Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Wilco | Angel Olsen | Wives

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Chromatics, , Feet, DIIV, Wilco, Angel Olsen, Wives, Danny Brown, Avett Brothers, Die Realität, Sault und Nick Cave.

Von: Angie Portmann

Stand: 04.10.2019

Gallery Angel Olsen | Bild: Cameron McCool, Kammerspiele Muc

Wilco – Ode to joy

Pünktlich zum 25-jährigen der Band geht’s zurück zu den Anfängen. Nach zwei Soloalben und einer Autobiografie veröffentlicht Jeff Tweedy mit seiner Band Wilco pünktlich zum 25jährigen Dienstjubiläum ein neues Album. Darauf bittet Chefpsychologe Jeff Tweedy wieder aufs Sofa. Mit Titeln wie z.B. „Everyone hides“ ... jeder versteckt sich ab und zu gerne, vor allem wenn er so verletzlich und introvertiert ist wie Tweedy. Umso erfreulicher, dass Wilco wieder mit einem neuen Album am Start sind. „Never gonna change“ singt Tweedy gleich im Opener. Und tatsächlich ist auf den Wilco-Sänger nach wie vor Verlass. Nach etlichen Ausflügen in die Randzonen der Rockmusik, ist Tweedy jetzt wieder zu seinen Americana-Anfängen zurückgekehrt. Die Songs auf seinem neuen Album „Ode to joy“ sind durchgängig großartige Folksongs. Unaufgeregt und ruhig, warm und lässig. Mit großen Melodien und tollen Harmonien. Der perfekte Soundtrack fürs nachdenkliche Slacker-Dasein. 15 Jahre ohne Drogen und mit derselben Band auf der Bühne und im Studio -  Jeff Tweedy scheint tatsächlich glücklich zu sein. Nicht umsonst trägt das Album auch den hoffnungsvollen Titel „Ode to joy“, „Ode an die Freude“. Natürlich ist die Freude bei Jeff Tweedy eine sehr verhaltene, aber immerhin. Dass die Hymne der Europäischen Union denselben Titel trägt, ist der Band erst im Nachhinein aufgefallen. Aber Tweedy fand das großartig. Im Spiegel meinte er dazu: „Meiner Meinung nach sind wir auf der richtigen Seite der Geschichte, wenn wir uns für mehr Zusammenhalt starkmachen, mehr Miteinander und Toleranz weltweit. Gegen Spaltung und Nationalstolz.“ Im Vergleich zu dem wunderschönen, minimalistischen Wilco-Album regiert bei Angel Olsen ab sofort eher die Opulenz. (7,9 von 10 Punkten)

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Wilco "Hold Me Anyway" | Bild: wilco (via YouTube)

Wilco "Hold Me Anyway"

Angel Olsen – All mirrors

Wäre Phil Spector ein besserer Mensch, säße er nicht seit 2009 wegen Totschlags in Haft und hätte das neue, sehr orchestrale Angel Olsen-Album arrangiert und produziert. So haben diese Aufgabe andere übernommen ... und zwar Jherek Bischoff zusammen mit dem gerade sehr hippen St. Vincent-Produzenten John Congleton. Die Beiden haben aus „All mirrors“, dem vierten Album von Angel Olsen, eine überaus ambitionierte Orchester-Pop-Platte gemacht (mit 14-köpfigem Orchester). Mit einer imposanten Wall of Sound und einer Angel Olsen, die sich mutig dieser Energie entgegenwirft bzw. sich von ihr wie auf einer Welle davontragen lässt. Ein neuer Sound, eine neue, kraftvolle Angel Olson. Ursprünglich sollte das Album auch, wie gewohnt, in einer runtergestrippten Akustik-Version erscheinen, aber Olsen hat den Plan verworfen. Wenn schon, denn schon. Schließlich geht’s auf „All mirrors“ auch emotional ums Ganze. Nämlich darum, sich seiner dunklen Seite zu stellen und gleichzeitig Platz zu machen für eine neue Liebe, eine drastische Veränderung. Ein gewagtes Unterfangen, auch in musikalischer Hinsicht. Denn schnell kippt ein höchst stimmungsvoller Popsong ins Melodramatische, Pathetische. Aber Angel Olsen stemmt sich erfolgreich dagegen und bringt sich mit „All Mirrors“ schon mal erfolgreich in Stellung als Soundtrack-Schreiberin. Und schon mal zum Vormerken: am 29. Januar spielt Angel Olsen in den Münchner Kammerspielen, präsentiert vom Zündfunk. (7,8 von 10 Punkten)

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Angel Olsen - All Mirrors (Official Video) | Bild: AngelOlsenVEVO (via YouTube)

Angel Olsen - All Mirrors (Official Video)

Chromatics – Closer to grey

Schon Soundtrack erprobt sind dagegen die Chromatics aus Portland/Oregon. Ihr „Tick of the Clock“ sorgte in dem Film „Drive“ mit Ryan Gosling für einen magischen Moment. Mit „Kill for love“ landeten sie 2012 hoch oben in den Zündfunk-Album-Charts. Dann war allerdings erst mal Sendepause. Aber überraschend ploppte mit „Closer to grey“ plötzlich ein Rush-Release auf, und was für eins!   

Der Titelsong „Closer to grey“, das atmosphärische „Light as a feather“ oder das reduzierte „Move a mountain“, alles super Songs. Genauso wie das Slowmotion-Cover von „On the wall“ von Jesus & Mary Chain. Mit schlafwandlerischer Sicherheit machen sich die Chromatics immer wieder auch fremde Songs zu eigen, ziehen sie in ihre dunkel-glitzernde Welt aus düsteren Synthies und schwebendem Gesang.

Nach sieben Jahren Stille beginnt „Closer to grey“ dann auch gleich mit einem Cover, mit „The Sound of Silence“ von Simon and Garfunkel, einer reduzierten, sehr hypnotischen Nummer. Die Chromatics stehen bekanntermaßen auf Cover, auch das Vorgängeralbum, das großartige „Kill for love“, hat schon mit einem Cover begonnen, mit Neil Youngs “Hey Hey, my my (Into the black)“. Das ist allerdings schon wieder  eine Weile her. Dazwischen liegt die seltsame Geschichte von „Dear Tommy“, Album Nummer sechs, das kurz vor seinem Erscheinen eingestampft bzw. von Johnny Jewel, dem Kopf der Band, zerstört wurde. Angeblich lag auf der Platte ein Fluch, so Jewel. Am 17. Oktober spielen die nach wie vor faszinierend coolen Chromatics nach neun Jahren mal wieder in Bayern, in München in der Muffathalle, und der Zündfunk präsentierts erfreulicherweise. (8,2 von 10 Punkten)

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CHROMATICS "I WANT TO BE ALONE" (Official Video) | Bild: Italians Do It Better Music (via YouTube)

CHROMATICS "I WANT TO BE ALONE" (Official Video)

Feet - Whats inside is more than just ham

Das Debütalbum von Feet, einem Quintett aus Coventry, England, klingt very britisch. Wir hören einen Hauch Blur und ein bisschen Happy Mondays, Funk, Punk und sogar die Beatles. Alles extrem abgehangen und sehr cool präsentiert von Feet. Mit einem unglaublichen Gespür für große Melodien und einen lässigen Groove, für effektive Uhs und Ahs, und die guten alten Gitarren (die nur selten so laut sägen wie im Titelstück „Whats inside is more than just ham“). Und dann diese Geschichten: unglaubliche Skizzen aus dem Leben einer jungen britischen Band, die sich die Finger wund gespielt hat, durchs Land getourt ist und dabei herrlich sarkastische Songs geschrieben hat. Songs über Drogen, wie Feet selbst behaupten. Oder über wichtige, aber oft völlig übersehene Themen wie das Wetter oder die Autobahn. Feet haben ihr Poperbe genauestens studiert und daraus mit viel Energie und Witz ihre ganz eigene Version gebastelt, immer ein freches Grinsen im Gesicht. „Whats inside is more than just ham“. Definitiv. (7,7 von 10 Punkten)

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FEET - Petty Thieving [Official Music Video] | Bild: FEET (via YouTube)

FEET - Petty Thieving [Official Music Video]

DIIV  - Deceiver

Zwischen klassischem Shoegazing a la My Bloody Valentine und Sonic Youth. Das  dritte Album der New Yorker DIIV taucht wieder ab in einen Ocean of Sound, Gitarren-Sound versteht sich. Die Einflüsse sind deutlich rauszuhören, dazu hat diesmal auch noch Sonny Diperri produziert, der auch schon mit My Bloody Valentine im Studio war. Sänger und Gitarrist Zachary Cole Smith, nach stationärem Drogenentzug mittlerweile clean, gibt seinem filigranen Dream Pop hier immer wieder einen ordentlichen Schub in Richtung noisy Indie Rock. Das war, noch etwas verhalten, auch auf dem Vorgänger „Is the Is are“ schon so. Auf „Deceiver“ bauen DIIV diesen Aspekt weiter aus, was dem Album durchaus gut tut. Keine Neuerfindung, aber für Freunde hypnotischer, etwas widerspenstiger Gitarren ein Fest.„Forget all the baggage, this is just a band in a room, and the noise they make is thrilling.” - NME
Yeah, das Gitarren-Comeback ist in vollem Gange. Natürlich könnten wir all diese Bands in der Referenzhölle verglühen lassen – aber warum sollten wir? (7,6 von 10 Punkten)

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DIIV - Deceiver (Full Album) | Bild: Evergreen (via YouTube)

DIIV - Deceiver (Full Album)

Wives – So Removed

Man denkt an The Fall und Hüsker Dü, an J. Mascis und die Pixies. Alles schon mal da gewesen könnte man sagen. So What! Die Wives aus Queens, New York,

machen nichts Neues, aber das dafür verdammt gut. Ihr Debüt „So Removed“ wettert gegen alltägliche Widrigkeiten genauso wie gegen den globalen Kapitalismus.  Und das mit herrlich verzerrten Gitarren, einem großartig-verqueren Songwriting und nöligem Sprechgesang. New York Punks wie sie sich der amerikanische Musikkritiker Greil Marcus nicht überzeugender hätte ausdenken können. Die Wives haben sich übrigens zufällig kennengelernt: für ihre jeweils anderen Projekte hatten sie Studiozeit gebucht und waren, warum auch immer, plötzlich alle gleichzeitig im Studio. So der Bandgründungmythos. Und deshalb ist Gitarrist Andrew Bailey auch der Gitarrist der davor gehörten Band DIIV. So klein ist New York... (8 von 10 Punkten)

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Wives - Hit Me Up (Official Video) | Bild: WIVES (via YouTube)

Wives - Hit Me Up (Official Video)

Danny Brown – Uknowhatimsayin?

„Uknowhatimsayin?“ heißt das neue Album von Danny Brown aus Detroit, das von keinem geringeren als Q-Tip von A Tribe Called Quest produziert wurde. Q-Tip hat dem ganzen Album einen für Danny Brown ungewöhnlich entspannten, jazzy Flow verpasst. U.a. auch mit der Hilfe von Flying Lotus und Thundercat. Bisher hatte ich Danny Brown ja immer als sehr exzentrischen, gern auch mal aggressiven Rapper abgespeichert. „Uknowhatimsayin?“ ist jetzt zwar kein Schmuse-HipHop, aber es spritzt definitiv weniger Blut als auf dem Vorgänger „Atrocity Exhibition“. Weird und leicht paranoid klingt Danny Brown dabei nach wie vor. Aber manchmal auch ziemlich witzig. Und deshalb sagt Brown auch über „Uknowhatimsayin?“: „Das ist meine Version von einem Stand-up-Comedy-Album. Most of my close friends now aren’t rappers – they’re comedians and actors. So I wanted to create something that mixed humor with music. Something that was funny but not parody“.

Interessant auch die Feature-Gäste: neben Run The Jewels hören wir hier u. a. die JPEGMAFIA (übrigens die Lieblings-HipHop-Combo von Jeff Tweedy von Wilco) und Dev Hynes bzw. Blood Orange auf einer meiner Lieblingsnummern auf meinem Hip Hop-Album der Woche!   (8,1 von 10 Punkten)

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Danny Brown - Dirty Laundry | Bild: xdannyxbrownxVEVO (via YouTube)

Danny Brown - Dirty Laundry

Avett Brothers – Closer than together 

Die Songs der Avett Brothers aus North Carolina sind in der Regel perfekt, um Familienfeiern jeder Art zu beschallen. Ihr direkter, unaufgeregter Folk-Pop macht sie zu absoluten Konsensmusikern. Aber auch die Avett Brothers können es sich im Jahr 2019 nicht verkneifen, die bedauerliche, politische Lage Amerikas zu kommentieren. Z.B. in der Single „Bang Bang“, in der es um die Exzesse der amerikanischen Schusswaffenkultur geht. Seit im Jahr 2009 ein von Rick Rubin produzierte Album der Avett Brothers Platz 16 der US-Charts erreichte, sind sie dort Superstars der Folk-Szene. Deshalb wird ihr Album auch noch von der Plattenfirma zurückgehalten. (ohne Wertung)

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The Avett Brothers - Bang Bang | Bild: theavettbrothersVEVO (via YouTube)

The Avett Brothers - Bang Bang

Die Realität - Bubblegum Noir

„Bubblegum noir“, der Album-Titel ist hier offensichtlich Programm. Oder um Thees Uhlmann zur Realität zu zitieren: Als ob sich Element of Crime mit Adriano Celentano im Mezziogiorno treffen und zusammen Musik machen.“ Und diese Musik kann Indierock oder Wave, Shoegaze, Krautrock oder Psychedelic Pop sein. Mein Favorit auf „Bubblegum Noir“: „Die Traurige Diskothek“. Alle anderen Diskotheken seien sowieso gut besucht und hätten keinen eigenen Song nötig, so die Band um Sänger Eric Pfeil. Oder auch „Robert Foster/Grant McLennan“ – eine charmante Ode an die Go-Betweens. Produziert hat „Bubblegum noir“ übrigens Olaf Opal (der neben Notwist und vielen anderen auch schon International Music produziert hat). (7,5 von 10 Punkten)

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DIE REALITÄT "Bubblegum Noir" (Official Album Teaser) | Bild: Trikont Unsere Stimme (via YouTube)

DIE REALITÄT "Bubblegum Noir" (Official Album Teaser)

Sault – 7

Erst im Juli ist ihr tolles Album „5“ erschienen. Mit „Up all night“, „Don’t waste my time“ und „We are the sun“ finden sich darauf einige super groovende Disco-Soul-Nummern. Und schon gibt es ein neues Album dieser geheimnisvollen Band ... Titel „7“. Haben wir was verpasst? Ich hab nicht viel rausbekommen, über diese mysteriöse Band, über Sault. Nur dass es sich hier um ein Trio handelt. Mit dabei der Londoner Musiker Dean Wynthon Josiah, der schon mit Jungle und Little Simz zusammengearbeitet hat. Little Simz empfiehlt Sault dann übrigens auch wärmstens. „Highly recommended, trust me“, schreibt sie auf Twitter über „5“. Und das gilt auch für das nicht ganz so tanzwütige, aber nicht minder soulfule „7“. (7,8 von 10 Punkten)

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Living in America | Bild: SAULT - Topic (via YouTube)

Living in America

Nick Cave – Ghosteen

"Im Jahr 2025 werden wir die größte Geldquelle der Musikindustrie sein" – dieser provokative Satz stammt von Lyor Cohen, dem Chef der Musikabteilung von YouTube. Wenn es nach ihm geht wird die Google-Tochter YouTube bald schon Apple und Spotify überholen. Sein Plan ist, laut Spiegel, „dass alle Künstler, Musiker und Songwriter im Wasser von YouTube schwimmen“.

Wie das in der Realität aussehen soll? Nick Cave macht es vor. Mit der Veröffentlichungspolitik seines Doppelalbums „Ghosteen“. Dieses Doppelalbum wurde strikt unter Verschluss gehalten. Wir wissen nur soviel: eine Seite ist den Kindern, eine den Eltern gewidmet. Ansonsten: kein Vorab-DL, kein Stream, nicht einmal eine Single. Aber, die Rettung naht, ein Vorabstream läuft exklusiv auf, Achtung, YouTube. Daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen. (ohne Wertung)

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Ghosteen – Nick Cave and The Bad Seeds (Global Premiere) | Bild: Nick Cave & The Bad Seeds (via YouTube)

Ghosteen – Nick Cave and The Bad Seeds (Global Premiere)


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