Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Flying Lotus, Moodymann und Diplo

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Flying Lotus, Moodymann, Sebastien Tellier, Nicole Atkins, Diplo, Mrs. Piss, Sweet Spirit, Hania Rani, Golden Diskó Ship und Stepha Schweiger.

Von: Angie Portmann

Stand: 28.05.2020

Moodymann – Taken away | Bild: Mahogany Music

Ein wichtiger Hinweis: Den meisten Bands und Künstler*innen in dieser Übersicht sind gerade alle Auftrittsmöglichkeiten weggefallen und damit auch ihr Einkommen. Was wir tun können, um sie jetzt zu unterstützen, damit sie auch nach der Coronakrise weiterhin für uns Musik machen können: Ihre Songs streamen oder noch besser kaufen. Am besten geht das über die Seiten der Bands, über Mailorder bei Plattenläden, die ihre Läden haben dicht machen mussten oder auch via Seiten wie bandcamp.com.

Flying Lotus – Flamagra (Instrumentals)

Flying Lotus, der grammy-nominierte, kalifornische Produzent Steven Ellison, feiert den Geburtstag seines phantastischen „Flamagra“-Albums aus dem vergangenen Jahr mit der Veröffentlichung der Instrumental-Version desselben.

Nun könnte man sagen, hier hat es sich einer etwas einfach gemacht, die Gesangsspuren seiner Gäste entfernt und schwupps, schon war ein neuer Album-Release am Start. Zumal etliche Tracks auch schon auf dem Original nur Instrumentals waren. Oder man sieht die Sache positiv und sagt: das rein instrumentale „Flamagra“ funktioniert wie ein spiritueller Rausch, ein kosmischer Trip, nur dass uns diesmal nicht die Stimmen von Solange, Anderson.Paak oder Shabazz Palaces ablenken, wenn wir durch diese sich permanent verändernden, afrofuturistischen Soundwelten von Flying Lotus driften. Durch diese unglaublichen Arrangements, diesen Ideen-Wahnsinn, diese grandiose Produktion im Grenzbereich zwischen Jazz, HipHop, Electronica und Soul. Und ja, selbst ohne die illustre Liste an Feature-Gästen sind 27 Tracks nicht zu lang, wenn sie von Flying Lotus kommen. (8 von 10 Punkten)

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Heroes | Bild: Flying Lotus - Topic (via YouTube)

Heroes

Moodymann – Taken away

Moodymann, Deep House-Preacher aus Detroit mit bald 25jähriger Berufserfahrung, huldigt auf seinem neuen Album „Taken away“ wieder dem Soul. Wie immer klingt er dabei unglaublich deep, elegant und funky. Kenny Dixon Jr,, wie Moodymann im bürgerlichen Leben heißt, hat dazu gleich im Opener Al Green gesampelt und klar gemacht, das hier die ganz großen Themen verhandelt werden. Nämlich Love and Happiness - in allen Schattierungen. Beides findet man bei Moodymann immer auf dem Dancefloor, nicht in der Kirche, versteht sich. Dixon liefert hier ein unwiderstehliches Soul-Update, seinem Idol Prince kommt er dabei so nah wie schon lange nicht mehr. (8,5 von 10 Punkten)

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Moodymann - TAKEN AWAY [KDJ49] (Full Album) | Bild: 404 Music Channel (via YouTube)

Moodymann - TAKEN AWAY [KDJ49] (Full Album)

Sebastien Tellier – Domesticated

Der Mann hat Humor. Das wissen wir spätestens, seit Tellier 2008 im weißen Golfmobil auf die Bühne des Eurovision Song Contests gefahren kam und dort mit wehendem Haar und leicht debilen Hüftschwung „Divine“ zum besten gab. Unterstützt von fünf Conchita Wurst-Klonen als BackgroundsängerInnen. Definitiv ein Highlight in der Geschichte des ESC. Und nicht das einzige Highlight in der Karriere des gut gestylten Disco-Dandys, der Synthies aller Art liebt und u.a. schon mit Jean-Michel Jarre und Mr. Oizo zusammengearbeitet hat. Jetzt, mit 45, steht jedoch ein Neuanfang an. Zitat Sebastien Tellier: „Das Leben ist ein permanenter Kampf – und die Hausarbeit bildet den Kern dieses Kampfes.“ Dementsprechend träumt Tellier neuerdings von Dyson-Staubsaugern und glänzenden Toastern. Seit er als Familienvater Nudeln kochen und Kinder durch die Gegend kutschieren darf, hat sich offensichtlich sein Fokus verschoben, vom draufgängerischen Slacker hin zum domestizierten Experten für Haushaltsbelange aller Art. Passend dazu hat der postmoderne Serge Gainsbourg sein Album auch „Domesticated“ und den eben gehörten Track „Domestic tasks“ genannt. Das hört sich jetzt dramatischer an als es ist, Sebastien Tellier liebt sein neues Leben und kann sich nichts Schöneres vorstellen, wie er selbst sagt. Sein sechstes Album klingt deshalb auch verträumt und flauschig wie ein French-House-Flokati … nur ab und zu tritt man auf ein Lego-Teilchen. Sehr sympathischer Umgang mit einer mir zutiefst unsympatischen Sache (ich mein den Haushalt, nicht French House ;-).  (7,8 von 10 Punkten)

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Sébastien Tellier - Domestic Tasks (Official Video) | Bild: RecordMakers (via YouTube)

Sébastien Tellier - Domestic Tasks (Official Video)

Nicole Atkins – Italian Ice

Nicole Atkins aus New Jersey macht zeitlosen Soul, und das jetzt schon etliche Alben lang. Unterstützt wurde sie diesmal von so erfahrenen Musikern wie z.B. Binky Griptite von den Dap-Kings oder Jim Sclavunos und Dave Sherman von Nick Cave and the Bad Seeds. Ihr klassisches Songwriting liefert die perfekte Eskapismus-Anleitung. Atkins selbst nennt “Italian Ice” „an acid trip through my record collection“. Und dabei folgt man ihr ausgesprochen gerne.(7,5 von 10 Punkten)

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Nicole Atkins - The Making of Italian Ice | Bild: Nicole Atkins (via YouTube)

Nicole Atkins - The Making of Italian Ice

Diplo - Diplo Presents Thomas Wesley Chaper 1: Snake Oil

Diplo goes Country, schreibt die Plattenfirma. Das ist natürlich Quatsch. Mit echtem Country hat das hier nichts zu tun. Diplo, dieser unglaublich clevere und mittlerweile 150 Prozent im Mainstream gestrandete Über-Produzent Diplo, macht hier 1a Radio-Futter, wie es sich Massenwellen wünschen. Handlich, praktisch … und leider furchtbar uninspiriert. Mit großen Namen aus den Charts, Namen wie den Jonas Brothers, Blanco Brown oder Julia Michaels. Aber „Diplo Presents Thomas Wesley Chaper 1: Snake Oil“ wird sich vermutlich megamäßig verkaufen, davon ist auszugehen.  (6 von 10 Punkten)

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Heartless | Bild: Diplo - Topic (via YouTube)

Heartless

Mrs. Piss  - Self Surgery

„I’m bathing in the filth of the world“, singt Chelsea Wolfe im Album-Opener ihres Debüts als Mrs. Piss, das sie zusammen mit der befreundeten Schlagzeugerin Jess Gowrie aufgenommen hat. Der Titel des ersten Songs „To crawl inside“ deutet schon darauf hin, hier geht’s ans Eingemachte, tief hinein in die dunklen, schmutzigen Ecken dieser unserer Welt. An jene alptraumhaften Orte, wo sich Industrial, Metal, Stoner Rock und Punk seit jeher schon immer besonders wohl gefühlt haben. Und wo das Duo Mrs. Piss zur absoluten Höchstform aufläuft. In diesen acht kurzen und extrem knackigen Stücken steckt so viel Energie, Wut und Aggression – andere hätten daraus drei Alben gemacht. Im Gegensatz dazu klingt der Doom-Folk auf dem letzten Chelsea Wolfe-Album („Birth of Violence“) fast harmlos. (8,2 von 10 Punkten)

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Mrs. Piss "Knelt" (Lyric Video) | Bild: Sargent House (via YouTube)

Mrs. Piss "Knelt" (Lyric Video)

Sweet spirit – Trinidad

Die Sweet Spirits sind eine Rock’n’Roll-Band aus Austin, Texas, die keinen Rock’n’Roll mehr machen möchte, sondern jetzt auf Soul, Country und Pop umgestiegen ist. Ihr drittes Album heißt „Trinidad“, wie die mexikanische Urgroßmutter von Sängerin Sabrina Ellis, die übrigens auch für die Punkrock-Combo Giant Dog singt. Und deshalb wird auch ab und zu spanisch gesungen bzw. gesprochen. In dem discoiden „Llorando“ z. B. oder in dem balladesken „Y2K“. Aber egal ob slicke 70’s-Disco oder sehnsüchtiger Melo-Pop – immer durchzieht „Trinidad“ eine bittersüße, leicht nostalgische Grundstimmung, die dem Album sehr gut steht. (7,6 von 10 Punkten)

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Sweet Spirit - No Dancing (Official Video) | Bild: Sweet Spirit (via YouTube)

Sweet Spirit - No Dancing (Official Video)

Hania Rani - Home

Wo viele von uns gezwungenermaßen mehr Zeit als gewöhnlich in den eigenen vier Wänden verbringen, veröffentlicht die Polin Hania Rani mit ihrem neuen Album „Home“ quasi die Platte zur Zeit. Hania Rani kommt aus Danzig, ihre Wahlheimat ist Warschau, in Berlin ist bzw. war sie oft, da sie dort studiert und gearbeitet hat. „Esja“, ihr Debütalbum, war noch Neo-Klassik pur. Sehr minimalistische, atmosphärische Klavieraufnahmen, wie sie gerade ziemlich en vogue sind. Nicht nur in Polen war sie damit auch sehr erfolgreich. Ranis neues Album „Home“ beschränkt sich jetzt aber nicht nur auf diese warmen Piano-Klänge, sondern diesmal sind auch Bass, Schlagzeug und Streicher dabei. Analoges und digitales verschmilzt hier zu einem organischen Ganzen im Stil von Nils Frahm. Und auf einigen Stücken singt Hania Rani sogar, z.B. auf dem eben gehörten Titeltrack „home“. Fazit: auch wenn dieses Album „home“ heißt, scheint ihre Macherin gerade zu neuen Ufern aufzubrechen und sich auch als Singer/Songwriterin etablieren zu wollen. Perfekt arrangierte und produzierte Neo-Klassik auf dem Weg Richtung Pop, warum nicht? (7,7 von 10 Punkten)

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Hania Rani — 'Home' (Official Video) [Gondwana Records] | Bild: Gondwana Records (via YouTube)

Hania Rani — 'Home' (Official Video) [Gondwana Records]

Golden Diskó Ship – Araceae

„Take me to the airport“ – Sehnsuchtsort Flughafen, das Symbol unbeschwerten Reisens in ferne Länder. Als Theresa Stroetges Inspirationen für ihr viertes Album gesucht hat, herrschte dort vermutlich noch Hochbetrieb, mittlerweile sind die Terminals verwaist. Eine fast dystopische Leere schallt uns dort entgegen. Aber das wird sich wieder ändern. Genauso wie sich die Musik auf „Araceae“ ständig wandelt. Vom geisterhaft verlassenen, eher urban wirkenden „Glow in the dark gloves“ bis zum versponnenen „Wildly floral, slightly damp“. Album No 4 von Golden Diskó Ship wirkt wie ein völlig unberechenbares Abenteuer. Aus jeder musikalischen Idee erwächst schon kurz darauf die nächste. Stroetges schlängelt sich durch ein Dickicht aus Techno, Jazz und Avantgarde-Pop. Experimentiert mit elektronischen und akustischen Sounds, einer oft verfremdeten Stimme und einer Menge Field Recordings, die sie auf ihren Reisen aufgenommen hat. Für “Araceae” war die Berlinerin z.B. in Indien. Und hat dort offensichtlich wieder genau die richtigen Inspirationen für ihr Golden Disko Ship gefunden. (7,8 von 10 Punkten)

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Golden Diskó Ship - Wildly Floral, Slightly Damp | Bild: Karaoke Kalk (via YouTube)

Golden Diskó Ship - Wildly Floral, Slightly Damp

Stepha Schweiger  - When I was a bird

Die Regensburgerin, die heute in Berlin lebt, hat ihre musikalische Karriere bei den ZF-Lieblingen Baby you know begonnen. Deren Album „Last night in the Kino Bar“ aus dem Jahr 1995 hat Nachtmix-Kollege Karl Bruckmaier produziert, beim Vorgänger „Clear water“ hatte noch Robert Forster von den Go-Betweens den Job übernommen. In den Neunzigern hat die studierte Komponistin auch begonnen mit elektronischen Klängen zu experimentieren. Ihr morgen erscheinendes sechstes Album „When I was a bird“ kombiniert Elektronik mit 80’s Pop, Avantgarde und ihrer markanten Stimme. Das klingt manchmal etwas nostalgisch, aber oft auch düster charmant und funktioniert bei Stücken wie dem Twin Peaks-haften „Sea Crazy Song“ oder dem Titeltrack „When I was a bird“ ausgezeichnet. Produziert hat in diesem Fall übrigens Kurt Dahlke, auch bekannt als Pyrolator, der schon DAF, Fehlfarben und den Plan produziert hat. (7,6 von 10 Punkten)

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When I was a Bird - Stepha Schweiger (Official Video / L'ST records) | Bild: stepha schweiger (via YouTube)

When I was a Bird - Stepha Schweiger (Official Video / L'ST records)


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