. Die Songs sind von Haus aus großartig geschrieben, so kannst du sie nahezu in jede Form gießen. Nächstes Jahr folgt dann vielleicht eine Metalversion des Albums – würde uns vermutlich auch gut gefallen. (8 von 10 Punkten)

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St. Vincent - Masseduction | Bild: St. Vincent (via YouTube)

St. Vincent - Masseduction

Daniel Brandt – Channels

Daniel Brandt ist einer der Gründer des Berliner Frickler-Ensembles Brandt Brauer Frick. Channels besticht durch minimale Synthesizer-Dreiklänge, die er mit groovigen und technoiden Elektrobeats aufbauscht. Das Pendel schlägt im Song Cherry Dream in Richtung jazzigem Percussion-Mathrock a la Battles aus, über Neoklassik-Tracks a la Hauschka bis hin zur melodischeren, elektronischeren Ecke à la Moderat wie im Song Sailboats III. Hier erreicht er eine Athmosphäre wie im Soundtrack der Serie Stranger Things. Man hört, dass er auch viel mit Orchestern gearbeitet hat. Steve Reichs Six Pianos war eines seiner Projekte, was man besonders in der ruhigen Songstudie „Ltd.“ hört. Es ist ein sehr sphärisches Album, bevor es im letzten Stück nochmal zu einem imposanten Paukenschlag mit Bläsern und Drum'n'Bass ausholt. (8 von 10 Punkten)

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Daniel Brandt - Flamingo (Official Music Video) | Bild: erasedtapes (via YouTube)

Daniel Brandt - Flamingo (Official Music Video)

Hans Söllner – Genug

Er ist es noch lange nicht müde geworden, den Leuten die Leviten zu lesen. Er appelliert an unsere Moral und Menschlichkeit und singt gegen Faschismus, Terrorismus, Heuchler, Nationalisten an. Er ist ein wirklich besorgter Bürger, der gleich zu Beginn der Platte im Song „Rassist“ ganz deutlich wird. Man kennt diese Songs der Solidarität und des Aufbegehrens gegen das Schlechte in der Welt gut von Söllner. „Genug“ ist mittlerweile sein 25. Album. Seine Themen sind zu Zeiten von Missbrauch-Skandalen, Glyphosat und Chemnitz aktueller denn je. Er ist immer noch eine wichtige Stimme in Bayern, auch wenn sich von den neuen Songs nicht jeder angesprochen fühlen wird. Der Zeitpunkt so kurz vor der Landtagswahl ist allerdings gut gewählt. Vielleicht kann Söllner dem einen oder anderen nochmal ins Gewissen reden. (5,5 von 10 Punkten)

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Hans Söllner - Tiere | One take sessions | Bild: One take sessions (via YouTube)

Hans Söllner - Tiere | One take sessions

Jaakko Eino Kalevi - Out of Touch

Früher ist Jaakko Eino Kalevi in Helsinki Trambahn gefahren, mittlerweile produziert er fluffigenSynth-Pop zwischen Retro und Future. Jaako Eino Kalevi und sein neues Album „Out Of Touch“. Synth Pop mit Steeldrum- Geklimper und manchmal auch etwas Trompeten. In Sachen Abwechslung ist das aber das Höchste der Gefühle. Out Of Touch ist eine einschläfernde CD. Easy Listenning zum Kopf abschalten. Das Energielevel bleibt immer gleich, das Tempo wechselt nie. Dramaturgie ist auf der Platte nahezu nicht vorhanden. Die Songs sind oft nicht voneinander zu unterscheiden. Er hat gute Momente, wo er wie John Maus klingt. Aber wo dieser mit unterschiedlichen Stimmungen spielt, gibt es beim Finnen nur Eintönigkeit. (4 von 10 Punkten)

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Jaakko Eino Kalevi - This World (Official Video) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

Jaakko Eino Kalevi - This World (Official Video)

Caoilfhionn Rose - Awaken

Ihren walisischen Namen spricht man „Kielin“ Rose aus. Ihr Vorname wird zwar Kielin gesprochen. Diese lieblichen, bittersüßen Folk-Melodien sind allesamt angenehm zu hören.  Sie spielte einige Jahre Solo-Klavier. Mit dem Titelsong «Awaken» kam auch ihr musikalisches Erwachen, und sie bekam Lust, mehr Sounds mit anderen Musikern auszuprobieren. Ich hätte gerne noch mehr Experimente vertragen, aber ihrem ruhigen Folk gerne zugehört. (6,5 von 10 Punkten)

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Caoilfhionn Rose - Under The Night Sky (Official Video) [Gondwana Records] | Bild: gondwanarecords (via YouTube)

Caoilfhionn Rose - Under The Night Sky (Official Video) [Gondwana Records]

Kurt Vile – Bottle It In

Aauch wenn er ein Gitarrenriff auf fünf Minuten ausbreitet, oder es sogar über sieben oder zehn Minuten immer wieder abspult – man wird seinem Sound nicht überdrüssig. Es war schon immer die Kraft seiner Melodien, des Songwritings und seiner Tiefenentspanntheit, wegen der man ihm so lange so gerne zuhört. Obwohl er sich auch auf dem neuen Album gesanglich wieder nur in einer Bandbreite von etwa fünf Halbtönen bewegt. Aber Bottle It In ist nochmal besser als die 8 Alben in zehn Jahren davor. Die dezenten Beats überraschen, knarzende Bässe, die seinen Songs zwar einen Sound-Teppich geben, aber das vor sich hin leiernde Moment nehmen. Hier ist jeder Song markant und in seiner eigenen Art beeindruckend. Ob mehr Folk, Americana, Psychedelic, Country-Schieber oder Noir-Western-Sound wie in Cold The Wind Blows. Ich bin begeistert von dieser Platte und freue mich auf sein Konzert nächste Woche in München. Er zeigt hier sein ganzes Können in Sachen Gitarrenrock und Pop. Deshalb gibt es mit zehn Punkten auch die Höchstwertung in der Musik Von Morgen. Den Schluffi gibt er zwar noch auf dem Cover, aber auf Platte ist er absolut auf der Höhe des Geschehens. Von den schönen skurrilen Texten fang ich jetzt gar nicht erst an. (10 von 10 Punkten)

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Kurt Vile - One Trick Ponies | Bild: KurtVileVEVO (via YouTube)

Kurt Vile - One Trick Ponies

Aby Vulliamy – Spin Cycle

Aby Vulliamy aus Yorkshire hat ein erstaunliches Debüt namens “Spin Cycle” gemacht. Es ist erstaunlich wie ausgereift und stilsicher sie schon auf ihrer ersten Platte klingt. Sie expermentiert mit Vokalkunst, Cello-Staccatos, Jazz-Piano, Harfen-Klängen und sie singt dazu mit der kalten Stimme einer Nico. Wer die entrückten Klänge einer Joanna Newsom mag, ist hier auch goldrichtig. Die mehrstimmigen Klagelieder, die dissonanten Streicher und die Trübsal blasenden Trompeten – das ganze kombiniert sie zu einem düsteren Soundtrack. Wenn man auf die Musikerliste der Platte sieht, dann kommt man der musikalischen Reife allerdings auf die Schliche. Bill Wells vom National Jazz Trio of Scotland spielt mit und aus seinem experimentellen Kosmos stammt auch Vulliamy. (9 von 10 Punkten)

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Aby Vulliamy - This Precious Time | Bild: Karaoke Kalk (via YouTube)

Aby Vulliamy - This Precious Time

Der Nino aus Wien – Der Nino aus Wien

Der Nino aus Wien veröffentlicht sein zehntes Album in zehn Jahren. Eine ganz gute Leistung für jemand, der sich eigentlich als grundsätzlich faulen Typen bezeichnet. Es ist wieder diese rotweingetränkte Larmoyanz, mit der er sich so viele Fans gemacht hat. Es ist ein Nino-Allround-Album. Mit klassischen Strophenliedern, gefreestylten Instant-Hits wie der Song “Konzert” aber auch mit eingängigen, manchmal zu biederen Refrains. Dazu Klavier, Gitarre, Schlagzeug. Nino aus Wien läuft mir persönlich ein bisschen Gefahr, zu gefällig zu werden, aber bringt zum Ausgleich dann doch immer wieder genügend Wienerischen Schmäh und Morbides mit. (6 von 10 Punkten)

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Der Nino aus Wien - Unentschieden gegen Ried (official video) | Bild: ProblembaerRecords (via YouTube)

Der Nino aus Wien - Unentschieden gegen Ried (official video)

Elvis Costello – Look Now

Erst im Juli gab es für Elvis Costello eine bittere Nachricht. Die Ärzte haben Krebs bei ihm entdeckt. Nur drei Monate später ist der Krebs aber erfolgreich entfernt und Costello hat gleich eine neue Platte gemacht. Es ist also ein Comeback aus einer schwierigen Phase. Den trotzigen Titel „Look Now“ darf man sicher auf den Krebs beziehen. Als ob er sagt: „Seht her – ich leb und kann noch“. Es trifft zu. Elvis Costello ist nach wie vor voller virtuoser Melodien. Manchmal mir persönlich etwas zu überbordend und theatralisch, aber einfach immer noch ein begnadeter Texter und Songwriter. Er klingt frisch und spielt sich mit Orchester-Kompositionen, Gospel-Chören, genauso wie mit Laidback-Blues und einfühlsamen Piano-Balladen. Keine Spur von Altersmüdigkeit. Das ist Costello at its best. Vor allem die Solosongs im Mittelteil der Platte - wie Unnamed Number, Don´t Let The Sun Go Down, oder Suspect My Tears. (8 von 10 Punkten)

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Elvis Costello & The Imposters - Suspect My Tears | Bild: ElvisCostelloVEVO (via YouTube)

Elvis Costello & The Imposters - Suspect My Tears

John Grant – Love Is Magic (6,5)

Es ist das elektronischste Synth-Album von John Grant. Klares Highlight der Platte der 7 Minuten lange Track Diet Gum. Grant holt hier zum Rant aus und klingt dabei wie James Murphy vom LCD Soundsystem. Der Rest ist eher schleppendes Synthiepop-Gestampfe. Es gibt tolle, im Bariton gesungene Balladen wie „Is he Strange“ und wieder jede Menge homosexuelle Anspielungen wie in „He Got His Mothers Hips“. Das macht Love Is Magic zu einer soliden John Grant Platte, aber nicht zu seiner Besten. (6,5 von 10 Punkten)

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John Grant - Is He Strange (Official Audio) | Bild: John Grant (via YouTube)

John Grant - Is He Strange (Official Audio)

Karies – Alice

Seit etwa fünf Jahren zählt die Stuttgarter Postpunk Szene zu einer der vitalsten Musikbewegungen in Deutschland. Der Name “Schwaben-Seattle” fällt da gerne mal: Die Nerven, Human Abfall, Messer, Pisse sind in meinen Ohren alles wohlklingende Namen, weil sie für wunderbar düstere aggressive gute Postpunk Musik stehen. In diesem Atemzug muss man auch die Band Karies nennen. Karies haben sich auf dem Vorgänger Album noch so angehört, wie sich Karies im Zahn anfühlt. Es war ein pochendes, schmerzendes, unangenehmes Album. „Alice“ ist melodiöser.  Produziert hat es Max Rieger, der Sänger der Nerven. Das Album ist allerdings nicht so sperrig und voller Unwucht, Abneigung und Noise. Karies sind immer noch schwermütige Melancholicher. Das Album ist Schattendurchfluttet und beklemmend grau und eintönig wie die Stuttgarter Innenstadt. Sie verfolgen klare, traurige Melodien, das Schlagzeug untermalt die Gitarren-Akkorde und Wall Of Sound eher, als dass es sie zerstückelt. Karies sind zugänglicher und nicht ganz so sperrig wie viele ihrer Stuttgarter Kollegen. Mit den Progrock-Elementen lassen sie sich jetzt eher mit großen Helden des Genres wie Mogwai vergleichen. (6,5 von 10 Punkten)

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Alice | Bild: Karies - Topic (via YouTube)

Alice