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Neuerscheinungen der Woche Marika Hackman | Chali2na & Krafty Kuts | Why?

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören u. a. hinein in die frischen Werke von Marika Hackmann, Trippie Redd, Chali2na & Krafty Kuts, Tora, Half Alive, Fionn Regan und Sail By Summer.

Von: Angie Portmann

Stand: 08.08.2019

Cover: Chali2na & Krafty Kuts - Adventures of a reluctant superhero  | Bild: Manphibian Music/Kartel Music Group

Half Alive - Now, not yet

Das kalifornische Trio Half Alive kämpft auf seinem Debüt sehr charmant und funky mit hochphilosophischen Problemen unserer Zeit. Zum Beispiel den Theorien von Sigmund Freud und Carl Jung. Dazu Frontmann Josh Taylor: „Sigmund Freud hatte die Theorie, dass an einem Ende des Spektrums das ‚Über-Ich‘ steht, am anderen das ‚Es‘. Im Zentrum liegt das ‚Ich‘. Carl Jung entwarf eine ähnliche Theorie: das Schattenselbst. Die Dinge, die wir an uns selbst nicht anerkennen wollen, treten in Konkurrenz mit jenen Dingen, die wir an uns selbst lieben. Beide sind sich einig, dass dies in einer wunderbaren Spannung zum Ausdruck kommt, die wir durchleben. Es ist ein Tauziehen zwischen Licht und Schatten, dem Geist und dem Fleisch. Der eine führt uns ins Leben und der andere führt uns in den Tod, und lässt uns in einem Zustand des ‚Halblebens‘ verharren.“ Half Alive singen aber auch ein Loblied auf die Flexibilität, vor allem die musikalische. Auch hier wollen sie sich keinesfalls festlegen – wer tut das heute schon noch gern - switchen zwischen Soul, Funk, Pop und Indie-Rock und klingen dabei wie ein Mix aus Phoenix und Dirty Projectors. Arty Indie-Pop, clever und gerade slick genug für die Charts. (7,5 von 10 Punkten)

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half·alive - Maybe (Audio) | Bild: halfaliveVEVO (via YouTube)

half·alive - Maybe (Audio)

Marika Hackman - Any human friend

Auf ihrem Debüt vor fünf Jahren war Marika Hackman noch die zurückhaltende Singer/Songwriterin, ihr neues Album „Any human friend“ geht da definitiv einen Schritt weiter. Der Opener ist noch sehr ruhig, nur Hackman und ihre Gitarre. Eine Idylle. Vielleicht auch eine Reminiszenz an vergangene Zeiten. Aber der Schein trügt. Schon Song Nr. 2 überrascht mit  angriffslustigem Synthie-Pop und griffigen Gitarren. Dazu Hackmans Geständnis „I’m not the one you want“.  Überhaupt ist „Any human friend“, das dritte Album der 27jährigen Britin ein sehr offensives, sehr explizites Album. Marika Hackman singt hier über die Vorteile des Masturbierens, über Lust und Sex aus rein weiblicher Perspektive, über die langjährige Beziehung zu ihrer Ex-Freundin, aber auch über den schmalen Grad zwischen Kunst und Kommerz ... und das alles tut sie immer mit einer sehr sanften, leicht melancholischen  Stimme, eingebettet in einen satten Groove und gespickt mit catchy Hooks. Verwirrend und deshalb auch ziemlich großartig.

Genauso verwirrend das Cover. Darauf sieht man Marika Hackman halbnackt, mit einem Ferkel im Arm. Eine Hommage auf den niederländischen Fotografen Rineke Dijkstra, der Fotos  von Müttern direkt nach der Entbindung macht.

Hackman will aber nicht nur irritieren, sondern auch positive Akzente setzen mit diesem Album: “after all is said and done, what it’s saying is, you’re alright, it’s going to be fine. The album is very much about us all accepting each other’s differences, the idea that we all want to be made of stone and be the same but in fact we’re golden.” (8 von 10 Punkten)

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Marika Hackman - the one | Bild: Marika Hackman (via YouTube)

Marika Hackman - the one

Why? – Aokohio

„Aokohio“, das sind 19 Songs in 32 Minuten. 19 mehr oder weniger ausgefeilte Songskizzen, manche nicht einmal eine Minute lang. Oft wünscht man sich Why? hätten den Songs etwas mehr Raum gegeben, eine Idee nicht nur angerissen, sondern auch zu Ende gedacht. Aber genau darin liegt auch der Charme dieser Platte, im andeuten, antäuschen, keep it unreal. Der verschwommene Alternative-HipHop bzw. Experimental-Pop von Why? wird dadurch noch bunter, noch rätselhafter. Ursprünglich hatten Why? aus Cincinnati, Ohio, nur einzelne Songgruppen, sogenannte Movements, veröffentlicht. Und diese erst nachträglich zu einem Album zusammengefasst. Zu jedem Movement existieren auch Videos. „Aokohio“ ist also nicht nur ein akustisches, sondern auch ein visuelles Kunstwerk. In gewisser Weise funktioniert das Ganze wie eine Fernseh-Serie. Man konnte es Häppchen für Häppchen konsumieren oder man kann sich nach Albumveröffentlichung auch die ganze Staffel reinziehen. Und ähnlich wie die seltsamen Songtitel und Lyrics von Frontmann Yoni Wolf selten auf den ersten Blick Sinn ergeben, sind auch die Videos wunderbar rätselhaft. Wir sehen z.B. Yoni Wolf wie er sich den Kopf rasiert und die preisgekrönte kanadische Schauspielerin Tatiana Maslany bei der Geburt eines Kindes. Dazwischen alte VHS-Aufnahmen von Wolf als Kind und Jugendlicher. Später ein alter Mann im Pflegeheim, der mit einer Kamera auf Zeitreise geht ... Abgefahrene visuelle Trips, die trotz ihrer Unschärfe doch immer wieder ganz nah an uns herankommen – ähnlich wie die Musik von Why? Spooky und gleichzeitig ziemlich beeindruckend. (7,8 von 10 Punkten)

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WHY? - AOKOHIO (Visual Album) | Bild: Joyful Noise Recordings (via YouTube)

WHY? - AOKOHIO (Visual Album)

Tora - Can’t buy the mood

Auch Tora wollen ganz nah ran an uns, allerdings wollen sie weniger unser Innerstes berühren, sondern eher unter unsere Bettdecke kriechen. Das australische Quartett macht klassischen Bedroom-Pop. Nicht aus, sondern für’s Schlafzimmer produziert. Lässig verschlafene SlowMotion-Beats und smoothe, minimalistische Synthie-Klänge liefern die perfekte Unterlage dafür. Klassisch auch die Lyrics: es geht um „babes“, die doch bitte wieder zurückkommen sollen oder Menschen, die weniger auf ihre elektronischen Gerätschaften und stattdessen auf ihr Gegenüber starren sollen. Hochemotionaler, soulfuler Gutmenschenpop – global und auf Spotify schon sehr erfolgreich - mir persönlich sind Tora aber etwas zu glatt poliert. (6 von 10 Punkten)

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Tora - Can't Buy The Mood (Official Music Video) | Bild: ToraMusic (via YouTube)

Tora - Can't Buy The Mood (Official Music Video)

Trippie Redd - !

Alles andere als glatt poliert präsentiert sich der gesichtstätowierte Trippie Redd aus Ohio. Im Netz wird er schon als der „Frank Sinatra des Rap“ bezeichnet. Und das mit gerade mal 20. Michael Lamar White IV  bzw. Trippie Redd macht offensichtlich gerade alles richtig. Egal über was er auf seinem neuen Album „!“ rappt, ob Selbstmord, schwarzes Selbstbewusstsein oder seine Erzfeinde, wie z.B. den Rapkollegen 6ix9ine, Trippie Redd ist ein formidabler Crooner. Nicht umsonst war es MelodyMan Drake, der ihn zum Rap bzw. Trap gebracht hat. Aufgewachsen in Canton, Ohio, bei seiner alleinerziehenden Mutter, der Vater war zum Zeitpunkt der Geburt im Gefängnis, zieht Trippie Redd nach Abschluss der Highschool nach Atlanta, um Musik zu machen. Trifft dort schnell die richtigen Leute und schafft 2017 mit dem Song „Love Scars“ den Durchbruch. Wer also jetzt auf Autotune-lastigen Trap-Sound steht, Rae Sremmurd und Travis Scott mag, dem sei hiermit auch Trippie Redd empfohlen. (7,4 von 10 Punkten)

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! | Bild: Trippie Redd - Topic (via YouTube)

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Chali2na & Krafty Kuts - Adventures of a reluctant superhero

Wir kommen vom Trap zum Oldschool-HipHop, zu den beiden selbsternannten Superhelden Chali2na & Krafty Kuts. Seit 2017 touren die beiden schon fleißig zusammen. Die US-HipHop-Legende Chali2na, eine der Stimmen von Jurassic 5 und der britische DJ und Produzent Krafty Kuts an den Turntables. Für ihr Debüt „Adventures of a reluctant superhero“ haben sie sich jetzt große Namen ins Studio geladen. Von Lyrics Born & Gift of Gab über Skye von Morcheeba bis zu Omar. Damit ist auch klar, wohin die Reise geht, in die groovy, jazzy, funky Vergangenheit nämlich, zu Breakbeats und rollenden Bassen. Das funktioniert auch 2019 noch ganz großartig, denn auch nach 25 Jahren im HipHop haben die beiden weder Energie noch Skillz eingebüßt. Hands high - Keep the party moving! (8 von 10 Punkten)

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Chali 2na & Krafty Kuts - Distance | Bild: In Between Music (via YouTube)

Chali 2na & Krafty Kuts - Distance

P.P. Arnold - The New Adventures of P.P. Arnold

Ihr Leben liest sich wie ein aufregender Roman. Mit 17 war sie schon Mutter von zwei Kindern. Vom Ehemann misshandelt, verließ sie ihre Familie, brachte die Kinder bei den Großeltern unter und ging mit Ike & Tina Turner als Backgroundsängerin auf Tour. In England freundete sie sich mit den Rolling Stones an. Mick Jagger überredete sie zu ihrer ersten Soloplatte. Dem sollte noch ein zweites Album und viele viele Kollaborationen folgen. P.P. Arnold sang mit den Small Faces, den Kinks, Dr. John und Nick Drake, um nur einige wenige zu nennen. Auch mit KLF hat sie zusammengearbeitet – allerdings ist sie darauf nicht gut zu sprechen, da KLF ihren Lohn im Rahmen ihrer legendären Geldverbrennungsaktion mit in den Flammen aufgehen ließen. Spektakulären Soul-Stimmen zu spätem Ruhm zu verhelfen, ist nach wie vor en vogue. Nach den leider mittlerweile verstummten Stimmen von Sharon Jones und Charles Bradley ist jetzt P.P. Arnold an der Reihe. Allerdings stecken hier nicht die Soul-Fans vom New Yorker Daptone-Label dahinter, sondern der Brite Steve Cradock, fame of Ocean Colour Scene. Ihm ist es zu verdanken, dass P.P. Arnold – nach 50 Jahren Pause - ihren vierten Longplayer „The New Adventures of P.P. Arnold“ veröffentlicht. Neben Cradock war auch der P.P. Arnold-Fan Paul Weller an dem Album beteiligt. Als Songwriter, aber auch als Instrumentalist und Backgroundsänger. Wir hören klassischen 60’s-Soul bzw. -Pop, aber auch einen House-Track und, mein Favorit, eine zehn Minuten lange Interpretation eines Bob Dylan-Gedichts „The last thoughts on Woody Guthrie“. Die Stimme von P.P. Arnold ist dabei auch mit 72 noch top, die Produktion absolut stimmig. Und auch wenn’s mir persönlich zwischendrin ab und zu einen Tick zu dramatisch wird - die späten Lorbeeren, die P.P. Arnold damit bei der Soul-Fraktion einfahren wird, hat sie sich absolut verdient. (7,6 von 10 Punkten)

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P.P. Arnold "The New Adventures Of... P.P. Arnold" Official Pre-Listening - Album out August 9th. | Bild: earMUSIC (via YouTube)

P.P. Arnold "The New Adventures Of... P.P. Arnold" Official Pre-Listening - Album out August 9th.

Regrettes - How do you love?

Auf „How do you love?“ widmen sich die Regrettes dem Thema Liebe, vom ersten Verliebtsein bis zum bitteren Ende. Klingt abgeschmackt, ist es irgendwie auch. Auch der Sound ist nicht neu. Straighter Pop-Punk mit catchy Hooks. Aber die Energie der Regrettes aus Los Angeles ist so ansteckend, so umwerfend, dass man sich schon im Moshpit begeistert auf und ab springen sieht. Yeah, die Regrettes sind die neuen Strokes, denkt man bei Songs wie „I dare you“. „Pumpkin“ kommt als Doo-Wop infizierter Riot-Grrrl-Pop um die Ecke und erinnert an das Vorgängeralbum. Und bei „How do you love“ landen wir wieder auf der Tanzfläche. Ob der Gute-Laune-Pop-Punk der Regrettes auch live funktioniert, wissen wir am 27.11. - dann spielen die Kalifornier in München im Strom. (7,1 von 10 Punkten)

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The Regrettes - I Dare You [Official Music Video] | Bild: The Regrettes (via YouTube)

The Regrettes - I Dare You [Official Music Video]

Sail by Summer - Casual heaven

Vom sonnigen Kalifornien geht’s jetzt ins kühl melancholische Norwegen zu Sail by Summer. Sail by Summer, das ist zum einen William Hut, der ehemalige Sänger der Poor Rich Ones. Vielleicht erinnert sich noch der ein oder andere an diese Band, die in den Neunzigern die norwegischen Radiohead sein wollten. Zusammen mit dem dänischen Keyboarder Jens Kristian ist Hut jetzt Sail by Summer und versucht mit Hilfe von exzessivem Synthie-Einsatz und großen Melodien einen neuen Entwurf skandinavischen Melo-Pops. Mir ist „Casual heaven“ allerdings etwas zu viel des Guten, zu überproduziert. (6,5 von 10 Punkten)

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Facing Dullness | Bild: Sail By Summer - Topic (via YouTube)

Facing Dullness

Fionn Regan – Cala

„Cala“ ist das sechste Album des Iren, der mit seiner leisen Stimme und den ruhigen Gitarren an Folkies wie Jose Gonzales erinnert. Auch Regan schafft eine fast meditative Atmosphäre, leichten Folk-Ambient quasi. Passend zu den sanften Gitarrenlandschaften und der zurückhaltenden Elektronik erzählt Regan verspielte, sehr poetische Geschichten, die ihn vermutlich auch diesmal nicht zum Superstar werden lassen, ihn aber evtl. aus der Geheimtipp-Ecke herausholen. Zu wünschen wär es ihm. (7,2 von 10 Punkten)

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Fionn Regan - Collar of Fur - acoustic | Bild: Fionn Regan (via YouTube)

Fionn Regan - Collar of Fur - acoustic


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