Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Our Girl | Animal Collective | Death Cab for Cutie

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Davey Woodward and the Winter Orphans, Mitski, Cullen Omori, Slaves, Ariana Grande, Trevor Powers und Papa M.

Von: Angie Portmann

Stand: 17.08.2018

Album Cover Our Girl - Stranger Today | Bild: Cannibal Hymns

Death Cab for Cutie  - Thank you for today

20 Jahre nach Erscheinen ihres Debütalbums und ohne Gründungsmitglied Chris Walla veröffentlichen Death Cab for Cutie ihr neues Album "Thank you for today". Das erste was auffällt: das Keyboard, omnipräsent und etwas cheesy. Später eine Gitarre, die mal an New Order, mal an The Cure erinnert. Beinahe hätte ich Death Cab for Cutie nicht wiedererkannt. Ich mochte ihren sanften Indie-Gitarren-Pop früher ausgesprochen gern. Sanft klingen sie immer noch - aber seit ihrem letzten Album "Kintsugi" auch seltsam nach den 80’s. Benjamin Gibbard ist zweifelsohne nach wie vor ein begnadeter Songwriter, der neue Sound allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Ein Sound, der die Songs vermutlich luftig und unbeschwert klingen lassen soll, mir aber einen Ticken zu slick geraten ist. Oder sind Death Cab for Cutie vielleicht auch einfach nur die neuen Prefab Sprout ...? (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Death Cab for Cutie - "Gold Rush" (Official Video) | Bild: Death Cab for Cutie (via YouTube)

Death Cab for Cutie - "Gold Rush" (Official Video)

Our Girl – Stranger today

Our girl aus Brighton bzw. mittlerweile London – das sind die drei Freunde Soph, Josh und Lauren. Ihre Songs heißen "Level", "I really like it" oder "In my head". Herzlich willkommen im den Gehirnwindungen von Soph Nathan, der großartigen Sängerin und Gitarristin von Our Girl. Ihre sehr präzisen, sehr persönlichen Lyrics beschreiben oft einen ganz bestimmten Moment, z.B. das erste Herzflattern, wenn man frisch verliebt ist. Oder der Moment, wenn eine lange Freundschaft langsam in die Brüche geht. Und diese emotionalen Momentaufnahmen werden von Bassist Josh Tyler und Schlagzeugerin Lauren Wilson musikalisch perfekt illustriert. "Stranger today" ist in einem Studio in Stockport entstanden. Das Ergebnis: astreiner fuzzy Dream-Pop. Mit psychedelischen Gitarren, noisigen Drones, einem Hauch Shoegaze und vielen catchy Hooks. Und einer Frische, einer Direktheit, die "Stranger today“ zu einem ziemlich tollen Debüt machen und Our Girl tatsächlich zu einer der vielversprechendsten neuen britischen Gitarrenbands. (7,7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Our Girl - I Really Like It | Bild: OurGirlVEVO (via YouTube)

Our Girl - I Really Like It

Davey Woodward and the Winter Orphans - Davey Woodward and the Winter Orphans

Vielleicht erinnert sich noch der ein oder anderer an die 80’s Indie-Pop-Legende The Brilliant Corners bzw. deren Nachfolgeband The Experimental Pop Band. Kopf der Band war Davey Woodward und ihr Sound machte dem Namen alle Ehre. Ein eklektizistischer Mix, der partout in keine Schublade passen wollte. 2012 erschien das letzte Album der Experimental Pop Band, Woodward ging auf Reunion-Tour mit The Brilliant Corners und gründete ein neues Format für seine Ideen. Für sein jüngstes Projekt Davey Woodward and the Winter Orphans hat er sich ganz bewusst Musiker gesucht, mit denen er vorher noch nie zusammengearbeitet hatte. Fünfmal wurde zusammen geprobt, dann ging es ab ins Studio. Entstanden ist so ein unspektakuläres, aber grundsympathisches Folk-Pop-Album. Locker und unaufgeregt. Zwischen Lou Reed und Bob Dylan, 70’s Folk und lässigem Singer/Songwritertum. Angeblich haben alle Beteiligten diese spontane Aktion so genossen, dass es bald sogar ein zweites Album von den Winter Orphans geben soll... (7 von 10 Punkten)

Mitski – Be the Cowboy

Die in New York lebende Japanerin Mitski ist weg von den Gitarren, weg vom klassischen Indierock. Aus Sorge sie könnte als Musikerin auf einen bestimmten Sound festgelegt werden, hat sie für Album Nummer 5 wieder angefangen am Klavier zu komponieren. Und so ist "Be the cowboy" ein wunderbares Mitski-Album geworden, auch ohne den massiven Gitarreneinsatz der letzten beiden Alben, dafür mit einer Portion Synth-Pop, euphorischen Bläsern und sogar etwas Disco. Denn die Songwriter-Qualitäten von Mitski Miyawaki bleiben unbestritten. "Be the cowboy" ist ein Album über das Tourleben und wie man seine Gefühle wieder entdeckt, nachdem man sie lange Zeit unterdrückt hat, da man einfach funktionieren, der coole Cowboy sein musste. Und es geht um die Einsamkeit auf Tour – dagegen hilft laut Mitski nur eins "Dance if you are lonesome". (8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Mitski - Nobody (Official Video) | Bild: MitskiVEVO (via YouTube)

Mitski - Nobody (Official Video)

Animal Collective  - Tangerine Reef

Bisher waren Animal Collective nicht unbedingt bekannt dafür, die Zeit ins Unendliche dehnen zu wollen. Im Gegenteil: die Band aus Baltimore stand eher für eine gewisse Hyperaktivität, einen unbedingten Willen zur Grenzüberschreitung. Aber mit ihrem neuen, mittlerweile elften Album "Tangerine Reef" tauchen Animal Collective jetzt ab in surreale Tiefseewelten, schweben über bunte Korallen und fremdartige Unterwasserlandschaften. Dafür haben sie abstrakte Soundscapes wie Strömungen aufeinandergeschichtet, haben psychedelische Synthieflächen auf und ab blubbern lassen, haben einen atmosphärischen, sehr ambienten Soundtrack für einen Trip durch die Tiefsee geschaffen. Das klingt streckenweise sehr faszinierend, manchmal aber auch so düster und verstörend wie die Tiefsee selbst. "Tangerine Reef" ist zusammen mit Coral Morphologic entstanden, einem US-amerikanischen Duo, bestehend aus einem Meeresbiologen und einem Musiker, das vor allem für seine spektakulären Unterwasservideos bekannt ist. Ab morgen steht "Tangerine reef" in den Läden und dann kann man sich auch den visuellen Teil auf der Homepage der Band ansehen. Anlass für dieses audiovisuelle Gesamtkunstwerk ist das Internationale Jahr des Riffs 2018. Definitiv eine gute Sache, auf dessen Bedrohung aufmerksam zu machen, auch wenn Animal Collective mit "Tangerine Reef" nicht unbedingt ihr bestes Album abgeliefert haben – aber vielleicht ist es auch gar nicht als solches gedacht. (6,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Tangerine Reef - The Audiovisual Album by Animal Collective & Coral Morphologic (Official Film) | Bild: Animal Collective (via YouTube)

Tangerine Reef - The Audiovisual Album by Animal Collective & Coral Morphologic (Official Film)

Cullen Omori – The Diet

Cullen Omori war einmal der Frontmann der Smith Westerns, einer Indie-Rock-Combo, die sich allerdings schon nach drei Alben auflöste. Cullen machte alleine weiter und veröffentlicht mit „The diet“ jetzt schon sein zweites Soloalbum, wieder auf SubPop. Wie man hört ist Omori nach wie vor Fan der 60’s, liebt 70’s Glamrock und auch 90’s Britpop. Sein größtes Idol dürfte T. Rex sein und natürlich er selbst. Denn selten hat sich einer so konsequent und hemmunglos im alten Glamour gewälzt wie Omori. Das hat durchaus seinen Charme, ist aber auf Dauer etwas redundant. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Cullen Omori - Happiness Reigns [OFFICIAL VIDEO] | Bild: Sub Pop (via YouTube)

Cullen Omori - Happiness Reigns [OFFICIAL VIDEO]

Slaves – Acts of fear and love

Hört man die Slaves, sieht man die Plastikbecher regelrecht durch den Bierdampf segeln und den  Schweiß von der Decke tropfen. Kantige Riffs, catchy Refrains und Mitgröhlmomente galore. UK-Punk für den "weekend warrior". Aber die Slaves können noch mehr. Auf ihrem neuen Album "Acts of fear and love" haben sie ihr Songwriting weiter ausgebaut, gönnen sich auch ruhigere Momente. "Daddy" ist z.B. die beschauliche Songskizze einer elterlichen Midlife-Crisis. Weiteres Lieblingsthema der Slaves auf ihrer dritten Platte: die Digitalisierung. Egal wie mies es der britischen Gesellschaft gerade geht – im Netz haben alle ein zweites, strahlendes Ich, führen ein sorgloses Leben, das mit der grauen Realität schon lange nichts mehr zu tun hat ("The lives they wish they had"). Das ist weder neu noch lustig, der höchst abwechslungsreiche Schweinerock der Slaves macht aber trotzdem Laune. (7,3 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Slaves - Cut And Run (Official Video) | Bild: SlavesVEVO (via YouTube)

Slaves - Cut And Run (Official Video)

Ariana Grande – Sweetener

Letzte Woche ist erst - nach langem hin und her - das neue Album von Rap-Queen Nicki Minaj erschienen, diese Woche folgt ihr Popsternchen Ariana Grande. Mittlerweile ebenfalls ein Megaseller im Musik-Business und deshalb auch von der Plattenfirma unter Verschluss gehalten. Aber drei Songs gibt es schon vorab – darunter auch eine relativ ambitionierte Kollabo mit besagter Nicki Minaj "The light is coming", produziert von Pharrell Williams. Mit diesem Album werden vermutlich wieder alle bedient werden: "The light is coming" feat. Nicki Minaj kümmert sich um die Hip Hop-Fraktion. Der Schmachtfetzen "No tears left to cry", u.a. geschrieben vom schwedischen Starproduzenten Max Martin, geht an alle, die Ariana Grande für die neue Mariah Carey halten. Und mit "God is a woman" feiert Grande sich selbst als pseudo-spirituelle Pop- und Sex-Göttin. (noch ohne Wertung)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Ariana Grande - the light is coming ft. Nicki Minaj | Bild: ArianaGrandeVevo (via YouTube)

Ariana Grande - the light is coming ft. Nicki Minaj

Trevor Powers  - Mulberry Violence

Bis vor drei Jahren war Trevor Powers noch Youth Lagoon und veröffentlichte als solches auf Fat Possum psychedelischen Bedroom-Pop. Jetzt ist das erste Album von Trevor Powers unter seinem eigenen Namen erschienen, Titel "Mulberry Violence". Hatte sich der gebürtige Kalifornier bis dato immer noch hinter einem Pseudonym versteckt, wirkt "Mulberry Violence" jetzt wie das Ergebnis einer Verpuppung:  düsterer, zerbrechlicher Avant-Pop, der streckenweise ausgesprochen artifiziell und edgy klingt. Gespickt mit verstörenden Samples und trotzdem von einer Sensibilität, einer Sanftheit, die Trevor Powers neues Album sehr eigen, sehr speziell macht. (7,3 Punkte von 10)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Trevor Powers - Ache | Bild: Trevor Powers (via YouTube)

Trevor Powers - Ache

Papa M – A broke moon rises

Hinter Papa M steckt die Postrock-Legende David Pajo fame of Slint, Aerial M und vielen anderen. Die vergangenen Jahre waren für Pajo alles andere als einfach. 2015 versuchte er, sich das Leben zu nehmen. In den Monaten darauf plädierte er in Interviews immer wieder für mehr gesellschaftliche Akzeptanz in Sachen Depressionen. 2016 dann sein Comeback als Papa M. Wenig später hatte er einen schweren Motorradunfall und war monatelang an den Rollstuhl gefesselt. Mit "A broke moon rises" tut er nun das, was heute kaum einer mehr macht: er setzt - völlig oldschool - nur auf akustische Instrumente. "Music for four guitars" lautet dann auch der Untertitel dieses minimalistischen, ja fast meditativen Instrumental-Albums, mit dem Pajo mal wieder zeigt, was für ein ungewöhnlicher, was für ein großartiger Gitarrist er ist. (7 Punkte von 10)