Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Balbina | Georgia | Alexandra Savior

Langsam kommt das Pop-Jahr in die Pötte: in der zweiten Woche 2020 stehen erste namhafte Alben-Veröffentlichungen an. Wir hören hinein in die frischen Werke von Alexandra Savior, Ephemerals, The Chap, Field Music, Mint Mind, Georgia, The Big Moon, Balbina, Kaytranada, Sunday Service Choir, V. A. - Strictly Rhythm und Fever Ray.

Von: Ralf Summer

Stand: 09.01.2020

Cover: Alexandra Savior - The Archer | Bild: 30th Century Records/Rough Trade

ALEXANDRA SAVIOR – The Archer      

Ein Riesentalent: Songwriterin Alexandra Savior wurde bekannt, als sie „Big Jet Plane“ von Angus Stone coverte und ins Netz stellte. 2017 schrieb sie mit Alex Turner von den Arctic Monkeys ihr Debütalbum „Belladonna of Sadness“. Nun erscheint ihr zweites Werk, von dem die US-Amerikanerin sagt: „Ich spürte, dass ich meine eigene Stimme finden musste – und meine Unabhängigkeit“. Der Musikerin aus Oregon öffnen sich aber weiterhin traumhafte Pforten: „The Archer“ erscheint auf dem Label von Super-Produzent DangerMouse (30th Century Records: Adam Green/Broken Bells/Grandaddy). Und aufgenommen hat ihre zeitlos anmutenden Songs Sam Cohen – der schon Kevin Morby und Benjamin Booker veredelte. „Crying All The Time“ ist ein bewegendes Lied - es handelt von ihrer letzten Beziehung, die nur ein halbes Jahr hielt und ausgerechnet zu Silvester zerbrach. Alexandra Savior liegt im Melancholie-Dreieck zwischen Angel Olsen, Mattiel und Lana Del Rey. Aus Nachtmix- und Zündfunk-Sicht: ein erster Album-Höhepunkt in 2020. (8,5 von 10 Punkten)

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Alexandra Savior - The Archer | Bild: Alexandra Savior (via YouTube)

Alexandra Savior - The Archer

EPHEMERALS – The Third Eye

Das vierte Album des acht-köpfigen Londoner Soul-Kollektivs. Thematisch geht’s um Transformation: Bandleader Nicholas Morrison hat eine Geschlechtsumwandlung hinter sich: sie heisst nun Olive. Musikalisch haben sich die Ephemerals dem Indie geöffnet. Auf „Coral“ denkt man, Ozzy Ozbourne singt nun Soul. „Rising“ und „Origin“ könnte auch von Retro-Soul-Star Michael Kiwanuka stammen. Überhaupt: so eine tolle Band wünscht man sich als Vorband fürs nächste Konzert von Kiwanuka. (8,0 von 10 Punkten)

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Ephemerals - Blur | Bild: Jalapeno Records (via YouTube)

Ephemerals - Blur

THE CHAP – Digital Technology

Das siebte Album der britisch-deutschen Band, aufgenommen in Berlin und London. Ging es auf ihrem letzten Werk „The Show Must Go“ (2015) um die Erkundung von „politischer Rockmusik“, geht es diesmal um Abgründe: „persönlicher als auch entpersonalisierter Natur“. "Digital Technology“ beschäftigt sich mit Algorithmen, weil es unmöglich geworden ist, „sich nicht in ihnen zu verlieren“. The Chap denken auch darüber nach, wie es ist, "wenn eines Tages KI unsere Musik schreibt". Bis dahin versuchen sie ihren Synthie-Pop so angenehm spleenig zu spielen, "dass die Künstliche Intelligenz noch etwas lernen kann". „Loaded Words“ erinnert an zuckersüsse Pet Shop Boys, „Toothless Fuckface“ kommt daher wie kaputter Flamenco und „Hard“ hat was von einer neuen digitalen Version von Stereolab. Bald stellen sie das Album vor und besuchen uns im Zündfunk – u. a. 19.1. Hafen 2/Offenbach, 20.1. Unter Deck/München, 21.1. Desi/Nürnberg. (7,5 von 10 Punkten)

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Bring Your Dolphin - The Chap | Bild: Lo Recordings (via YouTube)

Bring Your Dolphin - The Chap

FIELD MUSIC – Making A New World

Field Music ist eine spröde Pop-Band aus England, die aus zwei Brüdern besteht und manchmal an XTC erinnern, sprich an „die Beatles des englischen New Wave“. Ex-Mitglieder von Field Music machten schon Karrieren bei Maximo Park oder The Futureheads. Im 15. Jahr ihres Bestehens kommt nun ihr erstes Konzept-Album raus - „Making A New World“. Es verhandelt den ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren endete – bzw das Erinnern daran und die Effekte des Kriegs. „An Independent State“ kommt daher wie ein Trauer-Instrumental, „Between Nations“ hat Beach Boys-Harmonien. „Beyond That of Courtesy“ hat etwas von einer Alt-J-Komposition. Schade nur, dass ihr neuer Weihnachts-Song „Home For Christmas“ nicht mit auf dem Album ist. Dafür hat David Brewis noch ein Donald Trump-(!)-Funk-(!!)-Musical(!!!) am Start – als School of Language. Exzentrische Engländer! (7,4 von 10 Punkten)

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Field Music - Do You Read Me? | Bild: Field Music (via YouTube)

Field Music - Do You Read Me?

MINT MIND - Thoughtsicles

Mint Mind ist die andere Band von Rick McPhail. Der Tocotronic-Gitarrist hat nach längerer Pause Mint Mind reaktiviert. Im Gegensatz zu Ricks Drittband Glacier (of Maine), bei der er Prog-rockt, Punk-rockt er hier: Mint Mind hat sowohl 60s´-Garage-Touch als auch 80´s-Indie-Rock-Schliff. Als Bonus-Tracks der selbst-veröffentlichten (Upper Room Records) Platte gibt's Indie-Covers von Billy Bragg („New England“) und New Order („Chosen Time“). Am 18.1. gastieren Mint Mind in Chemnitz (Aaltra), 20. Zwickau (Kevin Brewery), 23.1. Mainz (Schon Schön) und 28.1. Münchens Unter Deck. (7,3 von 10 Punkten).

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mint mind - "thoughtsicles" (single edit) | Bild: mint mind (via YouTube)

mint mind - "thoughtsicles" (single edit)

GEORGIA – Seeking Thrills

Georgia ist junge Britin – Tochter von Neil Barnes, der in den 90ern auf der Insel mit seinem Electro-Duo Leftfield Pop-Geschichte schrieb. Ihr Papa war damals so groß wie die Chemical Brothers oder Underworld. Tochter Georgia ist aber eher vom Jahrzehnt davor angetan. Auf “Seeking Thrills“ liefert die Londonerin schmissigen 80s-Snythie-Pop ab. Herausragend der Opener „Started Out“ und die beiden an HipHop angelehnten Stücke „Ray Guns“ und „Mellow“ ft. mit Shygirl (Shygirl spielte beim Alien Disko Festival in den Kammerspielen im Dezember in München). Das zweite Album von Georgia erinnert stellenweise an Robyn oder Madonna in ihrer „Music“-Phase vor genau 20 Jahren. Stellenweise also grenzwertig-glatt. Am 26.2. gastiert sie in München im Feierwerk/Kranhalle. Da kommt man ihr so nahe wie sonst kaum mehr: In ihrer Heimat räumte sie ja schon auf dem Glastonbury Open Air ab.) (7,2 von 10 Punkten)

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Georgia - Never Let You Go (Official Video) | Bild: GEoRGiA (via YouTube)

Georgia - Never Let You Go (Official Video)

THE BIG MOON – Walking Like We Do

Groß gehyped wird diese Londoner Frauenformation: The Big Moon wurden für ihr Debüt für den Mercury Prize 2017 nominiert und tourten mit Mac DeMarco. 2019 spielten sie mit den Pixies, 2020 mit Bombay Bicycle Club - ihr neues Album im Gepäck. Auf „Walking Like We Do“ ergründen sie - wie sie sagen - „die Welt, in der wir leben“ – mitsamt ihrer Instabilität. „Jederzeit kann alles passieren“. Nicht brüchig, melancholisch kommen die Stücke daher – aber auch glatt und gefällig. The Big Moon wollen die ganz große Sehnsucht, aber gehen recht ausgetrampelte, irdische Wege. Der Mainstream wird sie mit offenen Armen empfangen. (7,1 von 10 Punkten)

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The Big Moon - Your Light (Official Video) | Bild: TheBigMoonVEVO (via YouTube)

The Big Moon - Your Light (Official Video)

BALBINA – Punkt.

Balbina Jagielska ist die deutsch-polnische Sängerin, die mit mit ihren beiden letzten Werken „Über das Grübeln“ und „Fragen über Fragen“ bekannt wurde und die deutschen Album-Charts knackte. Als Balbina „Punkt.“ heisst die dritte Platte der in Warschau geborenen und in Berlin lebenden Autodidaktin, die sich über den Deutsch-Rap in der Hauptstadt den Weg zu ihrem eigenwilligen Vokal-Pop erkämpfte. Mit „Sonne“ hat sie ein Rammstein-Cover und mit „Weit Weg“ ein Feature mit Ebow auf „Punkt.“. Mit „Bluenote“ ist auch ein komplett englischer Titel dabei. Und am Ende taucht ein äusserst seltener Duettpartner auf: „Machen“ feat. Herbert Grönemeyer. Seltenes Kompliment: Frau Jagielska, die diesmal ein wenig härter und wütender klingt, singt weiterhin so schön, dass es manchmal nimmer schön ist. Im Sinne von: beängstigend schön, so dass alle anderen eigentlich das Mikro einpacken können. (7,0 von 10 Punkten)

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Balbina - Kein Ende. (Offizielles Video) | Bild: BALBINA (via YouTube)

Balbina - Kein Ende. (Offizielles Video)

KAYTRANADA – Bubba

Für das Pitchfork-Blog ist es das letzte große Dance-Album der Zehner-Jahre: „Bubba“ mit seinem Mix aus Dance-Pop, Neo-Soul und Alternative R´n´B vom kanadischen Produzenten Kaytranada erschien kurz vor Weihnachten. Wie schon auf dem Debüt, finden sich auch hier ein paar Samples, einige Gäste und reichlich Sounds aus den Nuller-Jahren. Am Mikro standen renommierte R´n´B-Ladies wie Estelle und Kali Uchis, Pharrell Williams, Rapper Mick Jenkins – dazu neue Talente wie z. B. VanJess (US-nigerianisches Duo), Iman Omari, SiR – zu hören beim Hit der Platte: „DJ“ ft. SiR. Man könnte sagen: das ist ja die schreckliche Einheits-Pampe für Heute! Oder: diese Art von Party wird überall auf der Welt verstanden und gefeiert.

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KAYTRANADA - Culture (Audio) ft. Teedra Moses | Bild: KaytranadaVEVO (via YouTube)

KAYTRANADA - Culture (Audio) ft. Teedra Moses

SUNDAY SERVICE CHOIR – Jesus Is Born

Im Dezember kam ein neues Album von Kanye West. Es zeigt seine Wandlung zum gläubigen Christen. Zu hören war auch ein Gospel-Chor. Mit ihm hat der Rap-Superstar nun ein ganzes Gospel-Album veröffentlicht. Manche Stücke sind Interprationen seiner eigenen Songs („Ultralight Beams“), Covers von Gospel-Klassikern („That´s How The Good Lord Works“, „Count Your Blessings“) oder verarbeiten Samples („Through The Wire“/Chaka Khan). Der Sunday Service Choir, der keine Lead-Stimme hat, ist auch in Kanyes 2019er Film zusehen, der sein eigenes Album „Jesus Is King“ in Imax-Kinos in den USA brachte. Radikal I: manche Chor-Stücke wirken psychedelisch. Radikal II: Kanyes Stimme fehlt völlig. Radikal III: dem Bösen wird der Kampf angesagt: „Satan, We´re Gonna Tear Your Kingdom Down“. Vermutlich ist damit für Kanye aber nicht Trump gemeint. (Ohne Wertung, noch Ende 2019 erschienen)

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Sunday Service Choir - Rain (Audio) | Bild: KanyeWestVEVO (via YouTube)

Sunday Service Choir - Rain (Audio)

FEVER RAY – Plunge Remix

Von den Remix,- Live- und Tribut-Alben zwischen den Jahren (Hot Chip, Ariana Grande, AG Geige) sei dieses empfohlen. 2017 erschien „Plunge“ von Fever Ray, dem Solo-Projekt der Schwedin Karin Dreijer – auch bekannt fürs Duo The Knife, das sie mit ihrem Bruder betreibt. „Plunge Remixed“ versammelt nun 18 RemixerInnen aus aller Welt: Jowaa, ein Duo aus Ghana, interpretiert „To The Moon And Back“. Björk, DJ Marfox (aus Lissabon), Tzuing (aus Shanghai), Aasthma (Fever Ray-Ableger), FAKA (aus Johannesburg, spielten beim Puch Open Air 2019), Paula Temple und viele mehr helfen das Thema des Originals zu verbreiten: ein positive Haltung zu sexueller Freiheit. (Ohne Wertung, noch Ende 2019 erschienen)

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Fever Ray - Falling (Glasser Remix) | Bild: Fever Ray (via YouTube)

Fever Ray - Falling (Glasser Remix)

V.A. STRICTLY RHYTHM – Definitive 30

Das New Yorker House-Label wird 30 und versammelt ebensoviele seiner Club-Hits: CLS – Can You Feel It, South Street Players – Who Keeos Changing Your Mind?, Hardrive – Deep Inside, Reel 2 Real – I Like To Move It, George Morel – Let´s Groove, Barbara Tucker – Beautiful People, Armand Van Helden – Witch Doktor, Josh Wink – Higher State of Consciousness, Planet Soul – Set U Free oder Wamdue Project – King of My Castle. Die kompletten 90er also noch einmal auf Rewind. (Ohne Wertung, noch Ende 2019 erschienen)

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Sir James 'Special' (Club Mix) | Bild: Strictly Rhythm (via YouTube)

Sir James 'Special' (Club Mix)


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