Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Cat Power | Element of Crime | Fucked Up

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Adrienne Lenker, David August, Marie Davidson, Atmosphere, Robot Koch, Kelala, Kristin Hersh, Element of Crime, Fucked Up, Cat Power, Swearin', Phosporescent und Lawrence!

Von: Ralf Summer

Stand: 04.10.2018

Cover: Illusion by Lawrence | Bild: Dial

LAWRENCE – Illusion

Zurück auf seinem eigenen Label Dial, das wir von großartigen Künstlern wie Pantha Du Prince, Carsten Jost, John Roberts, Roman Flügel, Phantom Ghost und Efdemin kennen. Nach zwei Alben bei seinen japanischen Freunden von Mule Musiq, ist der Berliner mit gewohnt jazzy Minimal Sound zurück – wie er gleich beim Opener „Crystal“ zeigt. „Illusion“ wird aber vorerst nur in Japan, Mexiko und Berlin live zu hören sein, wo Lawrence gebucht ist. „Transitions“ reisst mit seinen hell gestimmten Breakbeats den Rhythmus wohltuend auf. In der zweiten Hälfte wird der Sound, die Struktur der Tracks, dunkler, magischer. „Dark Swirl“ stampft zwar erst los, wandelt sich dann aber in eine Art Unterwasser-Mover – mit zischelnder HiHat-Gischt. Melancholischer Techno – darin ist Peter M. Kersten Meister. Schön, dass er diesem Genre auch noch 20 Jahren etwas Neues abgewinnen kann: die Stimmung, das Setting, eine Art Zeitlosigkeit hinkriegt. Wenn jemand Minimal in „warm“ kann, dann er. (8,5 von 10 Punkten)

CAT POWER - Wanderer

Nach einigen Jahren Pause meldet sich Cat Power zurück: die US-Songwriterin klingt auf „Wanderer“ eher wieder folky wie früher. Sie ist inzwischen Mutter geworden, nach Miami gezogen – weil sie mehr Natur brauchte und dort nur 10 Minuten zum Strand hat. Im Interview mit dem Rolling Stone sagte sie, dass sie es leid ist, Menschen zu verlieren, die sie liebt und nicht mehr mit dem Tod abhängen möchte. Deshalb vermeidet sie nun auch Abstürze wie früher. Eine Leidensschwester im Geiste ist auch auf einem Stück dabei: Lana Del Rey ist bei „Woman“ zu hören. Aufgenommen hat Cat Power die Platte selbst – sie sagt, dass auf „Wanderer“ „ihre Reise bis jetzt“ dokumentiert ist: „von Stadt zu Stadt gehen. Mit meiner Gitarre, meinen Geschichten. Wie es Generationen an Folk- und Bluessänger vor mir gemacht haben: sie alle waren ´Wanderer´ und ich bin froh unter ihnen zu sein.“ Und wir sind froh, dass sie wieder da ist. (8 von 10 Punkten)

ROBOT KOCH – Sphere

Nach 15 Jahren Berlin lebt Robert Koch inzwischen in Los Angeles. Der ex-Musiker des Trios Jahcoozi klingt auf seinem fünften Album nach perfekt arrangiertem Cinemascope-Electro. Koch landete in seiner Wahlheimat L.A. mit seinen Songs schon in diversen TV-Produktionen und mit seiner 2015er Coverversion von „California Dreaming“ (von den The Mamas & Papas) im Hollywood-Streifen „San Andreas“. Seine neue Platte „Sphere“ klingt denn auch: sphärisch. Es ist der Soundtrack zu einem neuen Live-Projekt, das Koch mit dem Berliner Zeiss-Großplanetarium entwickelt hat. Die Stücke sind Teil einer Kuppel-Projektion im Planetarium, die den Zuschauer ins All kucken lassen – zur neuen, entrückten Robot Koch-Platte, die einen mit seinen satten Beats aber immer wieder sicher zur Erde zurückkehren lassen. Und die jede Kino-Kitsch- bzw Monumental-Klang-Falle clever umschifft. Das Experiment wird auch auf Musik-Festivals gezeigt werden. Wie sagt man so schön im Englischen dazu: otherworldly! (jenseitig)! (8 von 10 Punkten)

ELEMENT OF CRIME – Schafe, Monster und Mäuse

Element Of Crime haben vor wenigen Tagen ihr neues Album „Schafe, Monster und Mäuse“ im BR-Funkhaus vorgestellt: bei einem Bayern2-Clubkonzert. Wir hörten einen Song unseres Mitschnitts, den es noch ein Monat auf der Bayern2-Homepage zum Nachhören gibt. Seit 34 Jahren machen Sven Regener und Co nun gemeinsam Musik: und so singt diesmal Regeners Tochter Alexandra auf einem Stück mit – auf „Karin, Karin“. Das neue Album wird es erst in einem halben Jahr im Streaming geben. Element Of Crime vergleichen es mit dem Buchmarkt: da gibt es die Taschenbuch-Ausgabe auch erst später. (7 von 10 Punkten)

KRISTIN HERSH – Possible Dust Clouds

In den 80ern gründete Kristin Hersh mit ihrer Stiefschwester Tanya Donnelly in den USA die Indie-Rock-Band Throwing Muses. Sie waren die erste Ami-Band auf dem renommierten Label 4AD – noch vor den Pixies. Die Throwing Muses wurden damals zu einem Synonym für „College-Rock-Feminismus“. Hersh hat mit Michael Stipe von R.E.M. und Howe Gelb gearbeitet und nun erscheint ihr 11. Solo-Album. „Possible Dust Clouds“ ist netter Party-Krach, wie sie sagt – „der Sound, wenn man keine Freunde hat, ein freakin´ Soziopath von Album“, so Hersh, die an bipolaren Störungen leidet und Mitmusiker oft verstört hat. „Eine Platte wie dunkler Sonnenschein“ (Hersh) - trifft es am Besten. Songs, die mit wenigen Akkorden auskommen, die sich einfräsen. (7 von 10 Punkten)

ADRIANNE LENKER - Abysskiss

2017 war sie mit ihrer Band „Big Thief“ eine der Entdeckungen von 2017. Dabei schreibt Adrienne Lenker schon Songs, seitdem sie 10 ist. Die amerikanische Songwriterin hat inzwischen so eine Übung, ihr kommen bei allen Gelegenheiten Ideen für neue Lieder: in Umkleideräumen, in Hotel-Treppenhäusern, in Gärten, Küchen und sogar bei Sounchecks mit der Band. Und so ist nach zwölf Jahren Pause ihr zweites Solo-Album fertig: ist heisst „Abgrund-Kuss“ / „abysskiss“. Es ist minimal gehalten: Adriennes Stimme und Giatrre, dazu ihr Kumpel und Produzent Luke Temple, den manche vielleicht von seiner Band Here We Go Magic kennen könnten. Und magic wurde es vor allem bei „Cradle“ und „Symbol“. Es kann durchaus sein, sagt Adrienne Lenker, dass der ein oder andere runtergstrippte Solo-Song irgendwann mal weiterverarbeitet wird - von Big Thief, zu einer Bandversion. Wir freuen uns! (7 von 10 Punkten)

FUCKED UP – Dose Your Dreams

Vorab gefeiert wurde schon das neue Werk der kanadischen Hardcore-Kapelle Fucked Up - „Dose Your Dreams“ ist Platte Des Monats beim Musikexpress. Das fünfte Album der Band erschliesst sich die Welt vom Punk aus – ist dabei aber offen für Beats und Psychedelik, für Krautrock und Shoegaze. Bleibt aber trotz aller Einflüsse und Ausflüge immer beim wütend gebrüllten Rock. Der aber nie langweilig wird. Liegt vielleicht auch am Konzept: es geht um die Figur des Joyce, angelehnt an James Joyce. Und so wie der Schriftsteller seinem Klassiker „Ulysses“ 18 Kapitel gab, hat auch diese Platte 18 Songs, die sich noch dazu an die 18 Kapitel des Buchs anlehnen. So erlebt die fiktionale Figur auf „Dose Your Dreams“ eine Menge irrealen Mist, wie in einer kaputten Weihnachtsgeschichte. Und das geschlagene 90 Minuten lang. Der berühmte Violinist Owen Pallett, der einige Streicher einspielte, nennt die Platte das „Screamadelica“-Album der Band. Und Nachtmix-Chef Roderich Fabian vergleicht die neue Fucked Up mit „Daydream Nation“, dem Klassiker von Sonic Youth. Und schon kündigt das unberechenbare Kollektiv aus Toronto an, sein Nebenprojekt Zodiac weiterzuführen, weil sie nämlich auch Ambient und Klassik, zur Zeit vor allem Wagner, verarbeiten wollen. (8 von 10 Punkten)

PHOSPHORESCENT – C´est La Vie

Erst der Umzug in die Country-Hochburg Nashville / Tennessee, dort der Aufbau eines eigenen Studios und dann Hirnhautentzündung. Darum hat es fünf Jahre gedauert, bis ein neues Album von Phosphorescent fertig war. Passender Titel: „C´est la vie!“ Aber die Gelassenheit passt - Fans von Matthew Houck und seiner Band sollten zufrieden sein: mit „New Birth in New England“ ist ein Hit auf der Platte, der die Band bekannt machen sollte – auch ausserhalb ihres Country-Indie-Pops. Und vielleicht wird die zweite Single „Christmas Down Under“ ein alternativer Weihnachts-Hit in Australien. Die Steel Guitar mit den langgezogenen Tönen passt sowohl zu weißen als auch zu heißen Weihnachten. Passt auf elegisch-elegantes Mixtape zwischen Bruce Springsteen und War On Drugs. (6,5 von 10 Punkten)

SWEARIN´ - Fall Into The Sun

Nach nur zwei Alben lösten sie sich auf, dann schlossen sie sich wieder zusammen, um (mit Superchunk) zu touren – nun ist das Comeback-Album von Swearin´ da. Das Indie-Rock-Trio aus Philadelphia lebt nun in L.A., was man aber den Songs auf „Fall Into The Sun“ nicht anhört. Kein Sunshine-Pop, sondern weiterhin scheppernder Rock. Der ab und an hymnisch explodieren kann. Wie auf „Grow Into A Ghost“ - dürfte ein Hit werden für Swearin´, die Band um Sängerin und Gitarristin Allison Crutchfield. Früher spielte sie mit ihrer Schwester, Katie Crutchfield – und die kennen wir von ihrer Band Waxahatchee. Swearin´ sind nun in der Coming-Of-Age-Phase ihrer Band – und sagen: „wenn man älter wird, ändert sich der Geschmack und das, was man machen will. ´Fall Into The Sun´ ist unser erwaxenes Album.“ Geben wir trotzdem ohne Altersbeschränkung frei. (7 von 10 Punkten)

KELELA – Take Me A_Part, Remixes

„Take Me Apart“ war in vielen Blogs und Magazinen hoch in den Album-Charts von 2017. Es war das Debüt der äthiopisch-amerikanischen Musikerin Kelela Mizanekristos. Die 35jährige legt nun ein Remix-Album ihres Debüts vor, das im weitesten Sinne moderner R´n´B ist. Befreundete Künstler*innen/Rapper*innen wie Princess Nokia, Cupcakke, Junglepussy, Kaytranada, Serpentwithfeet, Gaika ... haben ihre Tracks auseinandergenommen und wieder zusammengefügt. Oft mit veränderten Vocals. Daher der Titel „Take Me A_Part“. Damit erfüllt sich ihr Traum: schon beim Aufnehmen von „Take Me Apart“ dachte sie an andere Versionen der Stücke. Auch wenn nicht alles Remixes an die Originale heranreichen, zeigen uns die Arbeiten, wie sehr sich avancierter Pop als ein stetiger Fluss der Veränderung versteht. Als Teil eines queeren Flows. (6,5 von 10 Punkten)

MARIE DAVIDSON – Working Class Woman

Eine zum Teil kompromisslos knatternde Elektro-Platte von einer Kanadierin, die in Berlin gelebt hat. Ein Teil der Aufnahmen ihres vierten Albums nahm sie noch in dort auf. Inzwischen wohnt sie wieder in Montréal. Und dürfte mit der auf Ninja Tune erscheinenden Platte bekannt werden. Hat Marie Davidson doch mit „So Right“ und „Work It“ zwei knackige Club-Tracks auf der Platte. Letzterer ist eine sympathische Persiflage auf die Lifecoach-Kultur unserer Tage. Davidson, die mit ihrem Mann auch das Duo Essaie-Pas auf DFA betreibt, singt und spricht hier zweisprachig: Englisch und Französisch. Gern mit Drastik und Humor (Ein Track heisst selbstironisch: „Workaholic Paranoid Bitch“). „Es kommt aus meinem Gehirn und aus meinen eigenen Erfahrungen: das Leiden und der Humor, der Spaß und die Dunkelheit, Marie Davidson zu sein.“ Darum hört sich ein Großteil von „Working Class Woman“ auch eher experimentell an, ein Tasten und Suchen und Sounds zulassen. Ihre Geduld, den richtigen Stil zu finden, scheint sich auszuzahlen, inzwischen ist sie bei großen Festivals wie Primavera oder Sonar gebucht. (7,5 von 10 Punkten)