Bayern 2 - Land und Leute


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Temperamente weiß-blau 3) Der Münchner Kessel

In Bayern scheint oft die Sonne. Choleriker, so heißt es, mögen Sonne. Kein Wunder, dass der Süden Deutschlands schon ganz wunderbare Choleriker hervorbrachte. Vor allem in Führungspositionen. Ihre Affinität zur Hitze bedingt eine Vorliebe für Fleisch, der konzentriertesten Form von Eiweiß. Hähnchen, Schwein, Ochse - der Bayer beißt, wie folgende Geschichte zeigt, gerne herzhaft zu: Sie heißt: „Der Münchner Kessel“. Kesselfleisch sowie Blut- und Leberwürste sind zwar keine in ihm, dem „Münchner Kessel“ enthalten, dafür aber - Demonstranten. Und eine Schlachtschüssel ist er auch.

Von: Thomas Kernert

Stand: 03.06.2012 | Archiv

Großdemonstration 1992 in der Münchner Innenstadt | Bild: picture-alliance/dpa

Beim "Münchner Kessel" handelt es sich um keine Variante der Schlachtschüssel oder des Wurstsalates, sondern um eine Maßnahme zur Belebung der Münchner Innenstadt. In Bayern wurde sie erstmals 1992, also vor exakt 20 Jahren, durchgeführt. Damals versammelten sich etwa 500 zum Teil gewaltbereite Choleriker auf dem Münchner Max-Joseph-Platz, um mit Trillerpfeifen und anderen gefährlichen Lärmgegenständen gegen den Weltwirtschaftsgipfel zu protestieren.

Alles verlief sehr harmonisch und rechtsstaatlich ...

Eskalation der Gewalt beim "Münchner Kessel" 1992

Um Gipfel, Ruhe und Ordnung zu schützen, wurden besagte Wutmenschen von Einsatzkräften der Polizei sogleich umzingelt, über mehrere Stunden hinweg eingekesselt und zu guter Letzt in Gewahrsam genommen. Alles verlief sehr harmonisch und rechtsstaatlich, auch wenn sich einige der Choleriker bei den polizeilichen Deeskalationsmaßnahmen nach Angaben des damaligen Polizeipräsidenten "theatralisch" zu Boden fallen ließen.

Strahlender Sonnenschein beim 18. Weltwirtschaftsgipfel in München

Polit-Prominenz beim Weltwirtschaftsgipfel 1992

München, 6. Juli 1992, circa 10 Uhr 30: Wie Goldmohn sitzt der Sommer auf der Stadt, umsummt und umbrummt von Bienchen, die sich bei genauerem Hinsehen als grünweiße Polizeihelikopter entlarven. Es ist ein Montag, aber die Stimmung in der Innenstadt ist sonn- bzw. feiertäglich. Zumindest auf dem Max-Joseph-Platz vor der Residenz. Seitlich, zu Füßen der mächtigen korinthischen Säulen des Nationaltheaters ist lächelndes bayerisches Volk in Stellung gebracht worden, ausgestattet mit allem, was der Freistaatbewohner so braucht: Lederhose, Dirndl, Trachtenhut mit Gamsbart, Kuhglocke, Blasmusik-instrument. Vor dem Eingang zur Residenz scharren bereits die Lakaien mit den Hufen. Die Bodyguards haben ihre Sonnenbrillen in Gefechtsstellung gebracht. Keine Frage: Hier steht Großes an.

Und dann kommen sie auch schon, die dunklen Limousinen, randvoll gefüllt mit den Staatsoberhäuptern der sieben angeblich wichtigsten Nationen der Welt: Francois Mitterand, John Major, Brian Mulroney, Kiichi Miyazawa, Giuliano Amato sowie natürlich der Präsident der Vereinigten Staaten George Bush Senior und der offizielle Gastgeber des Spektakels, der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl.

Auf dem Festtagsprogramm steht der offizielle Auftakt des so genannten „Weltwirtschaftsgipfels“, eines unerhört wichtigen Ereignisses, das München für ein paar Tage zum absoluten Mittelpunkt des Universums macht. „Die Welt schaut auf München“, hatte Bayerns damaliger Ministerpräsident Max Streibl einige Tage zuvor seinen Bürgerinnen und Bürgern eingebläut: „Zeigen wir uns von unserer besten Seite!“

Und jetzt sind sie da, dunkle Anzüge entsteigen den BMWs, es wird gewinkt, gelächelt, der Präsident der Vereinigten Staaten tätschelt einen bayerischen Jungtrachtler, die Blasmusik setzt ein - doch das, was ist das? Pfiffe? Ja, Pfiffe! Trillerpfeifen, 100, 200? Dazu Sprechchöre: „WWG, internationale Völkermordzentrale!“ Das Ganze kommt von jenseits des Platzes, dort wo die Haupttribüne fürs Fußvolk aufgebaut wurde. Sieht so Münchens beste Seite aus?

Nein! entscheidet die Polizei blitzschnell und tritt diesem unerwarteten kollektiven Wutanfall mit Entschiedenheit entgegen.

Wut und Zorn können in Bayern nicht geduldet werden

Max Streibl

Zu Varianten des Münchner Kessels kam es in den Folgejahren - wie Thomas Kernert beobachtete - vor allem bei cholerischen Zusammenrottungen gegen die jährlich stattfindende Münchner Sicherheitskonferenz. Presse und Verwaltungsgerichte standen und stehen dem "Münchner Kessel" meist skeptisch gegenüber. Andererseits muss bedacht werden, dass Wut und Zorn im christlich-abendländischen Verständnis zu den "Sieben Hauptlastern" bzw. "Wurzelsünden" zählen und insofern in Bayern nicht geduldet werden können. Oder wie Max Streibl es 1992 klassisch formulierte: "Meine Damen und Herren, jeder muss wissen, wenn er nach Bayern kommt, dass er es mit Bayern zu tun hat!"


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