Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Courtney Barnett | Skee Mask | Parquet Courts

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Skee Mask, TT, Michael Rault, John Maus, Örvar Smárason, Uniting of Opposites, Paul Kalkbrenner,Gas, Courtney Barnett, Stephen Malkmus & the Jicks und den Parquet Courts.

Von: Angie Portmann

Stand: 17.05.2018

Courtney Barnett | Bild: Mom And Pop Music

Courtney Barnett – Tell me how you really feel

Die tolle Courtney Barnett stellt mit „Tell me how you really feel“ momentan das ZF-Album der Woche und das völlig zu Recht. In dem Album geht es um ihre Gefühle, ihre Verletzlichkeit aber auch ihre Wut. Um #metoo und um das Tourleben, die damit verbundene Einsamkeit und Entfremdung. Denn ist man dann endlich wieder mal zu Hause in Australien, singt sie, sind aus Freunden plötzlich Fremde geworden – und Fremde behandeln dich wie ihre besten Freunde. Dazu der typische Courtney Barnett-Sound, voller fabelhafter Melodien und grandioser Hooks. Die Gitarren mäandern in cooler Slacker-Manier durch die Songs. Manchmal rotzig und wütend, manchmal melancholisch und introvertiert, aber nie ohne das Moment Hoffnung. Gleich im ersten Song wird dieses Gefühl zu dem Fantasie-Wort „Hopefullessness“ komprimiert, Optimismus und Depression verschmelzen hier perfekt zu einem wunderbaren Stück Musik. Mehr dazu auf der Zündfunkseite auf Bayern2.de. (8,5 Punkte von 10)

Skee Mask – Compro

Nach seinem Debüt im Jahr 2016 ist „Compro“ jetzt das zweite Album des Münchner Produzenten Bryan Müller als Skee Mask. „Compro“ beginnt geheimnisvoll verhalten, um im Laufe der Platte immer konkreter und vor allem tanzbarer zu werden. Die Alarmglocken beginnen zu schrillen, der Bass wummert bedrohlich und die Breakbeats werden immer intensiver. Extraterrestrische Synthieflächen katapultieren uns in die eisige Kälte des Winters. Sogar bei Pitchfork gab es dafür super Noten: „a shining hybrid of breakbeats and ambient textures“ ... „one of the best dance records of the year.“ (8,5 Punkte von 10)

Stephen Malkmus & the Jicks – Sparkle hard

Apropos Slacker-Sound: Hier kommt einer seiner Erfinder, Stephen Malkmus. In den 90ern Pavement-Sänger, seit 17 Jahren mit den Jicks unterwegs. Als Stephen Malkmus 2012 das Can-Album „Ege Bamyasi“ live aufführte und kurz darauf das gleichnamige Album erschien, war ich gerührt und gleichzeitig etwas besorgt. Gingen andere Bands (wie zuletzt Nada Surf) mit ihren eigenen Erfolgsalben auf Tour, um so die Bandkasse aufzubessern, wählte Malkmus die alten Krautrockhelden und huldigte Can statt sich selbst. Cooler Move, einerseits. Andrerseits fürchtete ich, Malkmus würde jetzt zur Experimentalfraktion abwandern und es gebe nie wieder ein neues Album von ihm und seinen Jicks. Nie wieder diese Wahnsinns-Hooks, diese so angenehm verzerrten Gitarren, diese großartigen Melodien. Plus diesem nöligen, herrlich zynischen Gesang. Aber das war natürlich Quatsch. Schon 2014 erschien mit „Wig out at Jagbags“ ein neues Malkmus-Album, gefolgt von „Sparkle Hard“, das morgen rauskommt. Und das mich, ich gestehe, völlig wegbläst. „Sparkle hard“ ist die perfekte Fusion von Pavement und Can, von Slacker- und Krautrock, von Pop und Gitarrenexperiment. Ein zeitloses Amalgam, das sich nimmt, wonach ihm gerade der Sinn steht und mit einer unglaublichen Leichtigkeit für seine Zwecke adaptiert bzw. ironisiert: also z.B. 60’s Pop, 70’s Rock, 90’s Indie, Americana, Autotune, Avantgarde usw ... plus die Stimme von Kim Gordon als Special Guest. Ein sehr ambitioniertes Werk und mein persönliches Album der nächsten Woche, „Sparkle hard“ von Stephen Malkmus & the Jicks. (8,5 Punkte von 10)

Parquet Courts – Wide Awake!

Ihr letztes Album hatten die Parquet Courts aus New York zusammen mit dem italienischen Soundtrack-Komponisten Daniele Luppi aufgenommen, das war 2017 und „Milano“ war damals AdW im ZF. Und auch „Wide Awake!“ hat das Zeug dazu. Denn der lässige Postpunk der Parquet Courts klingt nach wie vor fabelhaft und streckenweise auch sehr funky. Produziert hat diesmal Danger Mouse, der auch schon zahllose andere Bands auf ein neues Level gehievt hat, weil er es wie kein anderer versteht, den Sound einer Band aufzupolieren und mainstreamkompatibler zu machen. A. Savage, Sänger und Gitarrist der Band und bekennender Black-Flag-Fan hatte es sich diesmal zum Ziel gesetzt, dem aktuellen Hass, der Wut etwas entgegenzusetzen, nämlich Leidenschaft, Liebe und den richtigen Groove. Egal welcher Art. Also egal ob die Parquet Courts mal nach Bad Religion, Beastie Boys, Sleaford Mods oder, äh, ja, auch das hört man diesmal, Rolling Stones klingen, sie wollen, dass wir zu ihren politischen Statements tanzen. Und zwar alle. Oder zumindest mehr Menschen als bisher. Und das dürfte dank Danger Mouse auch bestens funktionieren. (8 Punkte von 10)

TT – Lovelaws

Theresa Wayman ist normalerweise Sängerin und Gitarristin bei der Dreampop-Band Warpaint. „Lovelaws“ ist ihr Solo-Debüt als TT. Ein Album rund um die Liebe und ihre Gesetze. Denn auch wenn Wayman ihre romantische Seite, wie sie selbst sagt, nicht unbedingt schätzt, war es für sie umso wichtiger, mal ein Album darüber zu machen. Zu ihrer Sehnsucht und damit auch zu sich selbst zu stehen. Dafür hat die Kalifornierin  begonnen mit Sounds a la David Lynch zu experimentieren und schleppende TripHop-Beats zu programmieren. Ein interessanter Ansatz, der allerdings nicht ganz aufgeht, wie ich finde. Denn auf Albumlänge wird das Ganze etwas fad, sind die Songs zu schwach – aber vielleicht bin ich auch einfach nicht romantisch genug. (6,5 Punkte von 10)

Michael Rault – It’s a new day tonight“

Das neue Album des Kanadiers Michael Rault erscheint auf Wick Records, einem Daptone-Unterlabel. Rault macht aber auch keinen reinen Soul, sondern eher super entspannten 70’s Folk Pop mit einem sanften Soultouch. Das klingt jetzt als Konzept etwas einschläfernd und das soll es auch sein. Denn „It’s a new day tonight“ ist ein Album übers Schlafen. Dazu Michael Rault: "Schlafen und Träumen sind für mich sehr attraktive Konzepte", so Rault. "Sie sind für mich eine kleine Flucht aus den vielen frustrierenden und unbefriedigenden Dingen, die mich im Alltag so plagen". Wie wahr. (6,5 Punkte von 10)

John Maus – Addendum

John Maus aus Austin, Minnesota, Doktor der Politikwissenschaften und Keyboard-Liebhaber mit einem Hang für Abseitiges hat 2006 sein erstes Soloalbum veröffentlicht, „Addendum“ ist jetzt schon Nummer sechs. Wie der Name vermuten lässt, ist „Addendum“ eigentlich kein eigenständiges Album, sondern ein Anhang. Entstanden während der Aufnahmen zur Vorgängerplatte „Screen memories“, die John Maus im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Mit dem typischen Keyboardsound plus Kathedralenhall, seinem USP, seinem Alleinstellungsmerkmal, und dem signifikanten Bariton. Allerdings klingt der avantgardistische Synth-Pop von John Maus aktuell insgesamt weniger getragen, weniger apokalyptisch als zuletzt. Für John Maus-Verhältnisse sogar fast funky und frech bis absurd. „Addendum“ ist bereits im April als Teil eines 6 LP-Box-Sets erschienen. Sehr aufwändig das Ganze, jedes seiner bisherigen Alben kommt hier auf Vinyl und jede Platte in einer anderen Farbe, plus Poster, erweiterten Booklets usw. Als Einzelalbum ist „Addendum“ allerdings erst jetzt zu haben, dann auch als schnöde CD bzw. Download. Und mit symptomatischen Songtiteln wie „Outer space“. Denn der Space-Core von John Maus bleibt incredible strange und einzigartig, so klingt nur John Maus im Moment. Und wer kann das schon von sich behaupten... (7,5 Punkte von 10)

Örvar Smarason – Light is liquid

Örvar Smarason ist eine der Schlüsselfiguren, wenn es um isländische Folktronica geht. So hat er in den letzten 20 Jahren schon in unzähligen Bands gespielt. Neben Múm waren das FM Belfast, Slowblow, Singapore Sling, Benni Hemm Hemm und im vergangenen Jahr die Supergroup Sóley, Sin Fang und Smárason und ihr Album „Team Dreams“. Jetzt erscheint das Solo-Debüt des Isländers, „Light is liquid“. Ein sehr sphärisches, aber auch slickes Album, psychedelische Poptronica, wie sie auch aus Frankreich kommen könnte. Mit seltsam entrückten Computerstimmen, die ursprünglich eigentlich nur als Platzhalter für Smárasons eigene Stimme gedacht waren, die dem Album letztendlich aber einen wunderbar entrückten Space-Pop-Anstrich geben. (7,5 Punkte von 10)

Uniting of Opposites – Ancient light

Uniting of Opposites ist ein britisches Trio, bestehend aus Tim Liken (AKA Tim Deluxe), Clem Alford und Ben Hazleton. Einem DJ und Produzenten, einem Sitar-Spieler und einem Jazz-Bassisten. Zusammen haben sie jetzt ihr Debütalbum „Ancient light“ aufgenommen. Ein Jazz-Album, das Ost und West, indische Sitar-Klänge und britische Electronica miteinander verbindet, uniting of opposites eben, und das klingt wie ein musikalisches Märchen aus Tausend und einer Nacht. Geheimnisvoll und aufregend. DJs wie Gilles Peterson und Laurent Garnier sind schon begeistert und das wundert mich nicht. (7 Punkte von 10)

Paul Kalkbrenner – Parts of life

Wenn ich abends in meiner Küche steh, hör ich zur Zeit oft meine 18jährige Nachbarin Techno hören – sehr geraden, sauber aufgeräumten, Küchen kompatiblen Techno, mit breiten Synthieflächen und einem sauberen Beat. Nicht wirklich inspiriert, aber offensichtlich funktional. Ich fürchte, das neue Album von Paul Kalkbrenner wird ihr gefallen ... Zehn Jahre nach seinem mega erfolgreichen Album plus Film, also zehn Jahre nach „Berlin Calling“ veröffentlicht Paul Kalkbrenner jetzt „Parts of life“, sein achtes Album. Keine Offenbarung in Sachen elektronischer Tanzmusik ... aber das hat vermutlich auch keiner erwartet. Zwar mit der ein oder anderen kleinen Überraschung wie zum Beispiel der angenehm bockigen Trompete gleich im Opener und einer neuen Roughness. Insgesamt allerdings trotzdem wieder eher ein funktionales Instrumentarium zur Beschallung von Clubs, Festivals und Afterwork-Parties. Aber das Album wird seine Fans finden, da bin ich mir sicher. (6 Punkte von 10)

Gas – Rausch

Ähnlich wie Paul Kalkbrenner hat auch der Kölner Wolfgang Voigt alias Gas die Stücke seiner neuen Platte einfach nur durchnummeriert. Der Kompakt-Records-Mitinhaber hatte im vergangenen Jahr, nach 17 Jahren Gas-Pause, „Narkopop“ veröffentlicht und legt jetzt nach. „Rausch“ heißt sein jüngstes Werk, das bereits am 9. Mai in der Kölner Philharmonie Premiere feierte und uns wie ein schwarzes Loch magisch anzieht. Denn während wir klassische Klänge hören, die an Mahler oder Schönberg erinnern, taucht unter uns die unbeirrbare Bassdrum auf und reißt uns mit sich fort. (7,5 Punkte von 10)