Bayern 2 - Land und Leute


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Sebastian Lotzer 1525: Geburtsstunde der Menschenrechte

Markus Metz und Georg Seeßlen haben das Manifest des Memminger Kürschnermeisters und Feldschreibers Sebastian Lotzer als frühes Dokument der Demokratie- und Menschenrechtsbewegung gelesen.

Von: Markus Metz und Georg Seeßlen

Stand: 04.06.2015 | Archiv

Wandmalerei am Haus der Kraemerzunft Memmingen - zeigt Christoph Schappeler, Sebastian Lotzer und Bauern | Bild: Franz Liesch

Sebastian Lotzer ist ein Handwerker-Schriftsteller, der - durchdrungen vom Geist der Reformation und angerührt vom Elend und von der Unfreiheit der Bauern - den Aufständischen zu einer Stimme und zum ersten großen Text der Menschen- und Bürgerrechte verhilft. Sebastian Lotzer ist Laienprediger, Verfasser von volkstümlichen Anleitungen zum Studium der Bibel für freie Christenmenschen, Aufrührer im Blick der weltlichen und geistlichen Obrigkeit, Unterhändler und politischer Anwalt für die Sache der Bauern und der Bürger.

Republikanisches Gemeinwesen mit freien und gleichen Bürgern

Zwölf Artikel der Bauern, Flugschrift von 1525

Als sich im frühen 16. Jahrhundert in Süddeutschland die geschundenen Bauern gegen ihre Unterdrücker erheben, erscheint in Memmingen die Flugschrift „Die grundtlichen und rechten haupt artickel aller baurschafft und hyndersessen der gaistlichen und weltlichen oberkayten von woelchen sy sich beschwert vermainen“. Im März 1525 beschließen Delegierte des Allgäuer Haufens, des Baltringer Haufens und des Bodenseehaufens, diese sogenannten „Zwölf Artikel“ als Manifest der Bauernbewegung anzunehmen. Die „Zwölf Artikel“ stammen aus der Feder des Memminger Kürschnermeisters und Feldschreibers Sebastian Lotzer aus dem Baltringer Haufen. Der fasst in den Artikeln nicht nur die Forderungen der Bauern nach Freiheit und Abschaffung von Leibeigenschaft und Willkür zusammen, sondern formuliert eine politische Vision von einem republikanischen Gemeinwesen, in dem die Macht vom Volk aus freien und gleichen Bürgern ausgeht.

Die zwölf Artikel gelten als eines der ersten politischen Manifeste

Das Sebastian Lotzer Haus und Denkmal in Horb am Neckar

Sebastian Lotzer ist kein Held der deutschen Geschichte geworden. Er hat seinen Platz in der Geschichte der Handwerker-Schriftsteller der Reformationszeit, seine zwölf Artikel gelten als eines der ersten Dokumente in der Geschichte der politischen Manifeste. In Memmingen gibt es eine Sebastian Lotzer-Schule, seine Geburtstadt Horb hat ihm, nach einigen Querelen, ein Denkmal gewidmet. In der Geschichte der Menschen- und Bürgerrechte finden die zwölf Memminger Artikel zunehmend den Platz, der ihnen gebührt. - Aber Sebastian Lotzer ist auch ein Kind seiner Zeit. Seine religiöse Überzeugung, das Verständnis der Bibellektüre und die Predigten der Reformatoren definieren die Grenzen seiner Welt. In die passt auch ein unangenehmer anti-jüdischer Eifer: seiner Meinung nach galt es mit der Kenntnis der Heiligen Schrift gewappnet nicht nur der Willkür der Priester, der Bischöfe und der Päpste, nicht nur dem Aberglauben und dem Heidentum gegenüber zu treten, sondern auch den Juden.

Ein Fixpunkt für Revolutionen, Reformen, Veränderungen

An eine Freiheit des Individuums jenseits des christlichen Bekehrungseifers ist 1525 noch nicht zu denken. Aber ein Anfang ist gemacht, ein Fixpunkt für Revolutionen, Reformen, Veränderungen. Einige der Forderungen der zwölf Memminger Artikel sind uns selbstverständliche politische Wirklichkeit geworden. Um einige muss immer noch gerungen werden im alltäglichen Kampf zwischen den Mächtigen und den Beherrschten, auch wenn beide Seiten sehr viele andere Möglichkeiten und Medien verwenden als im Jahr 1525. Und einige klingen heute fast utopischer als vor 500 Jahren.


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