Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Bonnie Prince Billy | Tindersticks | Dominique Fils-Aimé

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Maria Taylor, Bonnie Prince Billy, Pumarosa, DJ Shadow, Dominique Fils-Aimé, DJ Shadow, Tindersticks, Milky Chance, Fat Freddy's Drop, PBDY und Emily Jane White.

Von: Matthias Hacker

Stand: 18.11.2019

Cover: Dominique Fils-Aimé - Stay tuned | Bild: Ensoul Records

Bonnie Prince Billy – I Made A Place

Bonnie Prince Billy hat zuletzt vor allem viel Musik gecovert und weniger selbst geschrieben: Er hat Songs der Everly Brothers, Mekons oder von Merle Haggard interpretiert. Nach acht Jahren hat er nun auch mal wieder eigene Songs geschrieben. Man kann den Song „New Melody“ also ruhig programmatisch verstehen.

Auf „I made a place“ hören wir fast ausschließlich den ernsten Folksänger. Sehr schön finde ich die Saxophon- und Klarinetten-Auftritte, mit denen er den manchmal etwas sanften Folkmelodien mehr Dynamik und Abwechslung verleiht. Auf die Frage, ob es heutzutage im Zeitalter des Internets und Streamings überhaupt noch Sinn mache Alben zu machen, antwortet Bonnie Prince Billy. „Das Internet ist brutal und hässlich. Ein Album als CD und Platte wirklich in den Plattenladen zu stellen, bringt für mich viel finanzielle Unsicherheit, aber es ist für den Moment immer noch das Richtige für mich.  Und vermutlich auch für die Zukunft.“ Bonnie Prince Billy wollte mit diesem Album ein optimistisches Zeichen in dieser Gesellschaft des Zorns setzen und bildet klanglich einen angenehm andächtigen Ruhepol. Ein Hitgewitter ist es nicht. (7,5 von 10 Punkten)

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Bonnie 'Prince' Billy "In Good Faith" (Official Music Video) | Bild: Drag City (via YouTube)

Bonnie 'Prince' Billy "In Good Faith" (Official Music Video)

Maria Taylor – Maria Taylor

Das siebte Album der US-Songwriterin Maria Taylor besticht durch schönen Songwriter-Pop. Dass sie es ganz schlicht nach sich selbst benannt hat, zeigt, dass es für sie eine sehr persönliche Angelegenheit ist. Natürlich sind alle Alben persönlich, aber hier sei es nochmal anders. Sie sagt: „Es repräsentiert, wer ich wirklich bin. Ich spüre einen ruhenden Kern und eine Stärke in diesem Album, das nur Entstehen konnte, weil ich mein Leben lang immer versucht habe genau zu verstehen, wer ich als Künstlerin und Mensch sein will. Älterwerden ist gar nicht so übel!" Sie hat das Album in ihrem kleinen Haus in Los Angeles aufgenommen - inmitten des ganz normalen Familienchaos. Diese vertraute heimelige Atmosphäre hört man den Songs auch an. Das Album klingt aber nicht dumpf oder dünn, als hätte sie es der Akustik wegen im Schlafzimmerschrank eingespielt. Im Gegenteil: es ist wunderbar klar und hell. Musikalisch wechselt sie vom Piano zur Akustikgitarre, dann wieder auf einen Wurlitzer und zu Indietronic-Beats. Aber grundsätzlich bleiben es reduzierte, melancholische Lieder. Es sind meist Liebeserklärungen wie in „New Love“ oder Treuebekundungen wie in „Stay With You“. Zugegeben: Manchmal schrammt sie etwas zu weit über die Grenze zum Kitsch drüber hinaus, aber, wenn man die zehn Songs Revue passieren lässt, ist weit mehr als die Hälfte der Platte ein wahrer Ohrenschmaus für Fans von Singer/Songwritern. (7 von 10 Punkten)

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Maria Taylor "Waiting in Line (featuring Adam Duritz)" | Bild: Maria Taylor (via YouTube)

Maria Taylor "Waiting in Line (featuring Adam Duritz)"

Pumarosa – Devastation

Das zweite Pumarosa-Album beginnt mit Drum & Bass-Beats. Das überrascht erstmal, nach dem gefeierten, eher rockigen Debüt „The Witch“. Doch es war absehbar, dass diese Platte nach Veränderung klingen muss. Die Sängerin Isabel hatte vor zwei Jahren - ausgerechnet in der Woche des Debüt-Releases - eine Krebsdiagnose bekommen. Mittlerweile hat sie die Krankheit besiegt, aber sie klingt in den Songs noch nach. Das merken wir schon im Albumtitel: Devastation. Übersetzt: Verwüstung oder Zerstörung. Pumarosa überraschen aber nicht nur am Anfang. „Adam‘s Song“ erinnert dann wunderbar an Beth Gibbons und Portishead, kurz darauf drehen sie in „Heaven“ in einen diskoiden Elektropop ab und landen bei „Into the woods“ bei basslastigem, fuzzy Gitarrenrock.  Und gegen Ende der Platte finden Pumarosa wieder zu ihrem ursprünglichen, hexengleichen Dreampop wie auf „The Witch“ zurück. Produzent Justin Chancellor, seines Zeichens auch Bassist bei Tool, findet immer den richtigen Sound, sodass man Pumarosa auch alle Stile abnimmt. Das Album klingt wie einer Metapher auf die jüngere Bandgeschichte, die durch die schwere Erkrankung aus dem Konzept geworfen wurde. Mit dem letzten Stück, dem Titellied „Devastation“, haben sie den Krebs hoffentlich endgültig zerstört und können nun wieder nach vorne blicken. (8 von 10 Punkten)

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Pumarosa - Adam's Song (Audio) | Bild: Pumarosa (via YouTube)

Pumarosa - Adam's Song (Audio)

DJ Shadow – Pathetic Age

DJ Shadow bekam einst den Beinamen: DJ der DJ`s. 1996 setzte er mit seinem Album „Entroducing...“ einen Meilenstein im HipHop. Aber schon auf seinem 2016er Album verabschiedete er sich vom Ruf des Sample-Guy. Er wollte mehr Komponist sein. Da knüpft er jetzt auch auf „Our Pathetic Age“ an. Das hört man vor allem auf den ersten elf Tracks der Platte, in denen er sich in Genres wie Jazz, Klassik und Marschmusik ausprobiert. Ein Stück hat er sogar vollständig für ein Orchester komponiert. Für den Samplekönig ein großer Schritt. Allein, dass er den Instrumentalteil an den Anfang stellt, spricht Bände, wenn man bedenkt, dass im zweiten Teil der Platte namhafte Rapper wie Nas, Raekwon, Run The Jewels, Pusha T oder auch De La Soul warten. Während der Instrumentalteil aber nicht wirklich überzeugen kann, läuft DJ Shadow in der zweiten Hälfte zu Höchstform auf und schneidert den Rap-Legenden einen Hit nach dem anderen auf den Leib. (7 von 10 Punkten)

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DJ Shadow - Urgent, Important, Please Read (feat. Rockwell Knuckles, Tef Poe, Daemon)  [HQ Audio] | Bild: Mass Appeal Records (via YouTube)

DJ Shadow - Urgent, Important, Please Read (feat. Rockwell Knuckles, Tef Poe, Daemon) [HQ Audio]

Dominique Fils-Aimé – Stay Tuned!

Die Sängerin aus Montreal hat haitianische Wurzeln, musikalisch muss man sie aber wohl eher in der Tradition von Nina Simone sehen. In Kanada wurde sie schon zur Jazzentdeckung des Jahres gekürt. Zurecht, wie sie jetzt mit ihrem neuen Album unterstreicht. Es ist der zweite Teil einer Trilogie, in der sie sich mit der afroamerikanischen Kultur und Geschichte auseinandersetzt. Sie arbeitet sich an den großen Momenten und Niederlagen der afroamerikanischen Kulturgeschichte ab. Sie verhandelt die Bürgerrechtsbewegung ebenso wie politische Attentate und Alltagsrassismus. Musikalisch kommt ihr dabei nicht nur ihre eindringliche Stimme zu Hilfe, sondern auch ein wunderbares Talent mit Jazz, Neo-Soul und Gospel zu spielen. Sie geht die großen Themen an und scheitert nicht. Eine tolle Künstlerin mit Talent und Strahlkraft – ein Star. (8,5 von 10 Punkten)

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Dominique Fils-Aimé I Old Love (Official Video) | Bild: Dominique Fils-Aimé (via YouTube)

Dominique Fils-Aimé I Old Love (Official Video)

Tindersticks – No Treasure, but hope                     

Mastermind der Tindersticks Stuart Staples hat die Texte der neuen Platte „No Treasure, but Hope“ auf der griechischen Insel Ithaka geschrieben. Hier begann und endete der Sage der Irrfahrt des Odysseus. Schon auf dem Plattencover springt uns das ins Auge. Da ist die Insel im Ionischen Meer aus der Vogelperspektive in einer Art Googlemaps-Design zu sehen. Die mediterrane Brise weht uns auch immer wieder um die Ohren. Beispielsweise in der Single „Pinky In The Daylight“, die Stuart Staples in der Tat unter wehenden Segeln eines Schiffs geschrieben haben will, als er die Küste Griechenlands wieder verlassen hat. Das Klavier und die Streicher betonen regelmäßig den sophisticated britischen Sound – typisch Tindersticks. Die Meeresluft scheint zudem einen positiven Einfluss auf die Psyche des Sängers gehabt zu haben. Das Album ist positiv für seine Verhältnisse. Aber manche Lieder legen sich immer noch drückend schwül auf unser Gemüt, wenn Staples von Sehnsucht, Heimweh und Herzschmerz singt. Am Ende findet er aber Erlösung und singt gerade heraus: „Yeah, I Love You“. So wie auch Odysseus erst auf seiner Odyssee alle Irrungen und Wirrungen des Lebens durchleben musste, findet am Ende aber auch Staples durch die Reise zu sich. Es ist keine kleine Metapher, die er hier mit der Odyssee bemüht, aber wir kennen ja auch die große Geste und das Pathos des Sängers. Und wir lieben ihn dafür (7,8 von 10 Punkten)

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Tindersticks - 'Trees Fall' (Official Audio) | Bild: tindersticksofficial (via YouTube)

Tindersticks - 'Trees Fall' (Official Audio)

Milky Chance -  Mind The Moon

2013 haben Milky Chance im Schlafzimmer in Kassel im Alleingang ihr Album „Sadnecassary“ aufgenommen, das sie weltberühmt gemacht hat. Das typische Gitarrenpicking auf sanfte Beats brachte sie an die Spitze vieler Charts und in die Show von Jimmy Kimmel. Mit ihrem Style haben sie im Mainstream einen Nerv getroffen, und viele haben sie danach imitiert. Das zweite Album ist kaum erwähnenswert und auch auf Album 3 verändern Milky Chance ihr Geheimrezept nicht. Sie drehen manchmal die Beats stärker in Richtung House, setzen die Gitarrenzupfer noch später auf den Off-Beat, was den Songs hier und da mehr Reggae-Vibe verleiht. Aber alles in allem ist das ganze Album vorhersehbar und monoton. Die Geschichte ist erstmal auserzählt, die Band müsste sich neu erfinden. Das ist sad, aber necessary. (4 von 10 Punkten)

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Milky Chance - Long Run (Official Audio) | Bild: Milky Chance Official (via YouTube)

Milky Chance - Long Run (Official Audio)

PBDY – Careworn

Violinen, Electronica, Triphop. Sounds wie Nebelschwaden, Ambient-Soundscapes und zierliche Frauenstimmen. So erinnert man sich an das neue Album Careworn nach dem ersten Hördurchgang. Der britische Produzent hat sich namhafte Gäste ans Mikrofon geladen: Mitglieder von Tortoise, Exploded View und den Sänger von Future Island. Auch hier hören wir im Hintergrund immer wieder leichte Dub-Nuancen anklingen, aber auch Jazz & düsteren Folk, die PBDY mit schierer Leichtigkeit zu einem großen Kunstwerk verwebt. (8 von 10 Punkten)

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PBDY - 'Tears or Rain (feat. Samuel T. Herring)' (Official Video) | Bild: Brainfeeder (via YouTube)

PBDY - 'Tears or Rain (feat. Samuel T. Herring)' (Official Video)

Emily Jane White – Immanent Fire

Die kalifornische Sängerin legt mit immanent Feier ein sehr esoterisches Album vor. Sie beschwört darauf die feminine Urkraft der Natur. Sie versteht das nicht nur als eine reine Genderdebatte, sondern bettet die Frage der Weiblichkeit in den großen Kontext der menschlichen Evolution ein. Zur Untermalung findet sie vor allem düstere, atmosphärische Klänge und spielt – wie auch auf dem Albumcover – mit Licht und Schatten. (6,5 von 10 Punkten)

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Emily Jane White - Washed Away [OFFICIAL VIDEO] | Bild: Talitres (via YouTube)

Emily Jane White - Washed Away [OFFICIAL VIDEO]


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