Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Ben Caplan | The Orb | Garbage

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Kamasi Washington, Ben Kaplan, The Orb, Garbage, Propellerheads, Gang Gang Dance, Field Division, The Wave Pictures, Soulwax und den Flaming Flips.

Von: Matthias Hacker

Stand: 21.06.2018

Cover: The Orb - No Sounds Are Out of Bounds | Bild: Cooking Vinyl/Sony

Ben Caplan – Old Stock

Der Mann, dessen Bart so groß und mächtig ist wie seine Stimme. Old Stock heißt sein neues Album. Er mixt Folkrock mit Balkan-Sound und traditioneller jiddischer Musik. Ein Album, das gut reinpasst in unsere aktuelle Diskussion um Flüchtlingspolitik und Migration. Es ist die Adaption des Musiktheaterstücks „Old Stock: A Refugee Love Story“. Das basiert auf einer wahren Geschichte, derzufolge 1908 ein jüdisches Liebespaar aus Rumänien nach Kanada geflohen ist. Sein Album dreht sich um die Themen Flucht, Migration, Religion und auch Sex. Interessant ist, wie komisch und leicht er das oft vorbringt. Das nimmt der ganzen Thematik auch etwas Wind aus den Segeln – er schreibt dem Paar nicht nur eine Opferrolle zu, sondern sie sind eigenständige und selbstbestimmte Wesen. Das wird ja derzeit in der politischen Diskussion gerne vergessen. (6,5 von 10 Punkten)

The Orb – No Sounds Out Of Bounds

The Orb – das einstige Elektronikduo besteht ja eigentlich nur noch aus Alex Patterson, der sich für seine Alben wechselnde Besetzungen dazu holt. Nach den beiden Techno-Alben, die er zusammen mit Thomas Fehlmann für Kompakt gemacht hat, experimentiert er jetzt wieder mehr. Mit einem größeren Ensemble, mehr Stimmen und mit mehr Einflüssen. Er sagt, dass das Album wieder weniger deutsch klingt und viel britischer. Nicht nur das: Neben Ambient, Chillout, Dub, Acidhouse, gibt’s auch warme HipHop Beats, NuJazz, Cumbia, Orientalische Saiteninstrumente und und und. Das Album heißt auch deswegen auch: No Sound Are Out Of Bounds“. Grenzenloses Experimentieren. Die weiblichen Sängerinnen finde ich leider nicht gut in Szene gesetzt. Zwei Titel sind sogar so cheesy, dass sie mir beinahe das ganze Album verdorben hätten. Aber der Rest ist dann doch so stark, dass es ein wunderbares klangliches Kaleidoskop geworden ist. Da kann ich mich genauso gut drin verlieren und auf Entdeckungsreise gehen, wie ich dieses Album auch einfach gut im Hintergrund laufen lassen kann. Ich hab es sehr gern gehört. (8 von 10 Punkten)

Garbage – Version 2.0 (20th Anniversary)

Vor 20 Jahren haben Garbage ihr Album Version 2.0 veröffentlicht. Für Sängerin Shirley Manson war das die Quintessenz ihres Schaffens. Zusätzlich zum alten Album gibt es zusätzlich 10 B Seiten aus der Zeit obendrauf. Darunter beispielsweise Akustikversionen von alten Songs wie Medication oder auch ein Cover vom The Seeds Song „Can´t seem to make you mine“. In Großbritannien und Frankreich war Version2.0 auf Platz 1 der Charts. Vor allem auch wegen der Hits „I Think I´m Paranoid“ und „Special“. Der Kauf lohnt sich, wenn man sich vor allem für die B-Seiten interessiert. Die zeigen auch die Einflüsse von Garbage aus Pop, Industrial und Techno. Und man muss sagen – auch die Original-Platte ist gut gealtert. (6 von 10 Punkten)

Propellerheads -  Decksandrumsandrockandroll  (20th Anniversary)

Das kann man nicht unbedingt von Decksandrumsandrockandroll behaupten, dem einzigen Album der Propellerheads. Der Big Beat Sound hat sich überlebt. Auch sie nehmen das Jubiläum zum Anlass ihr einziges Album nochmal zu veröffentlichen. Ein paar unbekanntere Zugaben von späteren Eps legen sie noch obendrauf. Alle Hits, mit denen wir das Duo so verbinden, sind auch mit dabei. History Repeating mit Shirley Bassey oder auch Spybreak, der Track, der besonders durch die Foyer-Ballerszene im ersten Matrix Film bekannt geworden ist. Aber einen wirklichen Grund sich dieses Album nochmal neu zu kaufen, erkenne ich nicht wirklich. (5 von 10 Punkten)

Gang Gang Dance – Kazuashita

Gang Gang Dance kehren nach sieben Jahren Pause zurück. Das Popavantgarde- Projekt arbeitet wieder viel mit nebulösen Shoegaze-Phasen, verspielten Progpop, Grime und Ambient. Im Vergleich zum gefeierten Vorgänger gibt’s aber deutlich mehr Synthesizer und die Beats orientieren sich mehr an klassischen Patterns. Sie  sind nicht mehr ganz so komplex und arhythmisch. Daran entscheidet sich auch zu großen Teilen, ob man dieses Album lieber mag oder eben nicht. Es ist viel zugänglicher und konkreter. Sie sind nicht mehr die Hardliner der avantgardistischen New Yorker Kunstszene, in der sie sich aber immer noch zuhause fühlen. (8 von 10 Punkten)

Field Division – Dark Matter Dreams

Dieses Duo hängt irgendwo zwischen dem konservativen Country-Amerika und den späten Hippie-60ern fest. Field Division können sich nicht richtig entscheiden. Da sülzen sie uns die Ohren voll mit kitschigem Nashville Country und tragen zu stark mit Streichern auf. Dann kommt aber doch mal wieder eine Perle von Melodie ums Eck. In den schönsten Momenten kann das so klingen, wie wenn Emmylou Harris bei Mazzy Star singt, aber wie gesagt nur in den besten Momenten. Solide, aber für mich keine zwingende Anschaffung. (3 von 10 Punkten)

The Wave Pictures – Brushes With Happiness

9 Titel und 53 intensiv und geladene Minuten.  Aber nicht im Sinne von vollgepackt oder überladen – im Gegenteil. So ruhig kannte ich die britische Indieband noch gar nicht. Diese 53 Minuten haben sie live on tape improvisiert. Nur die Songtexte waren vorher schon fertig. Sie selber sprechen davon, dass sich diese Platte wie eine Zeremonie anfühlt. Ich hab sie selber gestern das erste Mal im Freibad gehört und muss sagen: Gleich mit dem ersten Song der Platte hatte ich auch dieses andächtige Gefühl und bin sofort eingetaucht in diese neue Klangfarbe des Trios. Für das Schreiben des neuen Albums haben sich die Wave Pictures ein paar Spielregeln auferlegt. 1. Das Album soll vollkommen spontan entstehen und nicht auf alten Songideen basieren. 2. Es sollte One Take spät in der Nacht aufgenommen werden. 3, Sie betranken und bekifften sich 4. Die meisten Lieder sollen in Moll sein. Daraus entstand ein tolles Impro-Studioalbum voller Blues, Jazz und knisternder Athmosphäre. (8 von 10 Punkten)

Soulwax – Essentials

Ein Album in einer Nacht aufzunehmen, ist schon verdammt schnell. Schon zwei Wochen sind ziemlich rasant. So lange haben nämlich Soulwaxfür ihre neue Platte gebraucht. Es war erst gar nicht geplant, dass die neuen Arbeiten ein Album ergeben, sondern es sollte einer der berühmten Essential- Mixes für die BBC werden. Nun gut, wir dürfen froh sein, dass das belgische Brüderpaar so begeistert vom Material war. Deswegen veröffentlichen sie es nun doch als eigenständiges Album. Alle Songs heißen schlicht Essential und sind schlicht durchnummeriert. Essential ist auch das einzige Wort, das auf der Platte zu hören ist. Gesungen, geflüstert, zerstückelt. Insbesondere ihre Remixe für Daft Punk, Hot Chip und Co haben sie berühmt gemacht. Sie haben viel Pionierarbeit für Genres wie Elektroclash geleistet. Dass Soulwax mal als Rockband gestartet sind, hören wir den neuen Songs immer noch an – vor allem den schnellen, treibenden Drumkits. Aber abseits davon sind es eher Elektro-Studien, die nicht mehr ganz so hedonistisch wie früher klingen, viel detailverliebter sind und trotzdem Lust aufs Feiern machen (7 von 10 Punkten)

Kamasi Washington – Heaven & Earth

Auf dem Plattencover seines neuen Albums schwebt Kamasi Washington jesusgleich über einem See. Er, der Heilsbringer des Jazz. Der Kopf leicht nach oben geneigt, der Blick leicht nach unten , um nicht zu sagen: von oben herab. Das strahlt Selbstbewusstsein aus und schüchtert auch ein. In der Hand hält er sein Saxophon . Um seine Schultern schmiegt sich eine afrofuturistische Scherpe, die auch zur Requisite vom Blockbuster Black Panther passen würde. Dieses Album-Cover sagt schon enorm viel über diesen Menschen und Musiker aus. Dann auch noch der Titel „Heaven And Earth“ - drunter macht er es schon gar nicht mehr. Natürlich ist sein zweites Album auch gleich ein Konzept-Doppelalbum – CD1 ist die Erde, CD2 der Himmel – und er mittendrin. The Epic war sein großer Durchbruch und bescherte ihm einen Grammy. Heaven And Earth ist auch episch. Das neue Doppelalbum dauert zweieinhalb Stunden und ist vollgepackt mit dem Sound, den wir auch schon von The Epic kennen. Nicht nur seine Soli bläst er uns um die Ohren, sondern auch viele Soul, Orchester- und Chorpassagen. Es ist ein Opus Magnum. Jazz ist nicht tot und jetzt riecht er auch nicht mehr ganz so streng , um es mit den Worten von Frank Zappa zu sagen. Aber der große Revoluzzer, wie er oft genannt wird, das ist Kamasi Washington für mich hier nicht. Das ist toller Jazz, keine Frage, aber er ist auch nicht der Heilsbringer, als den er sich auf dem Plattencover ausgibt. (8 von 10 Punkten)

Flaming Lips Greatest Hits Vol.1 (Deluxe Edition)

Apropos Opus Magnum. Die Flaming Lips haben jetzt ein Greatest Hits Album. Die Deluxe-Edition sind drei CDs mit allen Singles der letzten 25 Jahre. Plus B-Seiten, plus unveröffentlichte Songs, plus Livesongs. Natürlich finden sich alle Hits darauf von Do You Realize bis How? und Race For The Price. Mit der gut getroffenen Songauswahl und den Gimmicks ist es eine gute Compilation – aber auch nicht mehr. (6 von 10 Punkten)