Bayern 2 - Land und Leute


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Siegfried von Vegesack Ein früher "Aussteiger" im Bayerwald

Bernhard Setzwein begibt sich auf die Spuren des Schriftstellers Siegfried Vegesack, der 1917 aus dem Baltikum auswanderte und durch Zufall in Regen im Bayerischen Wald hängenblieb. Dort erwarb er eine alte Burg, deren Unterhalt ihn finanziell fast auffraß, und lebte fortan mit Frau und Kind ein spärliches aber autarkes Aussteiger-Leben.

Von: Bernhard Setzwein

Stand: 27.03.2016 | Archiv

Das "Fressende Haus" und Teile des Gläsernen Waldes in Regen-Weißenstein, Bayerischer Wald | Bild: Horst Mahr/imageBROKER/Süddeutsche Zeitung Photo

Im Kriegsjahr 1917 geriet Siegfried von Vegesack, ein Auswanderer aus dem Baltikum, durch Zufall nach Regen im Bayerischen Wald. Er hatte auf seiner Zugreise eine Umsteigestation übersehen. Und weil er schon einmal da war, sah er sich in der Landschaft rund um Regen um. Dabei entdeckte er die verfallene Burg Weißenstein, in die er sich sofort verliebte. Er kaufte das leerstehende Anwesen weit weg von den Metropolen und zog mit seiner schwedischen Frau Clara in den ehemaligen Getreidekasten der Burg. Es begannen jahrelange Renovierungsarbeiten, die die Kraft und die spärlichen Einkünfte des freischaffenden Schriftstellers nahezu auffraßen. "Das fressende Haus" nannte Vegesack denn auch seinen 1932 erschienenen Roman. Er erzählt die Geschichte eines frühen "Aussteigers", der sich ein autarkes Landleben mit eigenem Windrad und Gärtnerei einzurichten verstand. 1966, 48 Jahre nachdem der Dichter den Turm bezogen hatte, konnte er einem Bekannten mitteilen: "Der Turm ist jetzt warm. In allen Stockwerken warmes Wasser."

"Wir aßen Pilze, Beeren, Brennesseln und wurden gesund"

Brombeeren - vitaminreiche Nahrung aus dem Wald

Die Vegesacks, die mit ihrer einjährigen Tochter Isabel in den Turm gezogen waren, kauften als erstes eine Ziege, eine Kuh, ein paar Hühner, Vegesack lernte das Mähen mit der Sense, Clara das Melken mit der Hand. Was man sonst noch brauchte, fand man im Wald und auf der Flur.

Gesund und robust mußten sie aber auch sein, in einem Haus, das alles andere als gemütlich war. Es dauerte Jahre, ja Jahrzehnte, bis man einigermaßen komfortabel darin wohnen konnte. Tochter Isabel war bereits 18 Jahre alt und gerade auf einer Italienreise unterwegs, als ihr Siegfried von Vegesack im November 1935 folgenden Lagebericht aus Weißenstein gab:

"Hier gibt es schließlich auch einiges Schöne zu sehen, was es auf Capri nicht gibt: Dreck, Nebel, Regen. [...] Die Straße ist aufgeweicht, und wenn man ins Haus tritt, klebt der Kot so hoch an den Stiefeln, dass man auf Stelzen zu gehen glaubt. Und das Speisezimmer ist eiskalt und rauchig, und die Rohre werden gekehrt, und der Russ fliegt in schwarzen Wolken durch die Luft, [...] der Tee ist gefroren, man muß die Kruste mit dem Löffel durchschlagen, und das Wasser in der Waschschüssel ist gefroren, und die Zahnbürste hat Raureif, und die Handtücher sind wie aus Blech, und von der Decke rieselt der Kalk, manchmal fliegen einem auch angefaulte Asseln und klebrige Herbstfliegen auf den Kopf, auch Spinnen, und es zieht durch das ganze Haus, weil die Türen nicht zugehen oder kaputt sind, und auch die Fensterscheiben sind kaputt, und die Fensterstöcke angefault, und der Fußboden bricht überall ein, man bleibt mit dem Fuß zwischen den Brettern stecken, und das Treppengeländer wackelt, und wenn man im Dunkeln hinaufgeht, knallt man mit dem Knie gegen den Treppenabsatz, und wenn man anknipst, brennt das Licht nicht, weil es ausgeschaltet ist, und wenn es eingeschaltet ist, geht die Sicherung durch, und wenn die Sicherung durch ist, dann wird so lange herumprobiert, bis es Kurzschluss gibt und überhaupt keine Lampe brennt, und dann sitzt man im Dunkeln."

(Siegfried von Vegesack aus 'Briefe Siegfried von Vegesack 1914-1971', Morsak Verlag, 1988)

Vegesack wollte Strom mittels eines Windrades produzieren

Daß es im Turm überhaupt elektrisches Licht gab, ist einer Idee Vegesacks zu verdanken, die er während der zwanziger Jahre unter großen Schwierigkeiten verwirklichte, und die uns heute höchst aktuell und modern vorkommt: Er fasste nämlich den Plan, sich mittels eines Windrades seinen Strom selbst zu produzieren. Für die Waldler in Weißenstein muß dieses Vorhaben der endgültige Beweis gewesen sein, daß sie es tatsächlich, wie sie schon lange vermuteten, mit einem durch und durch "g'spinner­ten Baron" zu tun hatten.

Das "fressende Haus" wurde zum offenen Gästehaus

Totenbrett von Siegfried von Vegesack, angebracht am Baum über seinem Grab

Bernhard Setzwein porträtiert den monokeltragenden lndividualisten und Einzelgänger Vegesack, der von sich sagte, er stehe außerhalb des literarischen Lebens der jungen Bundesrepublik. Doch mitten im Bayerischen Wald, skeptisch beobachtet von der Dorfbevölkerung, baute er so etwas auf wie eine kleine Künstlerkolonie. Denn das "fressende Haus" entwickelte sich nach und nach zum offenen Gästehaus, in dem sich Künstlerfreunde wie Alfred Kubin, Reinhold Koeppel oder Werner Bergengruen einfanden. Vegesack holte die weite Welt in sein Zuhause.

Am 26. Januar 1974 ist der Dichter gestorben. Auf eigenen Wunsch wurde er mit seinen Hunden in einem Waldstück in der Nähe des "fressenden Hauses" beerdigt. An dieser Stelle befindet sich noch heute sein Grab und ein Totenbrett, das er sich zu Lebzeiten hatte machen lassen.

Buchtipps:

Das fressende Haus

  • Autor: Siegfried von Vegesack
  • Gebundene Ausgabe: 334 Seiten
  • Verlag: Morsak; Auflage: 4 (1. Juni 2005)
  • ISBN-10: 3865120091
  • ISBN-13: 978-3865120090


Die Baltische Tragödie; Eine Romantrilogie

  • Autor: Siegfried von Vegesack
  • Gebundene Ausgabe: 520 Seiten
  • Verlag: V. F. Sammler; Auflage: 1 (1. September 2004)
  • ISBN-10: 3853652077
  • ISBN-13: 978-3853652077


Briefe Siegfried von Vegesack 1914-1971

  • Autor: Siegfried von Vegesack
  • Herausgeberin: Marianne Hagengruber
  • Gebundene Ausgabe: 581 Seiten
  • Verlag: Morsak; Auflage: 1 (1. Januar 1988)
  • ISBN-10: 3875532821
  • ISBN-13: 978-3875532821

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