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Neuerscheinungen der Woche Brittany Howard | The Juan McLean | Guo

Die Neuheiten der Sommer-Ferien-Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören u. a. hinein in die frischen Werke von Brittany Howard, Liam Gallagher, Life, One True Paring, The Juan Maclean, Steffie x Virginia, Daedelus, Efterklang, Guo und Molly Sarlé.

Von: Angie Portmann

Stand: 19.09.2019

Cover: Brittany Howard - Jaime | Bild: Columbia

Brittany Howard – Jaime

Die Stimme von Brittany Howard, der Frontfrau und Gitarristin der Alabama Shakes, klingt wunderbar soulful, Motown-like. „Jaime“, ihr erstes Soloalbum, funktioniert dann auch wie ein Anti-Depressivum, nur ohne Nebenwirkungen. Die Platte heißt wie ihre ältere Schwester Jaime, die Brittany dazu brachte Klavier zu spielen und Gedichte zu schreiben. Als Brittany neun Jahre alt war, ist ihre Schwester an Krebs gestorben. Auf ihrer ersten Platte ohne die Shakes liefert Howard P-Funk im George Clinton-Style („History repeats“), Stücke, die an Prince und seinen Hang zum Bombast erinnern („Run to me“) und dazwischen immer wieder ganz viel deepen Soul bzw. R’n’B. Mal Uplifting, mal jazzy verspielt, mal im Gänsehaut-Modus („He loves me“). Thematisch sind die Songs sehr persönlich, ganz nah dran am Leben von Brittany Howard. In dem Song „Goat head“ z.B. erzählt sie eine Geschichte aus ihrer Kindheit: Unbekannte hatten ihrem Vater einen Ziegenkopf, das Symbol für den Teufel, auf den Rücksitz gelegt. So ist es im Süden Amerikas als Kind einer weißen Mutter und eines afroamerikanischen Vaters aufzuwachsen, verstörend („When I first got made, guess I made these folks mad” ... “Who slashed my dad’s tyres and put a goat’s head in the back?”). In dem Liebeslied „Georgia“ geht’s um ein Mädchen, das sich in ein anderes Mädchen verliebt, auch das autobiographisch. Und wenn Brittany Howard singt „He loves me“ – dann meint sie damit nicht eine bestimmte Person, sondern Gott, der sie selbst dann liebt, wenn sie Gras raucht. („I know he still loves me when I’m smoking blunts“ – „He doesn’t judge me“). Natürlich ist das Private hier - wie so oft - sehr politisch. Nicht zuletzt wenn Howard in „13th Century Metal“ zur Überwindung aller gesellschaftlichen Gräben aufruft: “We are all brothers and sisters“. Ein tolles Album mit extrem unterschiedlichen Songs, aufgenommen zusammen mit Bassist Zac Cockrell, mit dem Brittany Howard schon die Shakes gegründet hat und dem Jazz-Keyboarder Robert Glasper. (7,9 von 10 Punkten)

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Brittany Howard - Stay High (Official Video) | Bild: BrittanyHowardVEVO (via YouTube)

Brittany Howard - Stay High (Official Video)

Life - A Picture of good health

„I don’t care for niceties, no“. Diese jungen Briten wollen keine Nettigkeiten austauschen, sie wollen laut und gefährlich sein. Kein Wunder, Life kommen aus Hull im tristen Norden Großbritanniens, einem Ort, wo Schüler - laut Statistik - die schlechtesten Noten des Landes schreiben. Wie ihre Kollegen von den Idles oder Fontaines D.C. machen Life ordentlich Krawall. „A Picture of good health“ heißt ihr zweites Album, das, wie auch schon der Vorgänger, nach Gang of Four und The Fall klingt. Die Gitarren kantig und druckvoll. Die Lyrics diesmal ziemlich persönlich und wieder latent schlecht gelaunt .... egal ob es um ein Dasein als alleinerziehender Vater, um Depressionen oder das Ende einer Beziehung geht. Rotziger Postpunk ganz nach meinem Geschmack. (8 von 10 Punkten)

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LIFE - Bum Hour (Official Video) | Bild: LifeMusicVEVO (via YouTube)

LIFE - Bum Hour (Official Video)

Liam Gallagher – Why me? Why not?

In den 90ern waren Oasis DIE Britpop-Band schlechthin (neben Blur natürlich ;-)). Und die Brüder Gallagher ein ewiger Quell großer Hymnen und publikumswirksamer Frotzeleien. Als Noel Gallager die Band im Jahr 2009 verließ, machte sein Bruder Liam alleine weiter, zuerst mit Beady Eye, dann als Liam Gallagher. Als solcher veröffentlicht er morgen sein zweites Soloalbum. Ein Britpop-Feuerwerk, das sofort die guten alten Atomic-Café-Zeiten auferstehen lässt. Produziert und mitgeschrieben von popmusikalisch erfahrenen Kräften, nämlich Greg Kurstin und Andrew Wyatt, die schon Adele, den Foo Fighters oder Mark Ronson auf die Sprünge geholfen haben. Und so klingt die neue Platte von Liam Gallagher wie ein altes, sehr entspanntes Oasis-Album, mit Gitarren und Streichern galore, dem ein oder anderen Refrain zum Niederknien und einem nach wie vor doch ziemlich großartigen Sänger. Dessen Sohn Gene hier übrigens an den Bongos zu hören ist. Die perfekte Zeitreise. (7,6 von 10 Punkten)

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Why Me? Why Not. | Bild: Liam Gallagher - Topic (via YouTube)

Why Me? Why Not.

Giant Sand - Recounting the Ballad of the Thin Line Men

„Recounting the Ballad of the Thin Line Men“. Eines von vielen wunderbaren Giant Sand-Alben, möchte man meinen. Der Sand rieselt mehr oder weniger sanft aus den Boxen, die Gitarren taumeln zielsicher durch die Songs und Howe Gelb ist wie immer in Hochform. Allerdings sind die meisten Songs schon im Jahr 1986 auf dem Giant Sand-Meilenstein „Ballad of a Thin Line Man“ erschienen, einem Album, das Allmusic als „rough and tumble Neo-Paisley Underground Rock“ bezeichnet. Ein paar Songs sind neu dazugekommen, andere gestrichen worden, aber am grundsätzlichen Sound des Albums hat Gelb nichts verändert. Stellt sich also die Frage: warum eigentlich nicht gleich mal wieder das Original hören? (7,6 von 10 Punkten)

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Thin Line Man | Bild: Giant Sand - Topic (via YouTube)

Thin Line Man

One True Pairing - One True Pairing

„One True Pairing“ ist das Solo-Debüt von Tom Fleming, dem ehemaligen Sänger der Wild Beasts, die sich im vergangenen Jahr aufgelöst haben. Und One True Pairing ist auch sein neues Pseudonym. Aber was heißt eigentlich „One True Pairing“? Nun, OTP ist eine Wendung aus der Internet-Fan-Fiktion und steht für die perfekte Beziehung, die totale Harmonie. Tom Fleming findet das furchtbar, er wollte ein Album über die reale Welt machen. Keine geschmackvolle, elegante Platte, sondern ein „Rockalbum, ein Protestalbum gegen den guten Geschmack“, so Fleming. Das ist ihm natürlich nicht gelungen, denn das Solo-Debüt von One True Pairing ist eben genau das, eine geschmackvolle, elegante Platte. Mit Ecken und Kanten, knirschenden Synthies und irritierenden elektronischen Einsprengseln. Aber durch die tolle Stimme von Tom Fleming fast so elegant wie ein Roxy Music-Album. (7,8 von 10 Punkten)

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One True Pairing - Dawn At The Factory (Official Audio) | Bild: One True Pairing (via YouTube)

One True Pairing - Dawn At The Factory (Official Audio)

The Juan Maclean – The Brighter the Light

Hinter The Juan Maclean steckt der DJ und Produzent Juan Maclean und Sängerin Nancy Whang, Gründungsmitglied des LCD Soundsystems. Ihr „The Brighter the Light“ funktioniert als eine Art Überbrückungskabel zum nächsten, offiziellen The Juan Maclean-Album, das 2020 erscheinen soll. Denn was wir hier hören, ist größtenteils kein neues Material, sondern eine Sammlung ihrer in den vergangenen sechs Jahren erschienen Maxis. Zwar gibt es auch zwei bisher unveröffentlichte Tracks, aber der Rest ist schon länger im Club-Orbit unterwegs. Wir hören High Energy House, aber auch dubbigere Varianten. Egal, The Juan Maclean liefern auch 17 Jahre nach ihrer Gründung noch glasklaren DFA-Sound, der nach wie vor hervorragend auf der Tanzfläche funktioniert. Dabei haben die New Yorker auf die melancholischeren Slow Motion-Disco-Songs aus ihrem Repertoire verzichtet und beglücken uns stattdessen mit etlichen Euphorie-Monstern, die es schwer machen, still zu sitzen. (7,5 von 10 Punkten)

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The Brighter the Light | Bild: The Juan MacLean - Topic (via YouTube)

The Brighter the Light

Steffi x Virginia – Work a change

Steffi und Virgina sind beide Produzentinnen und Resident-DJs in der Berliner Panorama Bar. Steffi betreibt noch dazu zwei weitere Labels und die in München aufgewachsene Virginia singt: live während ihrer DJ-Sets, auf ihren eigenen Alben und besonders gern für ihre Kollegin und Freundin Steffi. 2011 hatten die beiden schon einen gemeinsamen Hit, nämlich „Yours“, mit „Work a change“ erscheint jetzt ihre jüngste Kollabo. Ein Minialbum bzw. eine Doppel-EP mit acht Track, zwei davon Instrumental. Für Dance-Acts scheint das gerade die bevorzugte Veröffentlichungsform zu sein (s. auch The Juan Maclean). Trotz der Vocals von Virginia, ist ihr Sound eher leicht melancholisch bis düster. Keine Euphorie-Shots wie bei The Juan Maclean, sondern hier dominiert abstrakte Berliner Zurückhaltung. Eine tief groovende Bassline und flirrende Synthies, der Sound kontrastiert clever Deep-House mit dezentem Electro-Pop. Das klingt alles sehr durchdacht und up to date. Aber auch relativ untypisch für das Berghain-Label Ostgut Ton und sein Rave-Repertoire. Müsste ich mich momentan entscheiden zwischen New York und Berlin, wär Berlin my favourite place to dance. (7,7 von 10 Punkten)

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Steffi x Virginia | Help Me Understand [Ostgut Ton] | Bild: Ostgut Ton - A-TON - unterton (via YouTube)

Steffi x Virginia | Help Me Understand [Ostgut Ton]

Daedelus – The Bittereinders

Heavy stuff, mit dem sich der Experimental-Elektroniker Daedelus auf seinem neuen Album „The Bittereinders“ beschäftigt. Auf dem letzten Teil seiner „End of Empire“-Trilogie geht es um den zweiten Burenkrieg in Südafrika. Nach dem chinesischen Boxeraufstand und dem Krimkrieg hat sich Daedelus hier also vom blutigen Kampf zwischen Großbritannien und den beiden südafrikanischen Burenrepubliken inspirieren lassen. Ein dreijähriger, äußerst brutaler Konflikt, der 1902 mit der Eingliederung der Buren in das britische Imperium endete. Vorangegangen war u.a. die Internierung von 120.000 Buren, meist Frauen und Kindern in Lagern, 26.000 von ihnen starben dort. Davon stammt auch der Begriff des „Konzentrationslagers“. Was Daedelus gleich im ersten Track „Deep in concentration“ thematisiert. Auch den Guerilla-Taktiken der Buren hat er mit „Veldt“ einen Track gewidmet. Nachdem man der britischen Übermacht mit herkömmlichen militärischen Mitteln nämlich nicht mehr gewachsen war, haben sich burische Guerilla-Kämpfer in die Weiten des südafrikanischen „Veld“ im Innern des Landes zurückgezogen. Mit „Bittereinders“ hat Alfred Darlington alias Daedelus, seit kurzem auch Dozent am Berklee College of Music in Boston, ein hochpolitisches Konzeptalbum geschaffen. Düstere Elektronik, die einem die Haare zu Berge stehen lässt, beschäftigt man sich mit dem, was Daedelus dazu inspiriert hat. Getragene, im Winde verwehte Bläsersätze, Jazz-Einlagen und Field-Recordings machen aus „The Bittereinders“ ein Requiem-ähnliches Manifest gegen militärische Verwüstungen, die bis heute nachklingen. (7,8 von 10 Punkten)

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Daedelus - 'Veldt' (Official Audio) | Bild: Brainfeeder (via YouTube)

Daedelus - 'Veldt' (Official Audio)

Efterklang – Altid Sammen

Wenn von Efterklang die Rede ist, heißt es auch immer wieder die „Art-Pop-Band“ Efterklang. Allerdings ist den Dänen im Laufe der Jahre die Kunst, das Experimentelle etwas verloren gegangen. Geblieben ist getragener Slowmotion-Pop, zum ersten Mal gesungen auf Dänisch. Und so klingen Efterklang diesmal wie eine poppige Variante der Isländer Sigur Ros. Alles perfekt arrangiert und produziert, auf Albumlänge allerdings etwas ereignisarm und mir persönlich manchmal zu pathetisch. (6,9 von 10 Punkten)

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Efterklang - I dine øjne (Official Video) | Bild: Efterklang (via YouTube)

Efterklang - I dine øjne (Official Video)

Guo - Guo 4

„Guo 4“ heißt das jüngste multidisziplinäre Kunst-Projekt der beiden Briten Daniel Blumberg und Seymour Wright, die sich zusammen Guo nennen. Zum ersten Mal gemeinsam aufgetreten sind die beiden 2014. Daraus wurde eine wöchentliche Routine, bei der das Duo Werke von Robert Walser oder David Toop vertonte. Ausgangs- und Endpunkt war diesmal ein Film des Ungarn Peter Strickland, der gerade bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig Premiere hatte. Guo haben dafür „Guo4“ geschaffen. Ein 22minütiges Instrumental, mit dem sie ein tiefes, dunkles Loch in unsere traditionelle Vorstellung von Musik bohren. Jenseits jeglicher Pop-bzw. Songstrukturen ist „Guo 4“ purer Noise, völlig atonal und scharfkantig, hart und unerbittlich. Industrial der kompromisslosesten Sorte. Ein 22minütiges Klanginferno ohne Wenn und Aber. Kunst pur. (ohne Wertung)

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GUO4 - directed by Peter Strickland (teaser) | Bild: Mute (via YouTube)

GUO4 - directed by Peter Strickland (teaser)

Molly Sarlé – Karaoke Angel

„Karaoke Angel“ heißt das Debütalbum der Amerikanerin Molly Sarlé. Angeblich ist Sarlé, die auch Teil des Folk-Trios Mountain Man ist und schon als Backgroundsängerin für Feist unterwegs war, während der Albumaufnahmen immer wieder in eine Karaoke-Bar gegangen, um sich inspirieren zu lassen. Entstanden ist das Album dann aber nicht dort, sondern in einer ehemaligen Kirche in Woodstock. Das perfekte Ambiente für diese zum Teil sehr fragilen, schwebenden, fast geisterhaften Folk-Songs und die reduzierte Produktion. Eine schöne, angenehm  unspektakuläre Platte. (7,4 von 10 Punkten)

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Molly Sarlé - Twisted (Official Music Video) | Bild: Molly Sarlé (via YouTube)

Molly Sarlé - Twisted (Official Music Video)


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