Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche DJ Koze | Jon Hopkins | Damien Jurado

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von DJ Koze, Jon Hopkins, Damien Jurado, Auf, Gaz Coombes, Iceage, Leon Bridges, Tove Stryke, Royce Da 5´9´´, Eleanor Friedberger, Jan Jelinek, Fuck Yeah, G. Rag und Zelig Implosion Deluxxe.

Von: Ralf Summer

Stand: 03.05.2018

Cover: DJ Koze - "knock knock"  | Bild: Pampa Records

„Knock Knock“ heißt das neue Album von Stefan Kozalla. Hamburgs DJ-Produzent zählt zu den beliebtesten und versiertesten Dance-Producern im Lande – und das schon seit 25 Jahren. Auch fünf Jahre Pause hat der britische Elektroniker Jon Hopkins für sein neues Werk gebraucht – inzwischen wohnt der Londoner in L.A. und wollte einen „erhebenderen Sound“ für seine neue Platte haben. Damien Jurado liefert seit Jahren beständig gute Singer-Songwriter- / Indie-Folk-Musik: auf seinem neuen Album klingt er nach 60s. Außerdem hören wir hinein in die neuen Aufnahmen von Auf, Gaz Coombes, Iceage, Leon Bridges, Tove Stryke, Royce Da 5´9´´, Eleanor Friedberger, Jan Jelinek, Fuck Yeah, G. Rag & Zelig Implosion Deluxxe …

DJ KOZE – Knock Knock

Sein letztes Album „Amygdala“ war Album Des Jahres 2013 von Nachtmix und Zündfunk/Bayern2. Danach erschien seine gefeierte „DJ Kicks“-Mix-CD, nur noch wenige Remixe für Caribou oder Moderat – DJ Koze hat es ruhiger angehen lassen. Und war mehr in seinem Zweitdomizil in einem katalanischen Dorf. Kein Wunder: ist der Flensburger nun schon ein Vierteljahrhundert dabei: „ich liefere wie ein Pizzajunge – und das seit 25 Jahren“, wie er in einem Interview zur neuen Platte sagt. Stefan Kozalla, früher bei Fischmob und International Pony, hat es 2018 vermieden, trendigen Clubsounds hinterzujagen. Stattdessen waren es melancholische Euphorie und unterschiedlichste Stimmen, die ihn interessiert haben: u. a. singen Roisin Murphy (Moloko), Kurt Wagner (Lambchop) oder José González auf „Knock Knock“. Alles ist um die Mitte der Platte angeordnet: „Pick Up“ mit einem alten Soul-Gesangs-Sample von Gladys Knight – das Stück erinnert an Daft Punk und den französischen Filter-House-Sound der späten 90er. „Ich habe es schon beim Coachella Festival gespielt, da ist die Hütte abgebrannt. Das wird meine Lebensversicherung“, wie er seiner Heimatzeitung, den Kieler Nachrichten sagte. In Kalifornien ist auch das Cover entstanden: Koze mit Hut auf einem Joshua Tree. Keine Neu-Erfindung, sondern eine Verfeinerung des Kosi-Sounds. Man erkennt ihn inzwischen sofort ab Sekunde 1. (8,5 von 10 Punkten)

JAN JELINEK – Loop-Finding-Jazz-Records (Re-Release)

Eine der drei Veröffentlichungen von Jan Jelinek, dem Elektronik-Frickler aus Berlin. Seine „Loop-Finding-Jazz-Records“ erschien 2001, zählt zu den besten Clicks And Cuts-Platten überhaupt: Jelinek hat Schnipsel, Schnipper und Kratzer von alten (Jazz-) Platten gesampelt, und daraus neue Musik erschaffen. Das Vinyl war über 10 Jahre vergriffen und wird nun von ihm selbst wiederveröffentlicht. Für manche Kritiker wie eine japanische Wassertortur (Clicks wie tröpfelndes Wasser), für andere „eine Art von Klang-Negativ“ oder „akustischer Moiré-Effekt: zwei Überlagerungen erzeugen eine dritte Dimension im Klangreich“. Es rappelt in der Kniste, herrliche Knistertronica! (8 von 10 Punkten)

AUF - Getimed

Das Berliner Duo mit seinem Debüt auf dem Klangbad Label – von den Krautrockern Faust. Auf sind Anne Rolfs, die singt und Gitarre spielt – Fans kennen sie von ihrer früheren Band Wuhling. Auf dem Auf-Schlagzeug sitzt Mathias Brendel. Anne hat eine sehr einprägsame, zarte, hohe (Flüster-) Stimme, die Texte sind knapp und vage, der Drum-Sound ist oft heftig aber immer virtous. Ein schöner Kontrast, dank viel Übung zur Meisterschaft getragen. „Vielleicht ergeht es mir im Studio wie einem Leichtathleten, der jahrelang nur für diesen einen Lauf bei der Olympiade trainiert hat“, sagt Rolfs zur Aufnahme. Journalist Christoph Twickel beschreibt „Getimed“ treffend so: „Man muss AUF sehr sehr laut hören, um zu spüren, wie zart sie ist.“ (7,5 von 10 Punkten)

DAMIEN JURADO - The Horizon Just Laughed

Nach 20 Jahren hat der US-Musiker aus Seattle zum ersten Mal ein Album selbst produziert. „The Horizon Just Laughed“ ist eine Platte, die sich aus seinen Briefen, Erzählungen und Postkarten zusammensetzt, wie Jurado sagt. Die Platte klingt nicht nur nach den analogen 60ern („Florence-Jean“, „Random Fearless“), sie bedient vorerst auch nur die Analog-Fans: morgen kommen LP und CD (und Kauf-Download) raus, die Streamingportale werden erst in zwei Monaten bedient. Was für ein zuverlässiger Singer-Songwriter! (7,5 von 10 Punkten)

KING GIZZARD & THE WIZARD LIZARD – Gumboot Soup

Vor kurzem gastierten die australischen Psychedelik-Rocker in der neuen Münchner Konzert-Location Neue Theaterfabrik. War den Besuch wert. Schöne, übersichtliche Halle mit vielen Kronleuchtern. Dazu die trippigen Visuals von KG&TWL. „Gumboot Soup“ ist das fünfte und letzte Album ihrer Reihe, die sie den Fans für 2017 versprochen hatten. Diesmal gehen sie Richtung Prog-Rock und Doom-Poop, wie sie selbst sagen. Und stimmt: es wird nicht mehr in ellenlangen Soli gerockt, sondern zum Teil flockig gepoppt – bei „I´m Sleepin´ In“ merkt man, dass sie mit den kalifornischen 60´s-Soul Poppern The Mild High befreundet sind (und tourten). „Gumboot Soup“ kam digital schon am 31.12. raus – nun auch physisch. (7,5 von 10 Punkten)

ICEAGE - Beyondless

Das dänische Quartett zählt zu den von anglo-amerikanischen Medien am meisten beachteten Bands Skandinaviens. Das vierte Album wird die Kopenhagener noch größer machen. Auch wenn die Hardcore-Anfangstage inzwischen oft weit weg klingen. Mit Posaune und Trompete kommt weiter mehr Licht ins Dunkel dieser Band. Und mit Sky Ferreira als Gast-Sängerin auf der Single „Pain Killer“ ebenso. Das neue Album stellten die Post-Punks mit Violine und Saxofon vor – beim renommierten Eurosonic-Festival. Und zum Release, am Freitag, 4.5., treten sie in Berlin im Privat Club auf. Einzigartige Truppe! (7 von 10 Punkten)

GAZ COOMBES – The World’s strongest Man

Supergrass begannen zum BritPop-Höhepunkt 1995: ihr Debüt „I Should Coco“ landete auf der 1 zu Hause in UK, die Single „Alright/Time“ verfehlte nur knapp die Spitze. Die beiden ersten Alben holten Platin auf der Insel und der Sänger mit den ausgeprägten Koteletten, Gaz Coombes, erwies sich als begnadete Hit-Maschine: „Caught By The Fuzz“, „Sun Hits The Sky“ und „Pumping On Your Stereo“ waren weitere Indie-Kracher. Nach dem Ende 2010 ging Coombes solo. „The Oaks“ hat fast nen Kraut-Rock-Beat, „Weird Dreams“ kommt mit HipHop-Claps daher. Höhepunkt ist das elegische „Wounded Ego“, das an Doves / Elbow erinnert – mit Chor am Ende. (6,5 von 10 Punkten)

LEON BRIDGES – Good Thing

Seit seinem ersten Album ist sein Leben auf den Kopf gestellt – dank des Top-10-Erfolgs ist Leon Bridges ständig auf Reisen, er spielte u. a. vor den Stones, mit Pharrell und im Weißen Haus. Drei Jahre nach „Coming Home“ nun Album Nummer 2 des US-Soul+Gospel-Sängers. „Good Thing“ klingt anders: denn Bridges hatte genug von den Retro-Soul-Vergleichen mit Otis Redding und Sam Cooke - und hat sein Spektrum erweitert. Stellenweise klingt er nach Prince („It Feels Good (Then It Must Be)“), nach Disco („You Don´t Know“), 80er-Pop („Forgive You“) und nach jazzy R´n´B. Die Stücke richten sich an eine fiktive Frau, der er erklärt, dass sie ihre Liebe nicht von seinem Lebensstil als Musiker abhängig machen soll. Ob er wieder 100.000 Einheiten allein vom Vinyl verkaufen wird? Wohl nicht mehr unter Retro-Puristen. (6,5 von 10 Punkten)

JON HOPKINS - Singularity

„Immunity“ hieß sein Durchbruchs-Album 2013 und der Hit draus, das knackig-technoide „Open Eye Signal“ war unsere Nummer 2 bei den Songs des Jahres 2013 (nach „Get Lucky“). Der Brite zählt neben Caribou und Four Tet zu den großen Namen der englischen Elektroniker, die auch von Indie-Pop-Fans wahrgenommen werden. Inzwischen ist der Londoner nach L.A. gezogen und hat fünf Jahre gewartet: er wollte sich nicht selbst kopieren und erst dann wieder Musik machen, wenn er bereit für neue Sounds ist. Als neuer Nachbar vom anderen Electronic-Star Bonobo fand er zurück ins Studio: erhebender sollte „Singularity“ klingen, kosmischer, positiver, psychedelischer – lebendiger Krach“, wie er der Groove sagte. Nicht ganz unschuldig sind Meditation und Yoga – um runterzukommen vom Tour-Stress (er war mit Moderat und Four Tet unterwex). Auf „Feel First Live“ taucht plötzlich ein 15-köpfiger Chor auf. Die Tracks haben auch mehr Unterschiede im Tempo und Rhythmus als bisher, der Clubaspekt spielt eine geringere Rolle. Jon Hopkins war so frei und hat seinem organischen Techno das Zwingende genommen. Bleibt aber knackig, wo es der Druck verlangt. Eine Platte, die als "ein sich entfaltendes und dann wieder einklappendes Universum" verstanden wissen will, beginnend und endend mit der selben Klavier-Note. (8 von 10 Punkten)

ROYCE DA 5´9´´ - Book of Ryan

Der Detroiter ist mit seinem Kumpel Eminem auf Tour und startete mit Rap-Produzenten-Legende DJ Premier (Gang Starr) das neue Duo PRhyme – nun legt er ein Solo-Werk nach. Es ist das Siebte und trägt auch seinen Vornamen im Titel: „Book Of Ryan“. Darauf verhandelt Ryan Daniel Montgomery ua seine privaten Rückschläge – er ist Vater von fünf Kindern - mit langjähriger Alkoholsucht. Seit einigen Jahren ist Royce Da 5´9´´ sauber. Auf der neuen ruhigen Single „Boblo Boat“ ist der neue Rekord-Rapper J Cole als Gast dabei. Royce ist gut vernetzt – kein Wunder: er war schon  Ghostwriter für Stars wie Dr.Dre oder Diddy. 5´9´´ meint seine Körpergröße (von 1,75m). (6 von 10 Punkten)

ELEANOR FRIEDBERGER - Rebound

Mit den Fiery Furnaces spielte sie in den 00er-Jahren sieben Alben ein – es war die Band mit ihrem Bruder Matthew. Seitdem geht die New Yorkerin solo – nun liegt mit „Rebound“ Album Nummer 4 vor. Eleanor war mit Britt Daniel von Spoon und mit Alex Kapranos von Franz Ferdinand zusammen – beide haben ihre einen Song gewidmet. Auf ihrer neuen Platte probiert sie es leicht elektronisch: „synthier and smokier“ nennt sie das Material: „groovy goth-club energy sounds“. Meint sympathischen Electro-Indie-Pop. Besonders gelungen: das zurückgenommene „The Letter“ und die Single „Make Me A Song“ mit der (ironischen ?) Beteuerung „I can love you more“. Die englisch-sprachige Rock-Presse (Mojo, Q, Uncut) zeigt sich begeistert: Stücke wie „Make Me A Song“ oder „In Between Stars“ wären „vibrierend“,“schwingen nach“, „als ob sie ihre Jugend zurückgewonnen hätte“. (7 von 10 Punkten)