Bayern 2 - Land und Leute


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Verkehrschaos um 1900 "Malefizautomobüle und andere Schrecken"

Passanten, Radler, Kutschen und Equipagen, Pferdetram und Dampftram, dazwischen "Malefizautomobüle": die ersten Motorwagen. - Justina Schreiber schildert das Verkehrschaos um 1900 - im nicht mehr beschaulichen München der Prinzregentenzeit.

Von: Justina Schreiber

Stand: 10.02.2013 | Archiv

Verkehrschaos um 1900 am Potsdamer Platz | Bild: picture-alliance/dpa

Eine moderne Großstadt brauchte Massenverkehrsmittel

New York machte es vor, Paris, London und Berlin folgten. Eine moderne Großstadt brauchte Massenverkehrsmittel. Auch die Bevölkerungszahlen (Bayerns und vor allem) Münchens schnellten mit der Industrialisierung und der Eingemeindung umliegender Dörfer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Höhe. Neue Viertel und Siedlungen entstanden. Die Wege verlängerten sich. 1861 zuckelte der erste Stellwagen, 1876 die erste Pferdebahn durch die Residenzstadt. Bereits 20 Jahre später waren die mittlerweile 11 Tramwaystrecken, die sich durch farbige Lichter und Schilder unterschieden, in den Augen von Fachleuten und Fortschrittsapologeten nichts als rückständige Verdrusslinien.

Nicht jeder ertrug das Chaos

Von links kommt eine Pferdetram, von rechts ein lautloses Akkumulatoren-Auto, mit dem die bayerische Postverwaltung ihre Pakete transportiert. Und mitten drinnen Radfahrer und Fußgänger. Was für eine Aufregung! Nicht jeder ertrug das Chaos mit solcher Bierruhe wie der behäbige Schutzmann einer Karikatur, der den brausenden Verkehr mit den Augendeckeln zu regeln verstand.

Der Zug in die Moderne war schon längst abgefahren

Nachbau eines Benz Patent-Motorwagens von 1886

Im beschaulichen München der Prinzregentenzeit kam der Magistrat mit dem Anpassen der Verkehrsregeln kaum hinterher. Nur mit großen Bedenken hatte die Polizei 1888 erlaubt, dass Carl Benz den ersten Patentmotorwagen durch die Stadt steuern durfte. Die Gefahr, die von scheu werdenden Gäulen ausging, war nicht zu unterschätzen. Aber so sehr man sich auch bemühte, etwa den Velozipedisten mit Fahrverboten und Nummernschilderzwang den Spaß an der Freud zu nehmen, der Zug in die Moderne war schon längst abgefahren.

Kaum ein Thema erregte die Menschen mehr als der Verkehr

Pferdedroschken vor dem Hofbräuhaus

Nicht nur an den Kreuzungen prallten Passanten, Radler, Equipagen, Malefizautomobüle, Dampf- und elektrische Trambahnen aufeinander. Auch an den Straßenrändern gab es ein Durcheinander. Weil sich zum Beispiel die konservativen Fiaker mit den neumodischen Chauffeuren herumstritten, musste man die Standplätze der Autodroschken und Pferdekutschen schleunigst voneinander trennen. Kaum ein Thema erregt(e) die Menschen mehr als der Verkehr. Warum auch immer.

Die Batteriezellen verschlammten oft und es kam zu Kurzschlüssen

Durch Münchens Straßen fuhren seit Juni 1895 erste Trambahnen mit elektrischem Strom; auf manchen Strecken durften sie bis zu 20 Stundenkilometer Tempo machen. Parallel dazu probierte man den von der Künstlerkommission gewünschten Schleppbetrieb mit Akkumulatoren-Lokomotiven aus, das heißt: ein paar der Züge liefen mit ein bis zwei Tonnen schweren Batterien - laut Bericht des zuständigen Magistratsrats Panzer vom 11. Juli 1898 allerdings nicht störungsfrei. Die Batteriezellen verschlammten oft und es kam wegen der schaukelnden Bewegung der Wägen zu Kurzschlüssen. Versuche mit einer unterirdischen Streckenführung der Trambahn in der Goethestraße stellte man vorerst wieder ein, nachdem einen Gaul bei den Bauarbeiten ein elektrischer Schlag getroffen hatte.


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