Bayern 2 - Land und Leute


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Doppelte Vertreibung Der gestohlene Doktortitel des Wilhelm Grau

Raphael Straus' Buch über die Vertreibung der Juden aus Regensburg im Jahr 1519 stand kurz vor der Veröffentlichung, als ihn 1932 ein Geschichtsstudent um Unterstützung bat: er plane eine Ausstellung zu eben diesem Thema. Der Mann bekam das gewünschte Material - doch nach der Machtübernahme Hitlers nutzte er es nicht für eine Ausstellung, sondern für die eigene Doktorarbeit, während er die Veröffentlichung des Straus'schen Buches mit Hilfe der Gestapo unterband.

Von: Stephen Tree

Stand: 04.05.2014 | Archiv

Ein Schild der Jüdischen Gemeinde in Regensburg | Bild: picture-alliance/dpa

Es war die Frucht jahrzehntelanger Forschungsarbeiten über die Vertreibung der Juden aus Regensburg im Februar 1519 und als krönendes Werk einer langen und ehrenvollen wissenschaftlichen Karriere gedacht. Raphael Straus (1887-1947) hatte dazu unter Verzicht auf jede Lehrtätigkeit Dokumente in allen Archiven Deutschlands gesammelt und von Hand transkribiert, mit Querverweisen versehen und erläutert.

"Wenn die Weltgeschichte das Weltgericht ist, so ist der Geschichtsschreiber, wenn er sein Ziel niedrig steckt, ein Gerichtsberichterstatter, wenn er es höher steckt, ein Richter […]."

(Raphael Straus)

Grau ließ sich als "zäher, nachbohrender Forscher" feiern

Fackelzug der SA anlässlich der Machtergreifung Hitlers (1933)

Straus' Buch stand kurz vor der Veröffentlichung, als im Herbst 1932 der junge Geschichtsstudent Wilhelm Grau (1910-2000) um seine Unterstützung bat: er plane eine Ausstellung zu eben diesem Thema. - Grau bekam das gewünschte Material, das er nach der Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 jedoch nicht für eine Ausstellung, sondern für die eigene Doktorarbeit nutzte. Mit Hilfe der Gestapo unterband er die Veröffentlichung des Straus’schen Buches, um sich als "zäher, nachbohrender Forscher" mit einer "seltenen Fülle von Quellen" feiern zu lassen und Raphael Straus, der ihm in der "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" sein Plagiat vorhielt, für dessen "greisenhaften Dünkel" zu verhöhnen.

Graus Nazikarriere als "Fachkenner"

Ausstellung "Der ewige Jude" (1937-1938)

Dass Wilhelm Grau vom Judentum keine Ahnung hatte, behinderte seine Nazikarriere als "Fachkenner" nicht. Er wurde Leiter des "Reichsinstituts zur Erforschung der Judenfrage" und hat die Ausstellung "Der Ewige Jude" mitkuratiert. Sein "Standardwerk" über die "Vertreibung der Juden aus Regensburg" ist bis vor kurzem immer wieder zustimmend zitiert worden.

"Der Jude ist der Fremde und steht unter Fremdenrecht. Seine Ausgliederung aus dem biologischen, politischen und kulturellen Leben ist nahezu bis zur Gänze erfolgt. […] Dieses große, den meisten Menschen unfassbare Ziel kann erreicht werden, denn es lebt Adolf Hitler."

(Wilhelm Grau)

Straus' Lebenswerk war für immer verloren

Raphael Straus hingegen, der sich gerade noch ins Exil retten konnte, musste sich damit abfinden, dass sein Lebenswerk für immer verloren war. 1960 veröffentlichte die Bayerische Akademie der Wissenschaften das einzige Exemplar der Druckfahnen, das ausfindig gemacht und gerettet worden war. Raphael Straus hat das leider nicht mehr erlebt.

Späte Anerkennung von Raphael Straus' wissenschaftlicher Arbeit

Wilhelm Grau wird vom Historiker, einem Subjekt der Geschichtsforschung, zu deren Objekt, über das Studien verfasst werden. Das letzte Buch, das sich positiv auf seine Doktorarbeit über Regensburg bezieht, wird 2010 aus eben diesem Grunde eingestampft. Titel des Vortrags der Historikerin Patrizia von Papen-Bodek, gehalten 2007 auf Einladung desselben Alzeyer Heimatvereins, dem Grau angehört hat: "Von Beruf Antisemit".

Raphael Straus bleibt, der er war und sein wollte: der Mann, der die Geschichte der Regensburger Juden im Spätmittelalter erforscht hat. Seine Arbeiten werden überall zitiert und genannt, wo sein Thema, "die Judengemeinde Regensburg im Mittelalter", wissenschaftlich behandelt wird.


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