Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Algiers | Kinderzimmer Productions | Alice Boman

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Bombay Bicycle Club, Mura Masa, Algiers, Mick Jenkins, Kinderzimmer Productions, Mac Miller, Of Montreal, Piinegrove, G. Love & Special Sauce, Martha High & The Italian Royal Family, The Innocence Mission und Alice Boman.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 16.01.2020

Cover: Algiers - There Is no Year | Bild: Beggars

Bombay Bicycle Club - Everything Else Has Gone Wrong

Die Headliner des PULS Festivals 2019 liefern jetzt nach fünf Jahren Abstinenz ein neues Album. Wir hören entspannten Indie-Pop von einer Band, der die Pause und verschiedenste Soloprojekte sehr gut getan haben, wir erinnern uns an das formidable Album von Sänger Jack Steadman als Mr. Jukes. Ob es für den Bicycle Club wieder für eine Nummer 1 in der Heimat Großbritannien reicht, da bin ich mir noch nicht so sicher. Dafür ist das neue Album vielleicht zu gechillt, im Sinne von zu lasch, es fehlt an Intensität. Vielleicht sollte man als Band schon zufrieden sein, dass man als eine der letzten überlebenden Nuller-Jahre Gitarren-Bands auf diesem hohen Niveau wieder zusammengefunden hat. (6,5 von 10 Punkten)

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Bombay Bicycle Club - Everything Else Has Gone Wrong | Bild: BombayBicycleVEVO (via YouTube)

Bombay Bicycle Club - Everything Else Has Gone Wrong

Mura Masa - R.Y.C.

Mit “Raw Youth Collage” kommt jetzt das zweite Album von Mura Masa, britischer Produzent, Jahrgang 1996. Inhaltlich geht es ihm darum, dass wir immer einsamer werden, obwohl immer mehr von uns in großen Städten zusammenleben. Aber hatte uns die Digitalisierung nicht auch versprochen, dass wir nie wieder allein sein müssen? Seine Geschichten erzählt er mit Gästen wie Georgia, Clairo und Slowthai. Das Problem dieses Album ist es - und das hätte er auch thematisieren können: Viele dieser einsamen Menschen streamen nur noch Sadness-Playlisten und hören keine Alben mehr - für diese Zielgruppe ist sein Zweitling auch gemacht. Das wäre jetzt noch nicht so schlimm, uns werden ja viele Playlisten als Alben verkauft, aber leider schwankt die Qualität der Songs hier stark, was immer damit zusammenhängt, wie gut Mura Masa mit seinen Feature-Gästen matcht. (6 von 10 Punkten)

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Mura Masa - No Hope Generation (Official Video) | Bild: MuraMasaVEVO (via YouTube)

Mura Masa - No Hope Generation (Official Video)

Algiers - There Is No Year

Letztes Jahr haben Algiers aus Atlanta schon einen Track rausgebracht, der für mich zu den besten Songs des letzten Jahres gehört hat, ein Spoken-Word-Jazz-Stück namens “Can The Sub_Bass Speak?”, ein Parforce-Ritt durch postkoloniale Theorie. Der Song wird auf dem neuen, dritten Album “There Is No Year” gar nicht drauf sein - aber mit der Geschichtsbewältigung geht es weiter. Die Algiers kämpfen für Minderheiten, stehen für Bürgerrechte ein - und liefern auch noch den historischen Background dafür. Ihr Industrial-Doom-Soul wird dabei aber noch düsterer. Klar, die Zeiten werden ja auch nicht besser. Ich mag Bands, die man nicht auf zwei Referenzen festnageln kann, Algiers reichen mittlerweile von Marvin Gaye bis SUNN O, von Archie Shepp bis Iggy Pop - und um ihre Texte ganz zu entschlüsseln, hilft nur der Gang zu einem Bücherregal mit dem Schwerpunkt “Bürgerrechtsbewegung”. Das neue Album mag nicht so gut sein wie der Vorgänger, aber diese Band bleibt: unverzichtbar. (7 von 10 Punkten)

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Algiers - "We Can't Be Found" (Official Music Video) | Bild: Matador Records (via YouTube)

Algiers - "We Can't Be Found" (Official Music Video)

Mick Jenkins - Circus

Rapper Mick Jenkins aus Alabama hat schon letzte Woche eine neue und ziemlich runde EP veröffentlicht. Sie heißt “Circus” und das Cover zeigt Jenkins jonglierend auf einem Elefanten, während dieser auf einem Ball balanciert. Jenkins sagt, dass die ganze Welt und die Popkultur gerade einem Zirkus gleichen. Darum geht’s auf dieser formidablen EP, die auch wenn schon eine Woche alt, hier nicht unerwähnt bleiben soll. (7,5 von 10 Punkten)

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Mick Jenkins - "Same Ol" (Audio | 2020) | Bild: Bringing Down The Band (via YouTube)

Mick Jenkins - "Same Ol" (Audio | 2020)

Kinderzimmer Productions - Todesverachtung To Go

Das Comeback-Album von Kinderzimmer Productions aus Ulm heißt “Todesverachtung To Go”. Der Titel war der Versuch von MC Textor, ein Wort zu übersetzen, dass auch Ice T gerne verwendet: „Für mich war es der Versuch, das englische Wort Bravado zu übersetzen. Also, ich benutze für mich immer folgendes Beispiel. Man ist im Verhältnis 10:1 in der Unterzahl, hat ein rostiges Taschenmesser und steht den Armeen der Finsternis gegenüber. Und anstatt sich jetzt ins Hemd zu machen, stellt man sich hin, drückt die Brust durch und sagt: Kommt, ihr Schwachmaten. Das ist für mich Todesverachtung. Also, sich ohne Fallschirm aus dem Flugzeug zu stürzen und zu denken: Irgendwas wird mich schon auffangen. Das nächste Level von grober Fahrlässigkeit und das auch noch begleitet vom dementsprechenden Spruch dazu.“

Mit kluger Courage schauen MC Textor und Quasi Modo mit “Todesverachtung To Go” auf die Welt, wie es sonst niemand tut. In den Zehner Jahren haben sie die Gangsta-Themen im Hip-Hop gelangweilt, darum haben sie die Herausforderung angenommen und nach über zehn Jahren wieder ein Album gemacht, über das man vieles sagen kann, aber bitte nicht nur Oldschool. Es ist ein sehr forderndes Comeback, verquere Samples, Lyrics, die man dreimal umdrehen muss, um alle Seiten zu verstehen, aber vor allem ist es eines: intelligent. Und das ist so wohltuend. Gut, dass die KiZis wieder da sind. (8 von 10 Punkten)

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Kinderzimmer Productions - Boogie Down | Bild: groenlandrecords (via YouTube)

Kinderzimmer Productions - Boogie Down

Mac Miller - Circles

Er wurde keine 27. Mac Miller ist 2018 an einer Überdosis gestorben, mit 26. Viel zu früh. Einen Monat vor seinem Tod kam sein vielleicht bisher bestes Album “Swimming” raus. Bis kurz vor der Überdosis hatte er schon an dem Schwesteralbum “Circles” gearbeitet. Das erscheint jetzt posthum. Die Plattenfirma hält es vor dem Veröffentlichungstermin noch unter Verschluss. Es gibt nur eine Single - ohne große Beats, wir hören eher melancholisch anmutenden Sprechgesang. Auf dem Album wird uns ein Arthur Lee-Cover erwarten. Außerdem werden die Plastic Ono Band und T. Rex zitiert. Vor seinem Ableben war der Rapper Mac Miller auf der Suche nach dem Singer/Songwriter in ihm. (keine Wertung möglich)

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Mac Miller - Good News | Bild: Mac Miller (via YouTube)

Mac Miller - Good News

Of Montreal - UR Fun

Während Kevin Parker von Tame Impala sehr viel Ernsthaftigkeit in psychedelischem Sound sucht und meistens auch findet, ist Kevin Barnes der rotbackige Psychedelic-Onkel, der dich mit einer Scherzartikelblume am Revers nass spritzt. Barnes mochte es mit seiner Formation Of Montreal schon immer schräg und bunt - mal treibt er sich in den Sixties rum, dann springt er wieder in die Eighties. Auf seinem neuen Album “UR Fun” sind es wieder mehr die Achtziger. Wobei diesmal die Themen doch auch ernst daherkommen: das Anders-Sein z.B. auf “Peace To All Freaks”. Herzschmerz in Dreiecksbeziehungen ist ein Thema, und auch über Kriege denkt er nach. “UR Fun” ist nicht das beste Of Montreal-Album, aber ich freu mich immer, den Psychedelic-Onkel zu sehen und zu hören. (7 von 10 Punkten)

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of Montreal - Polyaneurism [OFFICIAL MUSIC VIDEO] | Bild: Polyvinyl Records (via YouTube)

of Montreal - Polyaneurism [OFFICIAL MUSIC VIDEO]

Pinegrove - Marigold

Wir kommen zur Lieblingsband von Twilight-Schauspielerin Kristen Stewart, sie trägt das Bandlogo auf der Haut und auch gerne Bandshirts in der Öffentlichkeit. Kein schlechter Geschmack, denn tatsächlich sind Pinegrove eine der spannendsten Alternative-Country-Bands der letzten Jahre. Morgen erscheint “Marigold”, ihr viertes Album innerhalb von fünf Jahren. Zwei zentrale Gedanken hatte ich beim Hören: Die Stimme von Sänger Evan Stephens Hall klingt so unaufgeregt und nicht festgelegt. Er treibt die Songs mit seiner Stimme immer wieder an die Grenzen des Genres. Zweiter Gedanke: Ähnlich wie bei Okkervil River: Eine straighte Single täte der Band wohl bald mal gut. Wer Bands wie Shearwater, Okkervil River oder Uncle Tupelo mag, der wird auch den Emo-Country von Pinegrove lieben, wie Kristen Stewart es tut. (7,5 von 10 Punkten)

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Pinegrove "The Alarmist" (acoustic) | Bild: Rough Trade Records (via YouTube)

Pinegrove "The Alarmist" (acoustic)

G. Love & Special Sauce - The Juice

150 Konzerte spielt G. Love im Jahr, früher waren es 250 - das hat ihn mit seiner Band der Special Sauce zum Star in den USA gemacht. Sein Hybrid aus Folk und Blues geht jetzt in die neunte Runde, wenn man so will: “The Juice” ist sein neuntes Album - hier in großen Teilen mit seinem Mentor, dem schwarzen Blues-Gitarristen Keb Mo. G. Love ging es ja immer schon um positive Energie, jetzt mehr denn je, sagt er. Die Songs auf “The Juice” sollen empowern, sie stehen für Einigkeit und Empathie. Mir ist der Sound dabei immer zu slick, schon immer gewesen, und auch der grenzenlose Optimismus ist mir irgendwann too much, aber das ändert nichts daran: “The Juice” ist ein zeitlos, gut gelauntes Blues-Folk-Album - und für Fans ein Muss. (6 von 10 Punkten)

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G. Love - The Juice (ft. Marcus King) | Bild: G. Love & Special Sauce (via YouTube)

G. Love - The Juice (ft. Marcus King)

Martha High & The Italian Royal Family - Nothing’s Going Wrong

Von Bo Diddley entdeckt, mit James Brown so lange auf der Bühne gestanden, bis sie den Spitznamen “Hardest working woman in show business” hatte - das ist Martha High. Mittlerweile lebt die 75-jährige in Europa, weil ihr das vergiftete, gesellschaftliche Klima in den USA keine Wahl gelassen hat. “Can’t build a dream in a land of broken promises”, hält sie ziemlich frustriert fest. Jetzt singt sie von Italien aus für Gleichberechtigung und gegen Rassismus in ihrer Heimat. “Nothing’s Going Wrong” ist dabei schon die zweite Platte mit dem italienischen Produzenten Luca Sapio, der auf dieser Retro-Platte den Style der Sixties und Seventies fast so gut hinbekommt, wie die Dap-Kings das für Sharon Jones geschafft haben. Complimenti, Martha High. (7 von 10 Punkten)

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Martha High & The Italian Royal Family - Nothing's Going Wrong - Album teaser no. 2 | Bild: Blind Faith Records (via YouTube)

Martha High & The Italian Royal Family - Nothing's Going Wrong - Album teaser no. 2

The Innocence Mission - See You Tomorrow

Nur digital erscheint das neue Album des Trios The Innocence Mission. Es heißt “See You Tomorrow”. Und ich erinnere mich, ich hab‘ das letzte Album an dieser Stelle schon besprochen und erzählt, dass Sufjan Stevens großer Fan dieser Band um das Ehepaar Karen und Don Peris ist und ich mir wünsche, dass sie mehr Aufmerksamkeit bekommen - weil ein Sufjan sich nicht irren kann. Hat super funktioniert, denn es kennt sie immer noch niemand. Und es bleibt eine Schande, wenn man sich das neue Album wieder anhört. Eine so wunderschön fragile Stimme wie die von Karen Peris findet man im Folk einfach gerade nicht. Dringlichkeit haben die Songs auch. Also bitte diesen Namen merken: The Innocence Mission. (8 von 10 Punkten)

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the innocence mission - This Boat | Bild: bellaunioninc (via YouTube)

the innocence mission - This Boat

Alice Boman - Dream On

Die Schwedin Alice Boman liefet das mit Abstand traurigste Album im Januar. Die Schwedin kreist schon seit rund sieben Jahren auf dem Radar, aber immer nur mit EPs, jetzt erscheint ihr erstes Album und erst jetzt verstehe ich, warum sich Alice Boman so lange Zeit gelassen hat: Ihre Songs handeln von der heilenden Kraft der Zeit, die den Schmerz langsam verblassen lässt. Die Intimität von “Dream On” ist schon wirklich außergewöhnlich. Dank der zurückhaltenden Produktion, die die hinreißende Stimme von Boman immer in den Mittelpunkt stellt. Traurigsein geht im Januar am besten mit Alice Boman im Ohr. (8 von 10 Punkten)

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Alice Boman - Don't Forget About Me (Official video) | Bild: Alice Boman (via YouTube)

Alice Boman - Don't Forget About Me (Official video)


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