Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Leonard Cohen | Coldplay | Galcher Lustwerk

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Girl Ray, Beck, Coldplay, Afrob, Galcher Lustwerk, Jaakko Eino Kalevi, Omar Souleyman, Leonard Cohen, Ben Frost, Anne Müller und eine Compilation...

Von: Thomas Mehringer

Stand: 21.11.2019

Cover: Leonard Cohen - Thanks for the Dance | Bild: Columbia Records

Girl Ray – Girl

Girl Ray sind ein All-Women-Trio aus North London, die jetzt mit “Girl” ihr zweites Album vorlegen. Und mit dem Titel “Girl” ist auch schon die Zielgruppe exakt benannt: drei junge, vom Lo-Fi-Pop kommende Frauen machen Musik für junge Frauen, die Ariana Grande und Rihanna genauso großartig finden wie sie. Wir hören sehr leichten R&B und gar nicht mal so cheesy Indie-Pop - aber vor allem hören wir eine junge Band, die noch auf der Suche nach sich ist. Auch da passt der Albumtitel „Girl“ wieder perfekt. (6,5 von 10 Punkten)

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Girl Ray - Girl | Bild: GirlRayVEVO (via YouTube)

Girl Ray - Girl

Beck - Hyperspace

Beck Hansen, der ewige Loser, präsentiert uns sein 14. Album - es ist sein Pharrell-Album, ganz einfach weil Pharrell Williams die meisten Songs mitproduziert hat. Eigentlich wollten die beiden nur für einen Song zusammenarbeiten. Herausgekommen ist ein Album namens “Hyperspace” - aber es wäre mal lieber nur bei einem Song geblieben. Beck biedert sich hier R&B und Autotune an, zieht Mediokres in die Länge und auch sein Songwriting war schon mal aussagekräftiger. Beck verlässt sich hier zu sehr auf das, was Kumpel Pharrell mitbringt. Und Namen wie Chris Martin oder Sky Ferreira als Backgroundsänger. Die größte Enttäuschung in dieser Woche, weil bei mir bis auf zwei Songs absolut nichts hängengeblieben ist. (4,5 von 10 Punkten)

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Beck - Uneventful Days (Audio) | Bild: BeckVEVO (via YouTube)

Beck - Uneventful Days (Audio)

Coldplay – Everyday Life

In Danny Boyles romantischer Komödie “Yesterday” werden Coldplay als die wohl größte Band aller Zeiten bezeichnet, aber nur weil sich in der Welt von “Yesterday” niemand an die Beatles erinnern kann. Absurd - und im Kino ein Lacher. Viele wollen es immer noch nicht hören, aber es ist so: Coldplay sind die Größten. Gott sei Dank kommen Coldplay Ende der Zehner Jahre wieder davon ab, dass auch ihre Songs larger than life sein müssen. Das neue Album “Everyday Life” hat eine angenehme Wurschtigkeit, keinen Druck, kein Konfetti, keine bunten Luftballons. Dafür geht es zurück zur Melancholie und zum Weltschmerz. Die Waffen-Satire “Guns” zum Beispiel erinnert an “Don’t Panic” und kommt nur mit Akustikgitarre aus. Mehrere Songs sind Gospel-inspiriert. Bei “Arabesque” jammen sich Chris Martin und Co. sogar in die arabische Wüste. Es stand musikalisch schon mal schlechter um die - aktuell - größte Band der Welt. (7,5 von 10 Punkten)

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Coldplay - Orphans (Official Lyric Video) | Bild: Coldplay (via YouTube)

Coldplay - Orphans (Official Lyric Video)

Omar Souleyman – Shlon

Der Syrer Omar Souleyman hat als Hochzeitssänger über 500 Live-Alben in seiner Heimat `rausgebracht. Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs ist er in die Türkei geflohen und hat von dort eine Electro-Karriere gemacht. Nach seinem letzten Album “Bahdeni Nami”, was er auf dem Label der Berliner Modeselektor veröffentlicht hat, bringt jetzt Diplo auf seinem Mad Decent-Label das neue Album “Shlon” raus, arabisch für “wie”. Souleyman ist politisch nicht unumstritten, er trägt Symbole, die man als Assad-Support deuten kann. Darum wohl singt er ausschließlich Liebesgedichte, seine neuen Songs heißen zu Deutsch: “Ihr Gesicht ist wie der Mond” oder “Was wünscht du dir?” - auch nicht gerade auf der Höhe der Zeit. Spannend bleiben bei Omar Souleyman die Beats, dieser typische kurdische und arabische Mix aus Dabke und Baladi-Stilen, eigentlich Tanzstilen, die hier hochgepitcht werden. Mit einer Ausnahme, der sehr schönen Ballade “Mawwal”. (7 von 10 Punkten)

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Omar Souleyman - Layle (Official Full Stream) | Bild: Mad Decent (via YouTube)

Omar Souleyman - Layle (Official Full Stream)

Afrob – Abschied von gestern

Ein Rapper aus Stuttgart geht in medias res: Afrobs neues Album heißt “Abschied von gestern”. Nach den 20 Jahren im deutschen Rap-Geschäft muss es weitergehen - und zwar mit kluger Reflexion. Denn selbst nach all den Jahren beschäftigen Afrob die Themen, die irgendwie immer da waren, aber auch gerade den Zeitgeist vorantreiben: das Anderssein, das Fremdsein, die Unterschiede, in einer Zeit, in der wir nach Gemeinsamkeiten suchen sollten. Die Beats kommen dabei sehr ungewöhnlich daher, keiner der 19 Tracks hat über 90 Beats per minute. Afrob nennt das “Neo BoomBap”. Kluger, soulfuller Kopfnicker-Sound von einem Routinier des deutschen HipHop. (6,5 von 10 Punkten)

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AFROB - Abschied von Gestern (Official Albumsnippet) | Bild: AFROB (via YouTube)

AFROB - Abschied von Gestern (Official Albumsnippet)

Galcher Lustwerk – Information

Ich bin vor ein paar Wochen an Cleveland vorbeigefahren - und wenn man die country-eske Großstadt in Ohio am Lake Eerie so sieht, denkt man als letztes an diesen sonischen Sound. Das ist auch der Grund, warum DJ Galcher, als Kind der Stadt, mittlerweile mehr in den Clubs von New York oder London zu Hause ist. Sein “100% Galcher”-Mixtape ist in den Zehner Jahren zum Klassiker geworden und Galchers Lustwerk-Label zum stilsicheren Hafen für zahlreiche Deep-House-Acts. Sein neues Album “Information” als Galcher Lustwerk ist - bis auf ein paar Ausnahmen - wieder große House-Kunst. (8 von 10 Punkten)

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Galcher Lustwerk - Another Story | Bild: ghostlyintl (via YouTube)

Galcher Lustwerk - Another Story

Jaakko Eino Kalevi - Dissolution

Jaakko Eino Kalevi ist mittlerweile viel mehr als der finnische Ariel Pink. Er residiert in Helsinki und Berlin, wo er die Clubs der beiden Städte nur zu gut kennt. Dorthin entwickelt sich auch sein Psych-Pop, Richtung Club. Auf seinem neuen Mini-Album “Dissolution”, der Auflösung, macht er sich Gedanken über unseren Kosmos und den Beginn der Menschheit, er selbst beschreibt es so: “So wie sich ein Tropfen Tinte in einem Glas Wasser auflöst, so soll das Leben auf der Erde begonnen haben” - und so funktionieren auch seine Songs: Ein Tropfen Disco, ein Spritzer Funk, ein Tupfen Weirdness, und diese Themen breiten sich hypnotisch über vier Minuten aus. Gerne mehr davon. (7,5 von 10 Punkten)

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Jaakko Eino Kalevi - Dissolution (Official Video) | Bild: Weird World (via YouTube)

Jaakko Eino Kalevi - Dissolution (Official Video)

Leonard Cohen – Thanks For The Dance

Der Stoff, aus dem dieses posthume Leonard Cohen-Album ist, das ist der Stoff, aus dem später mal Filme entstehen. Wobei Leonard Cohen ja gerade mit einer Doku über die Beziehung zu seiner Marianne im Kino ist. Das Drehbuch für das Album “Thanks For The Dance” geht ganz einfach: Songskizzen vom letzten, zu Lebzeiten aufgenommenen Album “You Want It Darker” werden von seinem Sohn Adam vollendet. Sein Vater wollte es so. Adam ruft Wegbegleiter und namhafte Fans zusammen, alle arbeiten sie Song für Song ihre Erinnerungen an Leonard mit ins Werk ein. Und das große Schlussbild des Films habe ich auch schon vor Augen: Eine Band aus 20 Menschen steht mit Anzug, grauem Mantel und Hut mit dem Rücken zur Kamera, während diese über sie hinweg schwebt. Bei all dem Pathos der Entstehung, “Thanks for the dance” ist dadurch kein übliches Lass-noch-mal-schnell-Geld-mit-seinen-Namen-machen-Abschieds-Album, sondern ein Familiennachlass, der berührt und der fast vergessen lässt, dass er nicht mehr unter uns ist. Nur ein Song hätte die Einordnung des Künstlers gebraucht, das verschwörungstheoretische Stück “Puppets”. Ansonsten: Ein großes Werk - und ich kann mich nicht erinnern, dass ich das je über ein posthumes Album gesagt hätte. (8,5 von 10 Punkten)

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Leonard Cohen - Happens to the Heart (Official Video) | Bild: LeonardCohenVEVO (via YouTube)

Leonard Cohen - Happens to the Heart (Official Video)

Various Artists – Come On Up To The House: Women Sing Waits

Diese Tom Wait’s Coldplays-Tribute-Compilation könnte man auch “die Schönen und das Biest” nennen. Die schönen weiblichen Stimmen versuchen, das Biest aus den Songs zu kriegen. Manchen gelingt das ziemlich easy: bei Phoebe Bridgers zum Beispiel oder Kat Edmonson. Andere tun sich da ziemlich schwer und langweilen. Sorry, Aimee Mann. Aber die Idee, zu zeigen, was für schöne Melodien hinter den oft rauen Waits-Arrangements steckt, die geht hier nicht auf. Tribute-Alben sind auch dann immer gelungen, wenn sie Lust machen, das Original wieder zu hören. Das hat bei “Women sing Waits” geklappt. (6,5 von 10 Punkten)

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Courtney Marie Andrews - "Downtown Train" | Bild: Dualtone (via YouTube)

Courtney Marie Andrews - "Downtown Train"

Ben Frost – Catastrophic Deliquescence

Ein betörendes Cover des Soft Cell-Klassikers “Tainted Love” stammt aus dem Soundtrack der Serie “Fortitude”, die Produzent Ben Frost über drei Jahre musikalisch begleitet hat. Alle Songs erscheinen jetzt auf einem Album, 31 Tracks, darunter die "Tainted-Love-Version", gesungen von der Schwedin Mariam Wallentin, die wirklich tief in die Knochen geht - genauso wie auch der Rest des Scores kein Fünkchen Hoffnung zulässt. Nachtmix-Chef Roderich Fabian empfiehlt auch sehr die drei Staffeln der Serie, die im arktischen Norwegen spielt. (7 von 10 Punkten)

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Ben Frost - Catastrophic Deliquescence | Bild: Mute (via YouTube)

Ben Frost - Catastrophic Deliquescence

Anne Müller – Heliopause

Die Berliner Cellistin Anne Müller hat mit neo-klassischen Größen wie Nils Frahm oder Olafur Arnalds zusammengearbeitet und bringt jetzt ihr erstes Soloalbum raus. Darauf sieht sie mit großer Freude in den interstellaren Weltraum. (6,5 von 10 Punkten)

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Nummer 2 | Bild: Anne Müller - Topic (via YouTube)

Nummer 2


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