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Neuerscheinungen der Woche Blood Orange | Mark Lanegan | Interpol und White Denim

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Blood Orange, Interpol, Mark Lanegan, White Denim, Lemon Twigs, Justice, Ohmme, Four Tet, Tunng, BC Camplight und Ólafur Arnalds.

Von: Matthias Hacker

Stand: 23.08.2018

Blood Orange - Negro Swan | Bild: Domino

White Denim – Performances

White Denim aus Texas brillieren mit sehr viel Spielfreude und einer grandiosen abwechslungsreichen Platte. Es sind so tolle mitreißende Southern-Rock Songs. Die Band hat zwar schon immer gute Mukker-Musik gemacht, aber die Songs waren immer etwas überladen. Jetzt finden sie die perfekte Mischung. Die Stücke sind immer noch ziemlich ambitioniert, stecken voller psychedelischer Blues Riffs wie in der Single Fine Slime, drehen in Progrock ab, der Gesang ist oft ziemlich funky und dann wenden sie sich immer so schön in catchy Popmelodien rein. Es langweilt mich nie und klingt total frisch. Der Vergleich mit den Black Keys muss fallen. Aber für mich haben White Denim mit diesem Album die Black Keys sogar überholt. Performance ist keine Revolution, aber es ist einfach unglaublich rund, gut, in sich stimmig. (7 von 10 Punkten)

Blood Orange – Negro Swan

Dev Hynes hat schon so viele interessante Projekte gemacht. Früher in der Punkband Test Icicles, dann zwei Alben als Lightspeed Champion. Er hat Solange Knowles und so viele andere tolle Alben produziert. Zählt zur Creme de la Creme. Als Blood Orange macht er selber Musik und hat sich im Pop Olymp verewigt. Sein letztes Album „Freetown Sound“ war ein Spektakel. Musikalisch lässt er auf Negro Swan wieder sehr viel Prince anklingen, aber auch Free Jazz, HipHop, Sakrale Vocals, R`n`B. So intimer und so zeitgemäßer Sound. Textlich ist Negro Swan wieder sehr privat. Es ist ein Album über Depressionen und über Diskriminierungen, mit denen er und andere queere, schwarze Menschen konfrontiert werden. Im ersten Songs heißt es beispielsweise: „The First Kiss Was The Floor“ – eine traurige Beschreibung, wie man mit queerer Liebe auf die Nase fallen kann. In diesem Album steckt textlich viel  Überzeugung und Selbstbewusstsein. Es ist das Coming Of Age Album eines längst erwachsenen Popstars, der etwas gebraucht hat, um seine Teenager-Ängste auf Platte so einfühlsam zu formulieren. (8 von 10 Punkten)

Justice – Woman Worldwide

Nun etwas aus der alten Zeit der 2000er – damals, als sich die beiden Franzosen von Justice als Remixer und Produzenten in der Elektroszene einen Namen gemacht haben. Das ist ein altes Stück, in leicht abgewandelter Form. Justice haben bisher zwischen jedes Studioalbum ein Livealbum gesetzt. Jetzt haben sie ein Best-Of-Live Album gemacht, dass sie allerdings im Studio produziert haben. Sie haben sich von ihren Arrangements der alten Hits inspirieren lassen. Dabei sind die Unterschiede zu älteren Versionen eher marginal. Es wirkt so, als hätten sie die Songs einfach nochmal vorgelegt. Dann lieber das Geld für ein tolles Justice Konzert sparen, als es in Women Worldwide zu investieren. (3 von 10 Punkten)

The Lemon Twigs – Go To School

The Lemon Twigs sind in der Zeit der Plattensammlung ihrer Eltern hängengeblieben. Ihr Debüt „Do Hollywood“ war ein Highlight für mich. Ein MashUp Album, auf dem sie alle Stile, Hypes und Sounds der 60er und 70er gut zusammengefügt, und ihnen eine frische Note geschenkt haben. Es war eine Hommage. Jetzt der Nachfolger – Go To School. Ein Musical über den netten Schimpansen Shane, der zur Schule geht und sich über diese komische Teenager-Menschen-Welt nur wundern kann. Die Story ist genauso abgedreht wie der wilde Soundmix der beiden. Sie beherrschen ihre Instrumente unglaublich gut, sie komponieren unfassbar gut für Anfang 20-jährige – und mehrstimmig singen? Auch kein Problem. Allerdings machen bei Rockmusicals meine Ohren zu. Obwohl sie so schöne beatle-eske Melodien schreiben, scheinen sie diese dann immer durch einen Bohemian Rhapsody Fleischwolf drehen und mit Todd Rundgren-Mukker Parts aufkochen zu müssen. Das ist Reizüberflutung und too much Retro Kitsch. Ich wollte diese Band gerne mit ihrem zweiten Album feiern, kann es aber leider nicht. (4 von 10 Punkten)

Tunng – Songs You Make At Night

Die Briten beweisen, dass Folktronic noch funktioniert und nach wie vor fluffig klingen kann. Ich mag diese Mischung aus zartem Akustik-Pop und klackernden Folktronic. Es ist ein klasse Durchhör-Album. An mancher Stelle vielleicht etwas zu lieblich, aber es hat auch wirklich große Momente. Auch wenn ein Hit wie „Hustle“ wie beim Vorgänger-Album nicht dabei ist. Aber sie sagen auch selber, dass sie mit dem Album zu ihren Wurzeln zurückwollten. Ich bin froh, dass ihnen das nicht ganz geglückt ist, schließlich haben sie auch mal mit Werbe- und SoftPorno Musik angefangen. (7 von 10 Punkten)

BC Camplight – Deportation Blues

 „Songs You Make At Night“ – würde auch auf BC Camplight passen. Er hat sein neues Werk nämlich auch komplett in der Nacht gemacht.  In der Dunkelheit konnte er sich besser entfalten. Hinter BC Camplight steckt Brian Christinzio, ein US-Amerikaner mit italienischen Wurzeln. Er lebte allerdings auch in Großbritannien. Aber nur zwei Tage, nachdem er dort sein letztes Album veröffentlicht hat, wurde er ausgewiesen. An der Qualität seiner Musik kann es nicht liegen. Es gab Probleme mit dem Visum. Doch er durfte später wieder einreisen und dieses Album dann in Manchester aufnehmen. Er verarbeitet diesen Rausschmiss auf dem Album, das er dementsprechend auch Deportation Blues getauft hat. Pianos, Cembalos, Saxophone und winselnde Trompeten, die man sonst nur aus Noir-Krimifilmen kennt. Ganz viele der Songs tragen cineastisches Material in sich. Es ist ein trauriges Album. Obwohl er doch in England wieder arbeiten durfte, nach seiner Ausweisung, begleiten ihn die Dämonen aus seiner Heimat USA immer noch. BC Campwood beispielsweise singt über seinen Hund und bezeichnet ihn als engsten Freund, er fragt sich, ob er denn nicht eh schon tot sei, oder singt auf einen Synth Beat hoffnungslos „I´m desperate“. Aber am Ende des Tunnels ist doch etwas Licht bei BC Camplight – in Interviews sagt er, dass die Musik ihn im Spiel hält. Wäre das alles nicht so traurig, wäre es einfach nur fantastische eindrückliche intensive Musik. (9 von 10 Punkten)

Mark Lanegan & Duke Garwood – With Animals (8)

Noch ein Mann, der uns wunderbare Musik mit seinen düsteren Launen beschert. Fünf Jahre nach seiner letzten gemeinsamen Platte mit Duke Garwood gibt es nun den Nachfolger. Ein sehr reduziertes Album, das sie wiedermal in den staubigen Wüsten aufgenommen haben, wo Lanegan schon mal mit den Queens Of The Stone Age die Desert Sessions eingespielt hat. Mir wird jetzt noch klarer, dass Mark Lanegan als Sänger auf eine Ebene mit Tom Waits und Nick Cave gehört. Er hat schon so viele Kollaborationen In Kombi mit Isobell Campbell, Josh Homme oder mit Greg Dulli von den Afghan Wigs – Mark Lanegan hat schon oft bewiesen, dass er jeden Song mit seiner Reibeisenstimme und Miesepetrigkeit in echte Weltuntergangsstimmung tauchen kann. (8 von 10 Punkten)

OHMME – Parts 

Das Indierockprojekt von zwei Frauen aus Chicago ist eine tolle Neuentdeckung.  Die Balance aus kratzigen, kantigen, verletzlichen, verwirrenden Gefühlen, die oft in einem Song hintereinander auftauchen. Es ist eine ganz unwillkürliche Mischung – immer wieder erst mächtige Gitarrenriffs und dann gleich wieder ein zierlicher Song, der sich ganz fein ziseliert vor uns ausbreitet. Da ich Abwechslung mag, ist Ohmme mein Fall. (9 von 10 Punkten)

Interpol – Marauder

Ich erinnere mich noch exakt an dem Moment, als ich vor 15 Jahren zum ersten Mal Interpol gehört habe. Turn On The Bright Lights und dann noch Antics. Diese ungewohnten Klangfarben und die düstere Tonalität. Ich habe es geliebt. Doch leider blieben Interpol für mich immer bei den ersten beiden Platten stehen. Was wirklich schade ist, ich habe die Band nämlich auch über die letzten 15 Jahre weiterverfolgt. Sie haben den Weg zum zum düsteren Stadionrock gewählt. Jetzt werden sie auf Marauder wieder rumpliger. Vermutlich hat auch die Tribute Tournee zum 15 Jährigen des Debüts vergangenes Jahr nochmal die alten Geister geweckt. Marauder reicht nicht an die alten Zeiten heran und ich will gar nicht wie ein enttäuschter Alt-Fan klingen. Denn hier klingt die Interpol-DNA von früher wieder etwas durch. (5 von 10 Punkten)

Four Tet – Live In Bauhaus Berlin `07

Überraschend erscheint diese Liveaufnahme vom britischen Star-Produzenten. Im Mai hat er das Konzert im Funkhaus Berlin eingespielt. Für nur 5 Pfund kann man das Album auf seiner Bandcamp Seite runterladen. Da macht man nichts verkehrt. Sein Stil ist schon so wunderbar markant. Das Album liefert einen stimmungsvollen Eindruck des Abends. (8 von 10 Punkten)

Olafur Arnalds – re:member

Das neue Album vom isländischen Multiinstrumentalisten Olafur Arnalds. Das hat er mit einer selbst entwickelten Software eingespielt, die das Piano enorm verfremdet. Ansonsten gibt es von Arnalds die typischen isländischen Kompositionen mit Streichern und Synthesizern. Unspektakulär, aber auch schön. (5 von 10 Punkten)