Bayern 2 - Land und Leute


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Ebersberger Forst Der Widerstand gegen CERN in den 60ern

Thomas Grasberger berichtet vom Widerstand gegen den Teilchenbeschleuniger CERN, der in den 1960er Jahren im Ebersberger Forst gebaut werden sollte. - Der Widerstand im Wald wurde, noch lange vor "Wackersdorf", zum Symbol für bürgerliches Selbst- und bayerisches Heimatbewusstsein.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 13.12.2015 | Archiv

Der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) im Europäischen Kernforschungszentrum Cern bei Genf | Bild: picture-alliance/dpa

"Was ist der Mensch? Nur Gast auf Erden. Er kann nichts mitnehmen, er muss alles zurücklassen. Bewahrt aber der Generation unserer Jugend den Wald und die Perle, die Ebersberg schmückt und ewig schmücken soll."

(Protestveranstaltung im Ebersberger Forst, BFS 1015438)

Bayerns erste Bürgerinitiative gegen ein Großprojekt – lange vor "Wackersdorf", "Donauausbau" und "Startbahn-Protest" - hatte ihre Wurzeln im Ebersberger Forst. Denn dort sollte ursprünglich die Großforschungseinrichtung CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) entstehen, die heute im Kanton Genf in der Schweiz ansässig ist.

Wissenschaftler betrachteten den Ebersberger Forst als idealen Standort

Als in den 1960er Jahren europaweit nach einem geeigneten Standort für solch ein 20 Quadratkilometer großes Versuchsgelände gesucht wurde, stand das oberbayerische Waldgebiet östlich von München ganz oben auf der Wunschliste der Wissenschaftler. Bereits 1962 wurden die Untergrundverhältnisse für den Bau eines 300-Giga-Elektronen-Volt-Protonen-Synchrotrons – wie der Teilchenbeschleuniger in der Fachsprache heißt,  untersucht. 1963 diskutierte man auch im Bundesforschungsministeriums über den möglichen Standort Ebersberg. Und im Jahr darauf schlug dann die Bayerische Staatsregierung den Forst als Cern-Gebiet vor. Zehn- bis 15 000 Menschen sollten dort einmal arbeiten.

Atomare Grundlagenforschung

Die Illustration zeigt den unterirdischen Ring des Teilchenbeschleunigers (dunkelblau) des CERN-Forschungszentrums in der Schweiz

Was passiert in solch einer Versuchsanlage? Mit Hilfe von Magnetfeldern werden Elementarteilchen dermaßen beschleunigt, dass sie fast Lichtgeschwindigkeit erreichen. Dann treffen sie aufeinander. Dadurch werden enorme Energiemengen freigesetzt und es entstehen explosionsartig neue Elementarteilchen. Das Ganze dient der atomaren Grundlagenforschung. Wie ist unser Universum aufgebaut, wie ist es entstanden? Man erhofft sich eine Antwort auf die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis wehrte sich gegen das Bauvorhaben

Ministerpräsident Alfons Goppel (r.), Wilhelm Högner (m.) und Alois Hundhammer (l.), Hofbräuhaus (1963)

Als Anfang Januar 1965 durch eine Radiomeldung die Pläne öffentlich wurden, fegte ein Sturm der Entrüstung über die Region Ebersberg und ganz Bayern hinweg. Bürger, Lokalpolitiker, Naturschützer, Gewerkschafter – alle fanden sich zusammen, und ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis wehrte sich gegen die Pläne des bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel und seines Landwirtschaftsministers Alois Hundhammer. Im Herbst 1965 entstand auch die Schutzgemeinschaft Ebersberger Forst, die sich mit Protestkundgebungen und -briefen gegen das Atomforschungsprojekt stellte. Der Widerstand im Wald wurde zum Symbol für bürgerliches Selbst- und bayerisches Heimatbewusstsein.

Goppel war den aufmüpfigen Ebersbergern persönlich beleidigt

Der politische Sturm klang so schnell ab wie er gekommen war. Und im Ebersberger Forst kehrte wieder Ruhe ein. Obwohl lange Zeit nicht recht klar war, wie die Sache weitergeht. Erst Anfang 1967 klingelte beim Ebersberger Landrat Remigius Streibl das Telefon. Es war der bayerische Ministerpräsident Goppel, der mitteilte, dass Ebersberg  nicht mehr als Standort für den Teilchenbeschleuniger im Gespräch sei. Goppel, so erzählt man sich bis heute, sei den Ebersbergern persönlich beleidigt gewesen. Wegen ihrer Aufmüpfigkeit.

Buchtipp:

Rebellen, Visionäre, Demokraten:
Über Widerständigkeit in Bayern

(Edition Bayern. Menschen Geschichte Kulturraum)

  • Herausgeber: Haus der Bayerischen Geschichte
  • Broschiert: 192 Seiten
  • Verlag: Pustet, F; Auflage: 1 (1. Dezember 2013)
  • ISBN-10: 3791725718
  • ISBN-13: 978-3791725710

„Es zieht sich ein Strang von Rebellion, von Aufsässigkeit durch unsere Geschichte“ befand Carl Amery über seine bayerische Heimat. Diese „Wiederständigkeit“, die den Bayern eignet, bildet das Leitmotiv des vorliegenden Sonderbandes „Rebellen – Visionäre – Demokraten“. Quer durch die bayerische Geschichtslandschaft werden bekannte und unbekanntere Persönlichkeiten seit der Frühen Neuzeit vorgestellt, Auswahlkriterium war dabei die historische Dimension und das wirkmächtige Nachleben der rund 50 porträtierten Frauen und Männer. Aus dem Inhalt: Johannes Turmair – Maximilian von Montgelas – Johann Gottfried Eisenmann – Mathias Kneißl – Kurt Eisner – Pater Rupert Mayer SJ – Wilhelm Hoegner – Franz Josef Strauß – Sepp Daxenberger – Marieluise Fleißer – Rainer Werner Fassbinder u.v.m.


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