Bayern 2 - Land und Leute


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Ein Mann hielt stand Hans Schuierer und das Ende der WAA Wackersdorf

Am 31. Mai 1989 wurden die Arbeiten an der WAA Wackersdorf eingestellt: Ende eines langen, erbitterten Kampfes. Der damalige Landrat Hans Schuierer war als Gegner ganz vorne mit dabei. Er ließ sich von massiven Drohungen und einem Disziplinarverfahren nicht einschüchtern und behielt am Ende recht. Heidi Wolf ist mit dem inzwischen 83-Jährigen in die Vergangenheit gereist.

Von: Heidi Wolf

Stand: 01.06.2014 | Archiv

Der ehemalige Schwandorfer Landrat Hans Schuierer | Bild: picture-alliance/dpa

25 Jahre ist es nun her, das die Bauarbeiten an der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf eingestellt wurden. Es war das Ende eines Projektes, das die Oberpfalz in zwei Lager gespalten hatte: in Gegner und Befürworter.

Nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik ...

Franz Josef Strauß

Der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß wollte die WAA unbedingt durchsetzen. Diese sei nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik, bügelte er Bedenken und erste Proteste nieder. Am 11. Dezember 1985 hatte die Baumaßnahme für die größte Wiederaufarbeitungsanlage der Welt im Taxöldener Forst begonnen: Pro Jahr sollten dort 500 Tonnen Atommüll behandelt und daraus neue Brennelemente gemacht werden.

Mit Reizgas und Schlagstöcken gegen die Demonstranten

Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten, 1986 am Bauzaun der WAA Wackersdorf

Immer stärkerer Widerstand formierte sich. Der Riss ging mitten durch Familien, zerstörte Freundschaften. Hüttendörfer wurden gebaut und geräumt, die Polizei setzte Reizgas und Schlagstöcke gegen die Demonstranten ein - unter ihnen immer mehr Menschen, die vorher noch nie auf die Straße gegangen waren. Sie kämpften für den Erhalt ihrer Heimat. In den Auseinandersetzungen starben zwei Menschen, Hunderte wurden verletzt.

"Mit Kreuz und Fahne marschieren sie um die Baustelle herum, als ob es gelte, das Abendland vor dem Untergang zu retten. Das ist verantwortungslos. Wer die Menschen verwirrt, wer sie ohne Grund in Unsicherheit, Aufregung und Furcht versetzt, betreibt das Werk des Teufels und nicht das Werk Gottes. (...) Die Oberpfalz ist eine moderne Region und sie wird noch moderner werden. Und wir werden sie ausbauen, systematisch und unbeirrbar."

(Franz Josef Strauß)

"Da war vom Roten Kreuz so eine Art Wagenburg für Einsatz und als Erstes haben die Hubschrauber auf dieses Rote Kreuz, diese Wagenburg, die Gasgranaten geworfen, also haben die erst einmal ausgeschaltet, dass die nicht helfen konnten. Und dann haben sie von oben bis runter in die Massen - es waren vielleicht 10 000 Leute da - die Gasgranaten geworfen. Und daraufhin haben die Demonstranten die Polizeiautos angezündet. Und die Polizei hätte es anders dargestellt, hätte gesagt: weil die Polizeiautos angezündet worden sind, haben sie Gasgranaten geworfen. Hab ich gesagt: Das ist eine völlig falsche Darstellung. Ich habe das genau beobachtet, kann das unter Eid aussagen. Und übrigens haben Hunderte und Tausende das Gleiche beobachtet wie ich. (...)
Ich hab dann seitdem immer und heute noch von einem Totschlägerkommando gesprochen. Ich wurde nie deswegen belangt, weil ich nachweisen hätte können, wie sich diese Leute verhalten haben. Aber auch ansonsten sind hier Dinge passiert, ich erinnere nur an die 43 Wasserwerfer, die hinterm Bauzaun gestanden sind und wenn da Leute vorbeigegangen sind, habe ich den Eindruck gehabt, dass die aus Spielerei einfach mit CS- und CN-Gas herausgespritzt haben."

(Hans Schuierer)

Für die Atomwirtschaft rechnete sich das Projekt nicht mehr

Hans Schuierer | Bild: Heidi Wolf

Hans Schuierer mit der Ausgabe 1/1986 der Zeitschrift "Natur", die einen Artikel über ihn und Franz Josef Strauß enthält

An der Spitze des Protestes stand der damalige Landrat Hans Schuierer. Immer mehr misstraute er dem Projekt, das ihm die Bayerische Staatsregierung als "Glück für die Region" verkaufen wollte: 3600 neue Arbeitsplätze bei 20 Prozent Erwerbslosen in der Region schienen zunächst auch verlockend … Aber ein 200 Meter hoher Schornstein, der die radioaktiven Rückstände besser in der Luft verteilen sollte, ließ den Kommunalpolitiker stutzig werden. Er wurde zum absoluten WAA-Gegner, ließ sich von massiven Drohungen und einem Disziplinarverfahren nicht einschüchtern. Sein größter Triumph kam, als Max Streibl, der Nachfolger von Franz Josef Strauß, das Ende der WAA verkündete. Für die Atomwirtschaft rechnete sich das Projekt nicht mehr. Sie stieg aus dem Vorhaben aus.

"In Wackersdorf wird es keine Wiederaufarbeitungsanlage mehr geben. Das Bayerische Umweltministerium wird heute den Sofortvollzug für die 1. atomrechtliche Teilgenehmigung aufheben."

(Max Streibl)

Heidi Wolf blickt mit Hans Schuierer, inzwischen 83 Jahre alt, zurück auf einen Ausnahmezustand in der sonst so friedlichen Oberpfälzer Welt.


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