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Sybille Schmitz Geheimnisvollstes Gesicht des deutschen Films

1981 drehte Rainer Werner Fassbinder in München seinen Film "Die Sehnsucht der Veronika Voss" - inspiriert vom Schicksal des einstigen Ufa-Stars Sybille Schmitz. Wer war diese Frau, die ihre letzten Lebensjahre in München verbrachte und dort 1955 unter tragischen Umständen starb?

Von: Friedemann Beyer

Stand: 08.05.2016 | Archiv

Für Sybille Schmitz (1909-1955), die in den 1930er Jahren als "geheimnisvollstes Gesicht des deutschen Films" galt, wurde München zur Schicksalsstadt: Hier feierte die aus dem Rheinland stammende Schauspielerin an den Kammerspielen ihre größten Bühnenerfolge. Hier drehte sie 1947 im zerstörten Regina-Palast Hotel "Zwischen gestern und morgen", einen der ersten deutschen Nachkriegsfilme. Hier ereilten sie in den 1950er Jahren ihre größten Niederlagen: Alkoholismus, Drogensucht und Selbstmordversuche aufgrund mangelnder beruflicher Perspektiven. Als der einstige Ufa-Star im Frühjahr 1955 freiwillig aus dem Leben schied, verlor der deutsche Film eine herausragende Charakterdarstellerin - und eines seiner einprägsamsten Gesichter. Das Verfahren gegen Sybille Schmitz‘ Ärztin, die jahrelang von ihrer Tablettensucht profitiert hatte, geriet zum Sensationsprozess.

"Zwischen gestern und morgen"

Sybille Schmitz und Willy Birgel in "Zwischen gestern und morgen"

München, im Frühjahr 1947. Die Wochenschau berichtet vom Wiederaufblühen der Filmindustrie in der Stadt. "Zwischen gestern und morgen" entsteht unter der Regie von Harald Braun mit früheren Ufa-Stars wie Willy Birgel und Viktor de Kowa sowie der jungen Hildegard Knef. Ebenfalls dabei: Die Schauspielerin Sybille Schmitz.

Es ist seit Kriegsende der erste Filmauftritt für Sybille Schmitz, die zu den profiliertesten deutschen Charakterdarstellerinnen zählt. Eine grazile, elegante Frau mit melancholischen Augen. Im Kino der 30er Jahre verkörperte sie unabhängige, abgründige Frauenfiguren, auch Außenseiterinnen. Eine Frau, die eine Aura von Verlorenheit und Fremdheit umgibt.

Die geheimnisvolle Sybille Schmitz

"Die Sehnsucht der Veronika Voss"

Rainer Werner Fassbinder und Rosel Zech bei den Dreharbeiten zu "Die Sehnsucht der Veronika Voss"

Welche Filme und Theaterstücke entstanden mit Sybille Schmitz in München? Wo lagen die beruflichen und privaten Schauplätze dieser außergewöhnlichen Frau, die Rainer Werner Fassbinder zu seinem Film "Die Sehnsucht der Veronika Voss" inspirierte?  Was waren die Gründe ihres tragischen Scheiterns?

"Ich habe so versucht, wieder Anschluss zu finden ..."

Sybille Schmitz‘ Tod entfachte einen Sturm im deutschen Blätterwald. Alle deutschen Tageszeitungen berichteten vom Selbstmord der prominenten Schauspielerin und ließen ihr plötzlich ein Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit zuteil werden, das ihr lange versagt gewesen war. Die Presse gab der deutschen Filmbranche eine Mitschuld am Tod des einstigen Ufa-Stars. "Sybille Schmitz scheiterte an der Backfischsucht des deutschen Films", beklagte die Münchner "Abendzeitung". Das entsprach dem Tenor der Abschiedsbriefe von Sybille Schmitz, in denen der Kernsatz lautete:

"Ich habe so versucht, wieder Anschluss zu finden, aber man kann mich nicht mehr brauchen".

Spekulationen um ihren Selbstmord

Sybille Schmitz' Grabstein auf dem Münchner Ostfriedhof

Mehr als tausend Menschen, darunter Kollegen wie Olga Tschechowa, Winnie Markus oder Erich Pommer, drängten sich wenige Tage nach dem Tod von Sybille Schmitz auf ihrer Trauerfeier. Sie fand in der großen Aussegnungshalle des Ostfriedhofs statt, auf dem sich auch heute noch die Grabstelle von Sybille Schmitz befindet.

Dass Sybille Schmitz schwer suchtkrank war und auch an sich selbst scheiterte, wussten nur wenige oder verdrängten es. - Erst in den folgenden Wochen sickerten in der Presse Sybilles Alkohol- und Drogenprobleme durch, wucherten Spekulationen um ihren Selbstmord.

Buchtipp:

Schöner als der Tod
Das Leben der Sybille Schmitz

Autor:
Friedemann Beyer
Broschiert: 208 Seiten
Verlag: belleville, 2. verbesserte Auflage, München 1998
ISBN: 3-923646-72-0
ISBN-13: 978-3923646722

Zum Autor:

Friedemann Beyer verbrachte seine Schulzeit in Wuppertal, München und Los Angeles. Von 1977 bis 1983 studierte er Germanistik, Geschichte und Soziologie in München. Daneben realisierte er eigene filmische Arbeiten. Zwischen 1984 und 1988 war er freischaffender Journalist mit dem Schwerpunkt Film- und Literaturkritik. Von 1989 bis 1991 arbeitete er als Redakteur beim Bayerischen Fernsehen und anschließend bis 1998 bei RTL-Television in Köln. Dort war er zunächst in der Filmredaktion tätig und später Leitender Redakteur für eigenproduzierte TV-Filme und Mehrteiler.

1999 wechselte er zu Columbia-TriStar Pictures in Köln, wo er als Chef des Drama Departments für die Entwicklung von Serien und Mehrteilern verantwortlich war. Im Sommer 2001 wurde er geschäftsführender Vorstand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden, die er bis August 2007, zuletzt als Vorstandsvorsitzender leitete. Seit 2008 arbeitet er als selbständiger Autor und Publizist.

Daneben kuratiert er u.a. für das Berliner Babylon Filmfestivals und Retrospektiven wie “Berlin.Babylon.Das StummfilmOrgelfestival“, „Stummfilm um Mitternacht“, Be Billy Wilder, Hitchcock, Chaplin Complete, Bud Spencer, Lars von Trier, Nouvelle Vague - Jean-Pierre Léaud, Clockwork Kubrick sowie die UFA-Filmnächte. - Seit 2012 leitet er beim Filmfest Hamburg die Sektion “16:9 – Fernsehen im Kino“.

Sybille Schmitz - Filmografie

Stummfilme

  • 1928: Freie Fahrt
  • 1928: Polizeibericht Überfall
  • 1929: Tagebuch einer Verlorenen


Tonfilme

  • 1932: Vampyr – Der Traum des Allan Grey
  • 1932: F.P.1 antwortet nicht
  • 1933: Rivalen der Luft
  • 1934: Der Herr der Welt
  • 1934: Abschiedswalzer
  • 1934: Oberwachtmeister Schwenke
  • 1935: Punks kommt aus Amerika
  • 1935: Ein idealer Gatte
  • 1935: Stradivari
  • 1935: Wenn die Musik nicht wär / Das Lied der Liebe
  • 1935: Ich war Jack Mortimer
  • 1935: Fährmann Maria
  • 1936: Die Leuchter des Kaisers
  • 1936: Die Unbekannte
  • 1937: Die Kronzeugin
  • 1937: Signal in der Nacht
  • 1937: Die Umwege des schönen Karl
  • 1938: Tanz auf dem Vulkan
  • 1939: Hotel Sacher
  • 1939: Die Frau ohne Vergangenheit
  • 1940: Trenck, der Pandur
  • 1941: Clarissa
  • 1942: Vom Schicksal verweht
  • 1943: Titanic
  • 1943: Die Hochstaplerin
  • 1944: Das Leben ruft
  • 1947: Zwischen gestern und morgen
  • 1949: Die letzte Nacht
  • 1950: Die Lüge
  • 1950: Sensation im Savoy
  • 1950: Kronjuwelen
  • 1952: Illusion in Moll
  • 1953: Das Haus an der Küste

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