Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Matana Roberts | Patrick Watson | Floating Points

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Patrick Watson, Vagabon, Floating Points, Jacques Greene, Clipping, Battles, Mark Lanegan Band, Foals, Matana Roberts und Nils Frahm.

Von: Ralf Summer

Stand: 17.10.2019

FLOATING POINTS - Crush | Bild: Ninja Tune

PATRICK WATSON – Wave

Nach vier Jahren Pause meldet sich der kanadische Songwriter Patrick Watson zurück. Auf „Wave“ verarbeitet er mehrfachen Verlust: Trennung von der Partnerin, Schlagzeuger verlässt die Band und den Tod der Mutter. Er nennt es sein „persönlichstes, intimstes und demütigstes Album“. Es ist sein sechstes und dürfte auch wieder Rufus Wainwright- und Jeff Buckley-Fans gefallen. Patrick Watson, der in einem Kirchenchor zu singen begann, sagt zu seiner Trauerplatte: „es ist der Unterschied, ob du als Kind am Grab eines Fremden singst, der gestorben ist, oder ob du am Grab deiner Mutter stehst und singst.“ Diese helle und klare Stimme - eindringlich, ergreifend und echt. (7,5 von 10 Punkten)

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Patrick Watson - Dream For Dreaming (Official Video) | Bild: PatrickWatsonVEVO (via YouTube)

Patrick Watson - Dream For Dreaming (Official Video)

VAGABON – Vagabon

Seit Wochen läuft bei mir dieser eine Song von ihr: „Water Me Down“ von Vagabon. Nun kommt endlich ihr zweites Album, das auch so heisst. Und ich war schon gespannt. Vagabon ist eine in New York lebende Afrikanerin, Laetitia Tamko, sie kam als 13jährige in die USA. Auf Youtube hat sie sich Technik-Tutorials angesehen, wie man Musik macht. 2017 kam ihr Debüt – das erste Stück der ersten Platte, The Embers, lief hier auch im Nachtmix und Zündfunk/Bayern2. Vagabon spielte in Brooklyn ua mit Frankie Cosmos und Mitski – und bekam einen Deal mit dem renommierten Nonesuch-Label, auf dem ua Conor Oberst oder Laurie Anderson veröffentlichen. Auf der zweiten Platte hat Vagabon sie Gitarren ad acta gelegt. Mit leichten Beats und schüchternen Synthies baut sie zurückhaltende Song-Gewebe auf – in den Texten geht es ums Frausein, um Sichtbarkeit bzw. Nichtsichtbarkeit in der Welt, aber auch um ihre Kindheit in Kamerun. An einer Stelle singt sie zwar „i feel so small, my feet can barely touch the floor“. Aber sie hat das Zeug eine Grosse zu werden. (8,0 von 10 Punkten)

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Vagabon - Every Woman (Official Video) | Bild: Vagabon (via YouTube)

Vagabon - Every Woman (Official Video)

FLOATING POINTS - Crush

Samuel T. Shepherd ist Neuro-Wissenschaftler, Labelbetreiber (Eglo Records), DJ und Produzent – er nennt sich Floating Points. Und ist bekannt für „fliessende“ Tracks – zwischen Dancefloor und Hometronica. „Crush“ heisst das zweite Album des Briten, mit dem er endgültig in eine Reihe zu Four Tet und Caribou aufrücken kann. Es gibt sowohl Club-Tracks wie „LesAlpx“, aufgenommen im Ferienhaus der Freundin in den französischen Alpen – aber auch Stücke für zuhause wie „Anasickmodular“ - entstanden mit modularem, analogen Techno-Equipment, das seinen Sound so soulful, leicht untight aber sympathisch unmaschinell macht. Die Single „Last Bloom“ ist - wie die gesamte Platte – von einem vergessenen US-Westcoast-Avantgarde-Komponisten beeinflusst: Carl Stone. Im Interview erzählte er mir, dass der schon früh Elektronik-Equipment kaufte und in den 80ern zu sampeln begann. Dazu spielte er fein-körnige Synthie-Sounds, die manchmal auch orchestral aufgeladen wurden. Und Floating Points flicht das heute in seinen Mix aus „Musique Concrete und Jeff Mills“ ein. Mit „Sea-Watch“ ist auch ein politisches Stück drauf: es ist Carola Rackete gewidmet, der deutschen Kapitänin, die für ihre Flüchtlinx-Seenot-Rettung in Italien festgenommen wurde. Mit James Holden spielte er auch schon mit afrikanischen Trance-Musikern. Ein sympathischer, offener, interessierter Künstler – man hört es auch seiner freien Musik an. (8,5 von 10 Punkten)

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Floating Points - Anasickmodular (Official Video) | Bild: Floating Points (via YouTube)

Floating Points - Anasickmodular (Official Video)

JACQUES GREENE – Dawn Chorus

Auch dieser Elektroniker sucht nach Auswegen aus dem Beat-Einerlei. Jacques Greene holt sich zB einen Rapper – Cadence Weapon – ein Kumpel aus Kanada - und machen zusammen aus „Night Service“ ein formidables Stück über den 80ern „Nachtdienst“ - eine Umschreibung für das rave-ige Vergnügen Samstag Nacht.

Hinter Jacques Greene steckt Philippe Aubin-Dionne. Und man hört, dass der kanadische DJ-Produzent auch Bands mag – u. a. Slowdive. Für The XX war er Tour-Support. Und Radiohead liessen ihr „Lotus Flower“ von ihm remixen. Sein House-Sound ist angereichert mit Elementen aus Shoegaze und R´n´B. Und trotzdem bleibt es funky. Kein Wunder bei so viel prominenter Unterstützung: es halfen Hudson Mohawke, Brian Reitzell (Lost In Translation OST), Oliver Coates oder Julianna Barwick. Sein Trick ist die gebremste Euphorie. Nur nicht zuviel blind Gas geben. Heute Nacht (Do 17.10.) stellt er seinen Zweitling in Berlin vor – in Burg Schnabel. (7,5 von 10 Punkten)

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Jacques Greene - Let Go ft Rochelle Jordan | Bild: Jacques Greene (via YouTube)

Jacques Greene - Let Go ft Rochelle Jordan

CLIPPING - There existed an addition to blood

Ein Rapper und zwei Beat-Bastler – und alle drei Mitglieder von Clipping. haben mit Film und Theater zu tun. Rapper Daveed Diggs hat schon einen Grammy als bester US-Bühnenschauspieler bekommen, und seine zwei Studio-Cracks, Jonathan Snipes und William Hutson, machen Filmmusik. Und zu dritt liefern sie speziellen Rap ab. Ihre vierte Platte „There Existed an Addition to Blood“ verrät es schon im Titel: es geht um Blut, um Horror bzw um Horrorcore – so heisst ein vergessenes Musikgenre aus den 80ern, das sich lieber „Nightmare on Elm Street“ als Funk & Soul sampelte. Für Fans von Schocker-Filmen und Psycho-Rap ein Fest. Evtl auch für die von Shabazz Palaces. (7,0 von 10 Punkten)

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Clipping - Blood of the Fang | Bild: clppng (via YouTube)

Clipping - Blood of the Fang

BATTLES – Juice B Crypts

Die Battles sind ein Experimental-Projekt aus New York. Ich habe sie erst kapiert, als ich sie mal auf dem Berlin Festival gesehen habe. Erst der Live-Druck der komplexen Rhythmik hat die Band für mich richtig erschlossen. Auf ihrer neuen Platte sind sie zum Duo geschrumpft, haben sehr ausgefuchste Grooves aus ihren Maschinen gedreht – und illustre Gäste eingeladen – neben Shabazz Palaces, auch Sängerin tUnE-yArDs oder Sal Principato, den man in ihrer Heimatstadt für den No-Wave-Sound der frühen 80er von zB den gefeierten Liquid Liquid schätzt. Wie sagen sie selbst: „es geht um Auflösungen, alles wird in einen Mixer geworfen – und dabei haben wir versucht, wenigstens ein paar Harmonien zu erhalten.“ Am 23.10. spielen die Battles in Berlin im SchwuZ. (7,0 von 10 Punkten)

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Battles - Fort Greene Park (Official Audio) | Bild: Battles (via YouTube)

Battles - Fort Greene Park (Official Audio)

MARK LANEGAN BAND – Somebody´s Knocking

In der Alternative Rock Welt ist er ein bekannter Name: Mark Lanegan spielte bei Queens Of The Stone Age, Screaming Trees, Unkle, den Soulsavers – und mit vielen anderen Bands. Auch solo ist er aktiv – sehr: morgen erscheint Album Nr 11 - seiner Mark Lanegan Band. „Somebody´s Knocking“ heisst die neue Platte des Musikers aus Seattle. Er überführt 90er-Rock in die Gegenwart. Lässt New Order-Bassläufe pluckern, setzt Synthies ein und nun auch leichte Beats. Trotzdem hat man das Gefühl, dass Lanegan jede Neuerung um ein Jahrzehnt verschläft, bis er es in seinen Bandsound einsetzt. Aber die Pop-Geschichte nimmt es nicht immer so genau. Die Fans freuen sich: live stellt er das Album auch bei uns vor: in München, 23.11., Strom Club. (7,0 von 10 Punkten)

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Playing Nero | Bild: Mark Lanegan - Topic (via YouTube)

Playing Nero

FOALS – Everything Not Saved Will Be Lost, Pt 2

„Spanish Sahara“, „My Number“ und „This Orient“ heissen die frühen Favoriten der Foals, als sie noch Indie-Pop mit Electronic-Touch spielten. Inzwischen haben sich die Briten den Gitarren zugewandt, noch mehr, dem komplexen Math-Rock. Das Quartett aus Oxford hat die Einflüsse aus Techno und Minimal also zurückgefahren. Sie liegen mit ihren Entscheidungen richtig: jedes Studioalbum der Foals heimste zuhause im UK Gold ein. Und ihre Songs landen in Videospielen.
Aber auch bei uns kommt der härtere Sound an: mit „Everything Not Saved Will Be Lost Part 1“ sprangen sie im Frühjahr zum ersten Mal in die deutschen Album Top20 - nun legen sie mit „Everything Not Saved Will Be Lost Part 2“ nach. Es geht um Erde, die nicht mehr bewohnbar sein wird, Extinction Rock Rebellion sozusagen.
Die OpenAirs warten schon. 2019 gastieren sie bei Rock im Park / Rock im Park. (6,5 von 10 Punkten)

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FOALS - The Runner [Official Music Video] | Bild: Foals (via YouTube)

FOALS - The Runner [Official Music Video]

MATANA ROBERTS – COIN COIN Chapter Four: Memphis

Matana Roberts verwebt auf „Coin Coin Chapter Four: Memphis“ wieder Jazz mit Blues und Spoken Word, verbindet Familiengeschichte mit Kulturmythologie und Afrofuturismus – und hält die Waage zwischen persönlichen und universellen Erzählungen. Herauskommt wie immer avantgardistisches Material, das manchmal auch traditionellen Anstrich hat. Die aus Chicago stammende Künstlerin, die erst 40 Jahre alt ist, klingt nach großer Erfahrung, nach Weisheit – sie ist auch Aktivistin, Bandleaderin und Arrangeurin. Wenn sie ihre Stimme erhebt, ruft Matana Roberts immer auch zahlreiche andere Stimmen. Dabei kennt sie keine Grenzen: sie spielte schon mit so unterschiedlichen Formationen wie TV On The Radio, Godspeed You!

Black Emperor oder Steve Lacy (The Internet). Die Coin Coin-Plattenserie der Saxophonistin bezieht sich auf Marie Thérèze Coincoin, die im 19. Jahrhundert in Louisiana lebte und sich aus der Sklavendasein befreien konnte – Roberts´ Vorfahren stammen aus dem US-Bundesstaat. Bereits mit Kapitel 1 landete sie im Rolling Stone unter den 50 besten Jazz-Platten aller Zeiten. 12 Kapitel sind geplant. (8,0 von 10 Punkten)

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Matana Roberts | "Invocation" | Bild: Constellation (via YouTube)

Matana Roberts | "Invocation"

NILS FRAHM – All Encores

Im Februar präsentierte der Zündfunk das Konzert des aus Hamburg stammenden Wanderers zwischen den Welten. Nils Frahm, der den Spagat zwischen Klassiker und Elektronik am liebsten auf der Bühne zwischen den verschiedensten Tasteninstrumenten hin und her springend, hinlegt, er legt nun eine Sammlung seiner letzten Maxis vor. Sie erschienen als „Zugaben“ (auf Englisch „Encores)“ nach seinem 2018er Meisterwerk „All Melody“ - und die Compilation dazu heisst nun passenderweise „All Encores“. Für mich wird sie erst am Ende interessant: vor allem bei „Spells“ hört man, wie die welt-entrückte Magie des Wahl-Berliners klingt: wie zwölf Minuten aus einem anderen Universum. Und auch das folgende elf-minütige „All Armed“ spielt alle Tricks des „Piano-Aktivisten“ aus.

Frahm ist Initiator des Piano Days, der seit fünf Jahren am 88. Tag des Jahres mit vielen Konzerten stattfindet – 88. Tag, weil das Klavier soviele Tasten hat. Frahm hat ein sehr - sagen wir - inniges Verhältnis zum Piano, an denen er rumschraubt - der Aphex Twin des Klaviers. (7,5 von 10 Punkten)

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Nils Frahm - All Encores (Official Trailer) | Bild: erasedtapes (via YouTube)

Nils Frahm - All Encores (Official Trailer)


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