Bayern 2 - Land und Leute


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Temperamente weiß-blau 2) Die Lounge

Bayern ist ein Land mit vielen Sitzgelegenheiten. Da gibt es einsame Parkbänke in blühenden Gärten, mondäne Korbsessel in schicker Citylage, wacklige Klappstühle auf steiler Bergeshöh‘, verschwiegene Eckbänke in wohlig warmen Hinterzimmern, knarzende Kirchenbänke unter jubilierenden Gewölben. Für Phlegmatiker wie geschaffen! Hier kann er sein Temperament voll einbringen, seine Persönlichkeit voll ausleben. Hier kann er sitzen und schauen, sitzen und grübeln, sitzen und - einschlafen ...

Von: Thomas Kernert

Stand: 28.05.2012 | Archiv

Lounge | Bild: picture-alliance/dpa

Auch wenn das moderne Bayern ein wirtschaftlich hochdynamisches Land ist, bleibt die "Ruhe" ein Wert an sich. Dem Phlegmatiker weist man deshalb nicht die Tür. Die beliebteste Erscheinungsform der phlegmatischen Ruhe ist die Gemütlichkeit. Gerade in permanenten Krisenzeiten (Umweltkrise, Wirtschaftskrise, Finanzkrise) bildet die Gemütlichkeit, wenn auch kaum reflektiert, einen integralen Bestandteil der habitualisierten Alltagskultur. Ohne Gemütlichkeit wäre Bayern in der hysteriegeladenen, postmodernen Welt nicht vorstellbar.

Eine Hängematte im Chaos: Die Lounge

Filmfest Lounge

Leider - so Thomas Kernert - verlor die Gemütlichkeit ab den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts insofern an Ansehen, als sie permanent als "spießig" oder "provinziell" denunziert wurde. Dies hatte zur Folge, dass man lange Zeit peinlichst darauf achtete, sowohl Innen- als auch Außenräume so hässlich wie nur möglich zu gestalten. Interessanterweise jedoch erzeugte diese Strategie nicht helle Begeisterung, sondern Sehnsucht: Sehnsucht nach Gemütlichkeit. Mittlerweile weiß man, dass Gemütlichkeit ein emotionales Grundbedürfnis des Menschen ist, weshalb man einen postmodernen Hort der Gemütlichkeit erfand: die Lounge. Sie ist die Hängematte im Chaos, die Oase im Sandsturm, das Sofakissen im Fußballstadion. Lounging gehört im postmodernen Bayern zu den beliebtesten After-Work-Tätigkeiten des Phlegmatikers.

Von der Wartehalle zur Chill-Out-Area

Münchner Flughafen - Atlantic Lounge

"Die 'Lounge' entwickelte sich aus der Wartehalle, einer grässlichen, meist nach kaltem Rauch stinkenden Institution des Eisenbahnzeitalters. In ihr wurden Menschen dazu gezwungen, ihre Zeit auf denkbar ungemütlichste Weise brutal totzuschlagen.

Irgendwann jedoch kamen clevere Flughafendesigner darauf, diesem schrecklichen Zeittotschlagen eine sanfte, häusliche, frühkindliche Note zu verleihen. Viel brauchte es dazu nicht: ein paar tiefe, wickelkommodenartige Sofas, etwas gedämpftes Licht, behaglich kolorierte Wände sowie ein paar Snacks. - Und schon begannen sich die ersten First-und Business-Class-Dynamiker, ohne dass sie wussten wie ihnen geschah, behaglich zu fühlen. Das unfreiwillige aber plötzlich bequeme Warten hatte mehr oder minder versehentlich ihre Vorstellungskräfte aktiviert und sie in eine tiefe Übereinstimmung mit sich und ihrem Unterwegssein versetzt.

Aus diesen Lounges entwickelten sich schnell auch abseits der Flughäfen so genannte chill-out-areas mit chill-out-Musik, chill-out-Cocktails, chill-out-Speisen, chill-out-Klamotten und chill-out-Ritualen. Dabei lungert man in immer frühkindlich anmutender after-work-Haltung in immer tieferen Kanapees und Fauteuils und übt im Gruppentherapieverband etwas ein, das sich auf Neudeutsch „relaxen“ nennt und bei genauerer Betrachtung ziemlich gemütlich aussieht."


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