Bayern 2 - Land und Leute


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Nur keine Hanswurstiaden Papa Schmids Marionettentheater

Von: Carola Zinner

Stand: 15.12.2013 | Archiv

Papa Schmid mit seiner Tochter vor dem Münchner Marionettentheater am Maffaianger | Bild: S.M./Süddeutsche Zeitung Photo

"Kinder gehören nicht ins Theater!" Ausgerechnet mit diesem Satz beantragte "Papa" Schmid anno 1858 die  "Errichtung eines ständigen Marionetten-Theaters für Kinder" in München. Denn die "Polcinellbuden", die es ansonsten für Kinder auf Dulten und Jahr­märkten gab, waren schlecht; ihre "die Roheit der Jugend beförderlichen Hanswurstiaden" missfielen nicht nur Papa Schmid, sondern auch dem Münchner Magistrat. Papa Schmid wollte nun, wie er versicherte, alles ganz anders machen: Ausschließlich "Schickliches und Sittliches" für die Jugend sollte gespielt werden.

Lediglich Schickliches, Religion und Sittliches ...

Franz Graf von Pocci | Bild: picture-alliance/dpa

Franz Graf von Pocci

Der Kanzleiangestellte Josef Leonhard Schmid bat die Münchner Schulkommission um Bewilligung eines Marionetten-Theaters für Kinder:

"In einem geräumigen und gesunden Lokale werde ich eine kleine Bühne errichten. Die Wahl der vorzuführenden Stücke würde lediglich auf Schickliches, Religion und Sittliches sich beschränken. Das Repertoire hat ein großes Feld der Edelsten und Besten. Nehme ich nur die wunderhübschen Sachen eines Grafen Pocci, so wird dies die Wahrheit meiner Angaben erhärten."

Franz Graf Pocci. Zeremonienmeister des Königs und Hofmusikintendant. Komponist, Maler, Schriftsteller. Wenige Jahre zuvor war sein "Neues Kasperl-Theater" erschienen, ein Buch mit sechs Kasperlkomödien, die Pocci für das Handpuppentheater seiner Familie geschrieben hatte. Der theaterbegeisterte Josef Schmid kannte diese Stücke und wusste um die einflussreichen Beziehungen des Grafen.

Graf Pocci kreierte den berühmten "Kasperl Larifari"

Kasperl vor Münchner Frauentürmen

Dem Antrag wurde stattgegeben, man er­öffnete mit dem romantischen Spektakel "Prinz Rosenroth und Prinzessin Lilienweiß oder die bezauberte Lilie" - und das Puppentheater war von Anfang an ein voller Erfolg. Zu verdanken war der zum Großteil dem "Kasperlgrafen" - Schmids Mitstreiter Graf Pocci, der für das Theater nicht nur zahlreiche Stücke schrieb, sondern auch deren berühmte Hauptfigur kreierte, den "Kasperl Larifari".

Papa Schmids Tochter Babette erbte das Marionettentheater

Bis ans Ende seines Lebens blieb Papa Schmids Theater in München ohne Konkurrenz - unter anderem, weil seine Mitarbeiter sich an das Versprechen hielten, das sie ihm hatten geben müssen, hier nie ein Gegenunternehmen zu gründen. Fernab der Stadt hatte Schmid allerdings nichts gegen Nachahmer einzuwenden, ja, er beriet sie sogar. So entstanden nach Münchner Vorbild Marionettentheater in Tölz, in Sankt Gallen und auch in Salzburg, wo es bis heute einen prominenten Platz einnimmt im kulturellen Leben der Stadt.

Anno 1911, ein Jahr vor seinem Tod, regelte Papa Schmid die Nachfolge für sein Haus. Nachdem die Stadt sein Angebot abgelehnt hatte, das Inventar für 20 000 Mark zu kaufen, setzte er seine Tochter als Erbin ein. Noch über 20 Jahre führte Babette Klinger-Schmid das Theater im Stil ihres Vaters weiter, wenn auch mit geringerem Erfolg. Die Pocci-Stücke zogen nicht mehr, weil das moderne Publikum seine Anspielungen auf Wagner-Opern oder die einstige Prominenz der Stadt nicht mehr verstand. So wurde der Spielplan reduziert auf Märcheninszenierungen, die das Schulreferat bezuschusste.

Nach dem Tod von Babette Klinger-Schmid im Jahr 1930 wurde das Erbe nach langen Streitigkeiten schließlich von der Stadt erworben und über den Krieg gerettet.

Und so sitzt der Schmid´sche Kasperl heute - gut geschützt hinter Glas - im Stadtmuseum: Und niemand erkennt ihn mehr.


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