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Neuerscheinungen der Woche Clairo | Ty Segall | Helge Schneider

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Clairo, Slaughter Beach, Dog, Native Harrow, Nérija, Helge Schneider, Ty Segall, Young Guv, Die Orsons , Cross Record und Andrew Poppy.

Von: Matthias Hacker

Stand: 01.08.2019

Cover: Native Harrow - Happier Now | Bild: Loose Music

Clairo – Immunity

Sie ist gerade mal 20. Vor zwei Jahren hatte sie mit dem Song „Pretty Girl“ einen viralen Hit mit über 30 Millionen Aufrufen. Den Song hat sie ganz simpel bei sich im Schlafzimmer aufgenommen. Plötzlich war sie in sämtlichen Newcomer-Listen und ehe sie sich versehen hat Vorband für Katy Perry. Wer jetzt denkt, Clairo ist eine Instagram-Prinzessin mit Popambitionen im Mainstream, liegt allerdings falsch. Dafür schreibt sie viel zu charmanten, eigenwilligen Schlafzimmerpop. Der sowieso gerade vor allem über junge Instagrammerinnen wie auch Beabadobee gepusht wird. Clairo‘s Debüt ist ein eklektischer Mix aus den vielen Bands, denen sie vermutlich selber auf Instagram folgt: Stephen Malkmus, den Strokes, Cat Power oder Courtney Love. Introvertierten Pianoballaden, Nullerjahre-Indiegitarren oder zeitgemäßer RnB. Das Ganze in Form gegossen hat übrigens das musikalische Genie Rostam Batmanglij, der frühere Bassist von Vampire Weekend. Sie hat letztes Jahr schon ein autobiografisches Songtagebuch als EP veröffentlicht. Mit „Immunity“ knüpft sie an und schreibt über Beziehungen, Affären und die alltäglichen Probleme einer jungen Frau, die gerade mal so aus dem Teenageralter draußen ist. An sie dürften sowohl der Mainstream als auch die anspruchsvollere Indie-Community andocken. (7,8 von 10 Punkten)

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Clairo - I Wouldn't Ask You | Bild: Clairo (via YouTube)

Clairo - I Wouldn't Ask You

Slaughter Beach Dog – Safe Abd Also No Fear

Egal ob die Gitarre clean, akustisch oder mit Verzerrer anklingt - die warmen Harmonien von Slaughter Beach, Dog aus Philadelphia kriegen einen jedes Mal. Das dritte Album ist ein Mix aus College-Rock, Folk, Indie, Songwriter, Powerpop und Emo. Das Album ist voller bittersüßer, wehmütiger Texte. Fans der Weakerthans, von Neutral Milk Hotel oder den Decemberists werden es lieben. (8 von 10 Punkten)

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Slaughter Beach, Dog - Heart Attack (Official Music Video) | Bild: lameorecords (via YouTube)

Slaughter Beach, Dog - Heart Attack (Official Music Video)

Native Harrow – Happier Now

Vom ersten Stück an, glaubt man, die Stimme der jungen Joni Mitchell zu hören. Dann singt sie auch noch: „Do you remember being young“. Aber sie ist es nicht. Es ist die Sängerin der Band Native Harrow. Dahinter steckt die Songwriterin Devin Tuel und ihr Bandkollege. „Happier Now“. Die Musik ist für Fans amerikanischer Folkmusik ein Must-Hear-Album. Devin Tuel hat 20 Jahre lang als Ballerina getanzt und klassischen Gesangsunterricht genossen. Auf dem dritten Album kommt das jetzt alles zur Geltung: Die Grazie der Ballerina und die perfekt geschulte Stimme. Beides gepaart mit wunderbaren souligen Folksongs wird zu grandioser Musik. Dazu kommt der classy Vintage-Sound – mal durch eine Hammondorgel, durch kurze Gospels oder durch die alten Mikros, die sie bei der Aufnahme verwendet haben. Native Harrow ist eine Entdeckung und der Sängerin sollten sie schon mal einen Stern auf dem Music Walk Of Fame in Nashville freihalten. (8,5 von 10 Punkten)

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Native Harrow - Something You Have (Official Music Video) | Bild: Native Harrow (via YouTube)

Native Harrow - Something You Have (Official Music Video)

Nèrija – Blume

Jazz ist definitiv nicht tot und in London riecht er noch nicht mal streng, um im legendären Frank Zappa Zitat zu bleiben. Junge Londoner Bands wie Sons Of Kemet, das Ezra Collective oder das gerade gehört Septett Nèrija lassen den britischen Jazz gerade aufleben.

Das Septett besteht aus sechs Musikerinnen und einem Mann. Sie haben sich über ein Nachwuchsförderprogramm kennengelernt und schon ihre erste EP hat vor drei Jahren für ein erstes Aufhorchen gesorgt. Sie wollen ausdrücklich den weiblichen Jazz pushen und gehen mit bestem Beispiel voran. Auf „Blume“ probieren sie Ehtiojazz-Elemente a la Mulatu Astatke aus, kombinieren das mit Afrobeat, Highlife-Gitarren, Freejazz-Improvisationen, Brass- und warmen Blue Note-Jazz. An der einen oder anderen Stelle wirken die Arrangements noch zu steif und verschult (das Förderprogramm lässt grüßen), aber das grooven sie sich auch noch aus den Fingern. (7von 10 Punkten)

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Nérija - Riverfest (Official Audio) | Bild: Nérija Music (via YouTube)

Nérija - Riverfest (Official Audio)

Helge Schneider – Partypeople (beim Fleischer)

Apropos Blue Note. Wer nicht weiß, was das ist, dem kann das wunderbar ein berühmter Deutscher Jazzer erklären. Die Kollegen von BR Klassik hatten eine Rubrik mit dem Namen „Helge Schneider erklärt Jazz“. Schneider hat nach langer Zeit wieder ein neues Studioalbum aufgenommen. Es ist eine One-Man-Show. Helge Schneider spielt Bass, Schlagzeug, Klavier, Saxofon. Die Musik ist toll. Er rumpelt, swingt und tippelt manchmal nur über die Klaviertasten als wäre er der Barpianist. Die Sketche zünden nicht immer, dafür kann man in den Gaga-Jazz Songs wie „Dance To The Music“, „Leberblues“ oder „Wenn der Komet kommt“ genügend lachen. (7 von 10 Punkten)

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partypeople | Bild: Helge Schneider - Topic (via YouTube)

partypeople

Ty Segall – First Taste

Es vergeht wirklich kein Kalenderjahr, ohne dass nicht mindestens ein neues Ty Segall-Album erscheint. Jetzt ist es wieder soweit. Diesmal mischt der Garagenrocker unter seine psychedelischen Songs auch mal Stonerrock und föhnt uns mit Songs wie „Radio“ an die Wand. Die neuen Ty-Segall- Songs fallen stürmisch über uns her: Knarzende Bässe, dröhnende Gitarren, surrende Tröten und seine näselnde Stimme quengeln sich in unsere Gehörgänge. Obendrein trommelt das sperrige Schlagzeug erstmal gegen die Eingängigkeit an. Es ist weitestgehend ein dunkles, dystopisches Album – voller schräger Riffs, Melodien und Horror-Geschichten. Aber Ty Segall bietet uns in Songs wie „The Arms“ oder „I Sing Them“ auch harmonischere Durchschnaufmomente an. „First Taste“ ist nicht jedermanns Geschmack, denn leicht verdauliche Rock-Kost ist es nicht. (7,5 von 10 Punkten)

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Ty Segall "Taste" (Official Music Video) | Bild: Drag City (via YouTube)

Ty Segall "Taste" (Official Music Video)

Young Guv – Guv I

Wir lassen den Verzerrer gleich an der Gitarre angeschlossen. Ben Cook ist Gitarrist bei der Hardcore-Band Fucked Up. Nebenbei hat er aber auch noch ein Soloprojekt laufen. Als Young Guv veröffentlicht er jetzt sein drittes Album. Die Gitarren sind zwar auch oft verzerrt, aber hier gibt’s kein Geshoute wie bei FuckedUp, sondern umarmende Melodien, wie man sie eher von Nada Surf kennt. Jedes Lied geht sofort ins Ohr. Es ist zeitloser Gitarrenpop mit lauter kurzweiligen 3-Minuten-Songs. (8 von 10 Punkten)

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Young Guv - "Every Flower I See" (Official Music Video) | Bild: Run For Cover Records (via YouTube)

Young Guv - "Every Flower I See" (Official Music Video)

Die Orsons – Orsons Island

Die Orsons zählen zu den derzeit angesagtesten HipHop-Gruppen in Deutschland. Mittlerweile hat sich jeder der vier Rapper auch noch nebenbei eine mehr oder weniger erfolgreiche Solokarriere aufgebaut. Jetzt geht’s auf die "Orsons Island" – so heißt ihr neues Album. Die Stücke wechseln wieder zwischen Melancholie, Kitsch, Trapgewitter und Partyhits. Auch die Federführung in den einzelnen Songs wechselt ständig. Ein Rotationsprinzip wie bei einer Profi-Fußballmannschaft. Mir fehlt dabei oft der „Orsons Witz“. Ich fand es immer gut, dass sie dem testosteron-geladenen Deutschrap mit sanfteren Töne Kontra geben, aber diesmal ist es schon arg weichgespült. Aber sie können auch noch Hits wie die Single „Grille, Nimms leicht“ oder auch „Sowas von egal“. Sie unterteilen die Reise auf Orsons Island in vier Kapitel. Jedes hat Stärken und Schwächen. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass ihnen die Anarchie abhandengekommen ist. Die Orsons sind jetzt vielleicht nur noch die Summe ihrer einzelnen Teile. (6 von 10 Punkten)

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Die Orsons - Grille (Official Video) | Bild: Chimperator Channel (via YouTube)

Die Orsons - Grille (Official Video)

Cross Record – Cross Record

Cross Record war bisher das Projekt von Emily Cross und ihrem Mann Dan Duczinsky. Möglicherweise kennt man sie auch als Teil der Slowcore-Supergroup Loma. Allerdings haben sich beide nun scheiden lassen, und Emily ist nach Mexiko gezogen. Cross Record ist nun ihr Soloprojekt. Dem atmosphärischen Slowcore-Indie bleibt sie aber treu. Sie benutzt die Synthesizer wie gespenstische Nebelschwaden, durch die sie dann mit ihrer Stimme watet. Dazu setzt sie ganz vorsichtig dezente Elektronica-Schnipsel ein. Sie schafft intensive, magische Momente, überspannt aber auf Dauer den Spannungsbogen durch die monotone Arbeitsweise. So könnte dieser düstere, atmosphärische Mix auch eine Parabel auf ihre gescheiterte Ehe sein. (7 von 10 Punkten)

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Cross Record- PYSOL My Castle | Bild: crossrecord (via YouTube)

Cross Record- PYSOL My Castle

Andrew Poppy – Hoarse Songs

Der weißhaarige Experimental-Komponist steht in der Tradition von Philipp Glass und Steve Reich und hat in den 80zigern für Erasure und The The komponiert. Heute noch lehrt er Komposition an der Hochschule und treibt auf Hoarse Songs seine Songstudien voran. (6,8 von 10 Punkten)

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Andrew Poppy - Rainy Must Kiss Everybody | Bild: DJ Mr Poppy (via YouTube)

Andrew Poppy - Rainy Must Kiss Everybody


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