Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Destroyer | Blond | Squirrel Flower

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Destroyer, Dan Deacon, Blond, Children, Gengahr, Poliça, Torres, Squirrel Flower, Marc Almond, Son Little und Alex Ebert.

Von: Matthias Hacker

Stand: 31.01.2020

Band Blond aus Chemnitz | Bild: Rough Trade/GoodToGo

Destroyer – Have We Met

Destroyer ist die Band von Mastermind Dan Bejar. „Have We Met“ ist sein zwölftes Album und es soll das intimste und persönlichste sein. Sinnbildlich sehen wir Bandchef Dan Bejar mit aufgeknöpftem weißen Hemd und Stehkragen auf dem Plattencover. Er steht am Mikrofon und seine Augen sind sinnlich geschlossen. Ein Aufreißer-Pop-Poet, dieser 47-jährige melancholische Gigolo in der Einflugschneise einer Midlife-Crisis. Dan Bejar – jetzt auch mit Beats und 80ies Touch. Sein monologisierender Crooner-Stil war mir manchmal zu banal, aber „Have We Met“ versprüht Popappeal. Selten pulsierten Destroyer-Songs so groovy. Die Percussions klackern sich durch den klaren Klangkosmos, die cheesy 80ies Gitarren schneiden durch das unterkühlte Vakuum, das Bejar mit seinem monotonen Gesang hinterlässt. Ich bin kein Destroyer Fan. Aber das Album ist toll. (8)

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Destroyer - Crimson Tide | Bild: DestroyerVevo (via YouTube)

Destroyer - Crimson Tide

Dan Deacon – Mystic Familiar

Wenn Dan Deacon aus seinem Studio in Baltimore schaut, dann sieht er Bäume. Darunter meditiert er gerne und holt sich die innere Ruhe, die er nach der Reizüberflutung seiner Songs vermutlich nötig hat. Er überfrachtet seine Kompositionen gerne mit schnellen Percussions und unvorhersehbaren Melodie-Abfolgen, arbeitet mit zig Soundspuren, hält aber die Balance. Sein Songwriting stell ich mir wie im Hurrikane vor. Während um ihn herum alles wild durcheinanderfliegt - Posaunen, Geigen, Schlagzeug, Synthesizer, Vocoder, Chor-Sequenzen - sitzt Dan Deacon meditierend im Auge des Sturms und behält die Ruhe und Kontrolle über das scheinbare Chaos. Er hat alles im Griff, auch wenn Selbstzweifel an ihm nagten, wie er in kleinen Episoden-Doku auf seinem Facebook Profil erklärt. Nachdem er zuletzt immer mehr Soundtracks für Dokumentationen komponiert und mit Regisseuren zusammengearbeitet hat, hat ihn der Alleingang ohne einen Regisseur als Partner gefordert. Diese Herausforderung hat er gemeistert. (7,5)

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Dan Deacon - Sat By A Tree (Official Video) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

Dan Deacon - Sat By A Tree (Official Video)

Blond – Martini Sprite

Blond – das sind Lotta und Nina Kummer aus Chemnitz. Aus Servicegründen sag ich‘s jetzt gleich: Es sind die beiden Schwestern des Kraftklub Sängers Felix Kummer. Aber eigentlich kann man das auch weglassen, denn sie haben sich zusammen mit ihrem Freund Johann längst als Blond einen eigenen Namen gemacht. Nach zwei tollen EPs und ersten Hits wie „Spinaci“ folgt jetzt endlich ein Album - namens „Martini Sprite“. Darauf gibt’s rockenden Feminismus, der genauso klug und bissig wie auch witzig ist. Bestes Beispiel: der Song über die weibliche Periode. Titel: „Es könnte grad nicht schöner sein“. Außerdem singen sie im Song „Thorsten“ über das Mansplaining des Bühnentechnikers, über digitales Dating mit der Parship-Garantie oder rappen über deutsche Raststätten-Romantik.Ich mag das so sehr, weil die Texte am realen Leben andocken, ganz konkret und trotzdem feministisch kritisch sind. Klug, aber nicht verkopft. Blond nehmen sich selbst nicht allzu ernst, die Sache allerdings schon. Das könnten wir auch tun. Nicht mit Hass, sondern mit Humor gegen die Probleme unserer Zeit anrocken. (7,5)

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BLOND - Es könnte grad nicht schöner sein | Bild: BLOND_OFFICIAL (via YouTube)

BLOND - Es könnte grad nicht schöner sein

Children – Hype

Im Gegensatz zu Blond gelingt es dem Duo Children aus Berlin nicht zu überzeugen. Sie nennen ihren Stil „Future Retro Pop“, was aber nur darüber hinwegtäuscht, dass es ein eher gewöhnlicher Mix aus Retro-Synthesizern und Hipster-Lakonie ist. Zu kitschiger Sound, zu banale Texte, zu holprig das Songwriting. Es wirkt an manchen Stellen fast schon selbstironisch. Ums mit den Worten der Band im Song Titelsong selber zu sagen: „Coole Pose, nicht mein Stil“ (4)

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CHILDREN - Hype (official video) | Bild: groenlandrecords (via YouTube)

CHILDREN - Hype (official video)

Gengahr – Sanctuary

Das dritte Album der Briten hat der Sänger vom Bombay Bicycle Club produziert. Den Einfluss hört man auch. Es ist ein nettes arty Indierockalbum, Gengahr stehen aber nach wie vor im Schatten von Glass Animals, Alt-J oder Yeasayer, die allesamt den blubbernden Mix aus Indietronic, RnB und Weltmusik besser hinbekommen. Vielleicht springt der Funke live mehr über. Ende Februar spielen Gengahr in München im Folks. (6)

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Gengahr - Heavenly Maybe (Official Video) | Bild: GengahrVEVO (via YouTube)

Gengahr - Heavenly Maybe (Official Video)

Poliça – When we stay alive

Über Poliça hat Bon Iver einmal gesagt hat, es sei die beste Band, die er jemals gehört hat. Album Nummer 4 heißt „When We Stay Alive“. Der Titel ist ernst gemeint, denn die Poliça Sängerin ist von einem Dach gestürzt, hat den Sturz aber glücklicherweise überlebt. Sie versteht den Unfall als Metapher: hinfallen und wieder aufstehen, aus Rückschlägen Kraft ziehen. Das wollte sie auch gleich mit dem neuen Album umsetzen. Der Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und Popappeal gelingt und Poliça werden den Ansprüchen Bon Ivers wohl wieder gerecht. Gesanglich hören wir immer noch sehr viel R’n‘B, aber musikalisch überrascht neben Indietronic auch mal ein kleines Noise-Rauschen. Je länger das Album dauert, desto optimistischer wird die Klangwelt. Die Akkordfolgen und Melodien werden heller und kippen sogar in Dur-Tonarten. Da klingt dann das Motto der Platte klar durch. Aus jeder negativen Phase kann man positiv hervorgehen. So schön es auch ist, wenn Poliça metaphorisch ins Licht finden, die Songs sind schöner und besser, wenn sie dunkel und düster bleiben.  (7,5)

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POLIÇA - Forget Me Now (Official Video) | Bild: POLIÇA (via YouTube)

POLIÇA - Forget Me Now (Official Video)

Torres - Silver Tongue

Nachdem ihr letztes Album gefloppt ist, hat sie ihre Plattenlabel 4AD vor die Tür gesetzt, obwohl sie noch Vertrag gehabt hätte. Torres hat damals nur böse getwittert: „Fuck the music industry“. Sie hat aber schon wieder eine neue Labelheimat bei Merge gefunden. Denn: Ihre Musik ist einfach zu gut. Die ersten drei Alben lassen sich in Folk, Grunge und avantgardistischen Elektropop unterteilen. Jetzt mischt sie alles zusammen und macht alles richtig. Besonders fällt der Sound auf, den sie sich selbst auf den Leib geschneidert hat: voluminös, gut abgemischt, jedes Instrument kommt klar durch, ohne dass der Gesang breiig wird. Silver Tongue ist also auch eine Platte für die großen Lautsprecherboxen. Musikalisch ist es ein Zusammenspiel von sägenden Gitarren, stampfenden Trommeln und atmosphärische Synthesizern. Torres hat vor allem auch ein bemerkenswertes Gespür für Kontrapunkte, wenn sie ihre kleinen Gitarrensoli quer zum Song und gegen den Rhythmus spielt. (8,5)

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TORRES - Dressing America (Official Video) | Bild: Merge Records on Youtube (via YouTube)

TORRES - Dressing America (Official Video)

Squirrel Flower – I Was Born Swimming

Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich die 23-jährigen Ella Williams. Sie hat sich schon Squirrel Flower genannt, als sie als Kind ihre ersten Gedichte geschrieben hat. Neben der Leidenschaft zur Poesie hat sie auch noch beste musikalische Voraussetzungen seitens ihrer Familie. Die Großeltern waren klassische Musiker, der Vater Jazz- und Bluesmusiker. Sie selbst hat Genderstudies studiert, parallel aber immer getextet und komponiert. Der britische Guardian beschreibt ihre Musik ganz treffend als eine Mischung aus Lana Del Rey und Pavement. Eine wunderschöne Stimme, reduzierte Gitarrenstrophen treffen schon mal auf kratzige Rockhymnen. Im Song „Oh Honey“ scheppert es und sie greift wilder in die Saiten, aber meistens spielt Squirrel Flower die Licks und Picks auf der Gitarre sehr bedacht und reduziert. Es ist toll, ihr dabei zuzuhören, wie sie noch nach ihrem Sound sucht und dabei schon so viele gute Lieder entstehen. Fans von Laura Marling oder Julia Jacklin sind hier goldrichtig. (9)

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Squirrel Flower - Headlights [OFFICIAL MUSIC VIDEO] | Bild: Polyvinyl Records (via YouTube)

Squirrel Flower - Headlights [OFFICIAL MUSIC VIDEO]

Marc Almond – Chaos And A Dancing Star

Seine Stimme kennt man aus dem Song “Tainted Love”. Sein Gesicht aus dem dazugehörigen Video. Marc Almond war früher Sänger des 80er Synthpop-Duos „Soft Cell“. Mittlerweile ist er 62 und hat eher Lust auf Chansons und reduzierte klassische Piano-Balladen. Man stelle sich hier Marc Almond nur auf einer Musical-Bühne vor. Er allein im Kegel des Scheinwerfer-Lichts. Theatralisch, mit großer Geste und Pomp. Der Titel seines neuen Albums geht auf Nietzsche zurück. Der hat in: „Also sprach Zarathustra“ geschrieben: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“. (7,5)

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Marc Almond feat. Ian Anderson - Lord of Misrule (Official Video) | Bild: Marc Almond (via YouTube)

Marc Almond feat. Ian Anderson - Lord of Misrule (Official Video)

Son Little – aloha

Son Little heißt bürgerlich Aaron Earl Livingston. Sein neues Album "aloha" ist schlussendlich das Resultat einer großen Tragödie: Kurz bevor Son Little ins Studio gehen wollte, stürzte sein Rechner ab - alle Demoaufnahmen waren weg! Für einen Kontrollfreak wie Son Little eine Katastrophe, aber wie er später erfuhr, auch eine Chance. Die Platte “aloha“ ist in sonnigem Gelb gehalten und mit Palmen verziert. Dementsprechend sonnig ist auch der Ton auf der Platte. Beschwingt und soulig warm mit viel Soul, Blues und Funk a la Prince. Die Platte schwächelt am Anfang, wird dann aber kontinuierlich interessanter. Highlights sind die Single „Mahalia“, „3rd eye weeping“, „Never Give Up“ oder „Suffer“. Da kann man nur sagen: Aloha! (7)

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Son Little - "neve give up" | Bild: ANTI- Records (via YouTube)

Son Little - "neve give up"

Alex Ebert – I vs. I

Alex Ebert war der markante Sänger der Band „Edward Sharpe & The Magnetic Zeroes“. Ihr großer Hit: „Home“. Sein Markenzeichen: die langen dunklen Haare zum Dutt hochgesteckt. Der Folk-Weirdo hat seine neueste Soloplatte „I. vs. I“ getitelt. Er gegen sich selbst. Es wirkt manchmal wie ein Kampf eines Schizophrenen: Der vertonte Fightclub. Man weiß teilweise nicht welcher Ebert gerade die Oberhand hat. Der verrückte Klangkünstler oder doch eher der Folksänger mit Hang zum Ohrwurm. Manchmal kommt sogar der Alex Ebert dazu, der HipHop und Rap mag. (6,5)

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Alex Ebert - Her Love - I vs I (Official Video) | Bild: AlexEbertVEVO (via YouTube)

Alex Ebert - Her Love - I vs I (Official Video)


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