Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Idles | Big Red Machine | Marteria & Caspar

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Sophie Hunger, Jonathan Jeremiah, Anna Calvi, Big Red Machine, Marteria & Caspar, Tash Sultana, Mass Gothic, Samy Deluxe, Darwin Deez, Wild Nothings und Mogwai.

Von: Roderich Fabian

Stand: 30.08.2018

Cover: Idles - "Joy As An Act Of Resistance" | Bild: PIAS

SOPHIE HUNGER - „Molecules“ (Caroline)

Hier singt die Schweizerin fast nur noch Englisch, weil sie ja auch längst auch international wahrgenommen wird. Und von ihren Folk-Roots ist auch nicht mehr viel übrig, dafür dürfen elektronische Effekte übernehmen. Sophie Hunger lebt ja längst in Berlin. “Molecules” hat versierte Songs zu bieten, aber sie kann ihren Hang zum Kunsthandwerk noch immer nicht ganz ablegen, was manche vielleicht null stört, mich aber schon…ein bisschen. (6,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Sophie Hunger - Tricks (Official Video) | Bild: sophiehungerVEVO (via YouTube)

Sophie Hunger - Tricks (Official Video)

JONATHAN JEREMIAH - „Good Day“ (PIAS)

Der Brite wollte hier nur von positive Erlebnissen erzählen. Vieles hier klingt schwelgerisch retro. Der Mann hat danach gestrebt, die große, gediegene Pop-Ballade - gerne von Streichern begleitet - wieder aufleben zu lassen. Das ist ihm bestens gelungen. Das Album dürfte für alle die interessant sein, die Rodriguez` “Searching for Sugar Man” immer noch auf der Playlist haben, also auch die weltweiten Szene-Cafés, in denen diese Seventies-Dramatik gefragt ist. Ich kann mich Jeremiahs weiterentwickeltem Songwriting jedenfalls kaum entziehen. (7,8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Jonathan Jeremiah - Mountain (Official Video) | Bild: Jonathan Jeremiah TV (via YouTube)

Jonathan Jeremiah - Mountain (Official Video)

ANNA CALVI - „Hunter

“ (Domino)

Ebenfalls aus Großbritannien, aber eher im Rockismus verwurzelt, ist die Sängerin, die nun ihr drittes Album herausbringt. Es ist eine explizit feministische Platte, die z.B. der Klischee-Vorstellung widerspricht, dass nur der Mann der Jäger sein darf, während Mutti zuhause bleibt. Mit Musikern aus dem Nick-Cave-Umfeld aufgenommen, rockt “Hunter” jedenfalls manchmal in Patti-Smith-ähnlicher Manier, um dann wieder großes gesangliches Pathos zu bemühen. Der Zündfunk präsentiert ihr Konzert am 16. Januar in der Münchner Freiheiz-Halle. (7,4 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Anna Calvi - Hunter (Official Video) (Explicit) | Bild: AnnaCalviVEVO (via YouTube)

Anna Calvi - Hunter (Official Video) (Explicit)

IDLES - “Joy as an Act of Resistance” (Partisan)

Die Idles feiern die Kunst des Widerstands - und sie klingen dabei auf ihrer zweiten Kollektion manchmal nach den Sex Pistols, manchmal nach den Sleaford Mods und immer wieder auch nach sympathischen Haudraufs wie Art Brut oder Nik Caves Birthday Party. Ihre zweite lange Platte wird sie weit nach vorne bringen, schon weil ihre positive Power mit zugegeben sarkastischen Texten politisch genau richtig platziert ist zwischen Jammerern und Hatern - mein Highlight der Woche. (8,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

IDLES - GREAT | Bild: IDLES (via YouTube)

IDLES - GREAT

MASS GOTHIC - “I`ve tortured you long enough” (Sub Pop)

Aus New York City, mit elektrischen Gitarren, aber auch mit Rhythmus-Maschinen bewaffnet, kommt uns hier ein wechselseitig singendes Ehepaar entgegen, das sich auf seinem zweiten Album  nicht ganz entscheiden kann, ob das Leben ein Scherz der doch tödlicher Ernst ist. Sie werden es wohl doch nicht schaffen werden, die Massen in schwarzer Kleidung auf die Friedhöfe der Welt zu treiben. (6,0 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Mass Gothic - J.Z.O.K. [OFFICIAL VIDEO] | Bild: Sub Pop (via YouTube)

Mass Gothic - J.Z.O.K. [OFFICIAL VIDEO]

BIG RED MACHINE - „Big Red Machine“ (Jagjaguwar)

Der dunklen, schweren Seite der Existenz zugehörig sind ja seit eh und je Bon Iver und The National. Bryce Dessner von ebenjenen und Justin Vernon haben sich für dieses Projekt zusammengetan, um elegische Songs für ein Album zu verfassen, dass trotz aller Noise-Ausbrüche im Kern immer noch “Rock and Roll” ist. Mit dieser Platte wollen sie und ein paar andere auch eine alternative Streaming-Plattform namens “People” inszenieren - die sozialistische Alternative zu Spotify und I-Tunes, sozusagen. Wir begrüßen solche Initiativen natürlich auf das Intensivste, bleiben in Sachen Markterfolg aber traditionell skeptisch. (7,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Big Red Machine - Deep Green (Official Audio) | Bild: Jagjaguwar (via YouTube)

Big Red Machine - Deep Green (Official Audio)

MARTERIA & CASPER - “1982” (Sony)

1982 wurden nämlich sowohl Marteria als auch Casper, also Rapper von der gutbürgerlichen Seite geboren, die sich mit Ende 30 hier gegenseitig verbal zuprosten – es ist mit Sicherheit die kommerziellste Platte dieser Woche (hierzulande), wenn auch nicht unbedingt die beste, weil: Wie so oft bei Kollaborationen dieser Art fehlt die notwendige Ernsthaftigkeit, mit der man dieses Projekt angegangen ist – zehn Songs, die aus der Hüfte geschossen wirken. (6,7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Marteria & Casper - Supernova (official video) | Bild: officialcasperxo (via YouTube)

Marteria & Casper - Supernova (official video)

SAMY DELUXE - „SaMTV Unplugged“ (Universal)

Nochmal Deutsch-Rap von der Guten Seite: Samy Deluxe wurde mit einer “MTV Unplugged”-Session geadelt, die ja nur verdienten Helden des Pop zugestanden wird. Er erledigt das souverän und hemdsärmelig und liefert natürlich eine Art Greatest-Hits-Album für alte Fans ab -  was soll jetzt noch kommen - ein Aufritt im Dschungelcamp? Bitte nicht! (6,1 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Samy Deluxe - Unplugged Cypher DLX (SaMTV Unplugged) | Bild: Samy Deluxe (via YouTube)

Samy Deluxe - Unplugged Cypher DLX (SaMTV Unplugged)

TASH SULTANA - „Flow State“ (Mom + Pop Music)

Ein kommender Popstar aus Australien, der/die morgen sein zweites, allesentscheidendes Album rausbringt: Dieser Mensch entzieht sich binären Geschlechtszuschreibungen, ist also weder männlich noch weiblich, spielt hier jedenfalls 1A Gitarre und landet musikalisch irgendwo zwischen traditionellem R&B und handgerührter Pop-Musik. Tash Sultana passt also nicht wirklich in den alternativen Hipster-Kanon, spricht eher die Leute an, die in den späten 70ern weder Disco noch Punk Rock, sondern Dire Straits gehört haben - und das waren mehr, als man gemeinhin glaubt. Insofern dürfte der erwartete Hype um Tash Sultana funktionieren. In den Feuilletons macht das Album bereits die Runde. (6,8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Tash Sultana - 'Seed (Intro)' - Flow State Album Official Audio | Bild: Tash Sultana (via YouTube)

Tash Sultana - 'Seed (Intro)' - Flow State Album Official Audio

DARWIN DEEZ - “10 Songs That Happened When You Left Me with My Stupid Heart“ (Lucky Number)

Dies ist bereits das vierte Album der New Yorker Band um Frontmann Darwin Deez - und wie immer ist das sehr humorvoller und cleverer Indie-Rock für die frühen Stunden der Studentenparty. Muss man mögen, um es zu mögen. Ich mag’s. (7,0 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Darwin Deez - The House Show Tour | Bild: DarwinDeezVEVO (via YouTube)

Darwin Deez - The House Show Tour

WILD NOTHING - “Indigo” (Captured Tracks)

Eigentlich ist es ein gewisser Jack Tatum aus Virginia mit Band am Werk, der mit “Indigo” auch schon das vierte Album parat hat. Diesmal geht es tatsächlich darum, den gothischen New-Wave-Rock der frühen 80er wiederzubeleben, vor allem das, was The Cure in dieser Ära so angestellt haben. Aber Wild Nothing machen daraus trotzdem ein zeitgemäßes Ding, den auf “Indigo” gleicht sich zwar der Sound, aber alles kommt doch aus einem heiteren, man kann schon sagen wohlgefüllten Bauch heraus. Wild Nothing verharmlosen sozusagen The Cure auf das Modernste - man fragt sich nur: Warum? - aber: Warum eigentlich nicht? (5,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Wild Nothing - Indigo (Full Album) | Bild: Dansin (via YouTube)

Wild Nothing - Indigo (Full Album)

MOGWAI - „KIN (Original Soundtrack)“ (Temporary Residence)

Die schottischen Post-Rocker verdienen ihr Geld längst und vor allem mit Filmmusik. Und nun kommt ihr Soundtrack zum Kinder-Science-Fiction-Hollywood-Film “Kin”, der an Einträglichkeit nichts zu wünschen offen lassen dürfte. Die Musik hier wirkt auch ohne Bilder, vielleicht sogar noch stärker als mit und macht mir den Sound von Mogwai zugänglicher als je zuvor. (7,2 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Mogwai // We're Not Done (End Title) // Official Audio | Bild: mogwaiTV (via YouTube)

Mogwai // We're Not Done (End Title) // Official Audio