Bayern 2 - Land und Leute


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"Wür fressen guett ..." Sebastian von Pemler und der Landadel um 1750

Drei Zeitalter durchlaufe die Aristokratie - so François-René de Chateaubriand: das Zeitalter wirklicher Überlegenheit, das der Privilegien und das der Eitelkeiten. Der bayerische Landadelige Sebastian von Pemler lebte im Zeitalter der Privilegien - natürlich auf Kosten anderer. Ulrich Zwack hat Pemlers Tagebücher gelesen und plädiert für eine klassenlos-demokratische Gesellschaft.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 26.05.2016 | Archiv

Der Bayer gibt gerne den Barockmenschen. In Anbetracht seines zuweilen stattlichen Bierbauchs sicher nicht ganz zu unrecht. Jenseits der gerundeten Leibesmitte sind die Daseinskonstanten freilich nie sonderlich üppig gewesen. Jahrhundertelang konnte er lediglich hoffen, dass sich keine Missernte einstellte, dass sich die allgemeine Teuerung halbwegs in Grenzen hielt, einfallende Ungarn-, Schweden- oder Österreicherhorden den eigenen Hof verschonten und sich weder an Mitmenschen vergriffen noch am lieben Vieh. Barocke Lebensfreude kam unter diesen Umständen höchstens beim Kirchweihtanz auf oder anlässlich einer zünftigen Wirtshausschlägerei.

Das pralle Leben des bayerischen Landadels

Fürstlich gedeckte, barocke Tafel

Der Adel lebte schon eher in Saus und Braus. Weil aber die bayerischen Landadligen lieber schreiben ließen, als selber zur Feder zu greifen, sind Selbstzeugnisse vom munteren Lebenswandel der Blaublütigen sehr selten. Zu den wenigen Ausnahmen gehören die Mitte des 18. Jahrhunderts verfassten Tagebücher des Freiherrn Sebastian von Pemler. Obschon Zeuge des Zeitalters der Vernunft und der Aufklärung, erlaubte er sich, das pralle Leben des bayerischen Landadels mit gleichsam kindlicher Unvoreingenommenheit zu schildern: Man spielte Karten- und Würfelspiele mit so seltsamen Namen wie "Gugu-Pamperln" oder "Schnig-Schnag-Schnur", lud Seinesgleichen zu Jagd und Vogelfang, machte Gegenbesuche, las Zeitung, frönte der Malerei, begab sich hin und wieder auf Wallfahrt. Und wenn es besonders hart kam, musste man sich auch schon einmal einem Aderlass unterziehen oder dem Dauerärger mit Domestiken stellen. - Seinesgleichen strebte auch damals schon nach einer Karriere im Staatsdienst. Der Rang eines kurfürstlich-bayerischen Kammerherren zum Beispiel war ein Posten, für den man sich mit allen Mitteln ins Zeug zu legen bereit war.

Es war ein ziemlich beschauliches, nicht sehr anstrengendes Dasein

Jagdgesellschaft, Kupferstich von Maler-Chronist Johann Elias Ridinger (1698-1767)

Die Zeit verstrich im langsamen Rhythmus der wechselnden Jahres- und Kirchenjahrzeiten. Auf Weihnachten und Neujahr folgten der Fasching, die Fastenzeit, Ostern und Pfingsten. An Kirchweih sah man den Untertanen leutselig beim Tanzen zu - ohne selbst daran teilzunehmen. Zweimal jährlich unterzog man sich und die Pferde einem prophylaktischen Aderlass. Fürs Seelenheil besuchte man manchmal gleich drei Messen hintereinander. Wenn besonders treue Bedienstete Hochzeit hielten, steckte man ihnen ein paar Gulden zu. Spendete für die Armen. Man aß gut und oft und mehr Fleisch in einer Woche als die meisten Untertanen im ganzen Jahr; gab Unsummen für eine standesgemäß repräsentative Lebensführung aus. Für silberne Tabaksdosen, für Schmuckstücke, Kleidung und Schuhwerk. Für Pferde, Kutschen und Schlitten. Für die Anlage eines großen Barockgartens nach französische Muster. Man musizierte, malte, plauderte, dichtete; man ging -, ritt - oder fuhr häufig spazieren und Besuche machen.

Es war ein ziemlich beschauliches, nicht sehr anstrengendes Dasein. Trotzdem starb Freiherr Sebastian von Pemler schon mit nur 54 Jahren an einer schweren, nicht näher bekannten Krankheit. Man schrieb den 17. August 1772. Die erst 37 Jahre alte Witwe ließ ihn standesgemäß in der Hurlacher Pfarrkirche beisetzen und heiratete bereits elf Monate später seinen Vetter Franz Joseph v. Donnersberg.

Literaturhinweise:

Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte /
Adelige Lebenswelt in Bayern im 18. Jahrhundert:
Die Tage- und Ausgabenbücher des Freiherrn Sebastian von Pemler (1718-1772)
Autorin:
Barbara Klink
Gebundene Ausgabe: 398 Seiten
Verlag: Bayerische Akademie der Wissenschaften; Auflage: 1 (1. Januar 2008)
ISBN-10: 3769668766
ISBN-13: 978-3769668766
(Derzeit nur antiquarisch erhältlich)

Gugu - Pamperln und Schnig Schnag Schnur.
Oder das verspielte Leben des Landadels im 18. Jahrhundert.
Aus den Tagebüchern des Sebastian Joseph Frhr. von Pemler
von Hurlach 1718-1772
Autor:
Walter Drexl
Gebundene Ausgabe
Verlag: Landsberg: Neumeyer (1987)
ISBN-10: 3920216474
ISBN-13: 978-3920216478
(Derzeit nur antiquarisch erhältlich)


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