Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Heinz Strunk | Raphael Saadiq | Shannon Lay

Die Neuheiten der Mitt-Sommer-Ferien-Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören u. a. hinein in die frischen Werke von Heinz Strunk, Shannon Lay, Raphael Saadig, Liga der Gewöhnlichen Gentlemen, Robert Randolph & The Family One, Brockhampton, Headie One und der Münchner Ambient/Ibiza-Compilation "Chill Pill.

Von: Ralf Summer

Stand: 22.08.2019

Cover: Shannon Lay - August | Bild: SubPop

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen - Fuck Dance, Let’s Art

Ich musste sehr schmunzeln, als ich das Cover in die Hand nahm: es zeigt den deutschen Maler Hank Schmidt in der Beek in situationistischer Aktion. Statt das tolle Panorama zu zeichnen, malt er lieber die Farben seines gestreiften Pullovers auf die Leinwand vor sich und der herrlichen Landschaft (Caspar David Friedrichs Elbsandsteingebirge). Es ist ein Foto aus Beeks Buch „Und Im Sommer Tu Ich Malen“ (der Zündfunk hat ihn dazu 2018 interviewt), der Sänger bei Das Lunsen Trio ist. DLDGG-Mischer Timo Blunck hat das Motiv auf einem Poster entdeckt, das eine Lesung von ihm plus Konzert von Das Lunsen Trio ankündigte. Das Humor-Foto passt für den Albumtitel „Fuck Dance, Let´s Art“ - es ist das fünfte Album der Hamburger Band um Sänger Carsten Friedrichs. Ihm gelingt was nur wenigen deutschen Sängern gelingt: er hat ein Faible für die Geschichten von Leuten, Geschäften und Vereinen, über die sonst keiner singt: dem alten Spion (der fast einen Finger verloren hat), dem kleinen Matratzenmarkt (der schließen muss – was sonst?) und dem HSV (und nicht St. Pauli). Wie immer in schmissiger Neo-Mod-Northern-Soul-Retro-Manier. Live dürfen sich freuen: die Mainzer (2.10. Schon Schön), die Münchner (Milla 3.10.), die Ulmer (4.10. Salon Hansen) und die Stuttgarter (5.10. Goldmarks). Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen bringen und haben Glück. (7,77 von 10 Punkten)

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Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen - Ein Leben in Rot mit purpurnen Blitzen (official video) | Bild: tapeterecords (via YouTube)

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen - Ein Leben in Rot mit purpurnen Blitzen (official video)

Heinz Strunk - Aufstand der dünnen Hipsterärmchen

Spätestens durch die Fatih Akin-Verfilmung seines Romans „Der Goldene Handschuh“ hat sich Mathias Halfpape im Mainstream festgesetzt. Buch, Film („Fraktus“), Telefonstreiche – als Heinz Strunk ist er inzwischen auf vielen Feldern erfolgreich. Begonnen hat er mit Musik – lange Jahre tourte er als Saxophonist/Querflötist mit der Tanzkapelle Tiffany´s durch die Lande – nachzulesen in seiner Autobiographie „Fleisch Ist Mein Gemüse“. 25 Jahre nachdem er sein „Gag-Album“ „Spaß mit Heinz“ aufnahm, erscheint nun Album Nr. 14: „Aufstand Der Dünnen Hipsterärmchen“. Es geht auch hier um die Geschichten der Kleinen, Übersehenen oder Ausgegrenzten. Spott bekommen Günter Jauch, der Kapitän der Costa Concordia und Alte Väter ab. Kaffee und Wein bekommen ihre eigenen Trinklieder. Musikalisch kommt Strunk aber Energy-Drink-mäßig daher: mit Autoscooter-Wumms. „Theoretisch kann ich alles, von Abba bis Zappa, von Jazz bis reaktionäres Liedgut, aber aus falscher Bescheidenheit habe ich mich auf einfaches musikalisches Vokabular beschränkt.“ Schade, holt mich nicht ab, lieber Heinzer. Aber das will er ja auch: „Weg vom Hochfeuilleton, hin zu Rummel, Schlagermove, Harley Days und Rock am Ring." Live: 15.11. Regensburg, Alte Mälzerei, 17.11. München, Volkstheater, 18.11. Heidelberg, Karlstor, 19.11. Erlangen, E-Werk, 20.11. Stuttgart, Wizemann. (6,5 von 10 Punkten)

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Heinz Strunk - Deutsches Laub (Official Video) | Bild: Audiolith (via YouTube)

Heinz Strunk - Deutsches Laub (Official Video)

Shannon Lay - August

Sie kommt aus L.A., hat ihr letztes Album auf dem Label von Kevin Morby veröffentlicht und hat nun beim renommierten SubPop Records in Seattle angedockt. „August“ hat sie mit ihrem langjährigen Freund, dem Musiker Ty Segall aufgenommen. „Er wirft die Ideen einfach so an die Wand und du sagst: ´Daran hätte ich nie gedacht´“. Der Albumtitel bezieht sich auf den August vor zwei Jahren, in dem die rothaarige Pony-Frisur-Trägerin ihren Nebenjob hinwarf, um sich ganz der Musik zu widmen. „Ich stelle mir Musik immer als Fluss vor. Alle werfen Dinge hinein. Alle fühlen etwas dabei. Ein schöner Austausch.“ Mich berühren die Stücke „August“, „November“, „The Dream“ und „Sunday Sundown“ - bei dem trifft sie den Tonfall der wunderbaren Aldous Harding. Anfang 2020 kommt sie auf Tour mit Mikal Cronin – u. a. spielt Shannon Lay in Münchens Milla am 10.2. (8,0 von 10 Punkten)

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Shannon Lay - August | Bild: Sub Pop (via YouTube)

Shannon Lay - August

Jay Som – Anak Ko

Melina Duterte stand schon auf der Bühne mit Death Cab For Cutie und der gefeierten Mitski – und pendelt als Jay Som zwischen Dream Pop, Indie Rock und Shoegaze. In ihrer neuen Heimat L. A. hat sie Freunde und Liebe gefunden, wie sie sagt. Ihr drittes Album heisst „Anok Ko“ („An-nuh Koh“ ausgesprochen) und meint „mein Kind“ - im Philippinischen. Jay Som hat die Platte allein in Joshua Tree (→ U2) geschrieben. Und mit Musikern von Bands wie Vagabon, Chastity Belt und Boy Scout aufgenommen. Die brachten auch eine Pedal Steel Guitar mit. Zu hören auf dem einfühlsamen „Get Well“ am Ende der Platte. (7,5 von 10 Punkten)

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Jay Som  - Tenderness [OFFICIAL MUSIC VIDEO] | Bild: Jay Som (via YouTube)

Jay Som - Tenderness [OFFICIAL MUSIC VIDEO]

Robert Randolph & The Family Band - Brighter Days

Ein bissl aus der Zeit gefallen erscheint der Blues-Funk-Soul-Rock des afro-amerikanischen Musikers. Robert Randolph wuchs mit Gospel auf, er kannte Musik nur aus dem Gottesdienst in der House of God Church in Orange, New Jersey. Ein Wunder, dass er überhaupt mit weltlicher Musik in Berührung kam. US-Jazzer John Medeski gilt als sein Entdecker, T-Bone Burnett arbeitete mit ihm, Eric Clapton oder Carlos Santana bewundern ihn – für sein Spiel auf der Pedal Steel Guitar. Der mehrfach Grammy-nominierte Künstler nennt sie gottesfürchtig „sacred steel“. Und Gott wacht darüber, dass wir hier nicht zu wenig Punkte vergeben (7 von 10 Punkten)

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Robert Randolph & The Family Band - "Second Hand Man" (Lyric Video) | Bild: Robert Randolph and The Family Band (via YouTube)

Robert Randolph & The Family Band - "Second Hand Man" (Lyric Video)

Raphael Saadiq - Jimmy Lee

Acht Jahre lang hatte er keine Zeit für ein neues Album – nun ist der Grammy-Preisträger zurück. Mit sehr persönlichen Liedern: es geht um seinen Bruder und dessen Kampf gegen die Sucht. Was mit einem schnellen Vergnügen in Kalifornien begann, endet auf der New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island. Saadiq legt dementsprechend vergnügt mit Beats los und lässt die Platte ernst enden – mit Soul, Gospel und Rap. Toll: „My Walk“ - als ob Jack White nun R´n´B machen würde. In den USA gilt der Oscar-nominierte Saadiq als eine der einflussreichsten Figuren im Pop – kein Wunder, dass u. a. Kendrick Lamar oder Ali Shaheed Muhammad von A Tribe Called Quest ans Mikro kamen. (8,0 von 10 Punkten)

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Raphael Saadiq - Glory to the Veins (Official Audio) ft. Ernest Turner | Bild: RaphaelSaadiqVEVO (via YouTube)

Raphael Saadiq - Glory to the Veins (Official Audio) ft. Ernest Turner

Brockhampton - Ginger

Es ist ein Kreuz mit dem HipHop, nicht wegen der Musik, sondern der Geheimniskrämerei. Die Presse darf auf keinen Fall vorab die neuen Alben der Stars in die Hände bekommen. Zum Beispiel bei Brockhampton und ihrem neuen Werk „Ginger“ – das fünfte in drei Jahren der Texaner. Dazu kommt noch ein Solo-Album von Rapper Kevin Abstract. Drei Brockhampton-Vorab-Singles gibt es aber – mein Favorit ist „Boy Bye“ - ebengehört. Für eine Wertung hier reicht das nicht. Aber sicher wieder für die Nummer 1 der US-Album-Charts. (Keine Wertung)

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Boy Bye - BROCKHAMPTON | Bild: BROCKHAMPTON (via YouTube)

Boy Bye - BROCKHAMPTON

Headie One - Music x Road

Irving Adjei ist ein englischer Rapper, der es in diesem Jahr schon in die UK-Top10 geschafft hat – mit „18Hunna ft. Dave“. Der Londoner, wegen Drogen-Dealens vorbestraft und von verfeindeter Gangs angegriffen, wird von der Londoner Polizei für „knife crime“ mit-verantworlich gemacht. Sie stoppten gar ein Konzert von ihm. Headie One konterte: „nur Narren glauben, dass ´Drill Music´ die Wurzel des Gewaltproblems in der Hauptstadt ist.“ Nach mehreren Mixtapes legt er nun sein Debüt vor. Er teilt sich das Mikro u. a. mit Skepta, Stefflon Don & Nav. Leider waren nur fünf Song-Kurzversionen vorab zu hören. (Keine Wertung)

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Headie One - Rubbery Bandz | Bild: Headie One (via YouTube)

Headie One - Rubbery Bandz

Hugar - Varða

Ein neuer Name aus Island – mit zwei bekannten Musikern von der Insel. Petur Jonsson und Bergur Porisson haben schon mit Sigur Ros, Björk, Olafur Arnalds und Johann Johannsson gespielt. Beide sind auch Teil von Björks Live-Band. Bergur half dazu Sigur Ros beim Soundtrack zur „Black Mirror“-Serie. Dabei sind die Beiden erst Anfang 20. Wer bei Island-Indie an instrumentalen, orchestralen und melancholischen Sound denkt, liegt richtig. Eine Platte, wie die letzte Minute vor dem großen, tosenden Sturm. Hugar haben das Zeug, die nächste Island-Band zu werden, die die Welt erobern kann. „Varða“ meint die kleinen Steintürme, die in Island als Wegmarkierungen aufgeschichtet werden. „Aufgrund der langen Tage kann man sich oben im Norden nur selten an den Sternen orientieren. In der Musik geht es“, meint Pétur, „nicht um das Ziel, sondern um eine nie endende Reise.“ Und die führt sie auch zu uns: am 25.9. spielen Hugar in Nürnberg im Neuen Museum. (7,5 von 10 Punkten)

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Hugar - Saga [Official Music Video] | Bild: Hugar (via YouTube)

Hugar - Saga [Official Music Video]

Alexander Tucker - The Guild of the Asbestos Weaver

Das 10. Album des britischen Musikers und Künstlers, der auch für andere Bands Cover gestaltet. Tucker hat schon mit experimentellen Formationen wie Füxa und Guapo gespielt – sein eigener Mix besteht aus Folk, Psychedelia und Kosmische Drone-Electronica à la Spacemen 3. Mächtig-prächtiger Wall of Sound. Und auf „Montag“ klingt er gar leicht nach frühen Depeche Mode, die sich vor der Pop-Mitte scheuen. Lange Lieder, große Einfühldauer, braucht also Zeit. Und wirkt dann mitunter halluzinogen. (7 von 10 Punkten)          

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Alexander Tucker - Guild of the Asbestos Weaver (Album Trailer) | Bild: Thrill Jockey Records (via YouTube)

Alexander Tucker - Guild of the Asbestos Weaver (Album Trailer)

CARLOS CIPA – Retronyms

Der Münchner Komponist mit seinem dritten Album – bzw. seinem Major-Debüt - für Warner Classics. Entdeckt wurde Cipa von Denovali Records – die von Bochum aus in den letzten 13 Jahren unglaublich viel im Dreieck Ambient/Klassik/Avantgarde veröffentlicht haben – z. B. Sankt Otten, Poppy Ackroyd, Federico Albanese. Der ausgebildete Pianist spielt in Clubs und auf Festivals genauso wie in Konzerthäusern, stand schon mit Nils Frahm oder Hauschka auf der Bühne, komponiert Soundtracks ebenso wie er Solo-Werke einspielt oder Steve Reich neu interpretiert. Carlos Cipa ist mit der Romantik auf „per Du“ und mit „Retronyms“ auf Tour. Der Begriff meint nachträgliche Umbenennungen. Wie z. B. die Akustik-Gitarre, die erst dann so hiess, als die E-Gitarre aufkam. Vorher war sie einfach die Gitarre. Ob „Retronyms“ nun auch das Ende einer Entwicklung, einen Wendepunkt im Schaffen von Carlos Cipa andeutet? Live u. a: 25.9. Wien (Stille Kammer, solo), 27.9. München (Milla, mit Band) und 27.9. Wiesbaden (Museum, solo) und außerdem zu hören im September-Nachtmix bei Judith Schnaubelt, Bayern2 - logisch. (7,5 von 10 Punkten).

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Carlos Cipa – dark tree (Official Video) | Bild: Carlos Cipa (via YouTube)

Carlos Cipa – dark tree (Official Video)

V. A. Chill Pill (Public Possession Records)

Eine wirklich gelungene Zusammenstellung im immer kleiner werdenden Compilation-Markt – der Playlist-Trend verdrängt ja die Sampler. Doch Marvin und Valentino vom Münchner Plattenladen/Plattenfirma Public Possession Records sehen noch Platz im Segment – in dem Fall für Freunde der Café Del Mar-Serie. „Chill Pill“ ist in Zusammenarbeit mit dem Eivissa Gardening & Recreation Center entstanden – einem Rückzugsort auf Ibiza. Dort kann sich der gestresste Mensch bei Gartenarbeit „runterarbeiten“. Die 14 Stücke stammen von lokalen und internationalen Produzenten – und bewegen sich zwischen Ambient/Chill Out/Easy Electronica. Die Münchner Jazz-Formation Fazer hat mit „Khanda“ einen trompeten-bezuckerten Sundowner geliefert. Weitere Perlen sind Mozaika - „Aloha“, Nice Girl - „Sugar“ und Obalski - „Britney“. Lediglich das Madonna – La Isla Bonita – Cover von Bell Towers ist zu cheesy. Bei Ibiza-Sound passiert das schnell mal. (8 von 10 Punkten)

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Fazer "Khanda" (Teaser) | Bild: Public Possession (via YouTube)

Fazer "Khanda" (Teaser)

H - H

Ein Album aus München, das letzte Woche digital erschien, nächste Woche auf LP/CD kommt – wir liegen also genau richtig in der Mitte für „H“. Es ist sowohl Bandname als auch Albumtitel. Dahinter verbirgt sich die Rückkehr von Rythm Police nach zehn Jahren Pause. Doch aus dem Comeback des Augsburg/Münchner Duos um Leo Hopfinger und Tom Simonetti wurde (erstmals) nix, stattdesssen entstand ein Werk – als Trio – mit Produzent Albert Pöschl. Der Band-Name „H“ meint so denn den fehlenden Buchstaben von Rythm Police. Der Horizont von „H“ reicht von verspultem Krautrock zu Psychedelia mit elektronischen Dub-Effekten. Vielleicht sollte sich das Label nun auch umbenennen: von Echokammer in Echohammer. ;) (7 von 10 Punkten)


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