Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche CocoRosie | Porches | Shabaka and the Ancesters

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von CocoRosie, Deap Lips, Porches, Shabaka and the Ancesters, Porridge Radio, JFDR, Der Englische Garten, Jordan Mackampa und Circa Waves.

Von: Angie Portmann

Stand: 13.03.2020

Shabaka And the Ancestors - We Are Sent Here By History | Bild: Impulse/Universal Music

Shabaka and the Ancesters - We Are Sent Here By History

Im Dezember war er noch mit den Sons of Kemet eine der Hauptattraktionen beim Alien Disko-Festival in den Münchener Kammerspielen: Shabaka Hutchins. Sein manchmal fast brachiales Saxophonspiel hat mich damals ziemlich weggeblasen. Aber die Sons of Kemet sind nur eine der drei aktuellen Jazz-Inkarnationen des Londoner Shootingstars. Neben The Comet is Coming ist Hutchins seit 2016 auch noch mit der Formation Shabaka and the Ancestors unterwegs. Deren zweites Album „We Are Sent Here By History", ein sehr geschichtsbewusstes, ja politisches Album, ist in Südafrika, in Kapstadt und Johannesburg, zusammen mit einigen jungen, südafrikanischen Jazz-Musikern entstanden. Dabei klingt das Tenor-Saxophon von Shabaka Hutchins oft meditativ, ja fast magisch, versucht sich quasi als Klammer zwischen den verschiedenen kulturellen Backgrounds, zwischen London und Südafrika. Als Brücke zwischen Nguni-Musik, spirituellem Jazz, Blues, südafrikanischen Partyklängen und karibischem Calypso.
Inhaltich geht’s hier ziemlich zur Sache: ein baldiges Ende unserer Spezies wird prognostiziert. Es geht um das Trauma der Sklaverei, um westliche Expansion, das kapitalistische Denken, toxische Männlichkeit. So heißt dann auch das vorletzte Stück „Finally the man cried“. Die Lyrics zu dieser radikalen Platte liefert der südafrikanische Dichter Siyabonga Mthembu. Sein Ton ist scharf und dringlich, Revolution ist das Mindeste, was hier gefordert wird. Dazu Shabaka Hutchins:  “In times like these, where we’re seeing the collapse of a lot of institutions that we thought would continue for a very long time, we need to start rethinking what it means to be alive, what it means to support, what the idea of progress means.”
(8,3 von 10 Punkten)

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Shabaka And The Ancestors - Go My Heart, Go To Heaven | Bild: ShabakaAncestorsVEVO (via YouTube)

Shabaka And The Ancestors - Go My Heart, Go To Heaven

Deap Lips – Deap Lips

Der wie immer grandios verspielte, ewig experimentierfreudige Art-Rock der Flaming Lips trifft hier auf den coolen, abgefuckten Rock’n’Roll des kalifornischen Rock-Duos Deap Vally. Eine Supergroup quasi, diese Deap Lips. Deap Vally, das ist die Schlagzeugerin Julie Edwards und die Gitarristin Lindsey Troy. Die beiden haben sich - Achtung - bei einem Handarbeitskurs in Los Angeles kennengelernt. Edwards hat Troy nicht nur häkeln beigebracht, sondern später auch noch stricken. Dabei hat man sich gegenseitig Musik vorgespielt und eine Band gegründet. Für Schlagzeugerin Julie Edwards kein Widerspruch, im Gegenteil: „Du brauchst bei beidem Geschicklichkeit, mit den Händen oder den Fingern. Und auch beim Stricken und Häkeln gibt es einen Rhythmus, man kann sich darin verlieren – sehr meditativ und kreativ.“

Der Sound von Deap Vally ist roh, radikal und reduziert. Zwischen Royal Trux und den White Stripes. Flaming Lips-Frontmann Wayne Coyne hat die beiden bei einem Konzert gesehen und war beeindruckt. Deap Vally wiederum waren schon lange Fans der Flaming Lips und deshalb auch nicht unerfreut, als sie von ihnen nach Oklahoma City eingeladen wurden, um zusammen ins Studio zu gehen. „Home Thru Hell“ war der erste gemeinsam aufgenommene Song, ein großartiger, sehr cooler Track, von dem Bands wie The Kills nur träumen können. Und der in den Lyrics beide Bandnamen enthält. "Riding along through the deap valley where the dragons of madness roam" and "Now I think I tried too hard to shut the mouth of doom. taking all my wisdom from the flaming lips of youth”. Super Platte, einer meiner Favoriten der Woche.
(8,5 von 10 Punkten)

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Deap Lips - The Pusher [Official Music Video] | Bild: flaminglips (via YouTube)

Deap Lips - The Pusher [Official Music Video]

CocoRosie – Put The Shine On

Googlet man die Casady-Schwestern, bleibt man zuerst mal an den unglaublich vielen, sagenhaft gut inszenierter Bildern der beiden hängen. CocoRosie haben schon immer extrem viel Wert gelegt auf ihre Optik, ihr originelles Aussehen. Was nicht heißen soll, dass sie nicht auch an ihrem Sound gearbeitet hätten. Allerdings lässt mich ihr aktueller Mix aus Folk, Chanson, HipHop und Elektro Pop etwas ratlos bzw. irritiert zurück. Vor allem wenn sie in Songs wie dem sehr poppigen „Restless“ oder „Did me wrong“ anfangen zu rappen, wird es für mich schwierig. Seit 15 Jahren sind Sierra und Bianca Casady jetzt schon CocoRosie und stehen für verspulten Freak Folk. „Put the shine on“ ist ihr mittlerweile siebtes Album, allerdings definitiv nicht ihr bestes, wie ich finde.
(7,3 von 10 Punkten)

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CocoRosie - Burning Down The House (Official Audio) | Bild: CocoRosie (via YouTube)

CocoRosie - Burning Down The House (Official Audio)

Porches – Ricky Music

“I’m so happy – I could die!” ein typischer Porches-Satz. Hier waltet wieder das Melodramatische, die große Geste. Hat auf dem Vorgänger „The House“ noch sanfter Synthie-Pop die Songs etwas angeschoben, bleibt „Ricky Music“ größtenteils getragen, die Endlichkeit zelebrierend. Und bewegt sich dabei – ähnlich wie Frank Ocean - mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem Terrain des perfekten Popsongs, nur um immer knapp daran vorbei zu schrappen. Das lässt „Ricky Music“ angenehm vage und verschwommen klingen. Der 31-jährige New Yorker Aaron Maine hat sein neues Album u.a. zusammen mit Mitski und Dev Hynes aka Blood Orange hauptsächlich in seinem Apartment aufgenommen. Herausgekommen ist dabei soulfule Bedroom Disco für den erschöpften Slacker.
(7,5 von 10 Punkten)

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Porches - Patience (Official Video) | Bild: PorchesVEVO (via YouTube)

Porches - Patience (Official Video)

Porridge Radio – Every Bad

Dass Gitarrenmusik nicht per se langweilig sein muss, beweisen Porridge Radio aus Brighton mit ihrem zweiten Album „Every bad“. Frontfrau Dana Margolin wiederholt in dem Song „Lilac“ immer wieder “I don’t want to get bitter/I want us to get better/I want us to be kinder/to ourselves and to each other“. Einer von vielen Sätzen auf diesem unglaublich tollen Album, Sätze, die kurz und direkt das ganze Dilemma auf den Punkt bringen, Mantras für die junge Brexit-Generation sozusagen - von einer schon fast brutal ehrlichen, offenen Sängerin. Dana Margolin präsentiert sich hier so hoffnungsvoll wie verzweifelt, so zerrissen und unsicher, wie uns sonst nur unsere eigenen, ganz geheimen Tagebucheinträge kennen. „I’m a sinking ship, there’s nothing inside”. Statt einem Therapeuten hat Dana Margolin aber die Musik, düsterer Dream Pop trifft hier auf avantgardistischen Indie-Rock, explodiert und macht Gitarrenmusik wieder so intensiv und relevant wie schon lange nicht mehr. Da wundert es überhaupt nicht, dass Dana Margolin die frühen Alben von Cat Power und vor allem PJ Harvey als Inspiration beim Songschreiben angibt.
(8 von 10 Punkten)

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Porridge Radio - Circling (Official Video) | Bild: PorridgeRadioVEVO (via YouTube)

Porridge Radio - Circling (Official Video)

JFDR – New dreams

Wir tauchen ein in die mystische Welt der Jofridur Akadottir kurz JFDR. Eine Welt, in der es um die ganz großen Themen geht, Themen wie Einsamkeit, Verletzlichkeit, Sehnsucht und natürlich … die Liebe. Jofridur Akadottir kennt der ein oder andere vielleicht von ihren Projekten Samaris, Pascal Pinon oder Gangly. Solo nennt sie sich  angenehm kurz JFDR und beschwört als solche die isländischen Elfen und Trolle. Ihr folkinspirierter Slowcore hat sogar schon Björk überzeugt. Mir als Nicht-Isländerin ist er allerdings manchmal etwas zu ätherisch, zu fragil abgehoben. Ich hätte mir mehr Stücke mit etwas mehr Elektronik gewünscht, das kann JFDR nämlich auch (s. z.B. „Drifter“).  
(7 von 10 Punkten)

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JFDR - Think Too Fast | Bild: JFDR (via YouTube)

JFDR - Think Too Fast

Der Englische Garten – Bei Tag und Nacht

Am Mittwoch ist der Münchner Musiker und DJ Bernd Hartwich gestorben. Heute erscheint ein neues Album seiner Band Der Englische Garten. Tragischerweise jetzt ohne ihn. „Bei Tag und Nacht“ ist eine 1a-Popplatte. Slicker als die Liga der Gewöhnlichen Gentlemen. Aber ähnlich soulful, catchy und uplifting. Schon als Bandleader der Merricks hatte Hartwich 1997 mit „The Sound of Munich“ Münchens Vergangenheit gefeiert – ein München, das so entspannt und gleichzeitig glamourös war, wie man es sich heute kaum mehr vorstellen kann. Das gilt auch für das sehr hippieske „München 70“ aus „Bei Tag und Nacht“. Bernd Hartwich, der mit seinen Bands und als Mensch den Sound der Stadt mitprägte, wir werden ihn sehr vermissen. 
(8 von 10 Punkten)

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Der Englische Garten - Am Ausgang des Verstands | Bild: tapeterecords (via YouTube)

Der Englische Garten - Am Ausgang des Verstands

Jordan Mackampa – Foreigner

Jordan Mackampa wird gerade als der neue Michael Kiwanuka gehandelt. Im Kongo geboren, in Nord-London bzw. Coventry aufgewachsen, ist sein Retro-Soulentwurf ein sehr konventioneller. Kein Wunder, „Foreigner“ wurde von Dani Castelar produziert, der auch schon für den harmlosen Pop von Paolo Nutini verantwortlich war. Aber nichtsdestotrotz (oder vielleicht gerade deshalb) wird Mackampa mit diesem Debüt sicher sehr erfolgreich werden. Zumal auch die Themen des Albums topaktuell sind. „Foreigner“ erzählt vom Fremdsein im eigenen Land und dem alltäglichen Rassismus, dem Jordan Mackampa schon in der Schule ausgesetzt war. 
(6,8 von 10 Punkten)

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Jordan Mackampa - Magic | Bild: JordanMackampaVEVO (via YouTube)

Jordan Mackampa - Magic

Circa Waves – Sad Happy

Die Circa Waves aus Liverpool produzieren gerade wie am Fließband kleine Indie-Pop-Hymnen. Erst im April 2019 ist ihr letztes Album erschienen „What’s it like over there?“. Mit „Sad happy“, Album Nr. 4,  wird jetzt schon wieder nachgelegt. Auch hier haben die Songs wieder alles, was das vermeintliche Indie-Herz begehrt, catchy Hooks, Lyrics, die man sofort Mitsingen kann und eine perfekte Produktion, die alle eventuellen Störfaktoren eliminiert. Selbst die „traurige“ zweite Hälfte des Doppelalbum „Sad happy“ reduziert nur etwas das Tempo, bleibt aber ansonsten diesem Schema treu. Leider eine allzu erwartbare, sehr überraschungsarme Platte, die, wenn überhaupt, 25 Jahre zu spät erscheint.
(6 von 10 Punkten)

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Circa Waves - Jacqueline (Official Music Video) | Bild: CircaWaves (via YouTube)

Circa Waves - Jacqueline (Official Music Video)


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