Bayern 2 - Land und Leute


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Soll und Haben Ein bayerisches Traumpaar?

Hier soll kein Seminar über europäische Buchhalterei abgehalten werden. Ebenso wenig wollen wir hier von den Unsummen sprechen, mit denen sich bayerische Finanzgenies wie Kurfürst Max Emanuel, unser Märchenkönig Ludwig oder Ex-Bayern-LB-Chef Werner Schmidt bis zum Hemdkragen ins Wasser manövrierten. Hier geht es um Bayern als Ganzes und die Fragen: Was soll Bayern? … und was hat Bayern? – Und wie trifft Bayerisches Haben auf preußische "Sollensansprüche".

Von: Thomas Kernert

Stand: 17.01.2016 | Archiv

Bayer und Preuße im "Weißwurstduell" | Bild: picture-alliance/dpa

Jeder Buchhalter kennt dieses Pärchen in und auswendig. Egal, ob bei Aktiv- oder Passivkonten, Aufwands- oder Ertragskonten, die beiden gehören zusammen wie Dick und Doof, Fix und Foxi, Pech und Schwefel. Kein Geschäftsvorgang kommt an ihnen vorbei, es sei denn, er findet in einem zwielichtigen Hinterzimmer statt.

Soll und Haben "alla Venezia"

Der "Fondaco dei Tedeschi" war die erste deutsche Handelsniederlassung in Venedig (1228)

Begriffsgeschichtlich kommen "Soll und Haben" nicht aus dem knickerigen, verregneten Preußen, sondern aus dem sonnigen Süden, genauer, aus Italien, wo die reichen Stadtstaaten des 14., 15. und 16. Jahrhunderts durch Handel viel einnahmen und ebenso viel an die Botticellis, Leonardos und Michelangelos ausgaben. In ihren Rechnungsbüchern stand deshalb, säuberlich voneinander - "alla Venezia" - getrennt, auf der linken Seite "deve dare" - "soll geben" und auf der rechten "deve avere" - "soll haben". Später viel das "deve" - das "Sollen" - dann weg, weshalb es im italienischen Rechnungswesen heute nur noch "dare" und "avere" gibt. - Im Deutschen hingegen fiel nur ein bisschen Sollen weg, nämlich beim Haben, dafür verschwand das "Geben" völlig. Also steht in deutschen Büchern heute "Soll und Haben".

Bayerisches Haben trifft auf preußische "Sollensansprüche"

Soll und Haben in der Buchhaltungspraxis

Doch keine Angst: Hier soll kein Seminar über Rechnungswesen abgehalten werden, hier soll das preußische Sollen mit dem bayerischen Haben in Verbindung gebracht werden. Soll heißen: Was hat Bayern und was soll Bayern haben? Mit welchen "Sollensansprüchen" blicken die Preußen (sprich: die Welt) auf Bayern und was bekommen sie dafür? - Natürlich viel Kitsch, von der Lederhose bis zur Alkoholvergiftung, von der Liberalitas Bavarica bis zum Karfreitagstanzverbot und zurück. Doch das ist lediglich die Oberfläche, das Standardprogramm.

"Wer etwas tun soll, muss dazu prinzipiell in der Lage sein"

Bayern hat das große Pech, im Geld zu schwimmen, ist also dazu in der Lage, sich solidarisch zu verhalten, weshalb es auch zahlen soll bzw. muss. Angeblich stammt jenes Sollen-impliziert-Können-Gebot von Immanuel Kant, ist jedoch schon viel, viel älter. Bereits im Römischen Recht galt:

"Ultra posse nemo obligatur" - "Über sein Können hinaus ist niemand verpflichtet."

Im Klartext heißt das: Ein bettelnder, aber gehfähiger Bremer ist nicht dazu verpflichtet, sich zu entfernen, wenn er von einem Miesbacher aufgefordert wird: "Zupf di!", denn der bettelnde, aber gehfähige Bremer kann den Miesbacher nicht verstehen, darf also nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden, geblieben und dadurch in eine Schlägerei geraten zu sein.

Ein kerngesunder, des Schwimmens mächtiger Bayer hingegen ist sehr wohl dazu verpflichtet, einem gerade vor seinen Augen ertrinkenden Berliner aktiv beizustehen, selbst wenn besagter Berliner im Rahmen des Länderfinanzausgleichs seit der Wiedervereinigung bereits 50 Milliarden Euro für Schwimmunterricht erhalten hat. Bayern kann, Bayern muss! Oder anders formuliert: Bayern hat viele Möglichkeiten des "Könnens", wodurch sich viele Verpflichtungen zum "Sollen" ergeben.

Der Preuße will vor allem ein antipreußisches Bayern

Der Preuße will mehr. Er will nicht nur ein uriges Bayern, sondern auch und vor allem ein antipreußisches Bayern, ein Bayern, das sich wie ein Elefant im bundesdeutschen Porzellanladen benimmt und sich dafür kein bisschen schämt. Lange Zeit haben sowohl ziemlich einfältige als auch ziemlich kluge Bayern versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Im Zuge der Globalisierung jedoch wird es immer schwieriger, das Enfant terrible überzeugend zu spielen. Was also "soll" Bayern tun, um wieder Bayern zu werden? Oder "hat" es längst schon damit begonnen, das wahre Preußen zu sein?

Hierzu hat Bayerns Konfuzius Franz Josef Strauß vor über 40 Jahren bereits klipp und klar festgestellt:

"Wir Bayern sollten bereit sein, wenn die Geschichte es erfordert,
notfalls die letzten Preußen zu werden!"

(F. J. Strauß)


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