Bayern 2 - Land und Leute


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Schlaraffenland Die Geschichte der "Schweizer Kinder"

Hiltrud Häntzschel erzählt die Geschichte der sogenannten "Schweizer Kinder": Es waren arme deutsche Kinder, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Reise über den Bodensee ins "Schoggi-Land" eingeladen wurden. Die Autorin hat das "Wunder" dieser Reise selbst erlebt.

Von: Hiltrud Häntzschel

Stand: 29.05.2014 | Archiv

Gruppe deutscher Kinder, aufgenommen 1945 | Bild: picture-alliance/dpa

Am 29. April 1945 war das tausendjährige Reich auch am Bodensee zu Ende. Die französischen Besatzer rückten ein, selbst mangelernährt und voll verständlichem Groll gegen die Deutschen, hatten sie ihnen doch diesen Krieg aufgezwungen, ihr Land vier Jahre lang besetzt und ausgeplündert. In keiner Besatzungszone des besiegten Deutschen Reiches war die Versorgung der Bevölkerung so sehr auf Hungerrationen gedrosselt wie in der französischen: maximal 900 Kalorien pro Tag, die freilich selten erreicht wurden, 1330 Kalorien gab es dagegen in der amerikanischen Zone, in der russischen 1083, in der englischen 1050. Der tägliche Bedarf für einen Erwachsenen lag zwischen 1700 und 2200. Es fehlte vor allem an Milch, an Fett, an Mehl, an Zucker. Die oberschwäbischen Erzeugnisse wurden abtransportiert nach Frankreich, dort hungerte die eigene Bevölkerung.

Am 30. April rückten auch ins bayerische Lindau die Franzo­sen ein. Und dabei blieb es, obwohl bei der Regulierung der Zonengrenzen durch die Siegermächte das gesamte Bayern bis eben auf den Zipfel am östlichen Bodensee unter ameri­kanische Besatzung fiel.

Pestalozzi-Schule Friedrichshafen, den 9. Oktober 1946 - Brief an den Bürgermeister Mausch - Betrifft: Schuhnot

Die kalten Herbsttage haben bereits einen merklichen Ausfall im Schulbesuch zur Folge. Täglich melden Eltern, daß sie ihre Kinder mangels rechten Schuhwerks zu Haue behalten müs­sen. Viele Schüler kommen jetzt noch barfuß in die Schule. Auffallend ist, daß die Kinder während des Unterrichts sehr häufig austreten müssen, ein sicheres Zeichen einer Erkäl­tung.

Vor ein paar Wochen wurde durch die Lehrer festgestellt, daß mehr als 300 Schüler weder ganze Leder- noch Holzschuhe besitzen. Da auch noch kein Heizmaterial vorhanden ist, sit­zen die Schüler in ungeheizten Lokalen, in denen zu allem hin kein einziger ganzer Fensterflügel vorhanden ist. ... Es kann nicht lange dauern, muß der Unterricht eingestellt werden, da die Kinder wegen der fehlenden Fußbekleidung der Schule fernbleiben müssen.
Der Schulleiter
Heiß

Für einen Tag konnten die Kinder dem Elend entfliehen

Mädchen auf ihrer Reise in die Schweiz (ca. 1945)

Von 1946 bis 1948 luden Hilfsorganisationen, besonders die Kirchen, deutsche Kinder aus den Bodenseegemeinden für einen Tag über den See in die Schweiz ein, ins Märchenland. Jedes der Tausenden von Kindern wurde von einer Gastfamilie betreut. Mit Holzsandalen hinüber, mit Lederstiefeln, neu eingekleidet, sattgegessen, mit Pappschachteln voller Lebensmittel und lebensprägenden Eindrücken zurück. Für viele Kinder, ausgebombte, heimatlose, vaterlose, war es der erste Ausflug ihres Lebens, die erste Begegnung mit Bananen und Schokolade, die erste Reise in ein unzerstörtes Land. Lebenslange Bindungen  erwuchsen aus der Dankbarkeit für diesen Tag, jahrzehntelange Korrespondenz von den ersten überschwänglichen Dankesbriefen an hielt den Kontakt zur Schweizer Gastfamilie aufrecht.

Hiltrud Häntzschel, die eines dieser glücklichen "Schweizer Kinder" war, erzählt vom "Wunder" dieser Reise und vom Umgang mit der Erinnerung daran.


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