Bayern 2 - Land und Leute


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Ortrun Scheumann Kaltstart ins Dritte Reich

Anders als ihre Klassenkameraden am Mozartgymnasium hat Ortrun Scheumann ihre Kindheit nicht im Nationalsozialismus verbracht, sondern in Japan. Dorthin war ihr Vater Josef Koerber 1929 mit seiner Familie gezogen, um an den Universitäten zweier Städte Germanistik zu unterrichten. Im Frühjahr 1939 wurde er dann aber nach Deutschland zurückberufen und kam mit seiner Frau und den Töchtern Ingeborg, Ortrun und Ingrid nach Würzburg.

Von: Ulrich Trebbin

Stand: 25.03.2016 | Archiv

Die Würzburger Kriegstagebücher von Ortrun Scheumann | Bild: BR / Ulrich Trebbin

"Wir müssen in der Schule ein Lied singen, in dem die Polen als 'dreistes Lumpenpack' bezeichnet werden. Ich kann die Worte kaum aus meinem Kopf bekommen. Wenn die anderen dieses Wort mit so viel Enthusiasmus und Freude singen, ist es für mich, als stießen sie mir einen Dolch in den Kopf, als wäre ich selbst eine Polin und sie würden diese Worte mir ins Gesicht singen."

(Ortrun Scheumann)

Diese Zeilen schrieb die noch 14jährige Ortrun am 8. Oktober 1939 in Würzburg in ihr Tagebuch. Wenige Wochen zuvor hatte Hitler-Deutschland das Nachbarland Polen überfallen.

Alltag unterm Hakenkreuz

Die Würzburgerin Ortrun Scheumann hat während des Zweiten Weltkrieges Aufsehen erregende Tagebücher geschrieben. In schonungsloser Offenheit schildert die Jugendliche darin den Alltag unterm Hakenkreuz und kritisiert das Regime der Nazis. Möglich war ihr diese geistige Freiheit, weil sie ihre Kindheit in Japan und auf Reisen um den Globus verbracht hatte: Ihr Vater unterrichtete damals an japanischen Universitäten. 1939 wird er aber ins nationalsozialistische Deutschland zurückberufen, und die Familie zieht nach Würzburg.

"21. Januar 1940 - Heute morgen mussten wir beim BDM einem langen Vortrag zuhören und Lieder singen. Der Jugendführer versicherte uns, dass die Deutsche Fahne binnen einem Jahr über dem Feindesland wehen würde. Ich bin mir da nicht so sicher. Er sagte, wir würden den Krieg mit unserem festen Glauben gewinnen. Wenn man einen Krieg so einfach gewinnen könnte! Was wenn die Franzosen und Engländer einen ebenso starken Glauben haben?"

(Ortrun Scheumann)

Der verheerende Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945

Würzburg am 16. März 1945

"Das Licht war das erste, dieses unheimliche Licht, dass der ganze Himmel beleuchtet wurde, und dann kamen die Flugzeuge und wir wussten sofort, das ist es jetzt. Und dann waren die Bomben erst weiter weg in der Stadt, dann immer näher, auch hinter uns im Wald, alles hat gebebt, gedröhnt und ein sturmartiger Wind.

Die Bomben fielen und fielen, nun immer näher, Aberhunderte von ihnen. Die Explosionen taten uns in den Ohren weh. Mir fiel ein, dass man den Mund offen halten soll. Also habe ich mich mit geöffneten Lippen an den bebenden Boden gekrallt. Manchmal blickte ich hinauf in den gelben Himmel. Flugzeuge schossen wieder und wieder über uns auf die Stadt herab. Manchmal war der Lärm ihrer Motoren lauter als die explodierenden Bomben.

Wir waren dann die ganze Nacht so entsetzt, dass wir nur dort auf dem Boden saßen und nicht miteinander reden konnten. Und die ganze Nacht der Sturm, der aus der Stadt hochkam, und noch lange hat's gebrannt und beim ersten Morgengrauen sind wir dann losgezogen und unser Haus war eins der wenigen, die noch standen. Eine Straße nach der anderen nicht zu passieren, die Toten auf der Straße geschrumpft zur Größe von kleinen Kindern, die Leichen und wir mussten über die hinweg steigen, um vorwärts zu kommen, es war unbeschreiblich."

(Ortrun Scheumann)

Das Tagebuch war ihr ständiger Begleiter

Die Würzburger Kriegstagebücher von Ortrun Scheumann

Für das weltoffene Mädchen Ortrun bedeutet das einen tiefen Schock. Außerhalb der Familie kann sie mit niemandem über ihre Gedanken sprechen. So wird ihr das Tagebuch bis 1945 zum ständigen Begleiter. Als sie sich jedoch in einen italienischen Kriegsgefangenen verliebt, gerät sie ins Visier der Gestapo und muss die Tagebücher verstecken. Das Würzburger Stadtarchiv hat die Aufzeichnungen jetzt in stark gekürzter Fassung herausgegeben. Ulrich Trebbin hat die geistig hellwache und immer noch berufstätige 90-Jährige interviewt und mit ihr in den Originalen geblättert.


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