Bayern 2 - Land und Leute


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Gustav Schickedanz Der Patriarch des Versandhandels

Am 26. Oktober 1927 gründete Gustav Schickedanz das Versandunternehmen "Quelle Schickedanz KG" in Fürth - zunächst nur für den Versand von Bekleidung. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er "Quelle" zusammen mit seiner Frau Grete zum größten Versandunternehmen Europas aus. Judith Dauwalter erinnert anlässlich seines 40. Todestages am 27. März, an eine große Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts.

Von: Judith Dauwalter

Stand: 26.03.2017 | Archiv

Matthias Murko, Leiter des Nürnberger Museums für Industriekultur:

Matthias Murko vor einem Regal voller Fotoapparate der Quelle-Eigenmarke Revue

"Der Gustav Schickedanz war, meine ich, ein typischer Franke, der von der Pike auf das Handwerk  des Händlers gelernt hat. Er hat ja in Fürth einen kleinen Gemischtwarenladen gehabt. Und hat dann, und das war mit seine Erfindung, den Versandhandel ins Leben gerufen. Er hat also angefangen mit Wollmustern und ganz wenigen Artikeln schon in den 1920er Jahren. Und das Ganze hat sich dann entwickelt bis zu einem Tausendseitigen Quelle-Katalog."

Den Quelle-Katalog bekam beinahe jeder Haushalt in der Bundesrepublik

Einer der ersten Quelle-Kataloge aus den späten 1920er-Jahren - mit von Hand eingefädelten Wollfäden.

Quelle-Gründer Gustav Schickedanz hatte ein unfehlbares Gespür für die Bedürfnisse seiner Kunden: Er hat sich aus bescheidenen Verhältnissen zu einem der erfolgreichsten Unternehmer im Nachkriegsdeutschland hochgearbeitet. Vom Fürther Hinterhofhandel im Gründungsjahr 1927 verwandelte er seine Firma zum zeitweise größten Versandhaus Europas. Seinen Katalog bekam beinahe jeder Haushalt in der Bundesrepublik. Auf knapp tausend Seiten fanden sich Waren aller Art - von der Bettwäsche über Kinderwagen bis hin zu Skiern. Preiswert und per Lieferung vor die Haustür.

Er war ein sozial eingestellter Arbeitgeber

Grete und Gustav Schickedanz bei der Vorführung einer Waschmaschine (1950)

Doch trotz seiner unternehmerischen Erfolge blieb Gustav Schickedanz nahbar, bescheiden und fair. Ehemalige Angestellte erinnern sich an einen höflichen Chef, der ohne Allüren mit seinen Mitarbeitern im Aufzug fuhr. Er war ein sozial eingestellter Arbeitgeber: Der mit 17 Jahren schwangeren und deshalb von der Schule verwiesenen Renate Schmidt - spätere SPD-Familienministerin - gab er zum Beispiel einen Ausbildungsplatz. Und alte Fürther sprechen voller Respekt über die Wohltaten des Kaufhauskönigs, der die Kultur förderte, Patenschaften für Flüchtlingskinder übernahm und verschiedene Einrichtungen stiftete.

"Die 'Quelle' war mein Leben"

Wilhelm Ammon neben dem Foto seines früheren Chefs Gustav Schickedanz

Den Einsatz für die Mitarbeiter rechnen die Ehemaligen dem Ehepaar Schickedanz bis heute hoch an. Renate Schmidt spricht von einer Art Verehrung. Wie weit diese geht, wird bei einem Besuch im Haus des ehemaligen Quelle-Vorstands Wilhelm Ammon deutlich. Neben der Bürotür hängt ein Foto seines früheren Chefs Gustav Schickedanz. Wilhelm Ammon hat ihn im Blick, wenn er an seinem Schreibtisch sitzt. Zwischen dem Ehepaar Schickedanz und seinen Mitarbeitern habe eine besondere Verbindung bestanden, erzählt Ammon:

"Bei ihm und bei seiner Frau hieß es immer: Unsere Mitarbeiter sind unser größtes Kapital. Wir brauchen Leute, die hundertprozentig zum Unternehmen stehen, die hoch motiviert sind. Und jeder, der bei Quelle war, war stolz. Die Quelle war mein Leben, sicherlich. Ich war 35 Jahre dort beschäftigt. Und wir hatten überall wirklich eine gute Stimmung, gute Harmonie."

Zehntausende Menschen erwiesen Gustav Schickedanz die letzte Ehre

Das Grab von Gustav Schickedanz und Familie auf dem Fürther Hauptfriedhof

Kein Wunder, dass Fürth kurzzeitig im Ausnahmezustand war, als Gustav Schickedanz am 27. März 1977 im Alter von 82 Jahren starb - vor 40 Jahren. Zehntausende Menschen nahmen Abschied von einem großen Mitbürger. Die Trauerfeier dauerte Stunden. Viele prominente Gästen erwiesen dem Toten die letzte Ehre.

"Mit Gustav Schickedanz verlor Fürth einen seiner Größten. Der bekannte Konzernchef, dem die Stadt Unschätzbares verdankt. Eine Unternehmerpersönlichkeit, die über den Milliarden-Umsätzen die Bindung an die Vaterstadt nie aus dem Auge verlor. Eine der größten Stifterfiguren der Stadtgeschichte starb unerwartet."

(Fürther Nachrichten, 29. März 1977)

"Bis zuletzt war er erfüllt von der Verantwortung für sein Lebenswerk und für seine Mitarbeiter. In seiner menschlichen Güte und Größe hat er Maßstäbe gesetzt, die über seinen Tod hinaus für uns gültig sind. Die Erinnerung an ihn wird in uns lebendig bleiben. Wir trauern um ihn wie um einen guten Vater."

(Traueranzeige der Quelle-Mitarbeiter)

Er hat deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben

Gustav Schickedanz musste den Niedergang seines Kaufhauses nach der Jahrtausendwende nicht mehr miterleben. Die erfolgreiche Zeit seines Unternehmens ist vorbei. Aber Schickedanz‘ Lebenswerk ist auch 40 Jahre nach seinem Tod noch präsent. Er hat deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben, den Versandhandel wesentlich geprägt und in seiner Heimatstadt Fürth nachhaltige Spuren hinterlassen.

Die Autorin Judith Dauwalter

Judith Dauwalter ist als Reporterin und Moderatorin am liebsten mit dem Mikrofon und vor allem in Mittelfranken unterwegs. Eine waschechte Fürtherin, die ihre Heimat liebt - aber noch mehr die Vielfalt im Berichten: Von der Bartmesse in Nürnberg für Bayern 1 über die neuesten Trends in der bayerischen Literaturszene für PULS bis hin zu ihren Schwerpunktthemen Flüchtlinge und Asylpolitik in der Bundesrepublik, die sie hintergründig für Bayern 2 und B5 aktuell aufarbeitet.


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