Bayern 2 - Land und Leute


3

Temperamente weiß-blau 4) Der Bahnhof

Bayerns Bahnhöfe können sehr häßlich und trostlos sein. Sie sind - so Thomas Kernert - ideale Örtlichkeiten der schwarzen Melancholie, während wir als bayerische Genussmenschen doch die bittersüße Variante vorziehen ...

Von: Thomas Kernert

Stand: 07.06.2012 | Archiv

Würzburger Hauptbahnhof | Bild: picture-alliance/dpa

Bayern ist Eisenbahnland. Die erste deutsche Eisenbahnstrecke führte von Nürnberg nach Fürth und zurück. Heute kann man in alle Richtungen fahren und dabei die bayerische Landschaft inhalieren. Für gute Laune und eine hohe Zugauslastung sorgen die fidelen Frührentnergruppen, die mit dem "Bayern-Ticket" unterwegs sind.

Atemberaubende Trostlosigkeit

Plakat vor dem Würzburger Hauptbahnhof

Damit freilich auch Melancholiker auf ihre Kosten kommen, gibt es zahlreiche bayerische Bahnhöfe, deren Hässlichkeit atemberaubend ist. Der Trostlosigkeit des Bahnhofs von Nördlingen beispielsweise ist mit Worten kaum beizukommen. Ähnlich verhält es sich mit den Bahnhöfen von Meeder oder Pechbrunn. Graffiti, vernagelte Fenster, weit und breit kein menschliches Wesen: Bonjour Tristesse! Zum hässlichsten Bahnhof Deutschlands wurde 2005 der Würzburger Hauptbahnhof gewählt. Tatsächlich ist hier der Blues zu Hause. Wer es so richtig deprimierend mag, sollte das Prachtstück deshalb vor seiner Renovierung noch einmal besuchen.

Der Bahnhof am Rande der Zivilisation

Zugemüllte Bahnstation im Nirgendwo

Zu den neuesten Bahnfreuden gehört u.a. das so genannte „Bahnpilgern“, eine Art elektrifiziertes Wallfahren zu Gnadenstätten wie Altötting oder Kloster Andechs. Leider jedoch kann es dabei mitunter geschehen, dass die spirituelle Reise auf Grund eines marginalen Computerabsturzes irgendwo im Freistaat zum Stillstand kommt und man sich plötzlich auf einem Bahnhof am Rande der Zivilisation wiederfindet. Das Gefährlichste, was man in dieser Situation machen kann, ist, sich arglos niederzulassen und seine Augen unbekümmert über den Ort schweifen zu lassen. Es könnte nämlich sein, dass man sich beispielsweise gerade, wie‘s der Teufel will, am Bahnhof von Gersthofen befindet. Das an der Bahnstrecke Augsburg - Donauwörth gelegene, 1844 erbaute Kleinod wurde jüngst zum „gammeligsten Bahnhof in Bayern“ gewählt.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo ...

Rissige Fassaden, kaputte Fenster, vermüllte Gleise, keine Menschen: Die Trostlosigkeit dieses Bahnhofs ist atemberaubend und je länger man sich dort aufhält und sie inhaliert, desto gnadenloser nimmt einen Düsternis und Traurigkeit, Mutlosigkeit und schwarze Galle gefangen. Ein tröstendes Gespräch mit dem Fahrkartenautomaten ist leider nicht möglich. Dafür kann man immerhin laut fluchen oder singen: Niemand hört einen. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo, aber selbst der wäre besser, als noch eine Minute länger hier zu verweilen und hilflos in den Abgrund des Nichts zu blicken. Aber der Zug, er kommt nicht ...

Die ideale Örtlichkeit der Melancholie

Doch nicht um die Denunziation bestimmter Gebäude geht es Thomas Kernert, sondern um die ideale Örtlichkeit der Melancholie in Bayern. Und die ist und bleibt der Bahnhof.


3