Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche FKA Twigs | Max Herre | Kele

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Josienne Clarke, Kele, FKA Twigs, Lapalux, Max Herre, Earl Sweatshirt, Lucy Dacus, Gene Clark, Voodoo Jürgens, Lesley Kernochan und The Good Ones.

Von: Angie Portmann

Stand: 07.11.2019

FKA twigs - Magdalene | Bild: Young Turks

Josienne Clarke – In all weather 

Erst im vergangenen Jahr hat Josienne Clarke ein Album zusammen mit Ben Walker veröffentlicht. Darin besingen die beiden britischen Folkies das Scheitern und wie man seinen Frieden damit macht. Und auch auf Josienne Clarkes neuem Solo-Album „In all weather“ geht’s darum, wie man mit unangenehmen Situationen umgeht. Zum Beispiel, wenn man in einer Beziehung psychisch manipuliert wird, Stichwort: „Gaslighting“ („If I didn’t mind“). Und: wie man trotzdem die Hoffnung nicht aufgibt – auch wenn’s gerade nicht so gut läuft. Dazu wählt Clarke in den meisten Fällen sehr schlichte, klare Folk-Songs. Schnörkellose, wunderschöne Songs, die sich stoisch an klassischen, zeitlosen Arrangements orientieren und den Bogen in die Vergangenheit schlagen, zu Musikerinnen wie Sandy Denny oder Vashti Bunyan. Oder wie in dem Song „Drawing of the line“ zu Don MacLean. Laut Josienne Clarke war hier sein Song „Winterwood“ die Vorlage. Ultramodern geht anders, aber in Folkkreisen hat sich Josienne Clarke damit schon ein ausgezeichnetes Standing ersungen. Und auch ich muss gestehen, diese Zeitreise hat durchaus ihren Charme. (7,8 von 10 Punkten)

Kele – 2042

Auch Bloc Party-Sänger Kele Okereke war zuletzt als Singer/Songwriter unterwegs. Auf dem für seine Verhältnisse sehr reduzierten Album „Fatherland“ drehte sich alles um seine zweijährige Tochter Savannah und seine Rolle als schwuler Vater. Damit ist jetzt wieder Schluss. „2042“, sein neues, viertes Soloalbum, zeigt sich thematisch wie musikalisch sehr divers, hier wird kaum eine aktuelle Stilrichtung ausgelassen. Von Dub, Funk und R’n’B bis südamerikanische Rhythmen - Kele macht sie sich alle zu eigen und überzieht sie mit einer leider oft recht zuckrigen Pop-Glasur. Am Ende des Albums kommen mir sogar Milli Vanilli in den Sinn. Schade. Keles Rassismus-Kritik wirkt dadurch etwas befremdlich, verpufft oft mit der allzu belanglosen Umsetzung. So hören wir z.B. einen Ausschnitt aus der wütenden Rede des britischen Labour-Politikers David Lammy zur Windrush-Generation … und im Anschluss das introvertierte, nichtssagende „Ocean View“. Rückzug als Antwort auf den alltäglichen Rassismus? Funktioniert für mich nur bedingt, sorry. (5,9 von 10 Punkten)

FKA Twigs – Magdalene

Zwischen Sufjan Stevens und Oneohtrix Point Never, zwischen Gefühl und Glitch. Mit einer Stimme, die tatsächlich nicht von dieser Welt zu sein scheint. Tahliah Barnett aka FKA Twigs verarbeitet auf „Magdalene“ die Trennung von Schauspieler Robert Pattinson, mit dem sie von 2014 – bis 2017 liiert, ja sogar verlobt war. Ein sehr feinstoffliches Trennungsalbum, das alle Phasen der Liebe genauestens seziert. Und dabei aber auch absolut befreiend wirkt. Wir hören experimentellen Art-Pop a la Björk, verstörend und gleichzeitig verwirrend schön. „Magdalene“ wurde über drei Jahre hinweg von Nicolas Jaar aufgenommen und von Skrillex, OneohtrixPointNever und FKA Twigs selbst produziert. Schon vor fünf Jahren waren die Britin und ihr dystopischer Sound für einen Mercury Award nominiert. Und auch das hypersensible Album Nummer 2 dürfte wieder Kritik wie Fans in die Knie gehen lassen. Mich hat sie damit schon bekehrt. (8,1 von 10 Punkten)

Lapalux – Amnioverse

„Amnioverse“ steht, laut Lapalux, für den Mix aus Fruchtblase und Universum. Also für nichts weniger als die Unendlichkeit aus Geburtskanalsicht, für ein endloses Kontinuum, das der Brite auf seinem vierten Album musikalisch zu greifen versucht. Und zwar mit Hilfe eines stattlichen Synthesizer-Aufgebots und dem sphärisch-melancholischen Gesang der Isländerin JFDR und der Sängerin Lilia. Inspiriert zu diesem intergalaktischen Spacetrack hat ihn der Künstler James Turrell. Dessen Skyspace-Installation im New Yorker Museum PS 1 hat mich auch schon mal tief beeindruckt … hier fühlt man sich der Unendlichkeit definitiv ein Stück näher. Und auch „Amnioverse“ greift mit seinem vertrackten, elektronischen Avant-Pop sanft nach den Sternen. Schade nur, dass Lapalux gegen Ende des Albums immer wieder mal nach dem Lichtschwert greift und sich als Produzent für Star Wars-Soundtracks positioniert. (7,5 von 10 Punkten)

Max Herre – Athen

Die beiden Produzenten Samon Kawamura und Roberto Di Gioia haben für die  neuen Songs von Max Herre ein elegantes, von Jazz und Soul inspiriertes Beatbett gebastelt. Und trotz aktuellen Featuregästen wie Trettmann oder Yonii umweht „Athen“ ein schwer melancholischer Hauch. Das mag an der Produktion liegen, aber natürlich auch an den Themen, die der Freundeskreis-Frontmann hier abliefert. Die Beziehung zu seinem Vater, die Erinnerung an die eigene Pubertät beim Anblick des siebzehnjährigen Sohnes und immer wieder Griechenland, Athen, als Sehnsuchtsort bzw. Schauplatz von Vergangenem. Und wie Trettmann mit „Stolpersteine“ versucht sich auch Max Herre an der deutschen Geschichte. In dem Song „Dunkles Kapitel“ feat. Megaloh und Dirk von Lowtzow hören wir seinen düsteren Kommentar zum aktuellen Rechtsruck in Deutschland, zur neuen/alten Zeit. History repeating. Kurz darauf schlüpft Herre in die Rolle des Flüchtlings ohne Papiere, auch das keine leichte Kost. Aber für Gute-Laune-Rap der seichten Sorte ist Max Herre vermutlich auch zu alt und zu lange im Geschäft, um nicht zu wissen, wann es albern wird. „Athen“ ist also soulfuler Hip Hop für den Herbst. Und Songs wie „Villa auf der Klippe“ nachdenklicher, introvertierter Cloud-Rap für neblige Zeiten.

Was das Max Herre-Album vielleicht etwas zu viel hat – hat Earl Sweatshirt definitiv zu wenig. Songs nämlich. Und es sind nicht nur zu wenig, sie sind auch noch zu kurz. (7,7 von 10 Punkten)

Earl Sweatshirt – Feet of clay

Was das Max Herre-Album vielleicht etwas zu viel hat, das hat Earl Sweatshirt definitiv zu wenig. Songs nämlich. Und es sind nicht nur zu wenig, sie sind auch noch zu kurz. Deshalb ist das neue Earl Sweatshirt-Album „Feet of clay“  eigentlich auch eine EP. Earl Sweatshirt war früher Teil des legendären Odd Future Collectives um Tyler, the Creator und Frank Ocean. Heute ist er völlig frei. Selbst seinen Plattendeal mit Columbia Records hat er beendet. Vermutlich um ungestört weiter an seinem Rap gewordenen „Stream of consciousness“ zu arbeiten. Diesem hypnotischen Flow, der so rau und direkt wie ein Fiebertraum daherkommt. Hier ist nichts nur ansatzweise glatt produziert. Stattdessen ist „Feet of clay“ faszinierender Anti-Rap. (7,9 von 10 Punkten)

Lucy Dacus - 2019

Letzten Sonntag hat sich Mehmet Scholl im Nachtmix beklagt, dass es keine anständigen Indie-Bands mehr gäbe. OK, sie sind vielleicht nicht mehr so omnipräsent wie in den 90ern, aber es gibt sie nach wie vor. Boygenius waren z.B. im vergangenen Jahr eine DER Indie-Supergroups. Bestehend aus drei tollen neuen Indie-Stimmen mit jeweils ganz eigenen Ansätzen. Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus waren einen Tour-Sommer lang boygenius. Aber jede der drei Indie-Songwriterinnnen veröffentlicht auch weiterhin ihre eigenen Sachen. So gibt es z.B. ab morgen eine neue EP von Lucy Dacus. Darauf finden sich neue Songs aber auch Coverversionen („In the air tonight“, „Dancing in the dark“, „Last christmas“) zu ihren Lieblingsfeiertagen. Also einen Song zum Muttertag, zu Halloween und auch zu Weihnachten. Dacus hat diese Songs schon das ganze Jahr über veröffentlicht, auf „2019“ gibt es sie jetzt noch mal geballt. Mein Favorit „Forever half mast“, Lucy Dacus‘ ambivalentes Statement zum amerikanischen Unabhängigkeitstag. (7,7 von 10 Punkten)

Gene Clark – No other

Gene Clark war bis 1966 einer der Hauptsongschreiber der Byrds, damals das amerikanische Gegenstück zu den Beatles. „No other“ gilt als sein Meisterwerk. Allerdings als ein sehr melancholisches. Was 1974, bei seiner Veröffentlichung, dazu geführt hat, dass zwar die Kritiker begeistert waren, verkauft hat sich die Platte nicht. In gewisser Weise lässt sich „No other“ auch als das musikalische Vermächtnis dieses tragischen Helden sehen, den das wilde kalifornische Leben Anfang der Siebziger, den Alkohol und Kokain mitgerissen und schließlich ruiniert haben. In zehn Tagen, am 17. November, wäre Gene Clark 75 Jahre alt geworden – wäre er nicht 1991 mit 46 an seinem ungesunden Life-Style gestorben. Für alle Byrds- bzw. Gene Clark-Fans ist dieses opulente Box-Set mit samt seinen alternativen Studio-Versionen, dem silbernen Vinyl, Blu-Ray usw. usf. vermutlich das optimale Weihnachtsgeschenk. (Ohne Wertung)

Voodoo Jürgens - S’klane Glücksspiel“

Der frühere Friedhofsgärtner David Öllerer ist Voodoo Jürgens und als solcher veröffentlicht er mit “S’klane Glücksspiel“ sein zweites Album. Wieder mit einer Sammlung sagenhaften Austro-Pops. Strizziliedern, Lichtjahre entfernt von Fendrich & Co. Stattdessen triefend vor tiefschwarzem Humor. Menschen und Musik stehen hier immer eher daneben als mittendrin. Mit Blockflöte, Bläsern, Streichern und kleinen Hörspielen dazwischen. Großes Entertainment – vor allem wenn man versteht, was Voodoo Jürgens singt, was bei seinem Wiener Dialekt nicht immer einfach ist. Am 10. Dezember spielt Voodoo Jürgens übrigens in München in der Alten Kongresshalle. Dürfte nicht nur seinen Fans ein Fest werden. (7,7 von 10 Punkten)

Lesley Kernochan - The Hummingbird Revolution

Mit dem Vorgänger „A calm sun“ wurde sie schon als Country-Puristin im Stil der Dixie Chicks gefeiert. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Die neue, mittlerweile sechste Platte von Lesley Kernochan beschränkt sich nicht auf ein Genre, sondern macht Platz für Dark Jazz, Weltmusik und Sprechgesang a la Lilly Allen. Das macht „The Hummingbird Revolution“ vielleicht bunter, abwechslungsreicher, aber leider keinesfalls besser. Vor allem der Ausflug in Richtung Weltmusik kommt besonders schräg. Zweifelsohne hat Lesley Kernochan eine beeindruckende Stimme und beherrscht das Songschreiben. Der große Wurf ist ihr mit diesem unentschlossenen Album allerdings (noch) nicht gelungen. (5 von 10 Punkten)

The Good Ones - Rwanda, you should be loved

Wenn schon Weltmusik, dann doch lieber von The Good Ones aus Ruanda.

“Rwanda, you should be loved” heißt deren neues Album, auf dem diesmal etliche Featuregäste zu hören sind. Darunter Tunde Adebimpe von TV on the Radio, Corin Tucker von Sleater-Kinney, Kevin Shields von My Bloody Valentine und Joe Lally von Fugazi. Entdeckt hat The Good Ones der Produzent Adrien Brennan, der auch schon mit Tinariwen im Studio war. Das war 2009. Aber The Good Ones existieren schon viel länger. Seit 1978 macht das Kern-Trio zusammen Musik, damals waren sie noch Kinder. Nach dem verheerenden Bürgerkrieg im Jahr 1994 formierten sich The Good Ones neu, als Symbol der Versöhnung, mit je einem Tutsi, Hutu und Abatwa-Mitglied. Mittlerweile sind The Good Ones international erfolgreich, haben aber deshalb nicht aufgehört in ihrer Heimatsprache Kinyarwanda zu singen. Diesmal mit prominenter Unterstützung, wie gesagt, was an dem tollen, sehr reduzierten und rauem Folk-Stil der Good Ones nichts verändert hat. (7,8 von 10 Punkten)


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