Bayern 2 - Land und Leute


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Vertriebene nach 1945 "Flüchtling sein darf kein Dauerzustand sein"

Die Welt ist in Bewegung. Nie zuvor waren so viele Menschen auf der Flucht. Geschichte wiederholt sich: Zwischen 1944 und 1950 suchten 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus früheren deutschen Ost-Gebieten im Westen eine neue Heimat. Bayern nahm fast zwei Millionen von ihnen auf. Auch die Migranten von damals stießen vielerorts auf Vorurteile und Ablehnung - die Argumente waren vor 70 Jahren die gleichen wie heute. Letzten Endes aber glückte die Integration. Daran erinnert Marita Krauss in ihrer Sendung vom Mai 2001: "Flüchtling sein darf kein Dauerzustand sein."

Von: Marita Krauss

Stand: 17.04.2016 | Archiv

Massenmigration, Flucht und ethnische Vertreibung sind Probleme mit Vergangenheit, mit Gegenwart und leider wohl auch mit Zukunft. Die Gejagten und Besitzlosen von heute lösen die gleichen Gefühle hilfloser Angst und Ablehnung aus wie die Flüchtlinge von gestern. Ein Blick auf die Erfahrungen der Vergangenheit ist daher angebracht: Es geht um die Wechsel­wirkungen zwischen Ankommenden und Aufnehmenden, zwischen alten und neuen Traumata, zwischen Aufstiegsmotiva­tion und Besitzstandswahrung, Integrationswünschen und Assimilationszwang.

"Vierter Stamm Bayerns"

Vertriebene Deutsche aus Ostpreußen

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Bayern fast zwei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene auf - vor allem aus Ostpreußen und dem Sudetenland. Das waren über zwanzig Prozent der damaligen Bevölkerung Bayerns. Nach ihrer Ankunft ging es zunächst um die notdürftige und vorläufige Unterbringung, dann die endgültige Sesshaftmachung, verbunden mit einer Eingliederung in das Wirtschaftsleben des Landes. Ein weiterer Schritt war die kulturelle Integration, verbunden mit der Anerkennung als "vierter Stamm Bayerns".

"Willkommen waren die Neuankömmlinge nicht. Viele Einheimische sahen in ihnen die Habenichtse und Felddiebe, die 'Horden', die Restdeutschland nun 'überschwemmten'. - Diese Flut- und Deichgraf-Metaphorik ist bis heute üblich, um Migrationen als Naturkatastrophen erscheinen zu lassen. Von einer Solidarität der in den vorangegangenen Jahren oft beschworenen 'deutschen Volksgemeinschaft' war nach 1945 wenig zu spüren."

(Marita Krauss, Historikerin)

Deutsche auf der Flucht

Identitätsstiftung durch Anerkennung der Unterschiede

Ankunft von Vertriebenen mit Güterwaggons im Grenzdurchgangslager Furth im Wald um 1946

Es handelt sich insgesamt um eine gelungene Integration, auch wenn unter diesem Etikett vieles verborgen bleibt: Hunger und Not der Anfangsjahre, die zunächst  vehemente Ablehnung der Einheimischen, unstillbares Heimweh und Anpassungsprobleme vor allem der älteren Generation. Die Flüchtlinge veränderten das Land Bayern: politisch, wirtschaftlich, sozial, konfessionell, kulturell. Die anfängliche Fürsorgepolitik der Flüchtlingsverwaltung wandelte sich bald zu einer durch Integrationsgesetze abgesicherten Flüchtlingspolitik. Auch wenn "Flüchtlingsparteien" nur ein kurzes Leben hatten, wurden Vertriebene in den etablierten Parteien doch bald zu einem wichtigen Faktor der bayerischen Politik. Ähnliches gilt für die Wirtschaft: Vielfach wird es den Vertriebenen zugeschrieben, dass Bayern den Anschluss an die moderne Industriegesellschaft schaffte.

Unter migrationsgeschichtlichen Gesichtspunkten spannend ist auch die symbolische Politik des bayerischen Staates: Es kam zu einer Identitätsstiftung durch Anerkennung der Unterschiede. Der Staat akzeptierte und förderte die kulturelle Eigenständigkeit und schuf so die Möglichkeit zur Bejahung der Aufnahmekultur und des Aufnahmelandes. Die Neubürger wurden zu guten, vielleicht sogar zu den besseren Bayern.

Buchtipps:

Erinnerungskultur und Lebensläufe: Vertriebene zwischen Bayern und Böhmen im 20. Jahrhundert
grenzüberschreitende Perspektiven

  • Von Marita Krauss, Sarah Scholl-Schneider, Peter Fassl (Hrsg.)
  • Gebundene Ausgabe: 376 Seiten
  • Verlag: Volk Verlag; Auflage: 1 (1. Dezember 2012)
  • ISBN-10: 3937200991
  • ISBN-13: 978-3937200996


Kalte Heimat: Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945

  • Autor: Andreas Kossert
  • Broschiert: 432 Seiten
  • Verlag: Pantheon Verlag; Auflage: 4 (9. November 2009)
  • ISBN-10: 3570551016
  • ISBN-13: 978-3570551011


Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs

  • Autorin: Anne-Ev Ustorf
  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: Verlag Herder GmbH; Auflage: 6 (8. Juni 2010)
  • ISBN-10: 3451062127
  • ISBN-13: 978-3451062124

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