Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Laura Marling, The Strokes und Hamilton Leithauser 

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Pokey LaFarge, Sparta, Jackie Lynn, Flat Worms, Hamilton Leithauser, The Strokes, Laura Marling, Dream Syndicate, Chromatics, Inwards, Tam Tam Skybar Compilation und Roedelius.

Von: Matthias Hacker

Stand: 09.04.2020

Cover: Laura Marling - "SONG FOR OUR DAUGHTER" | Bild: Partisan/Chrysalis

Ein wichtiger Hinweis: Den meisten Bands und Künstler*innen in dieser Übersicht sind gerade alle Auftrittsmöglichkeiten weggefallen und damit auch das Einkommen. Was wir tun können, um sie jetzt zu unterstützen, damit sie auch nach der Corona-Krise weiterhin für uns Musik machen können: ihre Songs streamen oder noch besser kaufen. Am besten geht das über die Seiten der Bands, über Mailorder bei Plattenläden, die ihre Läden haben Dicht machen mussten oder auch via Seiten wie bandcamp.com.

Pokey LaFarge – Rock Bottom Rhapsody

Der Südstaatenbarde Pokey LaFarge ist nach L.A. gezogen. Die Stadt der Engel hat in ihm aber die Dämonen geweckt. Davon erzählt er in den 13 Songs. Die Megametropole ungewohntes Terrain. In einem Song singt er “Lost In The Crowd”. 

Vor 8 Jahren spielte LaFarge im Münchner Amerikahaus ein furioses Konzert: Country Blues, Ragtime, Western Swing. Das Publikum ist schier ausgeflippt. Danach hat er sich immer weiter zu den ruhigen, gediegeneren Spielarten der Genres entwickelt. Das perfektioniert er jetzt immer weiter. Die Platte beginnt schon mit einem Streichquartett und versetzt uns gleich in einen alten Ballsaal. Dazu passt auch das Albumcover, auf dem er mit einem Skelett tanzt, das Perücke und ein 50er-Jahre-Abendkleid trägt. Nach dem Intro kommen sie dann, wie auf einer Perlenkette aufgereiht, die Rhythm n Blues Nummern, die Jazzballaden and so on. Pokey LaFarge kennt und kann die ganze Klaviatur der frühen amerikanischen Popmusik. Wenige können so charmant in ein Vintage-Mikrofon schmachten wie er. Die Melodien sind so butterweich, dass sie manchmal schon schmierig sind. Rock Bottom Rhapsody klingt, als kämen die Songs aus einem alten Grammofon und irgendwie auch aus einem alten, längst verblassten Amerika. (7,5 von 10 Punkten)

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Pokey LaFarge - "Lucky Sometimes" [Official Video] | Bild: Pokey LaFarge (via YouTube)

Pokey LaFarge - "Lucky Sometimes" [Official Video]

Sparta – Trust The River

Die Post-Hardcore Band At The Drive-In hat sich 2001 in zwei Teile aufgespalten. Daraus gingen The Mars Volta und Sparta hervor. Jim Ward hat mit der Band bis 2006 drei Alben gemacht, danach war Pause. Bis jetzt. Die Vorgänger-Platte Threes hab ich noch sehr gut und angenehm in Erinnerung. Die Zutaten sind 2020 sind gleichgeblieben. Jim Ward hatte schon immer den Hang zu langen pathetischen Melodiebögen, aber das Gewoohe und Geahhee beispielsweise im Song „Believe“ geht dann wirklich zu weit. Man fühlt sich an rockigere U2 erinnert, was für Fans der Band ein Schlag ins Gesicht sein muss.

Während seine ehemaligen Bandkollegen mit Mars Volta experimentelle, abgehackte schräge, progressive Riffs gewagt haben, macht Jim Ward das glatte Gegenteil. Trust The River ist zahm, lahm und langweilig. Es fehlt jeglicher Wumms und jede Dringlichkeit. Jim Wards dünne Stimme ist ein Symbol dafür. (4 von 10 Punkten)

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Sparta - Empty Houses (Official Video) | Bild: Dine Alone Records (via YouTube)

Sparta - Empty Houses (Official Video)

Jackie Lynn – Jaqueline

Jackie Lynn ist das Alter Ego der Sängerin Haley Fohr. So wie sie diese fiktive Jackie Lynn anlegt und auslebt, hat sie Klasse und Cojones. Sie trägt Glitzerkleid und hat schon alles im Musik-Business erlebt. Die reale Haley Fohr lebt in dieser fiktiven Persona ihre versteckte Exzentrik aus. Bisher kannte man sie eher durch ihre Indiefolk -Band „Circuit des Yeux“. Als Jackie Lynn erfindet sie sich neu und schert sich nicht um die Gräben zwischen Glamour und Underground. Sie springt so elegant zwischen diesen Polen wie Debbie Harry. Wenn man ihre Stimme hört, kommen gleich andere Assoziation: sie singt etwa mit der tiefen Stimme einer Amanda Lear. Man kriegt diese Kunstfigur nicht zu greifen. Dazu passt auch der musikalische Spagat zwischen Disko, Kraut, Synthwave und Gitarren-Rock. Tolles Projekt. Jaqueline erscheint morgen auf dem renommierten Chicagoer Indie-Label „Drag City“. Die feiern dieses Jahr 30. Geburtstag und geben immer noch ganz schön Gas. Sie haben morgen sogar noch ein zweites Eisen im Feuer. Die Flat Worms sind auch eine Drag City Band. (8 von 10 Punkten)

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Jackie Lynn "Shugar Water" (Official Music Video) | Bild: Drag City (via YouTube)

Jackie Lynn "Shugar Water" (Official Music Video)

Flat Worms – Antarctica

Das Trio liefert grimmigen Post-Punk und fuzzy Noiserock. Diesen schönen knarzenden Bass und die Distortion auf der Gitarre hat niemand geringeres als Produzentenlegende Steve Albini produziert. Der dreht in manchen Songs die Höhen so hoch, dass die Schlagzeugbecken in den Ohren schmerzen und gleichzeitig spüren wir den trockenen Bass in der Magengrube. Was mir dazu noch gut gefällt, ist dieser bitterböse Grantler Gesang a la The Fall. Da grummelt man gerne mit. Manchen Songs hätte mehr Tempo und Drive aber gut getan. (7,5 von 10 Punkten)

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Flat Worms "The Aughts" (Official Music Video) | Bild: Drag City (via YouTube)

Flat Worms "The Aughts" (Official Music Video)

Hamilton Leithauser – The Loves Of Your Life

Hamilton Leithauser war der Sänger von The Walkmen. Auch wenn er danach immer wieder die Teamarbeit gesucht hat, etwa mit Lana Del Rey oder Angel Olsen, ist er doch ein Solosongwriter. Er ist vielleicht kein Einzelgänger, aber passionierter Spaziergänger. Auf dem The Loves Of Your Life spaziert er durch seine Heimatstadt New York City. Er nimmt uns mit zu den vielen kleinen Erlebnissen auf der Straße und den großen Geschichten, die sich oft dahinter verstecken. Er schaut nicht wie Touristen zu den Spitzen der Hochhäuser, er schaut sich eher in den unspektakulären Ecken New Yorks um. Da trifft er dann auf seine Songvorlagen: etwa auf den Garbage Man, er schmunzelt über die vorbeilaufenden Cops oder wartet gedankenverloren bis die nächste Fähre ablegt. Er singt dabei manchmal in dieser krächzenden Rod-Stewart- Manier, was aber gar nicht nervt. Auf die Stimme hört man sowieso im Laufe des Albums immer weniger, weil uns die Geschichten aus New York City so bildhaft vor den Augen erscheinen. Das Storytelling ist grandios, das Album wie ein musikalischer Stadtführer, ja ein akustisches Fotoalbum. Als würden wir durch seine Augen sehen. Da man jetzt sowieso nicht nach New York fliegen kann, ist dieses Album ein wunderbarer Ersatz und danach fühlt man sich, als wäre man dagewesen. (8,5 von 10 Punkten)

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Hamilton Leithauser - Isabella (Lyric Video) | Bild: HamiltonVEVO (via YouTube)

Hamilton Leithauser - Isabella (Lyric Video)

The Strokes – The New Abnormal

Wenn wir schon mal da sind, bleiben wir doch gleich im Big Apple. Jetzt spazieren wir zusammen mit den Strokes über die Brooklyn Bridge. Ihre neueste Single heißt „Brooklyn Bridge To Chorus“. Ihr Hit-Album „Is This It“ wird nächstes Jahr 20.  Strokes Sänger Julian Casablancas ist mittlerweile auch über 40. The New Abnormal ist das sechste Studioalbum, produziert von Rick Rubin. Nach sieben Jahren Pause wollte man keine Experimente wagen. Rubin hat hier wieder mal gute Arbeit geleistet. Wieso die alten Indiehelden ausgerechnet diese Singles ausgewählt haben weiß wohl nur die Band oder die Plattenfirma. Die Strokes sind längst nicht mehr die hippe Garagen Rockband wie vor 20 Jahren, ihr Sound ist längst elektronischer und sie spielen sich mit einem Hauch 80ies. (7 von 10 Punkten)

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The Strokes - Brooklyn Bridge To Chorus (Audio) | Bild: thestrokesVEVO (via YouTube)

The Strokes - Brooklyn Bridge To Chorus (Audio)

Laura Marling - Song For Our Daughter

Das Album hätte eigentlich erst später erscheinen sollen, aber die Britin hat es vorgezogen. Ihre Musik soll uns in diesen Zeiten unterhalten und näher zusammenbringen. Da passt es thematisch ganz gut, dass Marling von traumatischen Krisen singt. Ihr siebtes Album hat in ihrem Keller aufgenommen, wo sie sich ein kleines Studio eingerichtet hat. Das Album ist erstmal recht poppig und flott. Damit überrascht sie uns, bevor sie dann aber auf die für sie typischen, schönen Folk-Balladen auf der Akkustik-Gitarre zurückfindet. (7,5 von 10 Punkten)

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Laura Marling - Song For Our Daughter (Album Trailer #3) | Bild: Laura Marling (via YouTube)

Laura Marling - Song For Our Daughter (Album Trailer #3)

Dream Syndicate – The Universe Inside

Von sanften Melodeien mit klassischer Songstrktur zu Dream Syndicate. Einer Band, die seit ihrer Gründung in den 80zigern noch nie glattpolierten Sound gemacht hat und immer schon auf Konventionen gepfiffen hat. Er mache zwar Kompromisse beim Essen und Schlafen, aber nicht bei seiner Musik, soll Frontmann Steve Wynn mal gesagt haben. Die Band nimmt sich Zeit die Elemente aus Prog, Psychedelic, Kraut und Free-Jazz. Der erste Song dauert 20 Minuten, der kürzeste acht. Sie beginnen alle sehr klar und geben eindeutig ein Thema vor, von dem die Band sich dann aber Minute für Minute mit Jams und Improvisationen löst. Dabei verfransen sich Dream Syndicate nicht und die Songs halten die Spannung. Die Songs sind lang, aber das Album vergeht wie im Flug. (8 von 10 Punkten)

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The Dream Syndicate - "The Longing" | Bild: ANTI- Records (via YouTube)

The Dream Syndicate - "The Longing"

Chromatics – Faded Now

Die Chromatics sind den meisten wohl mit ihrem Song „Tick Of The Clocks“ bekannt. Der Song ist als Teil des Soundtracks zu „Drive“ mit Ryan Gossling berühmt geworden. Letzte Woche ist überraschend ein neues Album der Band aus Portland erschienen. Der Untertitel ist besonders interessant: A Film For Your Ears. Ein Film für die Ohren. Sprich: wieder eine Art Soundtrack. Die Chromatics untermalen gerne und stellen ihre dezent düsteren Songs nicht selbst ins Rampenlicht. Deswegen kam das Album vermutlich auch wie aus dem Nichts. Es ist schon das zweite Album innerhalb eines Jahres und es ist noch nicht das „Dear Tommy“-Album, auf das ihre Fans  warten. Das haben sie schon vor Jahren angekündigt aber immer noch nicht veröffentlicht. Faded Now bietet einerseits elektronischere Tracks mit tollem TripHop, Elektronica bis Lounge und ein paar Remixe, aber auch Lieder mit Akustikgitarre sind zu hören. Beides hat seinen Charme, auch wenn die beiden Sorten Musik auf Albumlänge etwas unpassend nebeneinanderstehen. Was es übrigens auch noch auf dem Album gibt, ist eine sehr schöne Coverversion von „Sounds Of Silence“ von Simon and Garfunkel. (6,5 von 10 Punkten)

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CHROMATICS "Faded Now" (Full Album) | Bild: Italians Do It Better Music (via YouTube)

CHROMATICS "Faded Now" (Full Album)

Inwards – Bright Serpent

Kristian Shelley aka Inwards hat sich für sein neues Album extra eine Hütte gebaut. Dort hat er aber nicht, wie etwa ein Bon Iver einst, Folkballaden auf der Akustikgitarre geschrieben. Nein, er hat sein Synthesizer und Modulator Equipment aufgebaut. Auf Bright Serpent zirpt‘s, klackert‘s und knarzt‘s. Das ist aber keine ernst-verkopfte, elektronische Avantgardemusik, sondern federleichte, verkopfte Avantgardemusik. So experimentell seine Arbeiten klingen mögen, sie versprühen Feelgood-Frühlingsflair. (8 von 10 Punkten)

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Bright Serpent | Bild: Inwards - Topic (via YouTube)

Bright Serpent

Tam Tam Skybar Compilation

Die Münchner Veranstaltergruppe "TamTam" hat vergangenen Winter unter dem Namen Skybar eine Off-Location in einem alten Bürogebäude im Münchner Westen bespielt: eine Mischung aus Klub und Galerie. Es gab Parties, tolle Konzerte und ein mutiges Programm. Da fielen solche Sätze wie „Sowas findet man sonst nur in Berlin“. Eine Auswahl der besten Acts, die in der Tam Tam Skybar aufgetreten sind, haben die Tam Tam – Macher jetzt auf einem neuen Sampler veröffentlicht. Die Vinyl-Auflage von 20 Stück ist längst vergriffen, weil jeder Künstler auf dem Sampler ein Exemplar bekommen hat. Aber auf der Bandcamp Seite von Tam Tam Records gibt es ihn noch digital. Mit drauf sind unter anderem: Joasihno, Sam Irl, Leroy, Schnitt oder TomWu. Musikalisch reicht es von Techno bis Jazz. (7,5 von 10 Punkten)

Roedelius – Selbstportait: „Wahre Liebe“

Mit seinen Krautrock-Bands Cluster und Harmonia hat er längst seinen Platz in der Musikgeschichte sicher. Abseits davon hat er aber Zeit seines Lebens immer spannenden Ambient und experimentelle Musik geschaffen. Seit den Siebzigern veröffentlicht er   seine Selbstporträt Reihe. „Sanfte Musik“ war 1979 der Startschuss. 40 Jahre später erscheint jetzt der neue Teil „Wahre Liebe" mit den alten Instrumentarium Farfisa Orgel und Rhodes Piano. (7 von 10 Punkten)

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Roedelius - Gerne | Bild: Bureau B (via YouTube)

Roedelius - Gerne


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