Bayern 2 - Nachtmix


8

Neuerscheinungen der Woche Belle & Sebastian | Sampa The Great | Trettmann

Die Neuheiten der Sommer-Ferien-Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören u. a. hinein in die frischen Werke von Devendra Banhart, Metronomy, Alex G (Sandy), Gruff Rhys, Sampa the Great, Trettmann, Shari Vari, Wolfram, Kazu, Jenny Hval, Belle & Sebastian und der Hochzeitskapelle.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 12.09.2019

Cover: Sampa The Great - The Return | Bild: Ninja Tune

Devendra Banhart – Ma

Beim texanisch-venezolanischen Songwriter Devendra Banhart geht es wieder mal um Nuancen. Es sind die kleinen Dinge, in die man sich in seinen Songs verliebt - und auch nur, wenn man genau hinhört. Da ein Glockenspiel, hier ein Gitarrenakkord der nur eine Millisekunde hochkommt, aber schon ist man verzaubert. Der Mann, der einst im Zündfunk-Interview mit Cocorosie rumgeknutscht hat, widmet seine neue Platte in spanischer, portugiesischer und englischer Sprache der mütterlichen Liebe. Darum heißt das neue Album schlicht “Ma”. Der Grundgedanke ist ganz einfach: Wir alle haben unsere Mütter und die unsichtbaren Bänder zwischen uns - auch die bösen Menschen auf dieser Welt, die uns das Leben gerade schwermachen. Ein sehr schönes, in sich ruhendes Album vom Traum aller Hippie-Schwiegermütter. (7,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Devendra Banhart - Taking a Page (Official Audio) | Bild: Devendra Banhart (via YouTube)

Devendra Banhart - Taking a Page (Official Audio)

Metronomy – Metronmy Forever

Eine traurige Premiere für Metronomy: Das neue Album “Metronomy Forever” ist die erste Platte der Band, die keine drei bis vier sichere Hits hat. Die Briten um Mastermind Joseph Mount wollten eine Hommage an das Radio liefern, sich stilistisch sehr breit aufstellen, aber genau das zieht nicht so richtig, bleibt eher lang- als kurzweilig. Die Songs haben nicht die Tiefe und Raffinesse, wie wir sie sonst von Metronomy kennen. Einzige Ausnahme: der kleine Sommerhit “Salted Caramel Ice Cream”. Trotzdem bleiben Metronomy in einer Liga mit Hot Chip und dem LCD Soundsystem. Denn gerade live sind Metronomy eine Wucht - auch wenn sie jetzt mit einem schwächeren Album nach München kommen, nämlich am 21. Oktober in die Tonhalle. (5,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Metronomy - Wedding Bells (Lyric Video) | Bild: Metronomy (via YouTube)

Metronomy - Wedding Bells (Lyric Video)

(Sandy) Alex G – House Of Sugar

Stellen wir uns vor, die Kinder des Animal Collectives wären Teenager und mit Taylor Swift oder Katy Perry aufgewachsen, aber die anspruchsvollen Eltern haben ihnen auch Steve Reich und Neil Young mit in die Wiege gelegt. Was wären das für Kinder, wenn sie selbst Musik machen würden? Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie so klingen würden wie (Sandy) Alex G, Jahrgang 1993. Alex Giannascoli war schon vor dem Plattendeal mit Domino sehr umtriebig auf bandcamp. Jetzt kommt mit “House Of Sugar” aber sein wohl bisher bestes Album. Wie der Name schon sagt: zuckersüß, macht sofort süchtig, obwohl durchaus nicht ganz unanstrengend. Den geistigen Vätern von Animal Collective gefällt das. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

(Sandy) Alex G - Southern Sky (Official Video) | Bild: SANDY Alex G (via YouTube)

(Sandy) Alex G - Southern Sky (Official Video)

Gruff Rhys – Pang

Das walisische Cardiff trifft Südafrika - der Waliser Gruff Rhys hat zusammen mit dem südafrikanischen Electro-Künstler Muzi ein Album aufgenommen. Ungeplant. Die beiden haben sich zufällig getroffen, angefangen, Files hin- und her zu schicken, sich wieder getroffen. Und rausgekommen ist das Album “Pang”, das Wort steht im walisischen für das plötzliche Gefühl von Sehnsucht. Wir hören rhythmisch gepimpte Pop-Songs - wie gewohnt bei Rhys - in walisischer Sprache und - neu - auch auf Zulu. Wie heißt es im neuen Dating-Deutsch so schön: It’s a match. Auf “Pang” gewinnen beide Künstler. (7,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Gruff Rhys - Pang! | Bild: Gruff Rhys (via YouTube)

Gruff Rhys - Pang!

Sampa The Great – The Return

Eines vorweg: Sampa The Great ist wirklich great. Den Beinamen, den sich Sampa Tembo gegeben hat, der passt. Sampa wurde in Sambia geboren und ist in Australien aufgewachsen. Ihre Vorbilder wie Mos Def oder Lauryn Hill sind genau die richtigen, sie hat unglaubliche Fähigkeiten vorm Mic. Aber nach ihrem gefeierten Mixtape-Debüt überhebt sie sich auf ihrem Debütalbum. Sie will auf “The Return” zu viel. Wir hören 19 Tracks, drei davon sind über sechs Minuten, einer geht an die zehn Minuten. Wir hören mellow Tracks, aber auch Banger wie “OMG” oder “Final Form”, wir hören Songs für die afrikanische Diaspora in Australien, Songs, die groß Black Power im Subtext stehen haben. Ein feministisches Statement setzt Sampa The Great damit, dass sie sich sehr viele Männerstimmen holt, die ihre Refrains singen. Das ist einzeln alles (Sampa the) great, aber mich hat das auf Albumlänge schlicht überfordert. Ein wenig mehr Fokus - und “The Return” wäre eines der besten Alben des Jahres. (8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Sampa The Great - Freedom (Official Audio) | Bild: Sampa The Great (via YouTube)

Sampa The Great - Freedom (Official Audio)

Trettmann – Trettmann

Trettmann ist Raver, Rapper, Trapper, Riddim-Liebhaber, ein Mensch mit Soul - und um all das in einer Person zu vereinen hat es 45 Jahre gebraucht. So alt ist der Leipziger Künstler, und so lange hat es gebraucht, bis der Erfolg kam. Es ist eine - wenn nicht die - Underdog-Geschichte der Zehner Jahre im deutschen Pop. Und wir erzählen die Geschichte vom “Ossi”, der 30 Jahre nach der Wende durchstartet natürlich auch so gerne, weil der politische Zeitgeist solche Narrative braucht, aber Trettmann liefert auch musikalisch: Das Berliner Produzententeam Kitschkrieg weiß, mit welchen Beats sie Tretti in Szene setzen müssen. Da sind plötzlich die Gorillaz auch nicht mehr weit weg. Trettmann selbst muss nur aufpassen, dass er nicht zu sehr in die Rolle des Berufsjugendlichen abrutscht. Sonst ist das selbstbetitelte Album eine tolle Platte, die es schafft, Mainstream und Underground zu versöhnen. Das können auch nur Menschen mit Lebenserfahrung. (8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

TRETTMANN - INTRO (PROD. KITSCHKRIEG) - OFFICIAL VIDEO | Bild: SoulForce Records (via YouTube)

TRETTMANN - INTRO (PROD. KITSCHKRIEG) - OFFICIAL VIDEO

Shari Vari – Now

Eine von Hamburgs feinsten Stimmen kommt aus dem Körper von Sophia Kennedy, sie hat in diesem Sommer einen tollen Song mit Stella Sommer von der Heiterkeit veröffentlicht. Bei Shari Vari ist sie mit der Filmemacherin Helena Ratka unterwegs - und zwar im Genre Avantgarde-Nouvelle-Vague. Als Shari Vari kommt jetzt ein hörenswertes Debütalbum namens “Now”. Manchmal erinnern Kennedy und Ratka mich darauf an Portishead, aber auch eine Peaches ist nicht weit entfernt. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Shari Vari - Out Of Order (Official) | Bild: Shari Vari (via YouTube)

Shari Vari - Out Of Order (Official)

Wolfram – Amadeus

Wer könnte verrückt genug sein, um folgende Menschen auf ein Album zu bringen? Peaches, Yung Hurn, Falco - soweit noch alles okay, aber jetzt kommt’s: Pamela Anderson und Haddaway sind auch dabei. Und nein, das ist kein reiner Trash, sondern alles relativ ernst gemeint. Die Idee zum Clash der Titanen auf einem Album kam nicht von Weird Al Yankovic, sondern vom Österreicher Wolfram. Disco ist sein Geschäft. Auf seinem zweiten Album macht er da weiter, wo er vor acht Jahren mit seinem Debüt auf dem Münchner Permanent Vacation-Label aufgehört hat: Euro-Disco-Pop - und wie gesagt, das Wort “Trash” kommt hier nicht vor. Es stechen heraus: das Stück mit Peaches oder der Track mit Yung Hurn. Das sind Nummern, die im Club 2019 nicht fehlen dürfen. (6,5 von 10 Punkten)

Kazu – Adult Baby

Kazu Makino ist die Frontfrau der sehr geschätzten, sehr einflussreichen Indie-Band Blonde Redhead aus New York. Jetzt bringt sie das Avantgarde-Solo-Album “Adult Baby” raus. Der Albumtitel kommt von den sogenannten “Adult Baby Clubs”, das sind Clubs, in die reiche Männer gehen, um in die Rolle von Kleinkindern zu schlüpfen. Kazu sagt, dadurch sei sie auf die Gedanken gekommen, dass wir irgendwie alle nur erwachsene Babys sind. Das Album “Adult Baby” stellt viele existenzielle Fragen, liefert auch einen aufwändig produzierten Kurzfilm mit. Alles sehr arty aufgeladen, aber im Grunde ist Kazu hier gar nicht so weit weg von ihrer Hauptband. Soll heißen: Kein Qualitätsabfall festzustellen. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

KAZU - Meo (Official Audio) | Bild: ADULT BABY RECORDS (via YouTube)

KAZU - Meo (Official Audio)

Jenny Hval – The Practice Of Love

Mit “Blood Bitch” hat die Norwegerin Jenny Hval 2016 eines der Alben des Jahres gemacht. Darin ging es um die weibliche Menstruation und Vampire. Jenny Hval nähert sich ihren Songs und Themen aus der Intellektuellen-Ecke. So auch beim neuen Album “The Practice Of Love”. Das wurde inspiriert vom gleichnamigen österreichischen Film aus dem Jahr 1985, der die Liebe als poetischen Prozess interpretiert. Neu im Vergleich zum Vorgänger-Album sind die vielen weiblichen Gäste, die aber auch daran schuld sind, dass das Konzeptalbum nicht sonderlich stringent daherkommt. Einige Songs fallen klar ab im Vergleich zu anderen. Das ist schade, aber “The Practice Of Love” ist trotzdem ein ernstzunehmender Beitrag zum Thema “Wie kann man einen Menschen, der immer anfangs ein Fremder sein wird, lieben lernen?”. (7 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Jenny Hval - High Alice (Official Audio) | Bild: Sacred Bones Records (via YouTube)

Jenny Hval - High Alice (Official Audio)

Belle & Sebastian – Days Of Bagnold Summer

Beim ersten Hören des neuen Belle & Sebastian-Albums dachte ich mir: If You’re Feeling Sinister Revisited? Die Schotten schauen hier weit zurück auf ihre Bandhistorie, ins Jahr 1996, als opulente Produktion und große Arrangements vielleicht schon in Stuart Murdochs Kopf waren, aber nicht auf Platte gepresst. Und ein bisschen witzig ist es schon, dass Belle & Sebastian diese Rückbesinnung nicht alleine schaffen - sondern durch ein Filmprojekt. “Days Of The Bagnold Summer” ist nämlich nicht nur neues Album, sondern auch Soundtrack für den gleichnamigen Film von Simon Bird, der 2020 in die Kinos kommt. Er erzählt die Geschichte eines Metalheads, der den Sommer mit dem einen Menschen verbringen muss, der ihn so überhaupt nicht mehr versteht: mit seiner Mama. Eine Coming-Of-Age-Geschichte - wie gemacht für den frühen Sound von Belle & Sebastian. Zwei alte Songs sind neu aufgenommen mit dabei, sonst hören wir elf formidable neue Tracks. (7,5 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Belle & Sebastian - "This Letter" (Official Audio) | Bild: bellesglasgow (via YouTube)

Belle & Sebastian - "This Letter" (Official Audio)

Hochzeitskapelle – I Think Of Love

Wenn du die Hochzeitskapelle hörst und die Augen dabei zu machst, kann es dir passieren, dass du nicht mehr weißt, wo du gerade bist: Am Ufer des Mississippi, bei einer Second Line in New Orleans oder im Wirtshaus in München-Giesing. Ein Kompliment, dass die Münchner Instrumental-Kapelle um die Notwister Micha und Markus Acher sicherlich gerne annimmt - denn all diesen Orten wohnt etwas Morbid-Ironisches inne. Den berühmten Beerdigungen in New Orleans, genauso wie den Stammtisch-Sprüchen in Giasing: Nix im Leben is umsonst, nur der Tod - und der kostet’s Leben. Die Hochzeitskapelle spielt auf dem Album “I Think Of Love” Songs von Elliott Smith, Tenniscoats, Rene Aubry und vielen mehr - allen Songs schenken sie wirklich nur einen Funken Hoffnung, der reicht aber um nach vorne zu blicken. Der Giasinger Stammtisch würde jetzt sagen: Genauso geht’s dem Bräutigam bei der Hochzeit. (8 von 10 Punkten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Hochzeitskapelle - Anohito | Bild: gutfeeling records (via YouTube)

Hochzeitskapelle - Anohito


8